Der Fall Natascha Kampusch

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Der Fall Natascha Kampusch

Beitrag von Dissident am Fr Aug 05, 2016 2:28 pm

Im Fall Natascha Kampusch geht wohl deshalb wenig weiter, weil es für Aufdecker (noch) Todesandrohungen gibt.
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Peter PILZ und der Fall KAMPUSCH

Beitrag von Dissident am Mi Jul 05, 2017 10:17 am

https://www.facebook.com/marie.salmhofer.1?hc_ref=SEARCH&fref=nf
Peter PILZ und der Fall KAMPUSCH mit dem erschossenen Chefermittler Franz KRÖLL waren einst ein riesengroßes politisches Thema. Schon vergessen??

http://www.peterpilz.at/2-Die-7-Protokolle.htm

Bis heute liegen im Tresor eines Wiener Untersuchungsrichters 7 Protokolle. Parlamentarischer U-Ausschuss, Evaluierungskommission - allen ist bis heute die Einsicht in die 7 ersten Einvernahmen, die die Soko Burgenland mit Natascha Kampusch durchführte, verwehrt worden. Die wenigen, die die 7 Protokolle kennen, wissen, warum.

24. August 2006, 12.35
3 Beamte der SOKO Burgenland - Bezirksinsp. Helmut Fischer von der KD 1, Abteilungsinspektor Bernhard Korner vom LKA Burgenland u. Chefinsp. Johann Frühstück - beginnen mit der ersten Befragung. SOKO Burgenland-Leiter Nikolaus Koch beschreibt die besondere Art der Befragung:

„Die sensible Vernehmungssituation mit Kampusch u. der große Personenkreis bei dieser Vernehmung (3 Kriminalbeamte, der Anwalt u. eine Betreuerin) ließ es aus kriminal-
taktischen Gründen nicht zu, Niederschriften allen Beteiligten [...] zu überlassen [...] Zum Schutz der Wahrung der Privatsphäre u. der persönl. Interessen der Natascha Kampusch u. zum Schutz der ermittelnden Beamten wurden die Niederschriften des Opfers im Original auf der Dienststelle des LKA Burgenland bis zur persönl. Vorlage an den U-Richter Mag. Christian Gneist, über Weisung des Richters, unter Verschluss gehalten. Hiezu wird ausgeführt, daß der genaue Inhalt der Niederschriften von Seiten des Ermittlungsteams ausschließlich den befragenden Beamten [...] bekannt ist."

Bis heute werden die 7 Kampusch-Einvernahmen beim U-Richter unter Verschluss gehalten. Am 11.7.2009 berichtete die „Presse": „Als eine der Folgen des Evaluierungs-
berichts wird seit Herbst 2008 der Fall im Bundeskriminalamt noch einmal neu aufgerollt. In einem Detail sind die Ermittlungen jedoch wieder am Endpunkt angelangt: Die Staatsanwaltschaft weigert sich beharrlich, den Ermittlern Einsicht ins Protokoll jener Einvernahme Kampuschs zu gewähren, die unmittelbar nach ihrer Flucht in der Polizei-
inspektion Deutsch-Wagram stattgefunden hat. Die Begründung der Anklagebehörde lautet: Man habe Angst davor, daß private Details von der Polizei an die Boulevardpresse weitergegeben werden könnten."
Weder dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss noch der Adamovich-Kommission wurde Einblick in die 7 Protokolle gewährt.
Warum werden die 7 Einvernahmen bis heute geheim gehalten?

