Theresienstadt

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Theresienstadt

Beitrag von Dissident am Fr März 31, 2017 9:58 am

Als Abkürzungen verwendet: Th. für Theresienstadt

https://de.wikipedia.org/wiki/Terez%C3%ADn  --- Während der Regierungszeit Kaiser Josephs II. wurde Theresienstadt ab 1780 als eine Festung in Böhmen erbaut --- Die Stadt wurde nach Kaiserin Maria Theresia benannt --- 1846 erhielt Theresienstadt Wappen u. Siegel einer Königsstadt ---

Die Kleine Festung als Militärgefängnis
.. war von der Anlage her als Wachtposten für die Brücke über die Eger .. vorgesehen. Schon kurze Zeit nach ihrer Fertigstellung diente sie als Militärzuchthaus, u. schon bald wurden dort auch politische Gefangene eingesperrt --- Die bekanntesten Gefangenen in der Kleinen Festung nach Ausbruch des 1.Weltkrieges waren die Attentäter von Sarajevo: Gavrilo Princip, Nedeljko Čabrinović u. Trifun Trifko Grabež. Während des Krieges waren in der Kleinen Festung neben den prominenten Häftlingen rund 2.500 Gefangene in Gewahrsam ---

KZ des Deutschen Reiches 1940–1945
Während der Zeit des Protektorats Böhmen u. Mähren wurde Theresienstadt ab Juni 1940 ein Sammellager für unerwünschte Personen. In der Kleinen Festung richtete die Gestapo ab 10.6.1940 ein Gefängnis ein, in dem bis 1945 etwa 32.000 tschechische Oppositionelle, Mitglieder des Widerstandes u. Kriegsgefangene festgehalten wurden.
Nov. 1941 entstand das KZ Theresienstadt, ein Sammel- u. Durchgangslager für die jüdische Bevölkerung in Böhmen u. Mähren. Am 16.2.1942 wurde die städtische Gemeindeverwaltung aufgelöst; die einheimische Bevölkerung musste die Stadt verlassen. In den folgenden Jahren kamen auch Juden aus Deutschland u.a. europ. Ländern in das Altersghetto genannte KZ ---

Internierungslager für Deutsche, 1945–1948
Nach dem 2.Weltkrieg wurde von der Regierung der Tschechoslowakei in der Kleinen Festung das Internierungslager Theresienstadt eingerichtet. In diesem Lager wurden während der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei bis 1948 mehr als 3.500 meist deutschsprachige Personen inhaftiert, die vertrieben werden sollten. Über 500 Internierte überlebten das Lager nicht; sie starben an den Folgen mangelnder Ernährung u. unhygienischer Zustände oder nach Anwendung von Gewalt durch das Aufsichtspersonal.
https://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Terez%C3%ADn --- In Theresienstadt haben die Tschechen (nach 1945) ein reines Mordlager eingerichtet. Dort sind selbst ehemalige Häftlinge aus NS-KZs, nur weil sie Tschechen deutscher Zunge waren, gefoltert u. ermordet worden. Auch die Tatsache, daß die Tschechen alle Spuren ihrer Verbrechen beseitigt haben, bevor sie Theresienstadt als Gedenkstätte zugänglich gemacht haben, ist von Bedeutung, weil sie zeigt, wie die Tschechen bis heute mit der historischen Wahrheit umgehen --- Die Opferzahl 500 (für 3 Jahre Folter u. Mord) darf ich bezweifeln, da es damals der Brauch war, Tote ohne Personaldokumente in Spitäler zu verbringen, um deren Schicksal zu verwischen ---

Anmerkung Dissident: Betreffend aller Inhalte, die ich in der Rubrik "Zeitgeschichte und Nachbarländer" einstelle:
Ich habe nicht vor, zu behaupten, daß in KZ´s keine Häftlinge zu Tode gekommen wären oder daß dort nicht auch schlimme Dinge passiert sind.
Unbestritten haben etliche SS-Männer Verbrechen begangen. Daneben passierten viele Verbrechen durch KL-Häftlinge, die sich als Lagerälteste, Blockälteste, Capos, Schreiber usw. an ihren Mithäftlingen vergingen. In jedem Fall wäre zu klären, was genau geschehen ist und ob das auch wahr sein kann (falsche Zeugenaussagen, Scheinzeugen, erfolterte "Geständnisse", usw.) Mit meinen Hobby-Recherchen zu zeitgeschichtlichen Fragen und Standpunkten (eben auch betreffend der KZ) will ich keine Person, Religionsgemeinschaft oder Ethnie beleidigen.


http://www.ghetto-theresienstadt.de/terezinghetto.htm --- Als im Juni 1940 in der Kleinen Festung das Gestapogefängnis eingerichtet wurde, war die Große Festung noch von tschech. Zivilbevölkerung bewohnt, die meisten Kasernen von Einheiten der Wehrmacht belegt.

1941 bestand die Große Festung aus 219 Häusern u. 11 Kasernen, die sich über die ganze Stadt verteilten und denen von der Wehrmacht deutsche Namen geben worden waren: „Sudetenkaserne“ - „Hohenelber Kaserne“ - "Bodenbacher Kaserne“ - „ Dresdener Kaserne“ - „Hamburger Kaserne“ - „ Hannoversche Kaserne“ - „Magdeburger Kaserne“ usw. Dazu kamen Verwaltungsgebäude, Depots, kleinere Handwerksbetriebe, Geschäfte, Restaurants, Reithalle, Heeresbäckerei , Brauerei, Garnisonskirche, großer Paradeplatz inmitten des schachbrettmäßig angelegten Straßensystems u. 25 km unterirdische Wehrgänge, sogenannte Kasematten ---
1942 begannen die Transporte reichsdeutscher Juden nach Th. - Später trafen Transporte aus anderen von den Deutschen besetzten Länder ein. Aus Deutschland waren es rund 43.000 Personen, aus Österreich 15.000, 5.000 Juden aus den Niederlanden u. 466 aus Dänemark kamen hinzu. In den letzten Kriegsmonaten kamen 1.500 Bürger jüd. Herkunft aus der Slowakei u. ca. 1.000 aus Ungarn in Th. an. Gegen Ende des Krieges nahm das Lager etwa 13.000 Menschen auf, die mit sogen. Evakuierungstransporten aus dem Osten in Th. eintrafen.
--- Am 1.6.1943 kam der erste Zug auf der von Häftlingen ab 14.8.1942 erbauten 2,8 Km langen Bahnlinie zwischen Bohušovice u. Theresienstadt an -- die Bahnlinie führte bis ins Ghetto hinein ---
.. wurde das Archiv des Reichssicherheitshauptamtes aus dem bombengefährdeten Berlin nach Theresienstadt verlegt (23.7.1943). Dafür mußten die Sudetenkaserne u. die Bodenbacher Kaserne, das Zeughaus u. 2 weitere Häuser geräumt werden ---

http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/theresienstadt-einige-wichtige-tatsachen/ --- DER SLOWAKISCHE AUFSTAND AUGUST/SEPTEMBER 1944
Am „Slowakischen Aufstand“, der einige Monate dauerte, nahmen auch Juden teil, was der SS, aber nicht der Jüdischen Leitung, bekannt war. Ende August wurden in Theresienstadt einige anlässlich der Stadtverschönerung gewährte Erleichterungen zurückgezogen, Verzeichnisse der ehem. Offiziere mussten vorgelegt werden, ... einige Personen wurden in die Kleine Festung überstellt usw. Ende Sept. 1944 mussten 5000 arbeitsfähige – in den Augen der SS aber auch kampffähige – Männer Theresienstadt verlassen, u. die große Transportwelle begann ---

DIE ENTSENDUNG JUNGER ABGESANDTER WIDERSTANDSKÄMPFER AUS PALESTINA IM FRÜHJAHR 1944
Bekanntlich wurden im April einige junge Idealisten aus Palästina (Gruppe Hanna Szennes u. Joel Palgi) mit Fallschirmen, über Kairo u. Jugoslawien nach Ungarn u. in die Slowakei – in den sicheren Tod geschickt. Von dieser sinnlosen Mission hatte der SD von Anfang an Kenntnis, u. so wurden alle Abgesandten erst beobachtet u. dann verhaftet; nur einer hat überlebt.
Im Juli 1944 forschte die SS nach im Ghetto versteckten Fallschirmjägern, was der jüdischen Leitung unverständlich schien. Die Frage, inwieweit diese „Mission“ dazu beigetragen hat, dass alle bekannten zionistischen Persönlichkeiten mit den Oktober-Transporten 1944 deportiert wurden, bleibt für immer ohne Antwort. Diese Kritik bezieht sich auf die damalige Leitung der Jewish Agency in Jerusalem ---

KÖNIG CHRISTIAN X. VON DÄNEMARK UND DIE AKTION SEINER REGIERUNG
Okt. 1943 kam eine Gruppe aus Dänemark nach Theresienstadt. König u. Regierung wurden trotz der Verschärfung des Besatzungsregimes im Herbst 1943 bei den Deutschen vorstellig, um die Möglichkeit von Besuchen zu erreichen. Der gewünschte Besuch konnte nicht abgelehnt sondern nur verschoben werden, u. so wurde die erste Stadt-
verschönerung veranlasst. Ein Ghetto, das einen Besuch erwartete, konnte in der Zwischenzeit nicht liquidiert werden u. eines, das von ausländischen Besuchern schon gesehen worden war, konnte auch nicht spurlos verschwinden ---

JEAN MARIE MUSY
Sept. 1944 hatte die Union der orthodoxen Rabbiner in USA u. Kanada endlich die Möglichkeit, sich an den Schweizer Bundesrat Jean Marie Musy – für seine guten Verbindungen im 3. Reich bekannt – zu wenden. Deren Ersuchen um Hilfe hatte Erfolg. Musy erreichte die Ausreise von 1.200 Personen aus Theresienstadt in die Schweiz (3.2.1945), u. sein Sohn Benoit besuchte Theresienstadt am 16.4.1945 ---

Entscheidend für die Rettung von Theresienstadt war der Besuch der Internat. Komitee des Roten Kreuzes Delegation am 6.4.1945 --- Die Delegierten .. erreichten durch geschicktes Verhandeln noch am selben Tag von Staatssekretär u. Höherem SS- u. Polizeiführer K. H. Frank – der, wie oben erwähnt, schon seine eigene Politik verfolgte – die Zusage, daß niemand mehr deportiert werden sollte u. das Ghetto unter den Schutz des Rotes Kreuzes (Büro Prag) gestellt wurde. Am 22.4.1945 konnte der Judenälteste Murmelstein die Ghettobevölkerung darüber informieren, daß der Rote Kreuz-Delegierte Paul Dunant mit dem Schutz der Interessen des Ghettos beauftragt worden war u. daß Theresienstadt die Aufgabe hatte, aus anderen Lagern kommende Juden, internierte Kranke u. Verwundete aufzunehmen. Nach 2 weiteren Besuchen verlegte Dunant am 3.5.1945 sein Büro von Prag nach Theresienstadt u. übernahm die Leitung am 5.5., als Rahm – in Uniform u. bewaffnet, von Hauptscharführer Baumgartner begleitet – mit einem Marschbefehl aus Theresienstadt wegfuhr ---


Zuletzt von Dissident am Fr März 31, 2017 5:32 pm bearbeitet; insgesamt 3-mal bearbeitet
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Kleine Festung als Gefängnis

Beitrag von Dissident am Fr März 31, 2017 10:23 am

https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Theresienstadt  Nach Besetzung der Tschechoslowakei (Protektorat Böhmen u. Mähren) machten die Nationalsozialisten aus Theresienstadt ein KZ. Es bestand aus 2 Teilen:
- Juni 1940 wurde zunächst in der Kleinen Festung ein Gestapo-Gefängnis eingerichtet
- 1941 entstand in der Garnisonsstadt ein Sammel- u. Durchgangslager für Juden, das sogenannte Ghetto

.. Das „Ghetto“ diente zunächst vor allem der Internierung der jüdischen Bevölkerung des besetzten Landes. Später wurden ins Lager auch alte oder als prominent geltende Juden aus Deutschland u.a. besetzten europ. Ländern deportiert.
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1940-1945 wurden von versch. Dienststellen der Gestapo ca. 27.000 Männer u. 5.000 Frauen ins Gefängnis Theresienstadt (Kleine Festung) überstellt, zunächst Inhaftierte aus Prag, dann aus ganz Böhmen u. ab 1944 auch aus Mähren. In der Kleinen Festung wurden bis Kriegsende überwiegend Tschechen festgehalten, darunter viele Widerständler gegen das NS-Regime, in den letzten Jahren dann auch Bürger der Sowjetunion, aus Polen, Jugoslawien u. gegen Kriegsende Gefangene aus den Reihen der Alliierten Armeen. Teils wurden auch Gefangene aus dem Sammellager dorthin überstellt.
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Nur in den ersten Monaten benutzten die NS in der Garnisonsstadt eine eigene Hinrichtungsstelle. Vom Sommer 1942 an wurden alle Hinrichtungen in Theresienstadt in der Kleinen Festung vollstreckt.
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Ghetto Theresienstadt

Beitrag von Dissident am Fr März 31, 2017 10:53 am

https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Theresienstadt  Gründung des KZ Theresienstadt

Im Protektoratsgebiet lebten ungefähr 88.000 Juden. Am 10. u. 17.10.1941 fanden auf dem Prager Hradschin in den Diensträumen des Stellv. Reichsprotektors Heydrich 2 Besprechungen statt, in denen es um die „Lösung der Judenfrage“ ging. Neben Heydrich nahmen daran hochrangige NS teil, darunter SS-Gruppenführer Karl Hermann Frank, SS-Sturmbannführer Adolf Eichmann u. Hans Günther, sein Leiter der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Prag“. Ganz Theresienstadt sei in ein Sammellager für Juden aus dem „Protektorat Böhmen u. Mähren“ umzuwandeln ---
Dez. 1941 folgte das Auswanderungsverbot für Juden aus Tschechien. Die ursprüngl. Stadtbevölkerung musste ihre Wohnungen nach einem Räumungsbefehl vom 16.2.1942 verlassen. Das „Sammellager (Ghetto)“ in der ehem. Garnisonsstadt wurde von der Gestapo sehr schnell mit Juden aus dem gesamten Protektorat gefüllt. Theresienstadt wurde zu einem Lager unter „jüdischer Selbstverwaltung“ erklärt, was praktisch bedeutete, daß die Gefangenen selbst für Unterbringung, Nahrung, mediz. Versorgung oder Betreuung u. Verpflegung der Kinder sorgen mussten. Nur dem Namen nach wurde das Ghetto durch einen „Ältestenrat“ verwaltet, der durch den „Judenältesten“ geleitet wurde. Doch in Wahrheit unterlagen alle Entscheidungen dem von Günther eingesetzten SS-Lagerkommandanten ---

Das Protokoll der Sitzung vom 17.10.1941 hält die kurzfristige u. die langfristige Planung im Hinblick auf die Rolle Theresienstadts fest:
„Zunächst wird ein Transport von 5000 Juden nach Litzmannstadt evakuiert. Ein Teil ist bereits fort. Wenn alle 5000 fort sind, soll eine kurze Pressenotiz darüber in die Zeitung kommen, aber in geschickter Weise, es muß darin zum Ausdruck kommen, wie schnell die reichsdeutsche Arbeit abrollt. Dann soll eine kurze Pause erfolgen, um die Vorbereitungen zur weiteren Evakuierung, bzw. Gettoisierung nicht zu stören. In der Zwischenzeit werden die Juden aus Böhmen u. Mähren in je einem Durchgangslager gesammelt für die Evakuierung. Für diesen Zweck ist von dem Wehrmachtsbevollmächtigten beim Reichsprotektor Theresienstadt von allen Wehrmachtsteilen völlig freigemacht worden. Den dortigen Tschechen ist nahegelegt, anderswohin zu ziehen. Falls der Grund u. Boden nicht sowieso schon Reichseigentum ist, wird er von der Zentralstelle für jüdische Auswanderung aufgekauft u. damit deutscher Grundbesitz. In Theresienstadt werden bequem 50.000 bis 60.000 Juden untergebracht. Von dort kommen die Juden nach dem Osten.“

Ein 2. Lager war im mährischen Kyjov geplant. Dieses Lager wurde jedoch nicht mehr gebraucht, weil die Transporte nach Theresienstadt schneller abliefen als geplant. So konnte schon am 14.4.1942 der Befehlshaber der Sicherheitspolizei u. des Sicherheitsdienstes (SD) das Innenministerium in Prag davon verständigen, daß „unter den gegenwärtigen Verhältnissen die Errichtung eines zweiten KL für Juden aus dem Protektorat nicht erwogen werde“.

Nach den damal. Plänen sollte Theresienstadt die Funktion eines Durchgangslagers für die böhmischen u. mährischen Juden nur vorübergehend übernehmen. „Nach der völligen Evakuierung der Juden“, heißt es im Protokoll weiter, „wird Theresienstadt dann entsprechend einem fertigen Plan von Deutschen besiedelt u. ein Mittelpunkt deutschen Lebens werden.“

Die Entscheidung für Theresienstadt hing eng mit der Lage u. dem Charakter des Ortes zusammen. Er lag in unmittelbarer Nähe der Grenzen des Protektorates zum Reich u. war über den Bahnhof Bauschowitz an der Eger ans Bahnnetz angebunden, sodaß Transport nach und aus Theresienstadt heraus leicht zu organisieren war.

In der Garnisonsstadt lebten 1941 etwa 3.500 Einwohner. Ebenso viele Soldaten der deutschen Wehrmacht waren im Herbst aus den örtlichen Kasernen abgezogen worden. Umgeben ist Theresienstadt von mächtigen, völlig unzerstörten Festungsmauern u. der Ort besitzt eine große Zahl von Kasematten u. unterirdischen Gängen, sodaß die NS ein Minimum an SS-Leuten brauchten, um die Häftlinge zu bewachen. Sollte es zu einem Ernstfall kommen, konnte darüber hinaus die SS-Garnison in der Kleinen Festung eingesetzt werden.

Die ersten tschech. Juden wurden als ein Aufbaukommando aus Prager Gefängnissen ins „Sammellager (Ghetto)“ deportiert. Dieses hatte die Aufgabe, die Nutzung als Lager vorzubereiten u. einen „Judenrat“ als interne Verwaltungsorganisation zu schaffen. Die Zahl der hierhin deportierten Juden aus dem Protektorat wuchs rasch an. Schon Mai 1942 waren mehr als 28.000 Juden deportiert worden u. Sept. 1942 bereits über 58.000 Menschen. Davon waren 30.000 Alte u. Kranke, von diesen waren 4.000 invalide u. 1.000 blind ---

Konzentrationslager oder Ghetto?

War die Funktion von Theresienstadt in den Beschlüssen der NS klar bestimmt als Sammel- u. Durchgangslager, so galt das für die Bezeichnung nach außen nicht.
Schwankt das Protokoll der Prager Oktoberkonferenzen von 1941 noch zwischen „Sammellager“, „Durchgangslager“ u. „Ghetto“, so setzte sich in den folgenden Jahren schließlich „Ghetto“ immer mehr durch ---
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Lagerleitung / Jakob Edelstein

Beitrag von Dissident am Fr März 31, 2017 11:22 am

https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Theresienstadt --- Offiziell stand Theresienstadt unter „jüdischer Selbstverwaltung“ unter Leitung eines Ältestenrats.

Der „Judenälteste“ war allerdings der SS-„Lagerkommandantur“ gegenüber berichtspflichtig u. an die (mündlichen) Weisungen des Lagerkommandanten gebunden.
Die Kommandantur ihrerseits unterstand der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Prag“ unter Leitung von Hans Günther.

Judenältester von 1941 bis Januar 1943: Jakob Edelstein,
danach bis Sept. 1944: Paul Eppstein,
schließlich bis zur Übernahme der Ghettoverwaltung durch das Rote Kreuz am 5.5.1945 Benjamin Murmelstein

Als Lagerkommandant (später als „Dienststellenleiter“ bezeichnet) fungierte zunächst SS-Hauptsturmführer Siegfried Seidl,
danach von Juli 1943 bis Februar 1944 SS-Obersturmführer Anton Burger
und schließlich SS-Obersturmführer Karl Rahm. Rahm organisierte in dieser Eigenschaft auch die „Verschönerungsarbeiten“ im Ghetto, vor den 2 Besuchen von Abgesandten des Internat. Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) Juni 1944 u. April 1945.