Die erste Einvernahme
In der ersten Einvernahme am 24.8.2006 beginnt Kampusch mit der Schilderung ihrer Familiensituation. Dann kommt sie zum Tag ihrer Entführung: „Am Morgen des 2.3.1998 wollte mich meine Mutter zur Schule bringen, aber ich wollte selbst gehen. Gegen 7.00 Uhr ging ich bei der Stiege in den Innenhof des Rennbahnweges in Richtung Einkaufszentrum durch u. dann links zur Kreuzung Wagramer Straße mit dem Rennbahnweg. Ich sollte um 7.45 Uhr bei der Schule sein. Ich überquerte weiters die Wagramer Straße u. ging den Rennbahnweg weiter Richtung Kubin Platz. Ungefähr 7 Meter nach der Kreuzung - kurz vor der Melangasse - fiel mir ein Mann auf, der dort bei einem weißen Kleinbus gestanden ist. Diesen hatte ich vorher noch nie gesehen, er war mir absolut unbekannt. Die einzige Besonderheit, die mir bei dem Auto auffiel, waren die alten schwarzen Kennzeichentafeln. Wie ich dann später erfahren habe, waren diese Tafeln gefälscht (aus 2 alten eine neue Nummer hergestellt)."
Kampusch trifft auf Priklopil. „Dieser Mann hatte einen weißen Leinenhut - wie ihn Handwerker verwenden - auf. Er stand bei einem weißen Kleinbus u. tat so, als ob er im Auto etwas suche. Ich hatte beim Näherkommen zu diesem Mann ein ungutes ´Bauchgefühl´ u. wollte die Straßenseite wechseln. Weil ich nach dem Streit mit meiner Mutter ´aufgelöst´ war u. mir immer wieder Tränen kamen, ignorierte ich dieses Gefühl u. wollte rasch an dem Mann vorbeigehen. Als ich auf gleicher Höhe mit dem Mann war, packte er mich plötzlich u. zerrte mich in den leeren Laderaum des Fahrzeuges. Er stieg auch mit ein, schloss die Seitentüre u. setzte sich auf den Fahrersitz. An die genauen Einzelheiten im Fahrzeuginneren kann ich mich jedoch nicht mehr erinnern. Auch kann ich mich erinnern, daß er während der Fahrt zwischen den Vordersitzen eine ca. 50 cm lange Schusswaffe liegen hatte. Die wie ich später erfuhr, angebl. nicht geladen war. Er erklärte mir dies so, daß bei einer Anhaltung ein geringeres Strafausmaß zu erwarten gewesen wäre.
Ich fragte ihn, was das soll, er antwortete, daß ich ruhig sein solle, dann passiert mir nichts. Während der Fahrt habe ich den Mann gefragt, ob ein ´Kinderverzahrer´ ist oder/und mich vergewaltigen will oder mich ermorden u. irgendwo einbuddeln will, oder alles zusammen. Er antwortete sinngemäß, daß wen meine Eltern zahlen, könne ich noch heute oder morgen nach Hause. Während der Fahrt kam mir vor, daß er stundenlang im Kreis fuhr u. zwar im Bereich Maculangasse/Lieblgasse/Wagramerstraße. Während der Fahrt sagte er, daß er auf einen Anruf auf sein Autotelefon wartete. Dieser Anruf kam jedoch nicht.
Nach einer Zeit, deren Dauer ich nicht angeben kann, fuhr er auf der Wagramerstraße stadtauswärts u. dann über die Süssenbrunner Hauptstraße Richtung Strasshof an der Nordbahn. Bei der Fahrt durch die Süssenbrunner Hauptstraße habe ich ihn gefragt, wo er mich hinbringt. Er sagte, daß er mich nach Strasshof bringt. Soweit ich mich jetzt noch erinnern kann, fuhr er irgendwo vor Straßhof in einen Wald hinein. Er hat mir bereits während der Fahrt gesagt, daß er mich bald an andere übergeben werde. Die würden mich dann freilassen, wenn meine Eltern Lösegeld bezahlen.
Im Wald hielt er das Fahrzeug an, stellte den Motor ab, öffnete die Schiebetür u. hob mich aus dem Auto. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch die Schultasche auf dem Rücken, die er mir dann herunternahm. Er lief dann nervös u. fahrig im Kreis herum, wobei er intensiv nachzudenken schien. Plötzlich sagte er zu mir, daß er mich woanders hinbringe, da die anderen nicht gekommen sind. An den genauen Wortlaut kann ich mich nicht erinnern. Dann wickelte er mich in eine hellblaue Decke ein, setzte mich wieder ins Auto u. befahl mir, mich ruhig zu verhalten u. nicht die Decke vom Kopf zu ziehen.
Er fuhr mit mir vom Wald weg u. meine nächste Erinnerung ist, daß das Fahrzeug vor einem Haus angehalten wurde. Ich hatte nämlich durch einen Spalt der Decke die Hausnummer u. ein Fenstergitter, welches ich für einen Balkon hielt, sehen können. Er hob mich mit der Decke aus dem Fahrzeug heraus u. trug mich ins Haus. Während des Hineinbringens ersuchte ich ihn, daß ich auf die Toilette gehen darf. Er sagte mir, daß dies die Tür zum WC sei, das ich auch aufsuchte.
Anschl. führte er mich durch die Küche bis zu einer Brandschutztür. Dort gab er mir wieder die Decke über den Kopf u. trug mich die Stiegen hinab in den Keller. Dort setzte er mich ab, nahm mir die Decke vom Kopf u. dort bemerkte ich, daß ich auf ausgebauten Fahrzeugteilen saß. Als er mich dort absetzte, hörte ich, daß der Mann im Keller-
raum irgendetwas herum schob. Anschl. gab er mir die Decke über den Kopf u. zog mich durch eine schmale Öffnung in einen anderen Raum. Er schob mich durch eine Türe in einen weiteren Raum, in dem es total finster war. Er verbot mir, Licht aufzudrehen, da mit dem Licht irgendetwas nicht in Ordnung sei u. er komme gleich u. bringe eine Lampe mit. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, verlor ich durch die Dunkelheit völlig das Zeitgefühl. Der Boden des Raums war staubig, hart u. kalt, aber ich fror nicht.
Nach einer unbestimmten Zeit kam er wieder u. machte Licht. Als ich den Raum sah, kam dieser mir ähnlich wie eine Sauna vor, da die Wände mit naturfarbenen Holzpanelen verkleidet waren. Der Boden war Laminatboden. Er sagte zu mir, daß er nach Wien in seine Wohnung fahre, um für mich eine Matratze zu organisieren. Er fragte mich, ob ich etwas zum Essen haben möchte u. sonst noch etwas bräuchte, was er mir vom Supermarkt mitbringen soll. Ich habe gesagt, daß ich gerne grüne Äpfel hätte, wenn das geht u. daß ich noch eine Zahnpasta u. eine Zahnbürste brauche u. eine Haarbürste u. schokoladebezogene Butterkekse plus Erdbeerjoghurt. Den Joghurtbecher wollte ich später als Zahnputzbecher verwenden. Nachdem er wieder zurückgekommen war, brachte er die gewünschten Sachen, sowie die Matratze u. einen Polster mit. Damit mir nicht kalt wird, stellte er mir einen alten Ölradiator in den Raum. Irgendwie kann ich mich dunkel erinnern, daß damals von einer dritten Person (außer ihm u. mir) die Rede war, der erst meine Schultasche durchsehen müsse, ob ich ein Handy oder Ähnliches - wie z.B. Verteidigungsmittel - dabei hätte."