Dem Kommandanten waren etwa 20 SS-Männer sowie etwa 100 tschech. Gendarmen unterstellt. Letztere hatten die Aufgabe, die Sperren u. Zugänge der Festung zu überwachen. Gendarmen berichteten als erste über Hinrichtungen u. Massengräber in Theresienstadt, in einem Fall sogar mit Hilfe von Fotos, die der Stabswachtmeister Karel Salaba heimlich aufgenommen hatte u. die in einer Schweizer Zeitung 1942 erschienen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_Edelstein Jakob Edelstein, auch Yaakov, Yacov, Jakub, Jacob Edelstein oder Edlstein (1903-1944) war ein tschech. Jurist, Verbandsfunktionär u. Zionist sowie 1. Judenältester im Ghetto Theresienstadt. Er war 1933 bis 4.12.1941 Leiter des Palästinaamtes in Prag ---
Edelstein, der zionistisch erzogen wurde, zog zur Zeit des 1.Weltkrieges ins mährische Brno. Er engagierte sich ab 1926 in zionistischen Jugendorganisationen u. war ab 1929 im Hauptbüro der Hechaluz tätig. 1933 wurde er Direktor des Palästina-Büros in Prag. 1937 war er zwischenzeitlich 3 Monate bei dem Keren Hajessod in Palästina beschäftigt. Nach der Annexion Tschechiens blieb er im Protektorat u. wurde verantwortlicher Ansprechpartner der deutschen Besatzer für die Auswanderung tschech. Juden nach Palästina. Zwischen 1939 u. 1941 reiste er mehrmals ins Ausland u. nahm dort Kontakt mit jüdischen Funktionären zwecks Informationsaustausches auf; so reiste er nach Palästina, Triest, Wien, Genua, Berlin, Pressburg u. Amsterdam. Er wurde mit seinem Mitarbeiter Richard Friedmann u. etwa 1000 weiteren jüdischen Männern im Rahmen des sogen. Nisko-u.-Lublin-Plans am 18.10.1939 aus Ostrava nach Nisko deportiert. Nach dem Scheitern dieses Plans kehrte Edelstein Nov. 1939 wieder nach Prag zurück. Sein Bestreben war, zu verhindern, daß die Juden aus dem Protektorat nach Polen deportiert wurden. Daher schlug er den deutschen Besatzern wiederholt vor, tschech. Juden als Arbeitskräfte im Protektorat einzusetzen. Die Einrichtung des Ghettos Theresienstadt sah Edelstein als Erfolg ---
- - -
Am 4.12.1941 traf Edelstein mit Familie auf Anordnung von SS-Sturmbannführer Hans Günther in Theresienstadt ein. Zeitgleich wurde er 1. Judenältester im Ghetto Theresienstadt. Er stand dort dem 12-köpfigen Judenrat vor. Er war im Ghetto insbes. an der Bildung der Jugend sowie an produktiven Arbeitsabläufen interessiert. Ende Jan. 1943 wurde er als Judenältester von Paul Eppstein abgelöst u. wurde nun dessen 1. Stellvertreter. Aufgrund von Unterschieden bei der registrierten u. der tatsächlichen Zahl der Insassen des Ghettos wurde er am 9.11.1943 verhaftet. Mitte Dez. 1943 wurde er ins KZ Auschwitz deportiert ---
Am 20.6.1944 .. im Krematorium erschossen ---
Dokumente zu Edelstein u.a.: http://collections.jewishmuseum.cz/index.php/Browse/modifyCriteria/facet/people_facet/id/81563/mod_id/0

http://www.ghetto-theresienstadt.de/terezinghetto.htm --- Edelstein, festgenommen u. in den Bunker gebracht. Man warf ihm vor, die Tagesmeldungen über die Anzahl der Häftlinge im Ghetto gefälscht u. die Flucht von 55 Häftlingen begünstigt zu haben ---

http://www.ghetto-theresienstadt.de/pages/e/edelsteinj.htm --- ab 1926 war er in den zionistischen Jugendorganisationen Techelet Lavan und Hechaluz aktiv ---
Keren Hajesod = Palästina-Gründungsfond --- wurde 1. Vorsitzender des Judenrats. Ein Stellvertreter, Otto Zucker, und ein Zwölferrat standen ihm zur Seite ---
1943 wurde Edelstein aus seinem Amt entlassen aufgrund der Beschuldigung, die registrierte Zahl der Einwohner des Ghettos Theresienstadt stimme nicht mit der tatsächlichen Einwohnerzahl überein ---
Edelstein wurde von der SS für mehrere Wochen nach Amsterdam abkommandiert, um hier einen ähnlichen administrativen Apparat zwischen der befehlenden "Zentralstelle" u. dem ausführenden "Judenrat" einrichten zu helfen, wie er in Prag bereits funktionierte
- - -
Der Historiker Hans Günther Adler schreibt: „Es ist nicht leicht, Edelstein gerecht zu würdigen. Er stammte aus einer frommen galizischen Familie und hatte seit vielen Jahren in Prag als zionistisch-sozialistischer Funktionär der Gruppe Poale Zion gewirkt. Er war religiös und achtete auch in Theresienstadt auf die Einhaltung des Sabbat u. der Feiertage. Er trat einfach u. bescheiden auf, doch es fehlte ihm an Offenheit. Seine Intelligenz war durchschnittlich, worüber eine gewisse Verschlagenheit nicht täuschen konnte. Fehlte es auch seinen Ansichten an Tiefe oder genügendem Weitblick, so waren sie doch subjektiv ehrlich, aber dogmatisch starr bis zum Vorurteil. Er bewies ziemlich viel Humor u. war in seinen Verhandlungen mit SS-Männern in Prag u. Theresienstadt recht geschickt, freilich seinen deutschen Partnern viel mehr unterlegen, als er ahnte. -- Vor dem Lager trat er als Sprecher nicht ohne Demagogie auf, wie sie bei kleineren Funktionären so häufig ist. Seine Vorstellungen vom Judentum waren durch eine wenig klare zionistische Brille getrübt --- wenn er auch auf seinem furchtbaren Weg nicht nur scheitern mußte, sondern manchmal auch aus eigener Schwäche strauchelte.“
- - -
http://www.jewishgen.org/yizkor/gorodenka/gor355.html
---  1929 he left Brin for Teplitz and there joined the Worker's League for Eretz Israel. His first work in the League consisted of organizing a referendum on Marxism. In a short time he became one of the most outspoken leader in the Socialist Zionist Movement, which soon took over all of the branches of Socialist Zionism except for Paole Zion
--- In this renowned era of Zionist activity, he was deeply involved as a great orator in Zionist and Socialist circles in Czechoslovakia. In 1933 he represented the Zionist Socialists and Paole Zion in the Zionist Congress. He also was involved in the Zionist Congress in Zurich in August 1939, which was interrupted by the outbreak of the Second World War. In 1937, he was in Eretz Israel for barely half a year. He was very active in Keren Chesud in Jerusalem ---
As late as 1940, during the War, the Nazis permitted him to go to Trieste in order to find ways of evacuating Czech Jews to other lands
---


Zuletzt von Dissident am Fr März 31, 2017 5:35 pm bearbeitet; insgesamt 5-mal bearbeitet
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Der Nisko-Lublin-Plan

Beitrag von Dissident am Fr März 31, 2017 11:54 am

Der Nisko-Lublin-Plan

http://www.ghetto-theresienstadt.de/pages/n/niskoaamsan.htm

Nach der Niederlage Polens begann die Zentralisierung u. Verschickung der Juden in allen besetzten Ländern. Aus einem Befehl Himmlers vom 8.10.1939 geht hervor, daß die Juden des Protektorats ins Gebiet zwischen Bug u. Weichsel deportiert werden sollten. Die Aktionen waren zunächst noch wirr u. unkoordiniert; so sollte z. B. ein jüdisches Ansiedlungsgebiet in der Lubliner Gegend geschaffen werden.
Bereits im Okt. 1939 wurden die männlichen Juden zwischen 16 u. 70 Jahren in den Bezirken Ostrava u. Frydek-Mistek registriert.
1.291 Personen wurden „freiwillig“ am 17. u. 26. Okt. nach Nisko am San verschickt, wo sie mit Wiener, Bielitzer u. Kattowitzer Juden in einem „Umschulungslager“ zusammentrafen. Bei der Abfahrt des Transportes in Ostrava soll am 17. Okt. Eichmann anwesend gewesen sein, ebenso bei der Ankunft in Nisko.

Am 21. Okt. sollen nur noch 400 Mann im Lager gewesen sein, die anderen hatte man über die russische Grenze getrieben.
Ende Oktober kamen Transporte aus Wien, Teschen, Kattowitz u. nochmals (Transport vom 26. Okt.) 290 Personen aus Ostrau.
Immer wieder wurden Juden über die Grenze nach Rußland getrieben. Viele von ihnen kamen um, einige in ein Arbeitslager Zentralrusslands. Einige von ihnen wurden später aus dem Arbeitslager entlassen u. schlossen sich der Tschechoslowakischen Armeeeinheit unter General Svoboda an. Nach Nisko wurde auch Leo Haas verschickt, die späteren Judenältesten Dr. Murmelstein u. Edelstein saßen in diesem Lager für einige Zeit ein. Das Lager bestand nicht lange. Viele starben, flüchteten über die nahe Grenze in die Sowjetunion (123 von ihnen kehrten mit der Roten Armee in die Tschechoslowakei zurück).
April 1940 wurde das Lager aufgelöst u. die Überlebenden, darunter 460 aus Mähren, nach Hause geschickt.

Die Baracken des Lagers wurden anschließend für Wolhyniendeutsche genutzt, die ins Reich zurückgeführt werden sollten. Q
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Paul Maximilian Eppstein

Beitrag von Dissident am Fr März 31, 2017 12:43 pm

https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Eppstein  Paul Maximilian Eppstein (1902-1944) war ein deutscher Soziologe u. Judenältester im Ghetto Theresienstadt.
.. studierte in Heidelberg Rechts- u. Staatswissenschaften, Soziologie u. Volkswirtschaft. Er promovierte 1924 an der philosoph. Fakultät --- 1928 wurde er Leiter der Volkshochschule Mannheim --- lehrte in den 1930er Jahren an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin Soziologie. 1933 .. musste er die Leitung der Volkshochschule niederlegen. Er trat auf Aufforderung des Vorstands der Reichsvertretung der Deutschen Juden in Berlin diesem bei, wo er überwiegend mit Verwaltungsfragen u. sozialen Aufgaben beschäftigt war. Nach den Novemberpogromen erhielt Eppstein eine Einladung aus England zu Vorlesungen in Soziologie, die er jedoch ausschlug, da er Deutschland nicht verlassen wollte. In der folgenden Zeit wurde er mehrfach von der Gestapo verhaftet.

Er war ab Juli 1939 in der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland tätig u. musste mehrmals im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) im sogen. Eichmannreferat erscheinen. --- Januar 1943 wurde er zusammen mit seiner Frau ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er als Nachfolger von Jakob Edelstein zum Judenältesten ernannt wurde ---
Am 27. oder 28.9.1944 wurde er von SS-Männern in der Kleinen Festung Theresienstadt erschossen ---

http://www.ghetto-theresienstadt.de/pages/e/eppsteinp.htm --- Nach Hitlers Machtübernahme 1933 wurde die Volkshochschule Mannheim geschlossen. Eppstein ging nach Berlin. Er wurde zunächst in den Zentralausschuss der Deutschen Juden für Hilfe und Aufbau berufen, dann in den Landesverband jüdischer Gemeinden in Preußen
--- Sommer 1944 kam er ins Gefängnis, weil (so lautete eine Version) den Deutschen eine Rede mißfiel, die er vor Ghetto-Gefangenen gehalten hatte. Am 28.9.1944, wurde er in der Kleinen Festung erschossen --- Die SS-Kommandantur täuschte noch lange danach vor, daß Eppstein noch am Leben sei. Seine Frau musste jeden Tag einen Topf mit Essen für ihn in der Kommandantur abgeben. Eppstein wurde noch in der Lagerevidenz geführt, schließlich in einen Transport eingereiht, mit dem er als ob abfuhr.
Historiker nehmen an, daß Eppstein mit oben erwähnter Rede der übermütigen Stimmung im Lager begegnen u. die Häftlinge von unüberlegten Aktionen abhalten wollte.
Die Stimmung im Lager war ihm zu euphorisch --- Die Alliierten waren in der Normandie gelandet u. die Gefangenen hofften auf ein baldiges Kriegsende u. auf Befreiung.

Eppstein schilderte seinen Zuhörern zunächst, was alles in kürzester Zeit in Theresienstadt geschaffen worden sei, „wie die Wüste in eine Oase verwandelt“ worden war. Er gab einen Überblick über all das, was in den Werkstätten produziert worden war, wie viel man in den Gärten u. auf den Feldern geerntet hatte, er sprach über die veränderten sanitären Bedingungen, über die verdienstvolle Arbeit der Ärzte u. Schwestern, dankte allen Arbeitern u. Beamten, allen, die zum Wohle des Ganzen ihre Pflicht getan hatten. Er wünschte allen Bewohnern Theresienstadts ein glückliches neues Jahr u. mahnte sie zu größter Vorsicht u. Geduld. Er schloß mit den folgenden Worten: „Ihr kennt nicht die wahre Situation, begreift sie nicht, aber schimpft laut auf mich u. die anderen Mitglieder des Ältestenrates. Ihr urteilt ganz falsch über uns. Ich nehme euch das nicht übel, vielleicht würden wir uns an eurer Stelle genauso verhalten. Um eins aber bitten wir inständig: Habt Vertrauen zu uns! Glaubt uns, daß wir nur euer Wohl im Sinn haben. Die Lage erlaubt mir nicht, offen zu sprechen, aber ich will Euch die heutige Situation zumindest mit einem Vergleich skizzieren. Übers Meer fährt ein Schiff. Es ist mit vielen Tausend Passagieren besetzt. Alle sind bereits erschöpft u. ungeduldig, weil die Fahrt viel länger dauert, als sie gerechnet hatten. Endlich erblicken sie das ersehnte Festland. Sie nähern sich ihm immer mehr. Doch statt der erwarteten Beruhigung macht sich Nervosität unter den Passagieren breit, die sich noch steigert, als sie bemerken, daß das Schiff jetzt noch langsamer fährt als vorher. Sie laufen zum Kapitän u. fragen, wann sie endlich in den sicheren Hafen einlaufen werden. Sie fordern ihn mit Worten, mit Bitten u. am Ende mit Beschimpfungen auf, die Fahrt zu beschleunigen, aber er beachtet sie nicht, lässt sie reden, schimpfen, fluchen u. er schweigt, ja, erteilt das Kommando, noch langsamer zu fahren. Warum tut er das? Er als einziger weiß, daß an den Stellen, die sie gerade passieren, viele gefährliche Minen lauern, u. daß große Vorsicht geboten ist, damit das Schiff nicht gegen eine Mine prallt. Was liegt denn daran, daß sie das Ziel einige Stunden später erreichen, wenn sie es nur heil u. ohne Unfall erreichen. So wie dieser Kapitän handeln auch wir. Verlasst Euch auf uns! Habt Geduld, wir werden Euch alle in eine neue Zeit führen.“
- - -
Dokumente zu Eppstein: http://collections.jewishmuseum.cz/index.php/Browse/modifyCriteria/facet/people_facet/id/9802/mod_id/0
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Benjamin Murmelstein

Beitrag von Dissident am Fr März 31, 2017 1:09 pm

https://de.wikipedia.org/wiki/Benjamin_Murmelstein  Benjamin Murmelstein (1905-1989), Rabbiner u. Funktionär der Israel. Kultusgemeinde Wien vor ihrer Auflösung 1938. Danach war er in der zwangsweise in „Jüd. Gemeinde Wien“ umbenannten Institution für die Auswanderungsabteilung zuständig. Später gehörte er dem Judenrat in Wien an. Anschließend war er der letzte Judenälteste im Ghetto Theresienstadt ---

.. zog 1923 nach Wien, studierte Philosophie u. semitische Sprachen. Parallel dazu absolvierte er an der Wiener „Israel.-Theol. Lehranstalt“ eine rabbinische Ausbildung, die er 1927 abschloss .. ab 1931 war er als Rabbiner der IKG im Brigittenauer Tempel tätig .. dozierte er 1931-1938 an der Israel.-Theol. Lehranstalt, unterrichtete Religion an Wiener Mittelschulen .. er versuchte 1936-1941 erfolglos, eine Anstellung im Ausland zu erhalten, während die meisten Rabbiner auswanderten. Er blieb mit seiner Familie letztlich in Wien ---

Funktionen in der NS-Zeit
Nach Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich gehörte er als Leitungsmitglied der IKG Wien an .. leitete kurze Zeit später die vom NS-Regime geschaffene „Auswanderungs-
abteilung“ in der IKG, die Mai 1938 auf Weisung des NS-Regimes in „Jüd. Gemeinde“ umbenannt wurde. In dieser Funktion musste er eng mit der im Aug. 1938 von Adolf Eichmann u. Alois Brunner geschaffenen „Zentralstelle für jüd. Auswanderung in Wien“ kooperieren, die dem Ziel diente, die Emigration von Wiener Juden zu forcieren .. er fungierte als gut bezahlter, stellv. Leiter der jüd. Gemeinde in Wien unter Josef Löwenherz .. Im Rahmen dieser Tätigkeiten musste er mehrmals ins Ausland reisen, verblieb jedoch nicht dort, sondern kehrte immer nach Wien zurück .. er begleitete Herbst 1939 als jüd. Funktionär während der Umsetzung des sogen. Nisko-Plans Transportzüge mit Wiener Juden nach Nisko. Bis Nov. 1941 waren etwa 128.000 Juden aus Wien emigriert.
Ab 1942 musste er mit anderen jüd. Funktionären während der Abfertigung der Deportationszüge aus Wien in die KZ im Osten auf Weisung der NS-Behörden die „Einwaggonierung“ vornehmen .. Ab Nov. 1942 war er im Beirat des Ältestenrates der Juden in Wien unter dessen Leiter Löwenherz.

Judenältester im Ghetto Theresienstadt
Am 29.1.1943 wurde er nach Th. deportiert. Mithäftling Hans Günther Adler berichtete 1955, daß Murmelstein von Wien her kein guter Ruf vorangegangen sei. M. fungierte in Th. von Anfang an hinter Jacob Edelstein als „2. Stellv. des Judenältesten“ Paul Eppstein. Zudem war er schon kurz nach seiner Ankunft in Th. für die Abt. Gesundheitswesen u. die Techn. Abteilung als Dezernent zuständig. Ab April 1943 war er noch leitend in der Bucherfassung konfiszierter hebräischer Bücher zur Katalogisierung durchs RSHA tätig. Dez. 1943 übernahm er die „Innere Verwaltung“, die u.a. den Bereich Raumwirtschaft umfasste. Neben der poln. u. der deutschen Sprache eignete er sich in Th. zum Verständnis der Lagersprache auch tschech. Sprachkenntnisse an. Mit seiner Frau u. dem gemeinsamen Sohn bewohnte er 1 Zimmer. In Th. war die Schauspielerin Vlasta Schönová seine Freundin. Vom 27.9.1944-5.5.1945 war er letzter Judenältester in Th. -- er bekleidete diesen Posten zunächst faktisch u. ab Dez. 1944 offiziell.

Kurz nach seiner Ernennung zum Judenältesten gingen in Th. die Herbsttransporte mit arbeitsfähigen Insassen ab, deren Ziel das KZ Auschwitz-Birkenau war. Er konnte jedoch keinen Einfluss auf die Deportationen aus Th. nehmen. Er war bemüht, durch Kooperation mit den NS möglichst viele der internierten Juden zu retten, was im Fall der Transporte in einigen hundert Fällen auch gelang. Dabei handelte es sich hauptsächlich um Mediziner, Pflegepersonal u.a. fürs Bestehen des Lagers unentbehrliche Experten, da M. sich ansonsten weigerte, Deportationslisten zusammenzustellen. Er ließ auch Reklamationen an den Transporten nicht zu, um eine Gleichbehandlung aller Häftlinge zu gewährleisten. Vorteile für prominente Häftlinge baute er ebenso ab, so die Sonderzuteilungen bei den Essensrationen.

--- Er lehnte bewaffneten Widerstand, Flucht oder Suizid kategorisch ab. Weil er die Gefahr der Liquidierung des Lagers sah, setzte er zur Rettung der Juden im Lager stattdessen auf effektive Organisation des Lageralltags. Damit wollte er die SS-Führer überzeugen, daß die ihm durchaus bewusste propagandistische Außenwirkung des Ghettos funktioniert: So ließ er u.a. die Arbeitszeit in Th. auf 70 Stunden erhöhen, im Ghetto aufräumen sowie Frauen Schwerarbeit verrichten u. erreichte so eine verbesserte Infrastruktur u. Versorgungslage der Insassen im Ghetto. Er war im Propagandafilm „Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüd. Siedlungsgebiet“ zu sehen u. konnte diesen während einer Präsentation vor einer Delegation des Roten Kreuzes am 16.4.1945 gemeinsam mit SS-Führern in Th. ansehen.
Am 5.5.1945 übernahm das Internat. Komitee vom Roten Kreuz durch Paul Dunant die Leitung im Ghetto Th. - Leo Baeck dankte Anfang Mai 1945 Murmelstein schriftlich für seine Tätigkeit als Judenältester unter schwierigsten Umständen. Von einigen Überlebenden wurden ihm danach selbstherrliche Handlungen u. die Annahme sexueller Gefälligkeiten nachgesagt. Auch seine „Falstaff-Figur“ wurde ihm in der Hungerzeit übelgenommen, sodaß seine Ablösung als Lagerältester teils gefeiert wurde.

Nachkriegszeit
Nach Kriegsende blieb M. in Th., wirkte bei der Auflösung des Ghettos mit. Er verfasste dort Mai/Juni 1945 seine Zeitzeugenberichte "Geschichtlicher Überblick u. Meine Entsendung nach Theresienstadt". Wegen angebl. Kollaboration wurde er Juni 1945 festgenommen u. interniert, am 3.12.1946 vor einem tschech. Volksgericht in Litoměřice vom Vorwurf der Kollaboration freigesprochen. Beim Prozess in Litoměřice gegen den ehem. Lagerkommandanten Rahm von Januar bis April 1947 sagte M. als Zeuge aus.

Anschließend zog er mit seiner Familie nach Rom, um eine Beschäftigung in einem rabbinischen Seminar aufzunehmen, wozu es jedoch nicht kam. Vor einem Ehrengericht der in Italien organisierten jüd. Displaced Persons musste er Aug. 1948 sein Handeln als Judenältester in Th. rechtfertigen u. konnte auch dort die gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe entkräften. Kurzzeitig war er als Rabbiner in Triest tätig. M. ließ sich danach wieder mit seiner Familie in Rom nieder, wo er jedoch keinen Kontakt zum jüd. Gemeindeleben suchte. In Rom handelte er mit Glühbirnen u. war schließlich erfolgreich als angestellter Möbelverkäufer beschäftigt. Bis 1989 war er am Pontifico Istituto Biblico des Vatikans zudem wissenschaftlich tätig. M. blieb österr. Staatsbürger u. erhielt ein dauerndes Aufenthaltsrecht in Italien.

Obwohl er sich 1961 als Zeuge für den Eichmann-Prozess gemeldet hatte, wurde sein Aussageangebot nicht angenommen, was ihn sehr enttäuschte. In dem Zusammenhang hatte er das 1961 in italien. Sprache erschienene Buch "Terezin. Il ghetto-modello di Eichmann" verfasst u. später auch den Artikel "Das Ende von Theresienstadt". Stellungnahme eines Beteiligten, der am 14.12.1963 in der Neuen Zürcher Zeitung erschien. M., der als jüd. Funktionär Adolf Eichmann mehrmals begegnete, geht insbes. in seiner Publikation Terezin. Il ghetto-modello di Eichmann zentral auf die Person Eichmanns ein. In diesen Schriften erläutert u. rechtfertigt er insbes. seine Rolle als Judenältester in Th.

Nach Israel reiste er nicht, da er als Kollaborateur angegriffen wurde. So forderte der Jerusalemer Religionshistoriker Gershom Scholem, der später an die Spitze der Israel. Akademie d. Wissenschaften trat, in einem später veröffentlichten Brief an die Philosophin Hannah Arendt für ihn die Todesstrafe.
1989 starb M. in Rom. Nach seinem Tod verweigerte der Großrabbiner von Rom Elio Toaff dem Verstorbenen das Totengebet u. wies ihm eine Grabstelle am Rand des Friedhofs zu. Murmelsteins Sohn beschwerte sich aufgrund dieser Entscheidung beim Italien. Rabbinischen Rat u. holte ein Gutachten zu seinem Vater ein, die dessen Bilanz als Judenältester positiv zeichnete. Noch 2002 verklagte Wolf Murmelstein Toaff wegen Verleumdung, das Verfahren wurde jedoch nicht abgeschlossen.

Einschätzung der Persönlichkeit
Murmelstein gilt bis heute als ambivalente Persönlichkeit. Nach Rabinovici ist bereits seit längerem klar, daß M. kein Kollaborateur war, sondern aufgrund seiner Überzeugung notgedrungen mit den NS kooperierte, um möglichst viele Juden zu retten. Angesichts der 19.000 Überlebenden von Th. merkte M. einmal an: „Ich habe Theresienstadt gerettet. Vielleicht ist das Megalomanie.“ Er betonte jedoch seinen geringen Spielraum als Judenältester in Th. Nach eig. Aussagen war er ein Einzelkämpfer. Als Judenältester ging er autoritär vor u. war nach Hájková keine „menschelnde“ Erscheinung, sondern kühl u. manchmal cholerisch. Andererseits beschreibt sie ihn als arbeitsam, klug u. mit guter Menschenkenntnis ausgestattet. Sein herrschsüchtiges Auftreten brachte ihn schon nach dem Anschluss Österreichs während seiner Funktionärstätigkeit in Wien in Misskredit. Sein damal. Mitarbeiter Willy Stern berichtete später Doron Rabinovici über M.: „Er hat herumgeschrien, er war grob, er hat die Leute herausgeschmissen; er ist unangenehm gewesen.“

„Der letzte der Ungerechten“
M. wurde mehrfach von Forschern interviewt. Ein für den Dokumentarfilm Shoah des Regisseurs Claude Lanzmann 1975 gedrehtes Interview mit M. fand zunächst keinen Eingang in Lanzmanns Werk. Als „der letzte der Ungerechten“ bezeichnete sich M. selbst in diesem fast 11stündigen Gespräch mit L., in dem insbes. seine ambivalente Rolle als hochrangiger jüd. Funktionär ins Zentrum rückte. Die Selbstbezeichnung ist angelehnt an den Romantitel „Der Letzte der Gerechten“ von André Schwarz-Bart (1959) ..
Dieses Filmmaterial war Grundlage des 2013 beim 66. Festival von Cannes außer Konkurrenz gezeigten 218-minütigen franz.-österr. Dokumentarfilms "Der letzte der Ungerechten" (Originaltitel Le dernier des injustes) von Claude Lanzmann (Produktion: Dor-Film, Wien)

In Robert Schindels 2010 veröffentlichtem Theaterstück Dunkelstein: eine Realfarce steht die an Murmelstein angelehnte fiktive Person Saul Dunkelstein im Vordergrund. Dieses Drama wurde bisher nicht aufgeführt.

https://www.profil.at/home/benjamin-murmelstein-der-held-358164 .. Eichmann als Judenexperte .. Murmelstein musste für ihn etliche Denkschriften zum Judenproblem verfassen u. 2x in der Woche NS-Professoren in jüd. Tradition u. Geschichte unterweisen .. M. griff rigoros durch u. kappte die Vorteile für prominente Juden u. ihre Seilschaften, etwa Extra-Essensrationen für deren Frauen u. Kinder. Er ließ Pakete von Hilfsorganisationen beschlagnahmen, deren Empfänger oft schon deportiert worden waren u. die sich Lebenstüchtige mit erschwindelten, erpressten Vollmachten zugeeignet hatten. Er versuchte, den Handel von Konserven gegen Gold zu unterbinden u. Lebensmittel an die Bedürftigen zu bringen. Er verordnete eine 70-Stunden-Woche, um der SS zu beweisen, daß das Ghetto funktionierte ---
Nach der Befreiung hieß es, er habe selbstherrlich gehandelt, er habe Leute willkürlich einsperren lassen, seine Geliebte geschützt, sich sexuelle Gefälligkeiten erweisen lassen. M. hatte keine gute Nachrede. Schon in Wien soll er gern in Stiefeln aufgetreten sein, Untergebene zusammengeschrien u. geohrfeigt haben. Er war in Zeiten des Hungers fett geworden, hatte sich einen Leibpanzer zugelegt. Auch das nahm man ihm übel --- Am 5.5.1945 wurde das Lager vom Roten Kreuz übernommen. Murmelsteins Demission wurde im Lager teilweise gefeiert. Als er Lanzmann davon erzählte, daß auch die Fleckfieberbaracke gegen seine Warnungen geöffnet wurde u. eine Epidemie ausbrach, wurden seine Augen nass --- Für Studien (später in Rom) suchte er öfter die Bibliothek im Vatikan auf, was zu dem Gerücht führte, er habe sich taufen lassen ---

https://www.nzz.ch/feuilleton/retter-oder-verraeter-1.18200972 .. Neue Zürcher Zeitung, 10.12.2013-- Retter oder Verräter?
.. habe es in den Judenräten auch viele «Mittelmenschen wie wir alle» gegeben, die unter widrigen Bedingungen Entschlüsse fassen mussten. Doch dann folgt der Satz: «Gewiss [..], der Wiener Rabbiner Murmelstein in Th. hätte, wie alle Insassen des Lagers, die ich gesprochen habe, bestätigen, verdient, von den Juden gehängt zu werden.»
... schaffte der «Judenälteste» Privilegien u. die damit einhergehende Korruption ab. Daß er sich so keine Freunde machte, liegt auf der Hand. Doch ein herrisches Temperament u. Gefühlskälte nach aussen hin machen noch keinen Verbrecher gegen die Menschlichkeit - Zum einen suchte er, das «Ghetto» genannte Lager so autonom wie möglich zu halten, um der SS keinen Zugriff auf den Alltag zu ermöglichen. Zum andern bemühte er sich, es unentbehrlich zu machen. Gelegenheiten hierfür boten ein Besuch des Internat. Komitees v. Roten Kreuz sowie kurz darauf das Drehen eines Propagandafilms, die ab Ende 1943 eine grossangelegte Verschönerungsaktion nötig machten. M. wirkte hier aktiv mit, davon überzeugt, die Instandsetzungsarbeiten würden die Lebensbedingungen verbessern u. es den Nazis erschweren, das Lager zu liquidieren, nachdem sie es der Öffentlichkeit gezeigt hätten ---

http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/die-judenrat-frage-tragisch-ueberfordert-oder-ewig-schuldig/ .. Aus einigen Beispielen ergibt sich die Fragwürdigkeit vieler Quellen welche für die Anschuldigungen zitiert werden: .. Eine schwerwiegende Anschuldigung gegen M. wird mit der angebl. Aussage einer Dame begründet die als seine ehem. Sekretärin vorgestellt wird. Diese Dame konnte nie die Sekretärin von Murmelstein gewesen sein: aus gründlicher Kontrolle geht hervor, dass sie nie in Th. war ---

http://www.ghetto-theresienstadt.de/pages/m/murmelsteinb.htm .. M. beendete seine Rolle als Judenältester am Abend des 5.5.1945 nach einem abschließenden Gespräch mit dem sich auf die Flucht vorbereitenden Kommandanten  Rahm. Am nächsten Tag übernahmen andere Mitglieder des Ältestenrates, allen voran Leo Baeck, die Verantwortung. Nach Ankunft der Roten Armee wurde Georg Vogel vom sowj. Stadt-
kommandanten mit der Leitung des Lagers beauftragt. Vogel hatte dem ersten Ältestenrat angehört, war Prager Kommunist ---

Dokumente: http://collections.jewishmuseum.cz/index.php/Browse/modifyCriteria/facet/people_facet/id/70046/mod_id/0

http://www.ghetto-theresienstadt.info/pages/j/jupo.htm  Judenpolizei (JUPO) Murmelstein u. sein Adjutant Prochnik leiteten in Wien im Rahmen der Jüd. Kultus-
gemeinde auch die Vorbereitung u. Durchführung von Deportationen. Murmelstein war Verbindungsmann zur „Zentralstelle“. Er war verantwortlich für die aus jüd. Männern bestehende „JUPO“, die als „Ausheber“ galten, also die zusammen mit der SS die vorher von der Kripo ermittelten Juden „überfallartig“ aus den Wohnungen holten ---


Zuletzt von Dissident am Fr Okt 27, 2017 4:01 pm bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet
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Karl Rahm, letzter Lagerkommandant

Beitrag von Dissident am Fr März 31, 2017 2:38 pm

https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Rahm Karl Rahm (1907-1947) war ein österr. SS-Obersturmführer u. Lagerkommandant des Ghetto Theresienstadt ---

.. erlernte den Beruf des Maschinenschlossers .. engagierte sich in der Metallgewerkschaft u. wurde 1925 Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs (SDAP). 1927-1933 war er Angehöriger des Österr. Heeres u. danach mit Unterbrechungen arbeitslos. Er schloss sich 1934 dem in Österreich zu dieser Zeit verbotenen Ableger der NSDAP sowie der SS an --- Ab Febr. 1939 wirkte er unter Adolf Eichmann bei der „Zentralstelle für jüd. Auswanderung in Wien“ u. von Okt. 1940 bis Febr. 1944 in der „Zentralstelle für jüd. Auswanderung in Prag“ bei Hans Günther --- Rahm war verheiratet u. Vater dreier Kinder. Sein Bruder Franz war als Kommunist im KZ Dachau interniert.

Ab 8.2.1944 fungierte er als letzter Kommandant im Ghetto Theresienstadt u. blieb bis zum 5.5.1945 auf diesem Posten. Unter Rahm wurden u.a. die .. "Verschönerungs-
arbeiten" im Lager durchgeführt, um den Besuch von Vertretern des Roten Kreuzes im Juni 1944 propagandistisch zu nutzen u. der ausländischen Darstellung der Massenmorde an Juden, die von den Nazis als „Greuelpropaganda“ abgestritten wurden, entgegen zu wirken. In diesem Zusammenhang wurde unter Rahm kurz darauf der Propagandafilm „Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ gedreht, der für ausländisches Publikum bestimmt war, aber aufgrund des nahenden Kriegsendes nur noch einzelnen Repräsentanten ausländischer Organisationen in geschlossenen Vorstellungen gezeigt werden konnte ---

Bei Kriegsende floh Rahm nach Österreich, wurde dort verhaftet u. an die Tschechoslowakei ausgeliefert. In Leitmeritz wurde Rahm von einem tschechischen Gericht zum Tode verurteilt u. durch Hängen 1947 hingerichtet.

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Der Film

Beitrag von Dissident am Fr März 31, 2017 2:55 pm

https://web.archive.org/web/20130427022754/http://www.cine-holocaust.de/mat/fbw000812dmat.html

"THERESIENSTADT" - EIN DOKUMENTARFILM AUS DEM JÜDISCHEN SIEDLUNGSGEBIET
 Von Karel Margry

Zwischen 1944 u. 1945 produzierten die Nazis einen Propagandafilm über Theresienstadt, das KZ für Juden in der besetzten Tschechoslowakei --- Der Film wurde Aug. u. Sept. 1944 gedreht; seine Darsteller waren die jüdischen Häftlinge des Lagers selbst: Hunderte wurden als Statisten eingesetzt oder mußten eine spezielle Rolle übernehmen. Die SS-Lagerkommandantur machte den Berliner Kabarettisten, Schauspieler u. Regisseur Kurt Gerron, selbst Häftling in Theresienstadt, zum Leiter eines jüdischen Produktionsstabes. Ein Kamerateam der Prager Wochenschau-Gesellschaft Aktualita kam nach Th., um die eigentlichen Dreharbeiten im Lager durchzuführen. Der Film wurde in Prag geschnitten u. März 1945 fertiggestellt. Bei Kriegsende jedoch war der Nazifilm über Theresienstadt verschwunden, u. obwohl seither einzelne Szenen u. Fragmente wieder aufgetaucht sind, gibt es bis heute keine vollständige Kopie ---
- - -
Okt. 1943: In Dänemark versuchten die deutschen Besatzer, die dänischen Juden zu deportieren. Jedoch nur etwa 450 fielen den Nazis in die Hände; sie alle wurden nach Theresienstadt geschickt. Die dänische Regierung forderte sofort u. standhaft die Genehmigung, sie dort aufzusuchen. Schließlich gestattete SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, daß Repräsentanten des Dänischen u. des Internat. Roten Kreuzes das Lager besichtigen könnten, jedoch nicht vor dem Frühjahr 1944. Um das Lager für den Besuch vorzubereiten, begann die SS Dez. 1943 mit einer großangelegten "Stadtverschönerungsaktion". Den jüdischen Häftlingen wurde befohlen, die Häuserfronten zu streichen, die Straßen zu säubern, Blumenbeete anzulegen, im Park einen Spielplatz für die Kinder u. auf dem Marktplatz einen Musikpavillon zu bauen, die Schaufenster der Läden zu füllen, das Ghetto-Café u. die Bank herzurichten u. die ehem. Sokolovna-Turnhalle in ein Gemeinschaftshaus mit Bühne, Betstube, Bibliothek u. Terrasse zu verwandeln. Das Verschönerungsprojekt dauerte Monate. Damit das Ghetto weniger übervölkert aussähe, wurden 7.500 Personen im Mai 1944 nach Auschwitz geschafft.

Die Inspektion des Roten Kreuzes fand schließlich am 23.6.1944 statt. Die Delegierten .. reichten günstige Berichte ein ---
7 Wochen nach der Inspektion begannen die Dreharbeiten für den Theresienstadt-Film.

Wer befahl den Film?

Viele Historiker u. insbes. Filmhistoriker gehen davon aus, daß der Film auf Befehl des Propagandaministers Goebbels gedreht worden sei. Für sie ist es unvorstellbar, daß ein derart wichtiger Propagandafilm ohne die Billigung des Propagandaministeriums entstanden sein könnte. Tatsächlich aber war das Goebbels-Ministerium zu keiner Zeit an der Entstehung des Films beteiligt ---
In den ersten Jahren des Protektorats kam es zwischen dem Goebbels-Ministerium u. dem Reichsprotektor häufig zu Zwistigkeiten darüber, wer nun eigentlich für die Propagandaaktivitäten in Böhmen-Mähren zuständig war. Die Streitigkeiten wurden Okt. 1941 schließlich beigelegt, als Goebbels u. der damal. Reichsprotektor Heydrich eine Abmachung trafen, die erstens die maßgebliche Zuständigkeit des Reichsprotektors in seinem Territorium bestätigte u. zweitens festlegte, daß keinerlei Propagandaaktivitäten ohne seine Kenntnis u. Zustimmung erfolgen sollten. Er allein war für alle Propaganda in seinem Gebiet verantwortlich. Er konnte eigene Propagandavorhaben einleiten, u. alle Pläne oder Initiativen der Dienststellen des Berliner Ministeriums mußten die Propaganda-Abteilung seines Amtes durchlaufen, d.h., die Abteilung IV.

Daher wäre also anzunehmen, daß nach Okt. 1941 ein Befehl an Aktualita entweder nur vom Reichsprotektor selbst oder - auf dem Weg über seine Administration - vom Propagandaministerium kommen konnte. Doch es gab eine wichtige Ausnahme: Die Goebbels-Heydrich-Abmachung enthielt, so wie die meisten staatl. Abmachungen im Dritten Reich, einen Vorbehalt. Ausschließlich der Reichsprotektor ist verantwortlich für Propaganda - es sei denn, es handelt sich um Angelegenheiten der Gestapo oder anderer SS-Dienststellen. Genau dies trifft für den Theresienstadtfilm zu. Der Plan für diesen Film entstammt nicht den Büros des Propagandaministeriums oder des Reichsprotektors. Er war, vom Anfang bis zum Schluß, ein SS-Projekt. In den erhaltenen Archiven des Propagandaministeriums gibt es keinen Hinweis auf eine wie auch immer geartete Beteiligung an diesem Vorhaben. Das Ministerium hat den Film nicht angeordnet, nicht finanziert, nicht verbreitet, u. aller Wahrscheinlichkeit nach wurde es über dieses Projekt nicht einmal informiert.

Der Plan für einen solchen Propagandafilm entstand im Prager "Zentralamt zur Regelung der Judenfrage in Böhmen u. Mähren" (bis zum Aug. 1942 "Zentralstelle für jüd. Auswanderung"). Er war die Idee des SS-Sturmbannführers Hans Günther. Als Leiter dieses Amtes war er es, der die Aktualita beauftragte, in Th. zu drehen. Die Vorbehaltsklausel der Übereinkunft von 1941 erlaubte ihm, sowohl das Propagandaministerium als auch den Reichsprotektor zu umgehen u. direkt an die Aktualita heranzutreten. Günther ging persönlich zu Karel Pecený, dem Direktor der Aktualita, u. gab ihm die Order zu diesem Film. Er zwang außerdem Pecený u. alle an den Filmarbeiten Beteiligten, sich zur vollständigen Geheimhaltung zu verpflichten. Und sofern wir der Aussage des Lagerkommandanten Karl Rahm Glauben schenken können, handelte Günther sogar ohne vorherige Konsultation mit seinem direkten Vorgesetzten Eichmann. Darauf weist Rahms Aussage hin, daß der SS-Hauptsturmführer Möhs, Eichmanns Verbindungsoffizier zu Theresienstadt, über die Filmpläne nicht informiert gewesen sei u. sich überaus ärgerlich über Günther gezeigt habe, als er davon erfuhr.

Der vielleicht beste Beweis dafür, daß es Günther war, der den Film in Auftrag gab, ist die Tatsache, daß das Prager "Zentralamt" dafür zu bezahlen hatte. Aus den Geschäftsbüchern der Aktualita wissen wir, daß die Rechnungen für den Theresienstadtfilm ans "Zentralamt" gingen. Wir wissen sogar, was der Film kostete, nämlich 350.000 Tschech. Kronen, das waren 35.000 Reichsmark ---
Die meisten Forscher gehen davon aus, daß die Entscheidung, diesen Film zu machen, irgendwann nach der Inspektion durch das Rote Kreuz am 23.6.1944 gefallen sei, also zwischen dem 23.6. u. dem 16.8.1944, dem Tag, an dem die Dreharbeiten im Ghetto begannen. Allerdings scheint es fast sicher zu sein, daß Günther diesen Plan nicht erst Juni oder Juli 1944, sondern bereits anläßlich der Verschönerungsaktion im Dez. 1943 gefaßt hat ---
--- Was immer es mit den Geschichten von Himmlers Interesse an dem Film auf sich haben mag, der einzige verfügbare Beweis belegt lediglich, daß Himmler wenn überhaupt, dann erst während der letzten Wochen des Krieges von dem Film erfahren hat.

Der richtige Filmtitel
Wohl die spektakulärste aller Fehlannahmen über den Film betrifft seinen Titel. Der Theresienstadtfilm ist weltweit unter dem Titel DER FÜHRER SCHENKT DEN JUDEN EINE STADT bekannt. Viele Forscher haben auf den äußersten Zynismus dieses Titels hingewiesen u. dies zur Grundlage allgemeinerer Betrachtungen nicht allein der Nazipropaganda gemacht. Doch es war nicht der wirkliche Titel des Films. Ein solcher Titel findet sich nicht in den erhaltenen Papieren von Kurt Gerron, die eine kaum zu überschätzende Informationsquelle darstellen. Daß es diese Unterlagen gibt, bedarf einer Erklärung. Obwohl Gerron selbst in Auschwitz umkam, sind seine Filmpapiere erhalten. Sie beinhalten einen Entwurf des Filmes, wie er von Gerron geplant war, 2 Versionen eines Drehbuchs, 1 Aufstellung der vorgesehenen Dreharbeiten, 1 (manchmal auch 2) Tagesbericht an die SS-Kommandantur für jeden der 11 Drehtage mit detaillierten Listen der einzelnen von den Kameras aufgenommenen Einstellungen, einen Entwurf für den Kommentartext, einen Vorschlag für den Schnitt des Films, Notizen u. Mitteilungen von Gerron sowie Befehle des Lagerkommandanten Rahm an Gerron.