An Kampuschs erster Aussage sind mehrere Hinweise bemerkenswert:
1. Die Nummerntafeln waren gefälscht. Eine spontane Entführung ist damit auszuschließen.
2. Der Entführer fuhr mit seinem Opfer „stundenlang" durch dicht besiedeltes Gebiet im Zentrum des 22. Bez. Er ging damit das Risiko ein, beobachtet u. gefasst zu werden.
3. Der Entführer scheint den Plan zu ändern, begründet das vor dem Opfer: „Plötzlich sagte er zu mir, daß er mich woanders hinbringe, da die anderen nicht gekommen sind."
4. Der Entführer hatte für sein Opfer weder Toilettesachen noch Matratze u. Polster vorbereitet.
5. Das Verlies war Anfang März nicht geheizt, ein alter Ölradiator wurde provisorisch aufgestellt.
6. Damit deutet alles darauf hin, dass entweder die Entführung nicht geplant oder der Ort nicht vorgesehen war.
7. Am wichtigsten scheint aber, dass Kampusch in ihrer ersten Einvernahme mehrere Male auf weitere Täter hinwies.

Die erste Befragung dauert von 12.35 bis 18.30. Aber die Beamten fragen kaum nach. „Auf Befragen der Beamten gebe ich an, daß ich weder eine andere Stimme oder andere Person außer uns beiden wahrgenommen habe." Das ist alles. Mehr kann über mögliche Mittäter nicht protokolliert werden, weil offensichtlich nicht mehr nachgefragt wurde. Nicht einmal die gefälschten Nummerntafeln sind den Beamten eine Frage wert. Nur an einem Thema zeigen die Beamten beharrliches Interesse: an möglichen intimen Kontakten zwischen Opfer u. Täter. Während der Frage nach einem Mittäter ganze 2 Zeilen gewidmet werden, protokollieren die Beamten hier 20 Zeilen lang penibel jedes Detail. Als die Beamten immer genauer nachfragen u. jede Einzelheit protokollieren, greift der Psychologe Prof. Ernst Berger ein. Das Protokoll vermerkt: „Abbruch der Niederschrift über Anregung von Doz. Berger, Vorstand der Kinder- u. Jugendpsychologie Rosenhügel".

Um 18.30 unterschreiben links die Beamten „Fischer, Korner, Frühstück". Kampusch setzt ihre Unterschrift auf die rechte Seite des Protokolls. Die Vernehmung ist beendet.
Auf Grund der Hinweise aus der ersten Einvernahme ist klar, was die Polizei zu tun hat. Mit der gefälschten Nummerntafel ist eine spontane Tat auszuschließen. Gegen die These vom Einzeltäter sprechen der Umstand, daß der Täter nicht am kürzesten Weg zu seinem Haus fährt; seine Aussage gegenüber dem Opfer, daß die anderen nicht gekommen seien; u. die improvisierte Einrichtung des Verlieses. Alles deutet zumindest auf einen Mitwisser hin.
Die Beamten müssen daher jetzt vor allem untersuchen, ob es weitere Täter oder Mitwisser gegeben hat. Das bestätigt Nikolaus Koch als Leiter der SOKO: „In diesen mit Kampusch angefertigten Niederschriften war aus kriminaltaktischer Sicht wesentlich, ob ein 2. Täter an dem Entführungsfall mitgewirkt hat." Aber Koch weiß eines noch nicht: Die Spitze des Ministeriums will keine offenen Fragen. Sie will keinen zweiten Täter u. keinen vergessenen Zeugen. In wenigen Wochen sind Nationalratswahlen. Die Ministerin u. ihre Partei wollen einen Erfolg, der durch nichts getrübt wird.

Einiges deutet auf einen zweiten Täter oder zumindest einen Mitwisser hin. Aber ein zweiter Täter passt ebenso wenig ins Bild der erfolgreich abgeschlossenen Ermittlungen wie eine schwere Panne vor 8 Jahren. Der Fall „Kampusch" muss abgeschlossen u. von allen störenden Fragen gesäubert sein, bevor der Wahlkampf in seine heiße Phase tritt.