Nirgendwo in den Papieren Gerrons wird DER FÜHRER SCHENKT DEN JUDEN EINE STADT erwähnt. Es gibt jedoch andere Titel: Gerrons 2. Drehbuchentwurf trägt den Namen DIE JÜDISCHE SELBSTVERWALTUNG IN THERESIENSTADT. Später benutzte Gerron einen kürzeren Titel: der Film wird nun einfach THERESIENSTADT genannt. Einen gültigen Beweis allerdings konnte nur der fertige Film selbst liefern. Glücklicherweise finden sich unter den Fragmenten des Films, die vor einigen Jahren in Yad Vashem in Jerusalem aufgetaucht sind, genug Abschnitte aus der Titelsequenz, um eine abschließende Antwort geben zu können. Der Haupttitel des Nazi-Propagandafilms lautete THERESIENSTADT, aber es gab auch noch einen Untertitel: EIN DOKUMENTARFILM AUS DEM JÜDISCHEN SIEDLUNGSGEBIET.
--- Im ideologischen Kontext der Judenverfolgung durch die Nazis war es undenkbar, daß "der Führer" den Juden jemals irgend etwas "schenken" würde. Und selbst wenn die Vorstellung eines "Geschenks" die Propagandabotschaft des Films hätte sein sollen, wäre sie kaum derart personalisiert worden. Ein Nazipropagandist hätte niemals den Führer selbst in Verbindung mit etwas gebracht, das als Milde gegenüber den Juden aufgefaßt werden könnte.

Wenn aber DER FÜHRER SCHENKT DEN JUDEN EINE STADT nicht der wirkliche Titel des Films von 1944 war, woher stammt er dann? Die erste Spur taucht kurz nach Kriegsende auf. Am 7.7.1945 veröffentlichte eine holländische Jüdin, die gerade aus Theresienstadt zurückgekehrt war, Reine Friedmann-van der Heide, in einer holländischen Wochenzeitung ihren Augenzeugenbericht aus Theresienstadt. In ihrem Bericht wird der apokryphe Titel zum allerersten Mal erwähnt. Viele andere Erwähnungen folgen in Dutzenden von nach dem Krieg verfaßten Berichten von Überlebenden. Es erscheint als wahrscheinlich, daß der Titel von den jüd. Insassen selbst während der Dreharbeiten zum Film - mit deutlich ironischer Bedeutung - geprägt worden ist. Es ist ein weiteres Beispiel desselben schwarzen Humors, mit dem die Häftlinge viele andere Aspekte des Ghettolebens behandelten. Der Titel verbreitete sich schnell unter der Ghettobevölkerung u. fand schließlich, nach der Befreiung, seinen Weg in Berichte der Überlebenden. Die Vermutung, daß dieser Titel von den Häftlingen erfunden wurde, wird durch die Tatsache unterstützt, daß Berichte von Überlebenden zahlreiche Variationen des gleichen Titels enthalten, denen allen der gleiche bittere, ironische Unterton gemeinsam ist. Aus den Augenzeugenberichten fand der Titel seinen Weg in Geschichtsbücher u. sogar in den Gerichtssaal. Bei der Verhandlung von 1947 gegen Karl Rahm, den SS-Lagerkommandanten, unter dessen Oberaufsicht der Film gedreht worden war, wurde der Film anfänglich mit seinem richtigen Titel THERESIENSTADT erwähnt. Doch am Ende des Prozesses, nachdem jüdische Zeugen gehört u. Zeugenaussagen verlesen worden waren, wurde der selbe Film plötzlich DER FÜHRER SCHENKT DEN JUDEN EINE STADT genannt.

Die Rolle von Kurt Gerron
Die historische Forschung sowohl über den Film als auch über Theresienstadt bezeichnet Kurt Gerron als den "Regisseur" des Films. Filmographien erwähnen DER FÜHRER SCHENKT DEN JUDEN EINE STADT als den letzten Film Gerrons. Kurz, es scheint keinen Zweifel daran zu geben, daß der Film von Beginn bis zum Schluß ein Werk Gerrons gewesen sei. Auf den ersten Blick scheinen seine Aktivitäten tatsächlich die Annahme zu rechtfertigen, daß er die entscheidende kreative Instanz des Filmes war. Er bildete u. leitete die Filmabteilung im Ghetto, er schrieb das Drehbuch, er plante die Aufnahmen, gab Aufträge zur Einberufung der benötigten Statisten, benachrichtigte die Verantwortlichen der Ghettoselbstverwaltung, die zum Beispiel für die Post, die Landwirtschaft, die zentrale Wäscherei oder die Ghettobücherei zuständig waren, daß diese Orte als Drehorte vorgesehen seien u. dafür hergerichtet werden müßten. Die Berichte von Überlebenden beschreiben, wie Gerron als Regisseur umhergegangen sei, Statisten ermahnt habe, mehr Begeisterung zu zeigen, junge Leute dazu angehalten habe, in die Kamera zu lachen, u. Massenszenen dirigiert habe. Nachdem die Dreharbeiten abgeschlossen waren, schrieb er einen Vorschlag für den Filmschnitt.

Freilich bedarf es bei einer Filmproduktion mehr als eines in der Filmbranche erfahrenen Talents, auch wenn es sich um Häftlinge handelt. Als Gerron im späten Juli 1944 sein Drehbuch schrieb, war ein großer Teil der Vorarbeiten bereits getan. Die Entscheidung, den Film zu drehen, war bereits im Dez. 1943 gefallen. Zu dieser Zeit befahl die SS einem tschech. Insassen, Jindrich Weil (der vor dem Krieg als Drehbuchautor für tschech. Filmgesellschaften gearbeitet hatte), ein Drehbuch zu schreiben. Zwischen Dez. 1943 u. März 1944 verfaßte Weil tatsächlich einen Entwurf u. 2 versch. Drehbücher. Sogar mit den Aufnahmen hatte man schon begonnen: Am 20.1.1944 filmte ein Kamerateam der Aktualita die Ankunft eines Transportes aus Holland in Theresienstadt u. nahm eine Ansprache des Judenältesten Dr. Paul Eppstein auf. Doch dabei blieb es. Die Filmarbeiten wurden unterbrochen. Für die SS war die "Verschönerung" des Lagers von höherer Priorität als der Film; überdies gingen Günther u. Rahm gemeinsam davon aus, daß Theresienstadt etwas später eine weit überzeugendere Kulisse bieten würde: nach der Fassadenverschönerung u. im Sommer. Der Film wurde zeitweilig beiseite gelegt. All dies geschah noch bevor Gerron am 26.2.1944 im Lager ankam.

Als die Filmpläne im Juli wieder hervorgeholt wurden, übertrug Rahm, jetzt als Lagerkommandant, die Aufgabe an Gerron. Weil scheint daran nicht beteiligt gewesen zu sein; es gibt keinen Hinweis darauf, daß er ein Mitglied von Gerrons Filmabteilung war. Wie auch immer, klar scheint zu sein, daß Gerron Weils Vorarbeiten nicht nur kannte, sondern daß er sie auch als Grundlage seines eigenen Szenarios benutzte. Viele Ideen, die zuerst in Weils Entwürfen formuliert werden, tauchen in Gerrons Drehbuch wieder auf. Die Ähnlichkeiten lassen sich in der Auswahl der zu behandelnden Themen, in der Struktur der Handlung, in der Anlage der einzelnen Sequenzen u. sogar an der Art der Übergänge von einer Sequenz zur anderen feststellen.

In welchem Umfang Gerron tatsächlich als Regisseur, als "Spielleiter" des Filmes fungierte, bedarf ebenfalls einer neuen Beurteilung. Gerron arbeitete unter der direkten u. strikten Aufsicht der SS: Augenzeugen sagen aus, daß Gerron ständig von SS-Aufsehern beobachtet wurde, die ihm überall hin gefolgt seien, ihm über die Schulter geschaut hätten u. überprüft hätten, wo u. wie er seine Kameras aufstellte. Bei vielen Gelegenheiten waren Rahm selbst, u. manchmal sogar Günther, der aus Prag angereist war, am Drehort anwesend u. überwachten die Szenen, die gefilmt werden sollten. Durch Gerrons Tagesberichte u. detaillierte Aufnahmeprotokolle war Rahm ständig im einzelnen informiert. Sein besonderes Anliegen war es, die international bekannten "Prominenten" im Film zu zeigen. Gerrons Unterlagen enthalten schriftliche Befehle, mehr Aufnahmen von diesen Häftlingen einzufügen, u. Berichte von Gerron, in denen er aufzählt, welche Prominente er bis dahin aufgenommen hat.

Es gibt überzeugende Hinweise, daß Gerron nicht bis zum Schluß der Regisseur des Filmes blieb. Für die Dreharbeiten im Aug. u. Sept. kam ein Aufnahmeteam unter der Leitung des Aktualita-Direktors Karel Pecený nach Theresienstadt, um die eigentlichen Aufnahmen zu machen. Etwa nach der Hälfte der 11 Tage hat Pecený - selber kein Häftling, kein Jude, ein Tscheche - praktisch die Regie übernommen. Obwohl Gerron nach wie vor anwesend war, wann immer die Kameras liefen, u. er für die Produktion, die Herrichtung der Drehorte, den Einsatz von Darstellern u. Statisten verantwortlich blieb, war er de facto zum Regieassistenten degradiert worden. Pecený hat dies in dem Verfahren, das nach dem Krieg gegen ihn eröffnet wurde, zugestanden (obwohl er jeden Grund gehabt hätte, es abzustreiten oder zu verschweigen, denn der Theresienstadtfilm war ein Teil der gegen ihn erhobenen Anklage wegen Kollaboration).

Ein anderer Umstand darf nicht übersehen werden. Gerron konnte den Theresienstadtfilm nicht vollenden. Er wurde am 28.10.1944 nach Auschwitz deportiert .. lange bevor der Film fertig war. Gerron sah niemals irgendwelche Muster. Der Film wurde von Ivan Fric, einem Angestellten der Aktualita, der als einer der beiden Kameramänner in Theresienstadt gewesen war, geschnitten u. mit Ton unterlegt. Fric benutzte weder Gerrons Vorschlag für den Filmschnitt noch irgendeines seiner Drehbücher. Statt dessen schnitt er den Film so, wie er es mit der Wochenschau oder mit einem beliebigen Dokumentarkurzfilm machte: improvisiert, nach einigen groben Notizen, die er beim Sehen der Muster gemacht hatte. Außerdem arbeitete Fric unter der ständigen Aufsicht der Gestapo, die nach Belieben in den Schnitt eingriff. Die Schlußsequenz des Filmes mußte Fric 3x von neuem schneiden, bevor Günther damit zufrieden war. Der fertige Film unterschied sich in seiner Struktur erheblich von Gerrons Vorstellungen, u. er zeigte wenig Ähnlichkeit mit Gerrons ursprünglichem Drehbuchentwurf oder seinem Vorschlag für den Filmschnitt.

Das gleiche gilt für den Ton des fertigen Films. Ein Teil der Musik, die in dem Film verwendet wurde, war unter Gerrons Leitung (oder zumindest in seiner Anwesenheit) im Aug. u. Sept. 1944 aufgenommen worden, beispielsweise das von Karel Ancerl dirigierte Orchester oder die Jazzband "Ghetto-Swingers" u. die Kinderoper Brundibar. Gerron hat auch noch die Vorbereitungen getroffen, um weitere Stücke als Hintergrundmusik aufzuzeichnen. Doch als er deportiert wurde, waren diese Aufnahmen noch nicht gemacht. Tatsächlich wurde die Filmmusik erst März 1945 vervollständigt, als ein Tonaufnahmeteam der Aktualita eigens dafür nach Theresienstadt kam. Die Stücke, die dann aufgenommen wurden - sie stammen alle von jüd. Komponisten -, waren nicht von Gerron, sondern von einem anderen Häftling ausgewählt worden, nämlich von Peter Deutsch, einem dänischen Komponisten, der vor dem Krieg viele Partituren für Filmmusik geschrieben hatte. Deutsch dirigierte auch das Orchester bei den Tonaufnahmen. Alles in allem läßt sich also feststellen, daß Gerron zwar bei weitem der wichtigste an dem Film beteiligte jüd. Häftling war, daß aber auch andere Personen das Endergebnis beeinflußt haben. Deshalb ist es nur teilweise richtig, den Theresienstadtfilm als ein Werk Gerrons zu bezeichnen.

Die Filmskizzen von Jo Spier
Während der Dreharbeiten fertigte der holländische Maler u. Zeichner Jo Spier, ein Theresienstadthäftling u. einer von Gerrons Mitarbeitern, Hunderte von kleinen Skizzen der Filmszenen an. Einige Forscher vermuteten, diese hätten zur Illustration von Gerrons Drehbuch gedient; daß sie eine visuelle Darstellung seien, gemacht vor den eigentlichen Aufnahmen, eine Art "story board", wie man heute sagen würde, das dazu diente, schon im Vorfeld der Produktion den an dem Film Beteiligten eine Vorstellung davon zu geben, wie er aussehen würde.

Tatsächlich aber wurden die Skizzen von Spier nicht vor, sondern während der Dreharbeiten gezeichnet. Spier folgte den Kameramännern, u. wo immer die Kamera für eine neue Einstellung aufgestellt wurde, schaute er buchstäblich durch den Sucher. Danach machte er seine Zeichnungen. Die Skizzen zeigen, was die Kamera sah. Diese Skizzen sind eine Art visuelles Logbuch der bereits gedrehten Szenen u. aufgrund des detailgetreuen u. präzisen Zeichenstils von Spier ein akkurates obendrein. Für die Rekonstruktion des Films sind sie eine unschätzbare primäre Quelle.

Für welches Publikum war der Film gedacht?
Es wird weithin angenommen, daß der Theresienstadtfilm in Deutschland gezeigt werden sollte. Das aber ist nicht der Fall. Günther produzierte den Film ausschließlich für Zuschauer im Ausland. Ein Publikum, das seit Jahren einer aggressiven antijüdischen Propaganda ausgesetzt war, darunter Filme wie DER EWIGE JUDE (1940) oder JUD SÜSS (1940), wäre durch einen Film, der Juden weniger verzerrt darstellt, nur verwirrt worden. Nach Vorstellung der SS sollte der Film im Ausland verbreitet werden, u. zwar an Organisationen oder Institutionen wie das Internat. Rote Kreuz oder den Vatikan u. an neutrale Länder wie Schweden oder die Schweiz. Nur im Ausland, wenn überhaupt, konnte der Film einem begreiflichen Zweck dienen u. die ihm zugedachte Aufgabe erfüllen.

Viele Forscher gehen davon aus, daß der Theresienstadtfilm niemals in fertiger Form oder überhaupt niemals zur Aufführung gelangte. Tatsächlich gibt es mindest. 4 belegte Aufführungen des fertiggestellten Films. Die erste fand Ende März oder Anf. April 1945 statt, u. zwar im Czernin-Palast in Prag, dem Sitz des Deutschen Staatsministers im Reichsprotektorat, Karl Herrmann Frank, u. war eine private Vorführung für Frank u. eine ausgewählte Gruppe SS-Offiziere. Günther u. Rahm waren ebenfalls anwesend.

Die anderen 3 Vorführungen, in Theresienstadt selbst, galten Repräsentanten ausländischer Organisationen, die mit den Nazis über die Rettung von KZ-Häftlingen verhandelten. Am 6.4.1945 wurde der Film 2 Delegierten des Internat. Roten Kreuzes gezeigt, Dr. Otto Lehner u. Paul Dunant, die nach Theresienstadt gekommen waren, um über einen Plan zu verhandeln, der vorsah, das Lager unter den Schutz des Roten Kreuzes zu stellen. Sie wurden von einem Schweizer Diplomaten begleitet, einem Herrn Buchmüller, der den Film ebenfalls sah. Außerdem waren der SS-Standartenführer Erwin Weinmann, der Befehlshaber der Sicherheitspolizei u. des SD des Protektorats, u. 2 Funktionäre des Auswärtigen Amtes, der Legationsrat Eberhard von Thadden u. der Gesandte Erich von Luckwald, anwesend.

Am 16.4.1945 wurde der Film einem Schweizer Staatsbürger gezeigt, Benoît Musy. Musy war der Sohn von Jean-Marie Musy, einem ehem. Schweizer Bundespräsidenten u. Leiter einer Gruppe, die seit Herbst 1944 mit Himmler über die Freilassung jüdischer Häftlinge in die Schweiz verhandelte. Der junge Musy war im Rahmen einiger von Himmler genehmigten Besuche versch. KZ - Buchenwald, Theresienstadt, Ravensbrück - nach Theresienstadt gekommen, um Himmlers Behauptung, daß die Deportationen gestoppt worden seien, zu bestätigen. Musy wurde von dem SS-Obersturmführer Franz Göring begleitet, der den Film mit ihm zusammen sah.

Ebenfalls am 16.4.1945, aber nach Musys Abreise, wurde der Film erneut gezeigt, diesmal für Rezsö Kasztner, einem Repräsentanten des "Jüdischen Rettungskomitees von Budapest", der von 2 Offizieren aus Eichmanns Stab, dem SS-Obersturmbannführer Hermann Krumey u. dem SS-Hauptsturmführer Otto Hunsche, ins Ghetto begleitet worden war. Eichmann hatte Kasztner nach Theresienstadt geschickt .. Bei der Aufführung waren Hans Günther, sein Stellvertreter, der SS-Sturmbannführer Gerhard Günel, sowie Karl Rahm anwesend. Auch der Judenälteste des Ghettos, Benjamin Murmelstein, durfte den Film bei dieser Gelegenheit sehen.

Diese Vorführungen vor ausländischen Besuchern entsprachen dem Publikum, für das die SS den Film vorgesehen hatte. Überraschend aber ist, daß sie alle in Theresienstadt stattfanden. Doch dies ist weniger befremdlich, als es auf den ersten Blick scheint. Es gibt deutliche Hinweise darauf, daß die SS, als sie Dez. 1943 mit dem Projekt begann, darauf hoffte, daß es bis zur bevorstehenden Rot-Kreuz-Inspektion abgeschlossen sein würde u. sie den Film am 23. Juni den schweizerischen u. dänischen Delegierten würden vorführen können. Aus Sicht der SS würden die Ansicht des Films u. des realen Lagers (nach der Verschönerung) ihre gegenseitige Glaubwürdigkeit unterstreichen.

Die SS hatte außerdem auf die Möglichkeit gehofft, den Film im Ausland zu verbreiten, hatte aber keine klare Vorstellung davon, wie dies geschehen sollte. Als der Film am 28.3.1945 fertiggestellt war, hatten die deutschen Stellen schon nicht mehr die Mittel u. Verbindungen, um den Film im Ausland zu verbreiten. Wenn dem aber so war, so waren die Aufführungen in Theresienstadt eine in letzter Minute improvisierte Lösung.

Der Film übte weder auf die Ansichten der ausländischen Besucher, die ihn sahen, noch auf die öffentliche Meinung außerhalb Deutschlands irgendeine Wirkung aus ---
Abschließend noch ein Wort zur Authentizität des Theresienstadtfilms. Historiker haben generell den gestellten Charakter des Films überschätzt (und Überlebende haben dieses Bild kaum korrigiert). Damit ist nicht gesagt, daß der Film nicht betrügerisch wäre. Zweifellos ist der Film als Ganzes - die schließliche Mischung von gefilmten Bildern, Musik u. Kommentar - ein Stück Propaganda. Doch die visuelle Authentizität des Films ist weitaus größer, als man gemeinhin annimmt. Viele der Dinge, die er zeigt, gab es in Theresienstadt tatsächlich, oder sie waren ein Teil des täglichen Lebens der Gefangenen, nicht nur 1944, sondern schon zuvor. Eine Reihe von Szenen wurden an Orten aufgenommen, die nicht "verschönert" worden waren. Sogar der Kommentar .. enthält Elemente, die der Wirklichkeit entsprechen ---

Theresienstadt: Eine Rekonstruktion des Filmes
Irrtümer über diesen Propagandafilm sind wenig verwunderlich, denn nach dem Krieg war der Film verschwunden. Berichte von Überlebenden beschrieben zwar, was aufgenommen worden war, jedoch nicht, was der fertiggestellte Film enthielt. Eine vollständige Kopie wurde niemals aufgefunden. Die Struktur der Filmhandlung ergibt sich aus einem Dokument, das bei der Produktion zur Auswahl der Filmmusik diente. Es führt - bis auf 5 - alle Filmsequenzen in der Reihenfolge auf, in der sie in der Endfassung erschienen, sowie die Länge einer jeden Sequenz in Metern u. Sekunden. Die 5 fehlenden Sequenzen sind diejenigen Passagen, die mit Live-Ton unterlegt waren, für die also keine Filmmusik benötigt wurde. Obwohl dies nicht schriftlich vermerkt ist, sind alle diese Sequenzen durch gestrichelte Linien angezeigt. Bei dieser Ausgangslage war es relativ einfach, die Liste zu vervollständigen, zumal die erhaltenen Filmfragmente, die Aussagen des Cutters Ivan Fric u. die Gerron-Papiere genügend zusätzliche Informationen enthielten, um den Ort der Originalton-Fragmente zu bestimmen.

Um eine visuelle Vorstellung der Szenen u. Sequenzen zu erhalten, können wir uns auf 3 versch. Arten von Bildmaterial stützen: Filmstreifen (d.h. Filmteile, die lang genug sind für eine Projektion), Vergrößerungen einzelner Filmbilder sowie die Skizzen von Jo Spier. Zu den wichtigsten Filmstreifen gehört zum einen das 15minütige Fragment, das 1964 in der Tschechoslowakei wieder aufgetaucht war u. das, wie wir jetzt wissen, den Schlußteil des Films darstellt. Es zeigt, teilweise oder vollständig, 12 der insges. 38 Sequenzen des Filmes. In diese Kategorie gehören außerdem auch einige der 1987 im Archiv von Yad Vashem in Israel aufgefundenen 24 Fragmente. Es hat sich als möglich erwiesen, diese 24 Fragmente zu 5 mehr oder weniger vollständigen Streifen zusammenzufügen, die Szenen unterschiedlicher Länge zwischen wenigen Sekunden bis zu über 2 Minuten ergeben. Diese 5 Stücke zeigen ganz oder in Teilen (zuweilen bloß in Partikeln) 7 versch. Sequenzen aus der 1. Hälfte des Films. Zusammen machen sie etwa 7 Minuten u. 30 Sekunden Laufzeit aus.