25. August 2006, 10.00
Die Innenministerin stellt sich der Presse. Neben ihr sitzt Nikolaus Koch, der Chef der SOKO Burgenland. Koch weiß inzwischen genau, daß es bei den Ermittlungen zu schweren Pannen gekommen ist. Die APA berichtet: „Daß Ermittlungspannen passiert seien, wiesen Innenministerin Liese Prokop u. SOKO-Chef Nikolaus Koch in einer Pressekonferenz zurück." Seit 2 Tagen ist der SOKO-Chef über die Pannen detailliert informiert. Jetzt sitzt er neben der Ministerin u. dient ihr mit der Unwahrheit.
Aber Koch geht noch weiter. Er behauptet, Priklopil habe für die Tatzeit ein Alibi gehabt. Diesen Punkt kann auch die Adamovich-Kommission nicht unerwähnt lassen: „Im Zusammenhang mit „Vertuschungsfragen" sind aber auch Aussagen im Rahmen der Medienarbeit erwähnenswert: So erklärte GenMjr. KOCH bei der Pressekonferenz vom 25.8.2006, daß PRIKLOPIL kurz nach Verschwinden der Natascha K. von der Polizei überprüft worden sei, daß er aber ein „Alibi" gehabt hätte. Gegenüber der Kommission begründete er seine Aussagen damit, daß die Kollegen vom SB zu PRIKLOPIL gefahren seien, ihn überprüft, das Ergebnis aktenkundig gemacht u. sich damit zufrieden gegeben hätten.

Diese Aussage ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Hätte PRIKLOP ein Alibi gehabt (so, wie es die Öffentlichkeit versteht, daß er also zur Tatzeit nachweislich an einer anderen Örtlichkeit war), dann hätte er am 2.3.1998 zum fraglichen Zeitpunkt nicht am Tatort sein können. Diesfalls hätte es zumindest noch einen oder zwei weitere Täter geben müssen. Zum anderen wurde damit die Öffentlichkeit aus objektiver Sicht von GenMjr. KOCH falsch informiert (ein kriminalistischer Grund dafür ist nicht ersichtlich)."
Dem wirklichen Grund geht Adamovich nicht weiter nach. An einer politischen Aufklärung ist die Evaluierungskommission nicht interessiert. Als Prokop u. Koch die Presse-
konferenz verlassen, ist in den Schaltzentren des Innenministeriums klar: Die Vertuschung hat begonnen.
Die Ministerin weiß, daß die Polizei zu Kampuschs geglückter Flucht nichts beigetragen hat. Aber wenige Wochen vor der Nationalratswahl ist der Ministerin jeder Erfolg recht. So behauptet sie, es sei „egal, ob es Zufall war oder nicht", denn: Der „Ermittlungsdruck" sei dem Täter nicht verborgen geblieben. Wie sich ohne Ermittlungen Ermittlungs-
druck aufbauen konnte, erläutert die Ministerin nicht.

11.46: „Ich bitte, die NS mit NK... rasch elektronisch an mich zu übermitteln." Mit diesem Mail weist Haidinger die BKA-Beamten Zwettler u. Koch schriftlich an, ihm die Kampusch-Niederschrift zu übermitteln. 2 Jahre später versucht SOKO-Chef Koch zu rechtfertigen, warum er die Weisung nicht befolgt hat. Den Grund findet er in der Gesundheit des BKA-Direktors. Koch schildert der SOKO-Vorarlberg bei seiner Einvernahme: Schon bei der morgendlichen Besprechung im Bundeskriminalamt sei Haidinger krank geworden: „Er zeigte mehreren anwesenden Personen die Zunge u. sagte, daß er jetzt nach Hause gehen werden." Die Weisung, Haidinger zu informieren, habe er dann nicht befolgt, „weil ich im Krankenstand befindliche Kollegen nicht belasten wollte".