Die 2. Kategorie besteht ebenfalls aus authentischen Teilen des Filmes, die jedoch aus zu wenigen Bildfeldern bestehen, um einen bewegten Bildablauf wiedergeben zu können. Dazu gehört der größere Teil der in Yad Vashem aufgefundenen, einige Dutzend zählenden Fragmente. Die meisten von ihnen sind gerade 4 oder 5 Felder lang, einige bestehen aus nur 1 Feld. Obwohl sie untauglich für die Vorführung sind, ergeben sie doch taugliche Einzelbildvergrößerungen. Sie zeigen Szenen aus 15 versch. Sequenzen des Films, viele davon vorher unbekannt: in 5 Fällen ergänzen sie Sequenzen, die nur teilweise als Filmstreifen vorhanden waren, u. für nicht weniger als 11 Filmsequenzen sind sie die einzigen überhaupt erhaltenen Bilder.

Die 3. Kategorie bilden die Drehskizzen von Jo Spier. Sie bieten eine Grundlage, um Lücken innerhalb der laufenden Szenen u. der Einzelbilder zu füllen. Die Skizzen Spiers liefern uns 332 Zeichnungen zu 32 der 38 Sequenzen des Films. In 15 Fällen liefern sie zusätzliche Bilder von Sequenzen - zum Teil in großem Umfang -, die als Film nur teilweise erhalten sind; in 7 Fällen geben sie Sequenzen wieder, aus denen kein einziges Filmfeld erhalten ist.

Zusammengenommen ergeben die erhaltenen Filmfragmente u. die Skizzen von Spier eine sehr gute visuelle Vorstellung nahezu aller Szenen der 38 Filmsequenzen. Tatsächlich gibt es nur 2 Filmszenen, von denen gar keine Bilder erhalten sind: die eine zeigt eine Sitzung des Ghetto-Gerichts in Sequenz 11, die andere eine Szene im Speisesaal in Sequenz 21. Aus allen anderen Teilen des Films gibt es entweder fortlaufende Filmstreifen, Einzelbilder oder die Skizzen von Spier, oder auch eine Kombination daraus, die uns eine Vorstellung des Films vermitteln können.

Die hier folgende schriftliche Rekonstruktion des fertigen Films wurde aus allen zugänglichen Quellen zusammengestellt. Die Sequenzen u. Szenen werden dabei in der richtigen Reihenfolge aufgeführt, also genau so, wie sie in dem fertigen Film THERESIENSTADT erschienen. Die Namen von "Prominenten" werden bei den Sequenzen (in Klammern) aufgeführt, in denen sie gezeigt wurden.

   Titelsequenz: Der von Karel Fischer geleitete Chor singt Mendelssohns Elias (unter den Zuschauern: Jo Spier u. Gräfin Görtz aus Holland)
   Theresienstadt: seine Entstehungsgeschichte, illustriert durch Zeichnungen von Spier; Blick über die damalige Stadt
   Stadtplatz mit Jazzband in einem Musikpavillon, die Zuhörer stehen oder sitzen auf Parkbänken
   Terrasse mit Sonnenschirmen, Kellnerinnen servieren Limonade, Leute spazieren in dem sich anschließenden Garten auf und ab (Prominente: der "Judenälteste" u. frühere Berliner Universitätsprofessor Paul Eppstein; die früheren tschech. Minister Alfred Meissner u. Georg Gradnauer; der franz. Minister Léon Meyer; der österr. Feldmarschall Johann Friedländer u. Generalmajor Emil Sommer; der dänische Oberrabbiner Max Friediger u. Frau Clara v. Schultz, die Witwe eines dänischen Flotten-Kommandeurs)
   Kaffeehaus: abendliche Stimmung mit Musik u. Tanz
   Freizeit auf den Stadtwällen: Leute genießen den Blick auf die ländliche Umgebung; sonnenbadende Mädchen; alte Männer spielen Schach
   Sport auf einer der Basteien: Leichtathletik der Männer, Frauen spielen Handball
   Theater: Bühnenszenen aus Offenbachs Hoffmanns Erzählungen u. aus dem jiddischen Stück In mitt'n Weg (im Publikum: Frau Julie Salinger, Opernsängerin aus Hamburg)
   Diese ersten 8 Sequenzen bestimmen die Tendenz des gesamten Films. Alle bisherigen Szenen zeigen Unterhaltung, Amüsement, Sport u.a. Freizeitbeschäftigungen. Theresienstadt wird als eine Art Ferienort präsentiert. Im weiteren zeigt der Film, wie gut die Einrichtungen der Stadt organisiert sind:
   Der Stadtplatz am Beginn eines Werktages: Gruppen singender Männer u. Frauen mit geschulterten Spaten u. Rechen marschieren singend zur Arbeit
   Die jüdische Selbstverwaltung: eine Sitzung des Ältestenrates, die Ältesten hören einer Rede des Judenältesten Paul Eppstein zu
   Gericht der jüdischen Selbstverwaltung: eine Gerichtsverhandlung
   Die Bank der jüdischen Selbstverwaltung: Geschäfte an den Bankschaltern, der Banktresor
   Läden: Leute warten auf die Öffnung der Geschäfte, Kunden in einem Herrenbekleidungsgeschäft
   Postamt: Leute, die Pakete aus vielen versch. Ländern abholen; ein Paket wird in der Unterkunft eines Ehepaares ausgepackt
   Gesundheitswesen: Szenen aus den Ambulanzen, aus dem zentralen Krankenhaus; eine Operation; ein Krankenzimmer; Patienten sonnen sich im Garten der Klinik; das Kindererholungsheim; Kinder, die Weißbrot u. Obst essen
   Kinder auf dem Spielplatz im Stadtpark, im nahegelegenen Kinderpavillon, im Gebäude des Kindergartens, die Kinder spielen, trinken Milch u. Limonade
   Das Theater: auf der Bühne die Kinderoper Brundibar (Schlußszene)
   Die Feuerwehr der jüdischen Selbstverwaltung: Feueralarm, der Löschwagen verläßt die Feuerwehrstation, die Feuerwehrmänner löschen ein Feuer
   Eisenbahnbau: Gleisarbeiter reparieren einen Schienenabschnitt.
   Landwirtschaft: (a) Gärtnerei außerhalb der Stadt: Gemüse u. Kartoffeln, Seidenraupenzucht; (b) Enten- u. Geflügelhaltung; (c) Ernte, eine Dreschmaschine bei der Arbeit; (d) das Wirtschaften auf dem Ackerland
   Verpflegung: in einer Zentralküche wird das Essen zubereitet, Essenausgabe auf Lebensmittelkarten, essende Leute im gemeinsamen Speisesaal
   Freilichtvarieté auf einer Wiese außerhalb der Ghettomauern: es treten auf eine Tänzerin, ein Musikduo (Akkordeon u. Violine), ein deutsches Kabarett-Trio, eine Sängerin sowie Gerron selbst (Prominente im Publikum: Dr. Rolf Grabower aus Berlin; Phillip Kozower von der jüdischen Kulturgemeinde aus Berlin; Frau Franzi Schneidhuber, Witwe eines SA-Obergruppenführers aus München; Frau Elly von Bleichröder; Frau von Hennicke; der österr. Oberst a. D. Leon Neuberger).
   Schwimmen im Flußbad der Eger
   Zentrale Wäscherei
   Maschinentischlerei in einer früheren Reitschule: das Sägen von Holz, die Herstellung von Brettern u. von Bauteilen für Holzbaracken
   Werkstatt eines Huf- u. Wagenschmieds: ein Schmied beschlägt einen Ochsen
   Metallwerkstätten: Schmiede, Schweißer u. Schlosser bei der Arbeit
   Töpferei: ein Bildhauer (Professor Rudolf Saudek aus Leipzig) bei der Arbeit
   Herstellungs- u. Reparaturwerkstätten in hölzernen Baracken außerhalb der Stadt, Produktion "für das allgemeine Wohl der Bevölkerung": Schneider, Näherinnen u. Schuhmacher bei der Arbeit, Herstellung von Handtaschen u. Geldbörsen
   Fußballspiel im Hof der "Dresdner Kaserne"
   Zentralbad
   Zentralbücherei (anwesend: Richter Heinrich Klang u. Dr. Desider Friedmann aus Wien, Prof. David Cohen aus Amsterdam, Prof. Ernst Kantorowicz aus Frankfurt)
   Vortrag eines Universitätsprofessors (Prof. Emil Utitz aus Wien); (unter den Zuhörern: Rabbiner Dr. Leo Baeck, Prof. Hermann Strauss, Dr. Otto Stargardt u. Dr. jur. Alexander Cohn aus Berlin; Prof. Alfred Philippson aus Bonn; Prof. Alfred Klein aus Jena; Prof. Klang u. Rabbiner Benjamin Murmelstein aus Wien; die Professoren Artur Stein, Leo Taussig u. Maximilian Adler aus Prag; Franzi Schneidhuber u. Elly v. Bleichröder)
   Konzert: das Orchester wird von Karel Ancerl dirigiert (im Publikum: Dr. Ernst Rosenthal von der jüd. Kulturgemeinde aus Berlin; auch aus Berlin Dr. Fritz Gutmann, Dr. Julius Moritz, Theaterdirektor Karl Meinhard u. Bankier Karl Löwenstein; Dr. Leo Löwenstein aus Aachen; Professor Saudek aus Leipzig; Dr. Heinrich Gans u. Dr. Heinrich Dessauer, Wien; der Industrielle Ove Meyer, Morits u. Melanie Oppenhejm aus Kopenhagen; Dr. Franz Kahn u. Robert Mandler von der Prager jüd. Kultusgemeinde; der Leiter der Chirurgie im Ghetto, Dr. Erich Springer; Elisabeth Czech, die Witwe eines früheren tschech. Ministers; die Komponisten Hans Krasa aus Prag u. Pavel Haas aus Brno)
   Schrebergärten am Festungsgraben unterhalb der Stadtmauer
   Abendliche Freizeit: Leute erholen sich außerhalb von Holzbaracken, Szenen aus den Gemeinschaftsunterkünften
   Abendessen einer Familie (um den Tisch sitzen: Prof. Cohen u. Frau Cohen aus Amsterdam; Herr u. Frau Kozower u. Kinder aus Berlin)
   Schlußmontage.

In seiner fertigen Fassung hatte der Film eine Länge von 2400 bis 2500 Metern und dauerte etwa 90 Minuten. Auf Befehl der SS bestand die Filmmusik fast ausschließlich aus Stücken von jüdischen Komponisten, darunter Mendelssohn, Sekunda, Dauber, Offenbach, Krasa und Haas.

(Aus dem Amerikanischen übersetzt von Anne-Luise Knetsch)
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Sammel-, Durchgangslager , Altersghetto

Beitrag von Dissident am Fr März 31, 2017 5:55 pm

https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Theresienstadt  Sammel- u. Durchgangslager für die tschechischen Juden
Um in Theresienstadt Platz für die deportierten Juden zu machen, wurden als erstes die deutschen Soldaten aus den Kasernen der Garnisonsstadt abgezogen. Am 24.11.1941 kamen die ersten tschech. Juden mit dem sogen. „Aufbaukommando“ aus Prag. Sie hatten die Aufgabe, die Garnisonsstadt an die Nutzung als Lager anzupassen u. einen „Judenrat“ zu schaffen. Ein Mitglied dieses Kommandos war ein junger tschech. Student, Miroslav Kárný, der Theresienstadt überlebt u. später durch seine Studien u. Veröffentlichungen dazu beigetragen hat, das Bild über das Th. KZ zu präzisieren.

Nachdem das Aufbaukommando seine Aufgabe erfüllt hatte, wuchs die Zahl der nach Theresienstadt deportierten Juden aus dem Gebiet des Protektorats rasch an --- Mai 1942 waren fast ein Drittel der im Reichsprotektorat lebenden Juden, mehr als 28.000 Menschen, nach Theresienstadt deportiert worden. Die Züge liefen über den 2 km südlich gelegenen Bahnhof von Bohušovice (dt.: Bauschowitz).

Der erste „Transport in den Osten“ von 1000 Häftlingen fand am 9.1.1942 statt. Diesen u. alle weiteren Transporte ordnete die SS-Lagerkommandantur auf Weisung aus Berlin an. Darin waren die Richtlinien hinsichtlich Zahl u. Kategorie der Häftlinge enthalten. Die Auswahl der Häftlinge, die weiter in den Osten deportiert werden sollten, musste im Rahmen dieser Bestimmungen die „jüdische Selbstverwaltung“ treffen.

„Altersghetto“ für ausgesuchte deutsche Juden
Die erste Erwähnung der Idee, daß aus Th. neben dem Sammel- u. Durchgangslager für Juden aus Böhmen u. Mähren auch ein Lager für ausgesuchte deutsche Juden werden sollte, ist in einer Tagebucheintragung von Goebbels vom 18.11.1941 zu sehen. Darin heißt es: „Heydrich berichtete mir über seine Absichten bezüglich der Abschiebung der Juden aus dem Reichsgebiet. Die Frage läßt sich schwieriger an als wir zuerst vermutet hatten. 15.000 Juden müssen sowieso in Berlin bleiben, da sie bei kriegswichtigen und gefährlichen Arbeiten beschäftigt sind. Auch eine Reihe von alten Juden können nicht mehr nach dem Osten abgeschoben werden. Für sie soll ein Judenghetto in einer kleinen Stadt im Protektorat eingerichtet werden.“
--- Außerdem wurde beschlossen, daß neben alten Juden auch schwerkriegsbeschädigte Juden u. Juden mit Kriegsauszeichnungen in Theresienstadt untergebracht werden sollten. Diesen Juden wurden Heimeinkaufsverträge angeboten, in denen ihnen angemessene Unterbringung, Verpflegung u. ärztliche Versorgung zugesichert wurden ---
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Häftlingszahlen

Beitrag von Dissident am Mo Apr 03, 2017 5:59 pm

https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Theresienstadt Mehr als 140.000 Gefangene

Die Gesamtzahl der Männer, Frauen u. Kinder, die ins Theresienstädter Ghetto bis April 1945 deportiert wurden, betrug etwa 141.000, darunter 70.000 alte Menschen u. 15.000 Kinder. Während der letzten Kriegstage trafen noch einmal 13.000 weitere Gefangene ein, die aus liquidierten KZ in Deutschland u. Polen nach Theresienstadt deportiert worden waren.

Die Zahl der Betroffenen gliedert sich folgendermaßen:
Böhmen und Mähren - - - 73.500
Deutsches Reich - - - - - - 42.821
Österreich - - - - - - - - - 15.266
Niederlande - - - - - - - - - 4.894
Slowakei - - - - - - - - - - -1.447
Bialystok (Kinder) - - - - - 1.260
Ungarn - - - - - - - - - - - 1.150
Dänemark - - - - - - - - - - 476
Sonstige - - - - - - - - - - - - 20
Geburten + unbeständige Zugänge - - - 247
Gesamt - - - - - - - - - - 141.184
- - -
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Kinder u. Waisenkinder in Theresienstadt

Beitrag von Dissident am Di Apr 04, 2017 8:49 am

https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Theresienstadt  Kinder in Theresienstadt
Unter den Häftlingen in Th. befanden sich etwa 15.000 Kinder, die in sogen. „Kinderheimen“ nach Geschlechtern u. Jahrgängen getrennt untergebracht wurden. Die Häftlingsselbstverwaltung versuchte, besonders für sie zu sorgen. Die Kinder erhielten zulasten der Überlebenschancen der älteren Menschen eine etwas bessere Verpflegung sowie einen geheimen Unterricht von ihren Betreuern (auch madrichim genannt).

Die 1938 komponierte u. 1941 im jüd. Kinderheim in Prag uraufgeführte Kinderoper in 2 Akten von Hans Krása (Komponist) u. Adolf Hoffmeister (Librettist) Brundibár wurde nach der Deportation Hans Krásas 1942 ins KZ u. der Neunotation dort 55x gespielt. Sie konnte den mitspielenden Kindern ein Stück Normalität u. Freude bieten .. Die Wienerin Greta Klingsberg spielte die Hauptrolle der Aninka ..

Im ehem. Kinderheim L417, das zuvor als Schule diente u. in dem vor allem Knaben im Alter von 10-15 Jahren inhaftiert wurden, befindet sich seit 1991 das Ghetto-Museum ---

http://www.ghetto-theresienstadt.info/pages/w/waisenkinder.htm  Waisenkinder

Sommer 1943 kam eine Gruppe jüd. Kinder nach Bergen-Belsen. Laut SS sollten sie als Geiseln für den Fall eines Austausches dienen. Manche hatten Väter, die als französ. Kriegsgefangene in Deutschland lebten, andere angeblich Verwandte im Westen. Eine Gruppe von Waisen war eigentlich für das Ghetto Theresienstadt bestimmt, gelangte jedoch nach Bergen-Belsen. Bis auf 20 von ihnen wurde die Gruppe im Januar 1944 nach Theresienstadt gebracht u. im Mai von dort aus nach Auschwitz.

Sept. 1944 kam der letzte Transport aus Westerbork nach Bergen-Belsen. In diesem Transport war eine Gruppe Kleinkinder, die als „anonym“ bezeichnet wurden. Sie trugen am Hals ein Schildchen mit Geburtsdatum u. den wahrscheinlichen Rufnamen. Nach 2 Monaten wurden sie ins Ghetto Theresienstadt gebracht, .. beinahe alle überlebten

http://www.ghetto-theresienstadt.info/pages/r/rathausgasse.htm#l318 --- L 318 Kleinkinderheim
Links neben dem Rathaus war im Objekt L 318 ein Heim für Kleinkinder untergebracht, das wie ein Kindergarten arbeitete. Kleinkinder im Vorschulalter u. Kinder im frühen Schulalter kamen morgens hierher, um abends zu ihren Müttern zurückzukehren. In diesem Objekt war eine Kinderküche u. eine Bäckerei installiert, in der auch für andere Jugendheime gekocht u. gebacken wurde. In einem der größeren Räume dieses Objektes wurde Theater gespielt ---


Zuletzt von Dissident am Mi Apr 19, 2017 3:33 pm bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet
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Kulturelle Aktivitäten

Beitrag von Dissident am Di Apr 04, 2017 8:56 am

https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Theresienstadt  Kulturelle Aktivitäten
Im Lager fanden zahlreiche u. umfangreiche kulturelle, sportliche, religiöse, philosophische Aktivitäten statt, die von den Häftlingen getragen wurden. Mehr als 2000 bereits damals bekannte oder erst später bekannt gewordene Gefangene wirkten daran mit u. hoben das dortige kulturelle Geschehen auf ein hohes Niveau. Dazu gehörte auch eine sogen. Universität Theresienstadt, bei der Häftlinge in Selbstorganisation an „Kameradschaftsabenden“ Vorlesungen für alle Gefangenen abhielten. Unter den selbsternannten Lektoren befanden sich bedeutende Personen, wie Leo Baeck, Viktor Frankl oder Desider Friedmann, um nur einige zu nennen. Die SS-Kommandantur ließ der jüd. Selbstverwaltung auf diesem Gebiet meistens freie Hand, da diese die kulturelle Vielfalt für ihre Propagandazwecke missbrauchen konnten u. das kulturelle Leben der Gefangenen als Ventil verstanden wurde, um die Ruhe u. Ordnung im Lager aufrechtzuerhalten. Dennoch wurden einige Werke nicht aufgeführt, da die Autoren sich offensichtlich über ihre Peiniger lächerlich machten, wie z.B. in der Oper "Der Kaiser von Atlantis" von Viktor Ullmann u. Peter Kien. Neben den kulturellen Veranstaltungen wurde eine Bibliothek eingerichtet, die eine große Ansammlung an Büchern, welche von den Gefangenen selbst mitgebracht wurden, enthielt.
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Prominente

Beitrag von Dissident am Di Apr 04, 2017 10:24 am

http://www.ghetto-theresienstadt.de/pages/p/prominente.htm  Prominente

In Th. gab es Personen, die den Status des „Prominenten“ erhielten. Dabei wurde zwischen „Prominenten A“ und „Prominenten B“ unterschieden.
Die „Prominenten A“ hatten diesen Status wahrscheinlich schon vor ihrem Eintreffen in Th. Es waren Inhaber hoher Auszeichnungen aus dem 1.Weltkrieg, Personen, die z.B. mit dem bayr. Königshaus verwandt oder mit Berühmtheiten befreundet waren, Wissenschaftler, Unternehmer, Künstler oder auch Frauen, die einstmals mit NS-Größen verheiratet gewesen waren oder Personen, die nahe Verwandte in gehobenen Positionen des Parteiapparates hatten. Anfang 1944 lebten 94 "Prominente A" in Theresienstadt, wovon 6 eines "natürlichen" Todes starben --- Insges. überlebten trotz ihres oft hohen Alters 79 "Prominente A", das sind 84% ---

Die Kommandantur bestimmte den Status u. führte eine Liste der „Prominenten A“, die in einer Abschrift der „Raumwirtschaft“ vom dänischen Häftling Ralph Oppenhejm gerettet u. später veröffentlicht werden konnte. Für den Status des „Prominenten B“ konnte jemand aber auch vom Ältestenrat der Kommandantur vorgeschlagen werden.
Als nach der Befreiung des Ghettos die Bestände der Ghettobücherei für den Abtransport nach Prag eingepackt wurden, fand die Hamburgerin Käthe Starke die Blätter des Prominentenalbums der Jüd. Selbstverwaltung; sie hatten sich bei den von der SS bei der Flucht hinterlassenen Büchern u. Akten befunden. Dies Prominentenalbum ist heute Bestandteil der Sammlung 'Das Theresienstadt-Konvolut'. Die Namen dieser Kartei stimmen zum großen Teil mit denen auf der von Oppenhejm geretteten Liste überein. Beim Album der Selbstverwaltung scheinen sowohl „Prominente A“ als auch „Prominente B“ aufgenommen zu sein.
Ruth Bondy erstellte außerdem eine Liste mit 148 Namen auf der Grundlage einer Aktenmappe der jüd. Selbstverwaltung, in der sich Protokolle u. Gesuche von Gefangenen an den Ältestenrat u. die SS befanden. Die Antragsteller baten um Anerkennung als Prominente, um Entlassung, um Schreiberlaubnis oder bessere Unterkunft. Einige dieser Antragsteller waren bereits als „Prominente A“ anerkannt. Die „Prominenten A“ lebten im Haus L 126, in L 128 lebte der "Prominente" Leo Baeck. Im Gebäude Q 408/10 lebten beide "Kategorien" gemischt. Die „Prominenten A“ kamen in den Genuss besserer Wohnbedingungen, sie wurden nicht zur Arbeit eingeteilt u. bekamen in der Regel bessere Lebensmittelrationen. Vor allem aber waren sie transportgeschützt, zumindest zunächst. Letzteres waren die „Prominenten B“ nicht.
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Bank der Jüdischen Selbstverwaltung / Vermögen der Selbstverwaltung

Beitrag von Dissident am Mi Apr 05, 2017 10:50 am

http://www.ghetto-theresienstadt.info/pages/b/bank.htm  Die Bank der Jüd. Selbstverwaltung in Th. kann schon als Kuriosum bezeichnet werden. In keinem anderen KZ u. in keinem anderen von der SS eingerichteten Ghetto gab es eine jüd. Bank u. von ihr herausgegebene Geldnoten ---
Herbst 1942 teilte die SS-Lagerkommandantur dem Ältestenrat mit, daß eine Bank zu errichten sei, die nach ausgearbeiteten Statuten eigenes Lagergeld ausgeben, den Notenumlauf kontrollieren u. für die Geldschöpfung sorgen sollte. Eine Tabelle sollte in 5 Tarifen die Bezüge der Ghettobewohner regeln u. zwar vom Judenältesten bis hinunter zum nicht arbeitenden ältesten 'Betreuten'. Jeder Lagerinsasse war mit Bargeld zu versorgen. Rund der doppelte Betrag dieser monatl. auszuzahlenden Bezüge sollte einem Sparkonto ohne jegliche Entnahmemöglichkeit gut gestellt werden. Jeder Lagerinsasse war verpflichtet, die bei ihm verbleibende Sparkarte ständig bei sich zu tragen, um einem fragenden Funktionär sofort über die Höhe der auf dieses Konto gezahlten Beträge Auskunft geben zu können. Dr. Ludwig Hift aus Wien wurde mit dem Organisationsplan beauftragt. Nachdem der von ihm vorgelegte Plan von der SS-Kommandantur genehmigt worden war, wurden auf dem Marktplatz Ladengeschäfte eröffnet, deren Schilder hochtrabend „Herrenkleider“ oder „Damenkleider“ anpriesen. Dort konnten sich die Lagerinsassen nun gegen Lagergeld all die Sachen kaufen, die ihnen bei der Ankunft im Ghetto abgenommen worden waren. Bisher hatte man sie durch eine Verteilerstelle unentgeltlich bekommen. Nebenan wurde ein Kaffeehaus eröffnet --- Bezahlen mußte man jetzt auch die Eintrittskarten zu den Kulturveranstaltungen. Zur Bewältigung dieses Bankgeschäftes mußten 50.000 Konten eingerichtet u. mtl. 50.000 Buchungen vorgenommen werden. 50.000 handschriftliche Eintragungen auf die Sparkarten waren notwendig. Ein Stab von 50–60 Mitarbeitern wurde von der SS genehmigt. März 1943 kamen aus Brünn die Durchschreibeplatten samt Kontokarten, aus Bohušovice die Sparkarten u. April das Notengeld. Die Banknoten zeigten einen Moseskopf nach dem Muster des Litzmannstädter Lagergeldes, zum anderen entsprachen sie den Entwürfen der techn. Abteilung der jüd. Selbstverwaltung. Sie waren von der Prager Nationalbank-Druckerei hergestellt worden. Insgesamt handelte es sich um 53 Mio. Nominale Lagergeld, .. deren Stückelung 1,2,5,10,20,50 u. 100 Kronen betrug. Zum obersten Leiter der Bank wurde .. Dr. Desider Friedmann bestellt ---
Die eigentliche Geschäftsleitung bestand aus Dr. Stefan Popper (vorher Vorstandsmitglied der Böhmischen Escomptebank u. Creditanstalt, Prag), dessen Stellv. Dr. Ludwig Hift war, Karel Waigner (früher Direktor der Legiobank Prag) u. Dr. Ludwig Waller (früher Syndikus der Deutschen Bank, Berlin).

Am 12.5.1943 konnte die Bank im Theresienstädter Rathaus ihre Schalter öffnen. Wegen des Massenbetriebes war die Organisation ziemlich einfach u. erlaubte eine rasche Ausführung der Barauszahlungen, der Konten- u. Sparkartengutschreibungen. Auf jeder Kontokarte war der mtl. gutzuschreibende Betrag vermerkt. Die Blockältesten sammelten die Sparkarten ein u. legten sie der Bank mit den Veränderungen im Status (vom Jugendlichen in den Arbeiterstand, vom Arbeiter zum Rentner oder Invaliden) vor. Die auszuzahlende Summe wurde kontrolliert, die Sparkarte auf den neuesten Stand gebracht u. nach wenigen Tagen waren Geld u. Sparkarte abholbereit u. konnten wieder an die einzelnen Häftlinge verteilt werden. Die Höhe der Barbeträge bewegten sich zwischen 50-250 Kronen mtl., die Gutschriften auf den Sperrkonten betrugen zwischen 50-400 Kronen. Daneben gab es noch „freie Einlagen“.
Besonders interessant waren die Überweisungen von Geldbeträgen von außen an die Lagerleitung zugunsten von Lagerinsassen. Sie waren nach außen hin erlaubt u. haben wesentlich zur Errichtung der Bank beigetragen. Diese von der Lagerleitung bekanntgegebenen Beträge wurden den Häftlingen nicht in bar ausgezahlt, sondern dem Sperrkonto gutgeschrieben.
Es wurden Monatsbilanzen erstellt, die der Lagerleitung übergeben u. dann nach Prag u. Berlin weitergeleitet wurden. Wiederholt wurden die „Bankgeschäfte“ von einem Berliner Wirtschaftsprüfer kontrolliert. Der Notenumlauf belief sich zeitweilig (Höchststand) auf rund 18 Mio. Kronen, sank dann aufgrund der verminderten 'Einwohnerzahl' auf rund 7 Mio. im Jahre 1945.
Der Rückfluß des Geldes erfolgte nicht nur durch die 'Losungen' (Auslösung) der Geschäfte, des Kaffeehauses u. durch die Eintrittsgelder der Veranstaltungen im Kulturbereich. Jeder, der das Lager mit einem Transport verließ, mußte sein Bargeld u. seine Sparkarte abliefern. Die Mitnahme von Lagergeld außerhalb des Lagers war bei strengen Strafen verboten. Deswegen wurden die außerhalb der Ghettomauern eingesetzten Arbeitsgruppen nach Lagergeld durchsucht. Da aber die mit einem Transport Abgehenden ihren Barbesitz in vielen Fällen nicht ablieferten, sondern an Verwandte u. Freunde verteilten, stieg die Kopfquote schließlich auf 700 Kronen ---
.. ein 7-köpfiger Aufsichtsrat gegründet wurde, dem der in Th. verstorbene ehem. Präsident der Vereinigten Elektrizitätsgesellschaft Wien, Ing. Ernst Egger, der frühere geschäftsf. Direktor der Niederösterr. Escomptegesellschaft, Felix Stránský u. der frühere franz. Handelsminister Léon Meyer angehörten ---

.. Am 9.5.1945 stellte die Bank ihre Arbeit ein. Die erst jetzt mögliche Einsicht in die Akten ergab, daß der aus beschlagnahmtem jüd. Vermögen gebildete „Auswanderungs-
fonds für Böhmen u. Mähren“ über derartig große Mittel verfügte, daß einer Auszahlung der gesperrten 20 Mio. Kronen in echten tschech. Kronen nichts im Wege stand. Auf Antrag der Bankleitung, die nun aus Dr. Wagner u. Dr. Hift bestand, wurde im Einvernehmen mit den tschech. Behörden beschlossen, die Sperrguthaben zu 75 % auszuzahlen. Die restl. 25 % sollten den Häftlingen zukommen, die Auschwitz überlebt hatten u. mit deren Rückkehr man rechnete. Die Personen, die sich von Mitte Mai bis Mitte Aug. 1945 bei der Bank als Rückkehrer meldeten, ebenso wie die 10.000 im Lager verbliebenen Personen, konnten nach Identifizierung immer 1.000 - 5.000 Kronen in Emfpang nehmen, wodurch sie von ersten materiellen Sorgen befreit waren.

http://www.ghetto-theresienstadt.info/pages/a/aeltestenrat.htm#vermoegen --- Vermögen der Selbstverwaltung
Nach einer am 18.6.1945 erstellten Inventarliste werden folgende Vermögenswerte, Investitionen u. verwaltetes Gut festgestellt, das im Eigentum bzw. in der Verwaltung der Selbstverwaltung lag:

Angeführt werden die landwirtschaftlichen u. die städtischen Liegenschaften samt den Neubauten;
die Investitionen, die sich auf Neubauten, Ausbau von Eisenbahn, Straßen, Wasserwerk, Kanalisation, Elektrizitätsversorgung u. landwirtschaftliche Anlagen beziehen; landwirtschaftliche Betriebe (Gärtnereien, Viehzucht u. Betriebsmittel);
öffentliche Einrichtungen u. Betriebe (Feuerwehr, Krematorium, Fernheizwerk, Zentralwäscherei, Krankenhauswäscherei);
Versorgungbetriebe (Großbäckerei, 3 Bäckereien, Fleischerei, 4 Dampfküchen u. 12 weitere Küchen);
Gewerbebetriebe (16 Werkstätten);
Gesundheits- u. sanitäre Einrichtungen (2 Krankenhäuser, Ambulatorien, Siechenheim, Desinfektionsstation, Zentralbad usw.);
Inventar (Fahrzeuge, Maschinen, Möbel – z. B. 5.000 Betten u. 20.000 Stockbettplätze – Büromaschinen z.B. 300 Schreibmaschinen – Heilgeräte usw.);
diverse Materialien u. Vorräte (z.B. 10.000 kg Medikamente, 20.000 kg Glimmer, davon die Hälfte fertiger Splitting)

http://www.ghetto-theresienstadt.info/pages/a/aufloesungsg.htm --- Auflösung der Stadtgemeinde Theresienstadt
„Verordnung des Reichsprotektors für Böhmen u. Mähren betr. der Maßnahmen zur Unterbringung der Juden in geschlossenen Siedlungen vom 16.2.1942“,
(veröffentlicht in einem Verordnungsblatt vom 28.2.1942):
(Die) Auflösung der Stadtgemeinde Theresienstadt (wird verfügt). Ihre Rechte u. Verbindlichkeiten werden von der Landesbehörde in Prag abgewickelt.
Die Gemeindeangestellten sind in anderen Gemeinden unterzubringen. Die Matrikelämter sind mit dem 1.5.1942 aufzulassen, die Matrikel nach Roudnice zu übertragen.
Es wird weiter ausgeführt, daß die Grundstücke gegen eine angemessene Schadloshaltung enteignet werden u. ab 31.5.1942 ins Eigentum des Auswanderungsfonds für Böhmen u. Mähren übergehen. Die Entschädigungen zahlte der Auswanderungsfonds aus beschlagnahmtem jüdischen Eigentum. Die staatlichen Objekte (Kasernen usw.) wurden auf Kriegsdauer gepachtet.

http://www.ghetto-theresienstadt.info/pages/g/ghettogeld.htm Ghettogeld
März 1943 wurde das in der Prager Nationalbankdruckerei hergestellte Geld in Form von Banknoten in einer Stückelung von 1, 2, 5, 10, 20, 50 u. 100 Kronen–Scheinen nach Th. geliefert. Sie sollten dort in Umlauf gebracht werden. Es waren Banknoten in einem Nominalwert von 53 Mill. Kronen. Die Entwürfe der Techn. Abt. der Jüd. Selbst-
verwaltung waren dabei berücksichtigt worden. Auf der Banknote war links die Abbildung des Urvaters Moses, dessen Hand auf die Gesetzestafeln weist. Rechts daneben die Inschrift „Quittung über eine Krone“, darunter die Ziffer 1. In kleiner Schrift darunter dann die Warnung „Wer diese Quittung verfälscht oder nachmacht oder gefälschte Quittungen in Verkehr bringt wird strengstens bestraft“. Auf der Rückseite ist links oben auf weißen Hintergrund die Registriernummer des Geldscheines angegeben , z.B. A010, unten ein stilisierter Davidsstern zu sehen, darunter die Ziffer 1. Rechts daneben in unterschiedl. Schriftstil "Quittung über eine Krone“.
Links unten auf dem Geldschein in kleiner Schrift „Theresienstadt am 1. Jänner 1943“. Rechts daneben die Eintragung „Der Älteste der Juden in Theresienstadt „ und die Unterschrift von „Jakob Edelstein“


Zuletzt von Dissident am Mo Mai 15, 2017 5:05 pm bearbeitet; insgesamt 4-mal bearbeitet
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Bekannt gewordene Fluchtversuche

Beitrag von Dissident am Mi Apr 05, 2017 11:08 am

https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Theresienstadt  Bekannt gewordene Fluchtversuche

Einige Häftlinge versuchten zu fliehen. Nur wenigen gelang die Flucht, insbesondere aus der Kleinen Festung.

Am 6.12.1944 gelang Miloš Ešner, Josef Mattas u. Frantisek Maršik die Flucht.
Sie nutzten eine Bresche in den Mauern neben der Gärtnerei u. ließen sich an Seilen in den Festungsgraben hinunter.

Die Flucht gelang auch Zdeněk Vlasta, der aus dem Arbeitskommando Elbschloss (in Litoměřice) floh u. sich bis Kriegsende verstecken konnte.

Ebenso Václav Steka aus dem Arbeitskommando Lovosice am 19.4.1945. Sie überlebten.

Eine versuchte Massenflucht aus der Zelle 38 auf dem 4. Hof misslang. Erwin Schmidt wurde dabei angeschossen u. später auf dem 4. Hof hingerichtet.
Ladislav Šimek u. Rudolf Vondrášek wurden im 1.Hof von den Wachen erschlagen.
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Die Affäre der Theresienstädter Maler

Beitrag von Dissident am Mi Apr 05, 2017 11:18 am

https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Theresienstadt  Widerstand der Zeichner
Im Zeichensaal der Technischen Kanzlei wurde von bis zu 25 Künstlern neben den offiziellen Arbeiten illegal tausende Zeichnungen u. Grafiken über den Ghettoalltag u. sein Grauen angefertigt. Als es 1944 gelang, einzelne dieser Zeichnungen in die Schweiz zu schmuggeln, fielen der SS einige Zeichnungen in die Hände. Am 17.7.1944 wurden in der „Affäre der Maler von Theresienstadt“ 4 der Maler verhaftet. Adolf Eichmann warf ihnen persönlich 'Greuelpropaganda' vor, Ferdinand Bloch wurde in der Kleinen Festung nach den Folterungen ermordet, Otto Ungar wurde die rechte Hand verstümmelt, danach wurde er zusammen mit Leo Haas u. Bedřich Fritta nach Auschwitz deportiert. Leo Haas überlebte als einziger u. rettete im Sommer 1945 die vergrabenen u. eingemauerten Zeichnungen u. Malereien.

https://de.wikipedia.org/wiki/Bed%C5%99ich_Fritta --- Am Abend des 16.7.1944 teilte der stellv. „Judenälteste“ Otto Zucker den Malern Bloch, Fritta, Haas u. Ungar warnend mit, daß sie sich am anderen Morgen in der SS-Kommandantur zu melden hätten. Es stand für die 4 außer Zweifel, daß ihre Zeichnungen der Anlass für die Vorladung waren. Sie handelten sofort u. versteckten viele ihrer Zeichnungen. Fritta vergrub seine Werke, darunter das Bilderbuch Für Tommy zum 3. Geburtstag in Th. 22.1.1944 zum 3. Geburtstag seines Sohnes Tomáš im Hof. Die anderen 3 Mithäftlinge mauerten ihre Zeichnungen ein.

Am 17.7.1944 wurde Fritta mit den 3 anderen wegen Verbreitung von „Greuelpropaganda“ verhaftet, von SS-Offizieren u. von Adolf Eichmann verhört u. ins Gestapoge-
fängnis Kleine Festung überführt. Seine Frau u. sein 3-jähriger Sohn wurden ebenfalls in der Kleinen Festung eingekerkert, wo seine Frau später starb. Tomáš überlebte u. wurde 1945 von Leo Haas u. seiner Frau Erna adoptiert. Nach 3 Monaten in der Kleinen Festung wurde Fritta zusammen mit Leo Haas ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert, wo er am 8.11.1944 umkam ---

http://www.ghetto-theresienstadt.info/pages/a/affaeredm.htm Die Affäre der Theresienstädter Maler ---
Die Maler des Zeichensaales des Technischen Büros in der Magdeburger Kaserne hatten im Ghetto Kontakt zu Leo Strass, einem Geschäftsmann aus Náchod. Er war leidenschaftlicher Sammler tschech. Kunst. Seine „arische“ Familie stand mit ihm über tschech. Gendarmen in illegaler Verbindung. Oft erhielt er für irgendwelche Lebens-
mittel von den Malern Zeichnungen, die dann das Ghetto auf dem gleichen Wege verließen, auf dem Nahrungsmittel u. Tabak hereinwanderten. Schließlich erfuhren die Maler, daß es den Verwandten von Strass gelungen wäre, eine Verbindung ins Ausland aufzunehmen, u. daß ihre Zeichnungen in die Schweiz gelangt seien. Diese Nachricht begeisterte die Maler u. beflügelte sie.
Vor dem angemeldeten Besuch der Kommission des Internat. Roten Kreuzes wurde im Zeichensaal des Techn. Büros u. in der Unterkunft von Leo Strass eine Durchsuchung vorgenommen, bei der auch einige inoffizielle Studien der Maler gefunden wurden. Die beschlagnahmten Zeichnungen wurden angeblich nach Berlin geschickt, u. die Maler, um deren Werke es sich vor allem handelte, nutzten den einstweiligen Verzug dazu, ihre üblichen Arbeiten gründlich zu verbergen. Fritta vergrub seine Zeichnungen in einer Metallkiste auf dem Bauhof, Otto Ungar vermauerte sie in der Hannover-Kaserne u. Leo Haas verbarg sie in der Mansarde in der Magdeburger Kaserne. Wo Ferdinand Bloch seine Zeichnungen versteckte, ist bis heute nicht bekannt.

Erst einige Wochen nach dem Besuch der Rote-Kreuz-Kommission machte Otto Zucker die Maler darauf aufmerksam, daß sie zum Verhör auf die SS-Kommandantur vorgeladen würden --- wurden sofort im Gefängnis im Keller der Kommandantur eingekerkert, wo schon Leo Strass u. der Architekt Troller einsaßen. Nach langem Warten wurden sie zum Verhör geschleppt, an dem der Kommandant des Ghettos Th. Rahm u. der Lagerinspekteur Karl Bergl, der Leiter des Prager Zentralamtes für die Regelung der Judenfrage in Böhmen u. Mähren (früher Zentralstelle für jüd. Auswanderung), Hans Günther, Hauptsturmführer Möhs – der Verbindungsmann zwischen Prag u. dem RSHA in Berlin – u. später selbst Adolf Eichmann teilnahmen. Auf dem Tisch lagen von jedem Maler einige Zeichnungen mit Studien zu Ghettomotiven. Die Offiziere der SS identifizierten die Autoren der einzelnen Zeichnungen u. wollten wissen, für wen die Maler arbeiteten u. welche Verbindungen zur Außenwelt u. zu illegalen Organisationen im Ghetto sie hätten. Obwohl sie nichts erfahren konnten, beschuldigten sie die Maler der Verschwörung u. der „Greuelpropaganda u. ihrer Verbreitung im Ausland“, die das Ziel habe, die NS-Führung u. ihre Arbeit anzuschwärzen. Weshalb auch Architekt Troller verhaftet worden war, steht bis heute nicht genau fest.

Als Architekt entwarf er Einrichtungen für private Unterkünfte u. „Kabuffs“ im Ghetto u. musste auch für die Kommandantur der SS arbeiten. Nach einem weiteren Verhör u. langem Warten wurden die Häftlinge am Abend gemeinsam mit ihren Frauen, der 7-jährigen Zuzana Ungarová u. dem 3-jährigen Tommy Fritta auf einen LKW geladen u. ins Gestapogefängnis Kleine Festung transportiert.
In der Kleinen Festung wurde Ferdinand Bloch erschlagen u. im Febr. 1945 starb hier auch Frau Hansi Fritta. Ungar verstümmelte man die rechte Hand, damit er nicht mehr malen konnte. Die anderen wurden kurze Zeit danach nach Auschwitz deportiert, wo kurz nach der Ankunft Bedřich Fritta an einer Blutvergiftung ums Leben kam. Auch Leo Strass starb. Wie durch ein Wunder überlebte Leo Haas, dessen Irrfahrt über Auschwitz, Sachsenhausen, Mauthausen u. Ebensee führte. Ihn rettete die Zwangsarbeit im sogen. „Fälscherkommando“ in Sachsenhausen. Otto Ungar beendete seine „Pilgerfahrt“ auf einem Todesmarsch in Buchenwald u. starb kurze Zeit nach der Befreiung im Krankenhaus in Bleikenheim bei Weimar. Frída Ungarová erlebte zusammen mit ihrer Tochter Zuzanna die Befreiung in Auschwitz. In der Th. Kleinen Festung gelang es Erna Haasová, mit ruinierter Gesundheit zu überleben. Ihr ist es zu verdanken, daß wie durch ein Wunder auch Frittas Sohn Tommy am Leben blieb ---
Von den 5 bekannten Th. Malern kehrte nur Leo Haas zurück u. holte seine u. Frittas Zeichnungen aus den Verstecken. Die Zeichnungen der anderen wurden erst lange nach der Befreiung bei Hausrenovierungen entdeckt.
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Das Bestattungswesen

Beitrag von Dissident am Mi Apr 12, 2017 5:10 pm

http://www.ghetto-theresienstadt.info/pages/k/krematorium.htm --- Das Krematorium am Jüdischen Friedhof
Im Frühjahr 1942 schon beschloß die Kommandantur des Ghettos den Bau eines Krematoriums. Der in einer Senke liegende Friedhof war grundwassergefährdet; oftmals wurden die Leichen in stehendes Grundwasser versenkt. Die SS sorgte sich um eine Verseuchung des Grundwassers. Die Bauarbeiten führten Ghettohäftlinge in der Zeit vom 4.5.-7.9.1942 selbst aus. Die Herstellung der Ofenanlagen oblag der Firma Ignis Hüttenbau A. G. aus Teplitz-Schönau. Den Mittelbau nehmen die 4 Verbrennungsöfen ein, die mit Dieselöl beheizt wurden. Der vordere Raum diente dem Abstellen der Särge mit den Toten, daneben befand sich der Obduktionsraum. Im Anbau ans Hauptgebäude waren die notwendigen Nebenräume für die Wachmannschaft, die hier ständig Dienst versah, u. für die Arbeiter des Krematoriums untergebracht. Zur Zeit der größten Sterblichkeit arbeiteten hier 18 Personen in Tag- u. Nachtschichten. Der Betriebsablauf wurde oft von Scharführer Haindl überwacht, auch die Kommandanten überzeugten sich oft vom Ablauf der Arbeiten im Krematorium.