12.53: Herwig Haidinger will wissen, warum der 2. Hinweis nicht verfolgt worden ist. Febr. 2008 erinnert er sich, daß er im Aug. 2006 wissen wollte, was nach dem 2. Hinweis mit dem Hundeführer geschehen war: „Weiters fragte ich mich, ob diese Person bereits einvernommen wurde, weil es sich um einen Polizisten in Wien handelte. Bei meinen Nachforschungen stellte ich weiters fest, daß dieser Polizist seinerzeit nicht einvernommen worden war." Für den BKA-Direktor ist jetzt klar, daß kurz nach der Entführung im März 1998 ein schwerer Fehler passiert ist. Er sendet Generalmajor Karl Mahrer, dem stellv. Landespolizeikommandanten von Wien, ein Mail:
„Sehr geehrter Herr Generalmajor! Lieber Karl!
In der Anlage übermittle ich jene Unterlagen, welche die Grundlage einer Überprüfung im Jahre 1998 bei Priklopil Wolfgang waren.
Demnach geht am 4.4.1998 vom GP Deutsch-Wagram ein Hinweis des BGK Gänserndorf und von dort offensichtlich an das damalige SB, Gruppe Fleischhacker, auf einen weißen Kleinbus im Zusammenhang mit der Fahndung nach Natascha Kampusch ein.
Am 6.4.1998 legen die KrB Schönhacker und Hösch Bericht, dass - nach Besichtigung des Fahrzeugs - keine konkreten Hinweise vorliegen.
Am 14.4.1998 - also acht Tage später - gibt es einen neuerlichen Hinweis auf diese Adresse, in welchem folgende Kriterien enthalten sind:
• weißer Kastenwagen
• Eigenbrötler mit Kontaktproblemen
• Einfamilienhaus elektronisch voll abgesichert
• soll einen Hang zu Kindern in bezug auf Sexualität haben.
Bitte um interne Abklärung, warum aufgrund der Kriterien im zweiten Hinweis nicht weitere Ermittlungen aufgenommen wurden."
Der Direktor des Bundeskriminalamts ahnt nicht, daß die angeordnete Ermittlung bereits vom Kabinett abgeblockt worden ist. Genmjr Mahrer berichtet vor der SOKO: „Zum angeführten Mail von Haidinger vom 25.8.2006, in welchem er an mich interne Abklärungen beauftragt, warum aufgrund der Kriterien im 2. Hinweis nicht weitere Ermittlungen aufgenommen worden waren, gebe ich an, daß ich keine weiteren Erhebungen dazu durchgeführt u. diesen Auftrag nicht ausgeführt habe."
Mahrer hat die dienstliche Weisung zur Aufklärung der entscheidenden Ermittlungspanne nicht befolgt. Er erklärt der SOKO den Grund: „Dies deshalb, weil offensichtlich in der Zwischenzeit im Rahmen von Besprechungen möglicherweise auch auf Basis der Ergebnisse der Diensthundebefragung von GI Lang Franz oder/und Genmjr Treibenreif mir mitgeteilt worden war, daß weitere Erhebungen dazu nicht mehr erforderlich seien. Dies war sicherlich wenige Stunden, höchstens wenige Tage nachdem ich die schriftliche Anordnung von Dr. Haidinger (25.8.2006) per Mail erhalten hatte.

Ich weiß heute nicht mehr, in welcher Form u. wo diese Feststellung der Vorgenannten GI Lang u. Genmjr Treibenreif an mich erging. Ich nehme an, daß es im Zuge der damals häufigen Besprechungen, Dienstaufenthalten im BMI, Kabinett oder bei GI Lang eben zu dieser Feststellung gekommen ist. Ich glaube mich zu erinnern, daß von beiden Seiten (also nicht beide auf einmal) diese Anweisung gekommen ist." Zum ersten Mal hat das Kabinett offen interveniert. Treibenreif gibt vom Kabinett die politische Linie vor. Die Umsetzung organisiert als stellv. Generaldirektor für Öffentl. Sicherheit der Polizeigeneral Franz Lang.
Franz Lang hat freie Hand. Der „rote" Generaldirektor für Öffentl. Sicherheit, Erik Buxbaum, ist seit 9.8. auf Urlaub u. wird erst am 5.9. zurück erwartet. Der „schwarze" Beamte Lang vertritt ihn. Damit kann der Fall „Kampusch" an den Spitzen von Ministerium u. Kriminalpolizei ÖVP-intern abgewickelt werden. General Franz Lang hat unter Ernst Strasser Karriere gemacht. Der Innenminister war in Salzburg auf Lang aufmerksam geworden u. übertrug ihm den Entwurf der großen Polizeireform. Lang setzte die ÖVP-Reform ohne Rücksicht auf die Öffentl. Sicherheit um u. bewies dem Minister, daß auf ihn Verlass sei.

Lang beschreibt April 2008 in seiner Beschuldigten-Vernehmung sein Zusammenspiel mit Treibenreif: „Mit GenMjr Treibenreif (Kabinett) gab es dann eine Arbeitsteilung in der Form, daß ich die Mitglieder der SOKO immer wieder motivierte u. ihnen die Notwendigkeit des schnellen u. präzisen Weiterarbeitens erklärte u. Treibenreif die Aufgabe hatte, das Führungsverhalten von Dr. Haidinger für die SOKO erträglich zu halten". In diesem Sinne halten Lang u. Treibenreif die Arbeit der SOKO u. das „Führungsverhalten" des BKA-Direktors für die ÖVP „erträglich".
Treibenreif leitet als Brigadier das Einsatzkommando „Cobra". Daneben verbleibt ihm noch genug Tagesfreizeit, um seiner Partei im Ministerkabinett zu dienen.
Mahrer informiert Haidinger. „Ich habe ganz sicher in formeller Form, sicher mündlich (aber aufgrund dieser nochmaligen Weisung bin ich mir fast sicher, dies schriftlich erledigt zu haben) Haidinger mitgeteilt, daß ich diesen Auftrag - eben aus den schon zuvor geschilderten Gründen (Anweisung GI Lang, Feststellung Treibenreif/KBM) nicht ausführe." Damit bestätigt Wiens ranghöchster ÖVP-Polizist, daß Treibenreif u. Lang die Ermittlungen gestoppt haben.

Mahrer nennt einen Beweis für den Umstand, daß er Haidinger über die Weisungen von Lang u. Treibenreif informiert hat. „Die Anfügung der Adressen von Lang u. Treibenreif im ggst Mail vom 28.8.2006 durch Haidinger bestätigt meiner Meinung nach auch, daß ich davor bereits Haidinger mitgeteilt habe, daß ich den Auftrag eben aufgrund der Anweisungen/Feststellung von Lang u. Treibenreif nicht ausführen werde."
Lang versucht sich in seiner Vernehmung herauszureden: „Die Sache mit dem 2. Hinweis habe ich - wie schon angeführt - von den Leuten der SOKO erfahren. In der Folge kann es sich dann in einem der vielen Gespräche zwischen Genmjr Mahrer u. mir lediglich um eine Fachmeinung, einen Diskussionspunkt meinerseits gehandelt haben, ich habe diesbez. diesem sicher keine Weisung erteilt. Ich glaube, ich habe in etwa gesagt, daß die Sache mit dem Hundeführer längst von der SOKO bearbeitet würde, soweit ich das wüsste u. ich nicht verstehe, was da jetzt sein Job sein sollte." Warum hier diskutiert statt ermittelt wird u. warum der stellv. Generaldirektor mit dem stellv. Landes-
polizeikommandanten ständig unverbindliche Kampusch-Diskussionen führt, bis der Letztere meint, eine Weisung erhalten zu haben, fragen die SOKO-Beamten nicht nach.