Nach der Fertigstellung wurde das Krematorium schrittweise in Betrieb genommen u. im Okt. arbeiteten schon alle 4 Öfen mit einer Kapazität von 180 Leichen täglich.
In dieser Zeit starben etwa 120 Häftlinge pro Tag, einen Monat zuvor (Sept. 1942) waren insges. 3.941 Personen im Ghetto gestorben.

Die im Krematorium diensthabenden Häftlinge schoben den Leichnam auf einem Brett (Sargunterteil) in den Verbrennungsofen. In dem Obduktionsraum wurde in vielen Fällen die Todesursache festzustellen versucht. Die Arbeiter mußten in der Asche nach Goldbruchstücken (Zahnkronen u. Prothesen) suchen, diese aufsammeln u. der SS-Kommandantur übergeben.

Tagesprotokolle wurden über den Ablauf der Kremation angefertigt, die Asche in Pappschachteln geschüttet, die mit den Angaben des Toten (Name, Transportnummer, Kremationsnummer) versehen waren. Dann durften die Urnen im Krematorium eingelagert werden. Das Kolumbarium befand sich gegenüber den Zeremonienräumen des Ghettos. Hier standen in Holzregalen Tausende von Urnen nebeneinander. Den Innenraum des Kolumbariums durften die Häftlinge nicht betreten.

In dem Krematorium wurden jedoch nicht nur die Toten des Ghettos, sondern auch die Opfer aus der Kleinen Festung u. aus dem KZ Richard bei Leitmeritz (Litoměřice) verbrannt, bis dort im April 1945 ein eigenes Krematorium seine Arbeit aufnahm. Die Verbrennung der Leichen aus der Kleinen Festung wurde von Aufsehern aus dem Gestapogefängnis überwacht, damit die im Krematorium arbeitenden Häftlinge die Toten nicht erkennen konnten. Oftmals wurden sie in Säcken „angeliefert“, aus denen noch Blut quoll, was darauf hindeutete, daß sie eines gewaltsamen Todes gestorben waren.

Etwa 30.000 Menschen sind nach Auskunft des von den Häftlingen sorgfältig geführten Registers in diesem Krematorium eingeäschert worden.

http://www.ghetto-theresienstadt.info/pages/c/Columbarium.htm --- Anf. Nov. 1944 wurde angeordnet, die Asche der Opfer fortzuschaffen. Dazu wurden Frauen u. Kinder herangezogen, die als Prämie Sardinenbüchsen erhielten. Bei dieser Arbeit, die 4 Tage dauerte, spielten sich makabre Szenen ab. Die papiernen Aschebeutel mit den Namen der Toten waren im Columbarium in unterirdischen Kasematten untergebracht, mehr als 22.000 an der Zahl. In einer Kette von 200 Menschen wurden die Urnen weiter gereicht u. auf Lastwagen verladen. Den Gefangenen wurden gesagt, daß man die Asche in 6 Massengräbern auf einem Prager Jüd. Friedhof besetzen würde. Dagegen wurde die Asche unweit der Stadt in die Eger geschüttet.

https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Theresienstadt --- Das Bestattungswesen
Im Lager Th. konnten die Gefangenen zumeist die religiösen Rituale bei Bestattungen einhalten. So wurden bis Aug. 1942 die Toten mit Holzsärgen in einzelnen Gräbern bestattet. Danach wurden Massengräber für jeweils 35-60 verstorbene Häftlinge ausgehoben. Am 19.7.1942 begann man mit der Bestattung in Massengräbern. In diesen Gräbern wurden keine Holzsärge mehr verwendet. Die Begräbnisstätte lag im Bohusovicer Talkessel. Transport zum Friedhof erfolgte mit einem jüd. Leichenwagen. Den Leichenwagen durften nachts nur 1 Mitglied der Ghettowache u. 1 tschech. Gendarm begleiten ---
Am 6.10.1942 fand die letzte Beisetzung im Massengrab statt. In 1.250 Einzelgräbern u. 270 Massengräbern des Jüd. Friedhofes wurden zwischen Dez. 1941 u. Okt. 1942, 8.903 .. (Tote) begraben.

Die Totenkammern --- 2 Kammern, in denen die Toten aufgebahrt wurden, befanden sich innerhalb der Wälle am südöstl. Stadtrand am Weg zum Friedhof. Eine diente den jüd. Verstorbenen, die andere den Verstorbenen anderen Glaubens. Das erste gemeinsame Gebet musste in der Regel direkt an der Todesstelle stattfinden.

Die höchste Sterblichkeitsquote weist die Lagerstatistik für Herbst 1942 aus, als tägl. mehr als 100 Menschen starben.

Das Krematorium
--- Die Diensthabenden schoben den Leichnam ohne Sarg bzw. ohne dessen Oberteil in den Verbrennungsofen. Er verbrannte nur mit dem Brett, auf dem er befestigt war. Der Rest des Sargs konnte aus Sparsamkeitsgründen mehrmals verwendet werden. Mit einiger Verspätung gelangten jene Toten zur Einäscherung, für die eine Obduktion angeordnet worden war. Durch das Öffnen des Leichnams konnten die hier inhaftierten Ärzte vor allem in nicht ganz eindeutigen Fällen die Todesursachen feststellen.

Das an den Öfen diensthabende Personal bemühte sich, die sterblichen Reste jedes Eingeäscherten gesondert aus dem Ofen zu schüren, damit sie in einem individuellen Behältnis geborgen werden konnten ---

Über den Ablauf der Verbrennung in den einzelnen Öfen wurden Tagesprotokolle geführt. Auch jede Urne mit der Asche eines Häftlings wurde mit den wichtigsten Angaben über den Eingeäscherten versehen. Sie wurden von den Zetteln abgeschrieben, die man an den Beinen der Toten befestigt hatte, u. enthielten den Namen mit der Transportbezeichnung u. die entsprechende Verbrennungsnummer. Dann durften die Urnen, sie bestanden zumeist aus Pappe, im Kolumbarium eingelagert werden. Das Kolumbarium befand sich im Festungswall. Hier standen bis Ende 1944 in Holzregalen Tausende Urnen gedrängt nebeneinander, u. die Häftlinge nahmen an, daß man sie nach dem Krieg würdig begraben werde. Doch als die NS damit begannen, die Spuren ihrer Verbrechen in Th. zu beseitigen, ordnete Nov. 1944 die Lagerleitung an, die Asche von 22.000 Häftlingen in die Eger zu werfen.
1944 u. 1945 wurden im Theresienstädter Krematorium auch die Toten aus dem Lager in Leitmeritz (Litoměřice) eingeäschert --- Bevor es diesem Lager gelang, ein eigenes Krematorium in Betrieb zu nehmen (Anfang April 1945), brachten die Fuhrwerke die toten Häftlinge nach Theresienstadt.

Das von den Angestellten, die im Krematorium Dienst taten, sorgfältig angelegte Register verzeichnete ungefähr 30.000 Opfer, die dort während der Jahre von 1942 bis 1945 eingeäschert wurden

Das Kolumbarium
In der Nähe der Totenkammern wurden 1942 Räume zur Aufbewahrung der Asche der Verstorbenen eingerichtet. Hier wurden Tausende von Büchsen gelagert. Nach der Einäscherung wurde die Asche eingesammelt u. statt in den üblichen Aschenkrügen in einfachen Büchsen aus Pappe verwahrt, die mit Namen u. den Registrationsnummern der Verstorbenen versehen waren. Tagtäglich brachte man diese Büchsen aus der Totenkammer in das Kolumbarium. „2 Ghettohäftlinge besorgten hier die Aufbewahrung der Büchsen in ihrer genauen Reihenfolge, sodaß man eine jede ausfindig machen konnte. Diese 2 Häftlinge arbeiteten hier ungefähr 2 Jahre. Bis 1944 sind im Kolumbarium mehr als 20.000 solcher Aschenbehälter eingelagert worden.“
Im Okt. 1944 erschienen Traktoren vor dem Kolumbarium. Gruppen von Häftlingen bildeten Ketten, um die Büchsen aufzuladen, die dann an das Ufer der Eger gebracht wurden. Die Häftlinge mussten unter scharfer Bewachung die Asche in den Fluss schütten. Beim nordöstlichen Ausgang aus der Stadt, am Flussufer, wo die Asche der Verstorbenen im Wasser versenkt wurde, steht heute ein Denkmal.

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Typhus

Beitrag von Dissident am Mi Apr 12, 2017 5:47 pm

http://www.ghetto-theresienstadt.info/pages/f/flecktyphus.htm  Flecktyphusepidemie
Typhus abdominalis trat erstmalig 1942 im Ghetto auf --- Bis zum 20.4.1945 kam diese Erkrankung insgesamt 1.300 mal vor. Höhepunkt der Epidemie war im Februar 1943. Die Verbreitung erfolgte vorwiegend durch Kontaktinfektion. Die Sterblichkeit betrug 13 von 100. Die Bekämpfung erfolgte durch sofortige Isolation, umfassende Durchimpfung, Reihenuntersuchung sämtlicher in Lebensmittelbetrieben arbeitenden Häftlinge, gesonderte Unterbringung der als geheilt Entlassenen. Später wurde festgestellt, daß viele Infektionen auch über die Schutzimpfung erfolgten. Besonders betroffen waren die an Tuberkulose erkrankten Gefangenen.

Typhus exanthematicus (Flecktyphus) blieb dem Lager trotz starker Verlausung lange Zeit erspart. 1944 wurde ein Fall aus Berlin eingeschleppt, der tödlich verlief. Durch Isolierung wurde jede weitere Ansteckung vermieden.

Ab 20.4.1945 trafen Tausende von völlig erschöpften, ausgemergelten u. kranken Häftlingen aus aufgelösten Lagern im Osten in Th. ein. Sie brachten bereits über 400 Tote in den Waggons mit. Am 24.4.1945 wurde erstmals Flecktyphus diagnostiziert. Bald wurden hunderte von Fällen erkannt, schließlich weit über 2000. Auch die „Einheimischen“ blieben nicht verschont, etwa 200 der Helfer, Ärzte u. Schwestern steckten sich an. 2.500 Personen erkrankten insgesamt. Es gelang, die Todesrate auf unter 25 % zu drücken. Bis Ende Juni 1945 starben rund 500 Menschen am Flecktyphus.

Am 4.5.1945 kam eine Gruppe tschech. Ärzte aus Prag u. Roudnice nach Th. Diese Ärzte kümmerten sich jedoch vorwiegend um die Häftlinge der Kleinen Festung. Den Juden im Ghetto gegenüber verhielten sie sich, wenn es sich nicht um Tschechoslowaken handelte, nicht gerade freundlich, ja, manchmal nicht einmal korrekt. Am 5.5.1945 ging die Gewalt im sanitären Sektor auf die tschech. Ärztekommission über, die sich der Mitarbeit des jüd. Fleckfieberfachmannes Dr. Vedder versicherte. Am 8.5.1945 wurde das Ghetto von Truppen der Roten Armee befreit, am 11.5.1945 traf sowj. Sanitätspersonal ein, am 14.5.1945 wurde die Quarantäne über ganz Theresienstadt verhängt.

Am 13.5. arbeiten 52 russ. Ärzte u. 340 Krankenschwestern in 5 Hospitälern. 3.500 Patienten werden in diesen Krankenhäusern betreut. 15.000 Menschen wurden in knapp 2 Wochen entlaust. Anfangs gab es 200–300 Neuerkrankungen täglich, dann ging die Zahl auf täglich 10–15 zurück.

im Gestapogefängnis Kleine Festung
April/Mai 1945 war das Gestapogefängnis in der Kleinen Festung mit 5.500 Häftlingen überfüllt. Immer wieder hatte das Gefängnis seit Januar d.J. Häftlinge aufgenommen, die aus sogen. Todestransporten aus aufgelösten Lagern des Ostens gekommen waren. Es wird vermutet, daß sie oder die im Lager „Richard“ arbeitenden Häftlinge die Flecktyphusepidemie mitbrachten, die Frühjahr 1945 ausbrach u. sich schnell auf den Höfen ausbreitete. Aufgrund der in den Massenzellen bestehenden Überbelegung war der IV. Hof besonders betroffen. Die unterernährten u. vielfach an Mangelkrankheiten leidenden Häftlinge hatten dem Typhus nichts entgegenzusetzen. Die völlig unzureichenden hygienischen Bedingungen förderten die Ansteckung. Es gab keine Medikamente. Erst am 4.5.1945 kamen Ärzte aus Roudnice u. Prag nach Th. Sie waren vom Tschech. Nationalrat, dem obersten Organ des tschech. Widerstandes. Als am nächsten Tag der Aufstand in Prag losbrach, flüchteten die Aufseher u. Wachmannschaften. Die Häftlinge übernahmen gemeinsam mit dem aus Prag eingetroffenen Sanitätspersonal das Gefängnis. Am 5.5. traf erste Hilfe aus den umliegenden Dörfern ein. In mehreren Objekten der Kleinen Festung wurden behelfsmäßige Lazarette eingerichtet, ein Objekt neben der Gärtnerei zur Quarantänestation erklärt.
--- Die Typhusepidemie, die erst Ende Mai 1945 endgültig besiegt war, forderte allein in der Kleinen Festung über 1.000 Tote.

Typhus ist eine schwere, meldepflichtige Infektionskrankheit, deren Erreger (Salmonella Typhi) erstmals von Karl Josef Eberth (1835–1926) beschrieben wurde. Inkubationszeit: 7-14 Tage, dann grippeähnliche Symptome, 3-wöchige Fieberphase mit typisch treppenförmigen Fieberanstieg, verlangsamter Puls, fleckiger Hautausschlag auf der Bauchhaut, bluthaltige Durchfälle aufgrund von Darmgeschwüren, Bewußtseinstrübungen, Delirium. Zahlreiche Komplikationen können hinzukommen. Tritt wegen der modernen Hygiene heute selten auf. Jahrelange Immunität anschließend. Behandlung mit Antibiotika, Schutzimpfung möglich.
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Alte und Kranke

Beitrag von Dissident am Do Apr 13, 2017 10:39 am

http://www.ghetto-theresienstadt.de/pages/a/altersheim.htm --- Ab Juni 1942 kamen die ersten Transporte aus Berlin, München, Köln u. Wien in Th. an. Es handelte sich im wesentlichen um alte, müde, meist gebrechliche, selbst sterbenskranke Menschen. Sie kamen aus Versorgungsheimen u. Sammellagern, hatten manchmal ihr Gepäck nicht richtig packen können. Die Fahrt nach Th. dauerte oft Tage u. bei ihrer Ankunft waren sie häufig völlig verwahrlost, verschmutzt u. halb verhungert. Manche hatten nicht einmal eine Wegzehrung mit. Es waren 70- bis 80jährige dabei, an Leib und Seele verwüstet, keines Entschlusses mehr fähig ---

http://www.ghetto-theresienstadt.de/pages/b/bernertagwacht.htm --- Am 4.9.1942 erschien in der „Berner Tagwacht“ ein Artikel, in dem eine Erklärung der tschech. Exil-
regierung in London abgedruckt wurde. Es dürfte der 1. Bericht über Th. in der Weltpresse gewesen sein. Th. wird hier als Ghetto für Greise aus dem Protektorat, Österreich, Deutschland, Frankreich u. Holland bezeichnet, .. „Am 15.8.1942 waren 40.000 Juden im Alter zwischen 65 u. 85 Jahren in neu errichteten Kasernen oder im alten Gefängnis zusammengepfercht. Außerdem beherbergt Th. 7.000 jüngere Leute, durchwegs Juden, die Zwangsarbeit verrichten. Sie erhalten tägl. 12 Kronen, wovon die Hälfte – wie die Deutschen sagen – zur Erhaltung der alten Insassen abgezogen werden.....

http://www.ghetto-theresienstadt.de/pages/i/israelkranken.htm --- Israelitisches Schwestern- u. Krankenheim München
Dieses Münchner Krankenhaus wurde am 4.6.1942 (1. Transport) geräumt. Etwa 50 Kranke, Schwerkranke, ja, Sterbende wurden mit 3 Schwestern unter Leitung des Chefarztes .. zum Südbahnhof gebracht --- Die 3 Transporte aus München mit den Menschen dieses Krankenhauses kamen am 4., 5. u. 6.6.1942 in Th. an ---

http://www.ghetto-theresienstadt.de/terezinghetto.htm  --- Eine weitere Geißel des Lagers waren die Insekten – Läuse, Flöhe, Wanzen – u. natürlich die Ratten, die sich unverfroren in der Nähe der Lebensmittellager tummelten. Sie trugen in nicht unerheblichem Maße zu einem raschen Ausbreiten von Epidemien im Lager bei ---
Am stärksten betroffen waren auch hier Menschen, die in Anbetracht ihres Alters an versch. Gebrechen litten ---

Die häufigsten Todesursachen im Zeitraum vom 24.11.1941 u. 31.8.1944 waren:
- Erkrankungen der Verdauungsorgane
- Altersverfall
- Erkrankungen der Atmungswege
- Erkrankungen der Kreislauforgane
- Infektionskrankheiten

--- Insgesamt starben in diesem Zeitraum 33.430 Häftlinge ---
Im Juli 1942 nahm die Bevölkerung des Ghettos schnell zu .. Mehr als die Hälfte war über 65 Jahre alt --- Sie brachten Spitzenkleider, Fotoalben, Sonnenschirme, Frack, Zylinder u. Erinnerungsstücke mit. Niemand dachte an Eßbesteck, an warme Kleidung, Decken, Proviant, alles Dinge, die sie in Theresienstadt dringend benötigten ---

Juli 1942 --  In der Zwischenzeit breiteten sich weitere Krankheiten im Ghetto aus. 900 Häftlinge erkrankten an Scharlach, 600 an Gelbsucht, mehr als 350 an Bauchtyphus, 35.000 an Enteritis (Darmentzündung). Die Zahl der tägl. Todesfälle sank nach dem Abtransport der alten Menschen zwar, doch starben in der 2. Hälfte des Jahres 1942 fast 15.000 Häftlinge. In diesem Zeitraum trafen im Lager 31 Transporte aus dem Protektorat mit 31.000 Häftlingen ein, 11 Transporte mit 12.000 Menschen kamen aus Österreich. Aber es gingen auch Transporte hinaus. 28.000 – meist alte Menschen - wurden deportiert.

Anfang 1943 trafen Häftlinge aus Westerbork/Holland in Th. ein. Das Lagerleben begann sich ein wenig zu normalisieren.

http://www.ghetto-theresienstadt.de/pages/e/enzephalitis.htm  „Enzephalitis (Gehirnentzündung) wurde erstmals 1916/17 festgestellt... In Th. gelangten....1943 vereinzelte Fälle zur Behandlung. Erst im Anschluß an die Poliomyelitis (Kinderlähmung) war eine Häufung der Enzephalitis eingetreten, die Dez. 1943 ihren Höhepunkt erreichte. Grundsätzlich ist zu bemerken, daß es sich um eine Gehirnentzündung handelt, die in ihren Symptomen mit den sonst. Beschreibungen der Epidemie eine gewisse Ähnlichkeit hat, sich aber durch einen gutartigen u. leichten Verlauf von allen anderen Schilderungen unterscheidet. Krankheitserscheinungen sind hauptsächlich leichtes Fieber, Kopfschmerzen, Gleichgewichtsstörungen u. doppeltes Sehen, verursacht durch leichte Lähmungen versch. Augenmuskeln. Fälle mit ausgesprochener Schlafsucht sind selten. Die Symptome wechseln rasch, verschwinden aber erst nach mehreren Wochen. Bei der Mehrzahl der Fälle handelt es sich um eine leichte Erkrankung, bei der oft überhaupt kein ausgeprägtes Krankheitsgefühl vorliegt. Die Krankheit wird durch Berührung übertragen u. befällt hauptsächlich jüngere weibliche Personen.
Bis zum 20.4.1945 wurden rund 1.000 Fälle von Enzephalitis verzeichnet ---
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Die Ghettobücherei

Beitrag von Dissident am Do Apr 13, 2017 11:15 am

http://www.ghetto-theresienstadt.de/pages/g/ghettobuecherei.htm  --- Käthe Starke-Goldschmidt schreibt in „Theresienstadt“ über die Entstehung u. über die Arbeit der Zentralbücherei im Ghetto. Die folgenden inhaltlichen Angaben stammen vorwiegend aus diesem Bericht u. aus dem von Dr. Hugo Friedmann, der als Bibliothekar in der Bücherei arbeitete u. nach dem 1. Jahr einen Tätigkeitsbericht erstellte.
Unter dem Aktenzeichen Ing. Z./L. (Otto Zucker) findet sich folgender Vermerk in den Akten (29.11.1942):
„Vermerk betreffend die Errichtung einer Leihbücherei und eines Leseraumes.