Das Geständnis
Erst 3 Jahre später ist Karl Mahrer zu einer umfassenden Darstellung bereit. Am 13.7.2009 muss er vor der Disziplinarkommission, die die Vorwürfe gegen Haidinger prüft, aussagen. Im Gegensatz zu Treibenreif u. Lang, die vor der Soko Vorarlberg als Beschuldigte ausgesagt haben, steht er jetzt als Zeuge unter Wahrheitspflicht.
Um 12.45 Uhr beginnt seine Vernehmung. Mahrer erklärt: „Wenn mir vorgehalten wird, daß ich bei der Soko Marent ausgesagt hätte, in der Causa Kampusch aber sehr wohl eine Weisung erhalten zu haben, gebe ich an, daß nach der bereits erfolgten Kontaktaufnahme zwischen Soko Kampusch u. dem Hundeführer keine weiteren Maßnahmen durch mich zu setzen seien u. war dies auch der Inhalt der mir von Treibenreif u. Lang erteilten Weisung."

Haidingers Verteidiger fragt nach. Er will wissen, ob es eine Weisung gegeben habe, die Ermittlungen zu stoppen. Das Protokoll vermerkt: „Auf die Frage, ob ich die beiden konfrontiert habe mit der Frage, ob noch Ermittlungen durchzuführen wären, gebe ich an, dies Treibenreif u. Lang gefragt zu haben u. von diesen die Weisung erhalten habe, daß dies nicht notwendig sei." Dann beschreibt Mahrer, wer alles an der Weisung, die Ermittlungen zu stoppen, mitgewirkt hat: „Lang war als Angehöriger der GenDirektion befugt, mir diesbezüglich Weisungen zu erteilen. Ob Treibenreif als Mitglied des Kabinetts eine Weisung erteilen kann, darüber kann man diskutieren, aber es wurden auf der Ebene BK, Generaldirektion u. Kabinett diesbezüglich Gespräche geführt u. hat es geheißen, daß ich keine Erhebungen mehr zu führen hätte."

Treibenreif hat damit vor der Soko Vorarlberg die Unwahrheit gesagt. „... führte Treibenreif aus, daß es sicher keine solchen Anweisungen, keine weiteren Erhebungen zum 2. Hinweis zu tätigen, gegeben habe." Und: "Eine dezidierte Anweisung, dies (Hinweisüberprüfung) nicht zu machen, würde er sich nie anmaßen..." Kabinett, Generaldirektion, Polizei - Treibenreif, Lang, Mahrer, Koch - diese Vierergruppe hat in diesem Dreieck die Vertuschung organisiert u. kontrolliert. 2006 konnten Treibenreif u. Lang nicht wissen, daß sich in den Untersuchungen Karl Mahrer als der schwache Punkt erweisen würde. Haidinger weiß jedenfalls seit dem 25.8.2006, daß die Vertuschung der Pannen auf Befehl des Kabinetts erfolgt.

16.08: 3 Stunden später, um 16.08 Uhr, sendet Haidinger das Mail, das er Mahrer gesandt hat, an den zuständigen Kabinettsmitarbeiter Bernhard Treibenreif u. an den Kabinettschef der Innenministerin, Philipp Ita. Ab jetzt weiß das Kabinett der Innenministerin, daß der Leiter des Bundeskriminalamtes die Pannen im Fall „Kampusch" gegen den Willen der Ressortleitung noch vor der Nationalratswahl untersuchen lassen will.
Das Kabinett lässt sich nicht davon beeindrucken. Es bleibt bei seinem Plan. Der Fall „Kampusch" ist erfolgreich geklärt u. damit abgeschlossen. Die Führung des Ministeriums macht dicht. Dabei hat sie allerdings ein Problem: Haidingers Weisung vom 22.7.2002 ist nach wie vor aufrecht. Nach wie vor ist Genmjr Koch als Leiter der SOKO verpflichtet, Haidinger über jedes Ermittlungsergebnis zu berichten. Wenn Koch jetzt Haidinger über die erste Einvernahme informiert, weiß der BKA-Direktor, daß es Hinweise auf weitere Täter gibt.
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