Betr. : Anordnung des Lagerkommandanten SS-Obersturmführer Seidl.

Bestand an Büchern: Gegenwärtig steht dem Ghetto nur eine verhältnismäßig kleine Zahl von Büchern zur Verfügung.

Ein Teil der für eine Leihbücherei verfügbaren Bücher stammt aus dem allgemeinen Besitz früherer Transporte; sie werden gesammelt, hergerichtet und katalogisiert. Ein Verzeichnis dieser Bücher wird der Lagerkommandantur vorgelegt werden.

Ein zweiter Teil stammt aus Büchern, die im Zuge der Gepäckkontrolle bei den eintreffenden Transporten beschlagnahmt wurden. Es wird ersucht, solche Bücher dem Ältestenrat zu übergeben, damit auch sie hergerichtet und katalogisiert werden können.“

=>Zucker weist in dem Vermerk weiter darauf hin, daß es sich bei den zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung stehenden Büchern um etwa 4.000 handelt, leichter Lesestoff, Ernsteres, Unterrichtsmaterial etc.. Er weist auch darauf hin, daß nur die Bücher ausgegeben werden dürfen, die von der SS–Lagerkommandantur freigegeben worden sind.

Am 17.11.1942 wurde die Bücherei (oder der Buchladen) im Objekt L 304 gegenüber der Hamburger Kaserne eingerichtet. Die Bücherei sollte, wenn auch an versch. Orten, bis Juli 1945 existieren. Ihr Leiter war während des gesamten Zeitraumes Dr. Emil Utlitz, Prof. der Uni Prag. Ihm standen Mitarbeiter wie Hugo Friedmann u.a. zur Verfügung, um die jetzt schnell ansteigende Zahl von Büchern zu registrieren .. Die Bücher stammten aus den Beständen der Kultusgemeinden, aus dem aufgelösten Rabbinerseminar in Berlin u. der Warburg-Bücherei in Hamburg. Eine weitere Quelle waren jedoch auch die neuankommenden Transporte u. die von den Gefangenen mitgebrachten Bücher.

Eine zeitlang gab es so etwas wie Wanderbüchereien, Bücherpakete von etwa 30 Büchern, die an einem Wohnblock oder ein Haus ausgeliehen u. dann zurückgenommen wurden. Die Jugendheime wurden bevorzugt mit Büchern versorgt. Das Ausleihen der Bücher kostete 50 Ghettokronen, man mußte Berechtigungsscheine erwerben. Ein besonderes Problem ergab sich dadurch, daß die Bücher durch viele Hände gingen u. so auch zum Übertragen von Infektionskrankheiten beitrugen. Die Mitarbeiter der Zentralbücherei litten mehr als andere darunter.

Die Bibliothekarin Claire Müller, die ab 1943 den neu eingerichteten Leseraum betreute, berichtete, daß viele Bücher nicht zurückgegeben wurden, viele mit den Osttransporten verschwanden, was stillschweigend geduldet wurde.

Die Bücherei umfaßte klassische u. moderne Sprachen, philosophische Werke, naturwissenschaftl. Werke, Geschichte der Juden, Klassiker u. Kochbücher. Leichtere Literatur war ebenso vertreten wie Kinder- u. Jugendliteratur. Eine besondere Abteilung wurde mit der Pflege der hebräischen Bücher betraut. Die Arbeit der Mitarbeiter hier wurde besonders von Dr. Murmelstein unterstützt. Sie bekamen besondere Essensrationen u. waren bis Herbst 1944 vor Deportationen geschützt ---

Otto Ungar war von der Kommandantur damit beauftragt worden, die Zentralbücherei zu malen. Rahm war mit dem Bild jedoch nicht zufrieden.
Im Zuge der 'Verschönerungsaktion' gab es Veränderungen. Die Bücherei mußte ins Objekt L 514 umziehen, einem ehem. Wirtshaus mit angrenzenden Räumen u. einem Kinosaal in der Nähe der Dresdener Kaserne .. Hier waren die Räume größer u. Bücherregale aus Metall standen zur Verfügung ---
.. wurde eine Lesehalle in der Sokol-Turnhalle errichtet u. eine weitere Zweigstelle für Dänische Bücher. Kisten mit Büchern aus Dänemark waren für die dänischen Juden eingetroffen u. wurden von Dr. Friedinger, einem Rabbiner aus Kopenhagen, betreut.

Etwa 250.000 der in der Ghettobücherei vorhandenen Bücher stammten aus dem Besitz der liquidierten jüd. Gemeinden des Protektorats u. des Deutschen Reiches. Viele aber auch aus Privatbesitz. Sie wurden in Synagogen u. Lagern in Prag gesammelt -- Etwa 100.000 Bücher aus der Ghettobücherei wurden nach dem Krieg dem Jüd. Museum Prag übergeben, der Rest ging verloren oder konnte aus Hygienegründen nicht mehr benutzt werden. Die Nazis konzentrierten etwa 800.000 Bücher auf versch. Burgen des Protektorats, von denen ein Teil ins Jüd. Museum gelangte. Etwa 40.000 wurden weitergegeben an die Jerusalemer Nationalbibliothek.
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Entlausungsstation

Beitrag von Dissident am Do Apr 13, 2017 11:26 am

http://www.ghetto-theresienstadt.de/pages/e/entlausungsstationgh.htm  Entlausungsstation im Ghetto

Die Entlausungsstation des Ghettos war in der ehem. Theresienstädter Brauerei untergebracht, unweit des „Oberen Wassertors“.
Der Schornstein dieses Gebäude, das nach dem Krieg wieder als Brauerei genutzt wurde, ist von weitem zu sehen.

Im Ghetto waren Läuse sehr verbreitet. Als Träger von Typhusbazillen bedeuteten sie eine große Gefahr.

Deswegen wurde als vorbeugende Maßnahme durch die Ghettoverwaltung im Gebäude der alten Brauerei eine Desinfektionsstation eingerichtet.
Auf Anweisung der deutschen Behörden mußten alle neuankommenden Häftlinge einer Desinfektion unterzogen werden.
Das galt auch für die mitgeführten Gepäckstücke, die in einem besonderen Raum mit Gas desinfiziert wurden ---
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Stadtplan von Theresienstadt

Beitrag von Dissident am Do Apr 13, 2017 11:36 am

Stadtplan von Theresienstadt --- http://www.ghetto-theresienstadt.de/terezinstadtplan.htm



1 --- L 417 Hauptstraße --- Ghetto-Museum heute. Im Gebäude der ehem. Schule wurde 1942 ein Knabenheim für Jungen vom 10.-15. Lebensjahr eingerichtet ---
2 ---  Q 619 Rathausgasse --- Im Gebäude des Rathauses wurde der Sitzungssaal für Konzerte u. Kulturveranstaltungen benutzt. Hier waren auch die Bank, das Ghettogericht u.a. Ämter untergebracht ---
3 --- L 414 Hauptstraße --- Bis Aug. 1942 war hier der Sitz der SS-Kommandantur, später wurden im Erdgeschoss die Post u.a. Ämter eingerichtet. Die übrigen Räumlichkeiten dienten als Unterkunft für die Jugend, besonders aus den deutschen Transporten ---
4 --- L 410 Hauptstraße --- Mädchenheim für 8–16jährige Mädchen. Hier wurde viel unterrichtet. Mädchen vertieften nach der Rückkehr von der Arbeit ihre Kenntnisse. Die Stunden im Zeichnen leitete Friedel Dicker-Brandeis. Im Keller des Gebäudes wurden Musikwerke einstudiert.
5 --- Marktplatz --- Die Fläche des Marktplatzes bedeckte bis Ende 1943 ein 3teiliges Zirkuszelt. Die Häftlinge montierten hier kleine Kisten, in die spezielle Einrichtungen gegen das Einfrieren der Motoren von Militärlastwagen zusammengesetzt u. verpackt wurden. Zu der Zeit war der Markplatz von einem hohen Zaun umgeben u. anderen Häftlingen unzugänglich. Im Zuge der Verschönerungsaktion 1944 wurde die ganze Fläche als Parkanlage eingerichtet, in der Ecke vor dem Café wurde ein Musikpavillon erbaut
6 --- L 415 Hauptstrasse --- In diesem Haus wurde ein Geschäft mit Wäsche u. Bekleidung eingerichtet. Die zum Verkauf angebotenen Sachen kamen meistens aus dem nach der Ankunft der Transporte beschlagnahmten oder gestohlenen Gepäck. Weitere Geschäfte mit versch. Waren befanden sich vor allem in den Straßen L4 und L3.
7 --- Q 418 Neue Gasse --- In diesem Haus wurde Dez. 1942 ein Café mit etwa 100 Plätzen eröffnet. Eine Eintrittskarte war für 2 Stunden gültig, es wurde Ersatzkaffee u. Tee serviert. Musik spielte u. Kabarett-Künstler traten auf
8 --- Q 414, 416 --- Sitz der SS-Lagerkommandantur Th. Im Keller richtete die SS sogen. Bunker ein, wo Häftlinge eingesperrt u. gefoltert wurden, die gegen die Lagerordnung verstoßen hatten oder von der Gestapo verhört werden sollten
9 --- L 311 Lange Straße --- In der Geniekaserne war ein Altersheim sowie ein Hilfskrankenhaus mit einer Abteilung für Herzerkrankungen, Tuberkulose usw.. Es fanden hier Kulturveranstaltungen u. Vorträge statt. Auf dem Dachboden wurde eine Gebetstube eingerichtet
10 --- L 315 Lange Straße --- Sitz der Ghettowache, deren Aufgabe es war, die innere Ordnung aufrechtzuerhalten. Anfangs wurde sie nur aus jüngeren Männern zusammengestellt. Die Befürchtungen der Nazis vor einer militärisch organisierten wenn auch unbewaffneten Gruppe junger Männer führte Juni 1943 zur Auflösung der Ghettowache .. Später wurde die Ghettowache in einer Anzahl von 100 Mann im Alter von über 45 Jahren erneuert. Im Haus war ein Saal, in dem Vorlesungen stattfanden
11 --- L 318 --- Heim für Kleinkinder u. Kinder im frühen Schulalter. Die Kinder im Vorschulalter kamen hierher wie in einen Kindergarten, abends kehrten sie zu ihren Müttern zurück. Im Objekt waren die Kinderküche u. die Bäckerei eingerichtet, die auch anderen Jugendheimen dienten. Auch hier war ein Raum, wo Theater gespielt wurde
12 --- Block F III --- Kinder- u. Lehrlingsheime. Manche Räume wurden für Kulturveranstaltungen u. Theatervorstellungen benutzt. In L 216 war die Jugendbibliothek
13 --- Block G II --- Im ehem. Offizierskasino hatte das Gendarmeriekommando seinen Sitz, das das Lager bewachte u. die Aufsicht über die außerhalb des Lagers arbeitenden Häftlinge hatte
14 --- Block H II --- Der Bauhof, wo sich die Werkstätten versch. Handwerker befanden. Unweit, im Gang der Festungsmauern beim ehem. Leitmeritzer Tor, wurde die Gaskammer gebaut
15 --- L 324 Lange Straße --- SS-Kameradschaftsheim, später Viktoria genannt. Unten befand sich ein Speisesaal, oben die Wohnungen für die SS. Den Juden war der Eintritt in diesen Stadtteil nicht gestattet. (Heute Parkhotel)
16 --- Block H IV Postgasse --- Bodenbacher Kaserne, wo anfangs Unterkünfte für Häftlinge u. die „Schleuse“ waren .. Hier wurde Registrierung u. Kontrolle des Gepäcks durchgeführt. Juli 1943 wurde die Kaserne geräumt u. nachher für den Bedarf des Archivs des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) benutzt
17 --- Block J IV --- Aussiger Kaserne, wo anfangs die Schleuse war, später dann die zentrale Kleiderkammer, wohin das beschlagnahmte Gepäck der Häftlinge kam. Sachen von Qualität wurden ins Reich geschickt, die übrigen wurden den Geschäften für die Häftlinge übergeben ---
18 --- Block H V --- Dresdener Kaserne, wo seit 6.12.1941 Frauen anfangs auch mit kleinen Kindern, untergebracht waren. Im Keller war ein Gefängnis für Häftlinge, die sich eines Vergehens schuldig gemacht hatten. Ein Teil der Räumlichkeiten wurde für Theateraufführungen u.a. Kulturveranstaltungen genutzt. Auf dem Kasernenhof war es den Häftlingen erlaubt, Fußball zu spielen. Die Mannschaften hatten je 7 Spieler
19 --- Block G VI --- In einigen Häusern wurden Mütter mit Säuglingen u. Kleinkindern bis zum 3. Lebensjahr untergebracht. Im Haus L 514 wurde ein Konzert- u. Theatersaal, eine Bibliothek u. eine Lesehalle eingerichtet. Gegen Kriegsende brannten alle diese Häuser aus
20 --- Stadtpark --- Hier wurde ein Park angelegt. Im Rahmen der „Verschönerung“ wurde hier ein hölzerner Kinderpavillon u.a. Einrichtungen für Kinder gebaut
21 --- Block E VI --- Hohenelber Kaserne, ursprünglich Militärkrankenhaus, diente als zentrales Krankenhaus auch während der Zeit des Ghettos. Auch das Zentralbad mit Duschen u. Schwimmbecken wurde benutzt. In der Küche wurde Essen für Kranke gekocht
22 --- Block E II --- Kavalierkaserne. Das verkommene u. unbewohnte Gebäude mit Kasematten diente 1942 als Schleuse, später wurden hier .. alte u. in einem Teil auch geisteskranke Häftlinge ungebracht
23 --- Block D VI --- In der ehem. Brauerei wurde eine Desinfektionsstation, Duschen u. die Wäscherei eingerichtet. Ein Teil der Gebäude diente Häftlingen als Unterkunft
24 --- Militärreitschule --- Die ehem. Militärreitschule diente als Maschinentischlerei
25 --- Block B V --- Die Magdeburger Kaserne war Sitz des Ältestenrates u. der Ämter der Jüd. Selbstverwaltung. Außer den Büros befanden sich hier auch die Wohnungen der Mitglieder der Selbstverwaltung u. ein Saal für Kulturveranstaltungen
26 --- Block B IV --- In der Hannover Kaserne wurden die arbeitenden Männer untergebracht u. es befand sich hier eine der Küchen
27 --- Block A IV Bäckergasse --- Die Bäckerei u. das zentrale Lebensmittellager befanden sich hier
28 --- Bahnhofsstraße --- Das von den Häftlingen erbaute Anschlussgleis wurde am 1.6.1943 in Betrieb genommen. Vom Bahnhof in Bohušovice führte das Gleis zur Hamburger Kaserne. Abfahrt u. Abfertigung der Transporte konnte so beschleunigt werden .. In der riesigen Schleuse der Hamburger Kaserne wurden dann alle Osttransporte konzentriert
29 --- C III Bahnhofsstraße --- Die Hamburger Kaserne diente vor allem als Unterkunft für Frauen, seit 1943 wurden hier hauptsächlich die holländischen Häftlinge konzentriert. Ein Teil des Gebäudes wurde als Schleuse für die Abfertigung der Transporte nach Auschwitz genutzt
30 --- Block A II --- Die Jägerkaserne war Quartier für alte Häftlinge u. eine Quarantänestation für Desinfizierung u. Entwesung persönlicher Sachen
31 --- Südberg --- 1943 wurde dort ein Sportplatz errichtet u. der Zutritt Kindern u. Erwachsenen erlaubt
32 --- Block E I Seestraße --- Sudetenkaserne, wo am 24.11.1941 der 1. Transport von Männern ankam; später kamen noch einige Transporte hinzu. Nach 2 Wochen wurden die Frauen mit Kindern abgesondert u. in der Dresdener Kaserne untergebracht, die Familien blieben weiterhin getrennt. In Betrieb war hier eine der Küchen. Juli 1943 musste das ganze Objekt geräumt werden, weil die Nazis einen Teil des RSHA-Archivs hergebracht hatten ---
33 --- Objekt C 1 Westgasse --- Die Turnhalle des Vereins Sokol diente zu Anfang den Kranken mit Enzephalitis. Im Zusammenhang mit der „Verschönerung“ wurde sie in ein Gesellschaftshaus verwandelt, in dem sich 2 Säle für Kulturveranstaltungen, eine Bibliothek, eine Betstube u. eine Terrasse befanden
34 --- Südstraße --- Die Zeremonienräume im Ravelin dienten dem letzten Abschied von Verstorbenen. Weiter hinter die Mauern des Ghettos durften die Häftlinge nicht. Die Särge wurden von dort in die Senke bei Bohušovice gebracht, wo die Toten beerdigt u. ab Sept. 1942 verbrannt wurden. Im gegenüberliegenden Ravelin wurde ein Kolumbarium eingerichtet, wo die Urnen für die Asche aufbewahrt wurden. Nov. 1944 mussten diese weggebracht werden ---
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Widerstand

Beitrag von Dissident am Fr Apr 14, 2017 2:26 pm

http://www.ghetto-theresienstadt.info/pages/w/widerstand.htm  Widerstand im Ghetto Theresienstadt

Ein Dr. Karel Syka schrieb am 17.,3.1946, nach seiner Rückkehr aus den Lagern, in einem Brief an die Verwandten seine Freundes Fredy (Nachname unbekannt) Einzelheiten über die Widerstandsbewegung im Ghetto Theresienstadt, welcher er u. sein Freund Fredy angehörten. Es begann Ende 1942. Die Mitglieder waren hauptsächlich Offiziere der ehem. tschech. Armee, die im Ghetto in der Transportabteilung oder bei der Ghettowache arbeiteten. Den Mobilisierungsausschuß leitete Karel Neumann .. Chef der gesamten Widerstandsgruppe war Karel Syka, nur als Pavel bekannt. Laut Syka hatte die Widerstandsbewegung Kontakte zu Prag, besaß Waffen außerhalb der Ghettomauern, hatte Vertrauensleute unter den tschech. Gendarmen u. bereitete eine Revolte unter Einbeziehung der Kleinen Festung vor ---

Frantisek Fuchs arbeitete während der deutschen Besatzung zunächst in der Jüd. Kultusgemeinde Prag; am 15.7.1943 wurde er nach Th. deportiert, wo er auch seine Befreiung erlebte. Kurz danach schrieb er einen kenntnisreichen Artikel über die tschech.-jüd. Widerstandsbewegung, besonders in Theresienstadt:

Dr. Rudolf Bergmann war im Ghetto das Oberhaupt der Widerstandszentrale. In der Lagerselbstverwaltung hatte er eine einflußreiche Stellung, die es ihm ermöglichte, die sog. Arbeitsgruppe Spedition zu schaffen. Die Gruppe war zahlenmäßig stark, nach politischer u. nationaler Verläßlichkeit ausgewählt u. zugmäßig aufgebaut. Die Einteilung der Personen in Gruppen erfolgte nach Arbeitseinsatzstelle bzw. Wohnblöcken bzw. nach Herkunftsregionen. Die meisten Mitglieder kannten Ausmaß u. Zusammensetzung der Gruppe nicht.

Ziel der Arbeit war es, dauernde Verbindung mit den Widerstandsgruppen ausserhalb Theresienstadts zu halten und .. Pläne u. Mittel für den Widerstand bereitzustellen.

"Als es den Anschein hatte, daß der Endkampf mit den Unterdrückern nahe bevorstand, verstärkte Dr. Bergmann mit seinen Mitarbeitern die Vorbereitungen zum Widerstand. Die Gruppen bekamen den Charakter von Zügen, welchen die Namen jener Personen mitgeteilt wurden, bei denen sie sich im entscheidenden Augenblick versammeln sollten. Für die einzelnen Wohnblocks wurden Vertrauensleute ausgesucht, die den Widerstand leiten und Verstecke für Frauen und Kinder organisieren sollten. Das Netz der Kanäle und Gänge, wo sich die Frauen und Kinder verbergen sollten, wurde geprüft, und von dort sollten sie versuchen, aus der Stadt herauszukommen, während die Männer den Rückzug decken sollten. Dr. Bergmann...verhandelte mit den Gendarmen über die Beschaffung von Waffen ... In der Nacht bekam er Nachrichten über einen Radioempfänger, den er besorgt hatte u. bei einem Freund unter dem Fußboden aufbewahrte. Alles war vorbereitet, es fehlten nur noch die erwarteten Waffen..."

Zu diesem Zeitpunkt beschlossen die Deutschen, alle arbeitsfähigen Männer .. (zu deportieren); binnen 4 Wochen wurden mehr als 18.000 Menschen deportiert. In Th. blieben nur noch 11.000 Frauen u. alte Männer u. etwa 200 Männer im Alter von 16-65 Jahren, um die unumgänglich notwendigen technischen Arbeiten zu verrichten.
Der Widerstand war vernichtet
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Wasserversorgung

Beitrag von Dissident am Fr Apr 14, 2017 2:36 pm

http://www.ghetto-theresienstadt.info/pages/w/wasserversorgung.htm  Wasserversorgung

Wasser war knapp im Ghetto Th. Überlebende berichten, daß es oftmals Wassersperre gab oder nur ein Rinnsal aus den Hähnen tropfte u. man an den Waschrinnen lange anstehen musste. Das Wasserwerk der Stadt wurde von der Technischen Abteilung der Jüd. Selbstverwaltung März 1942 übernommen. Ans Wasserwerk waren außer den Kasernen nur wenige Wohnhäuser angeschlossen. Sonst gab es verseuchte Handbrunnen, deren Wasser nicht getrunken werden durfte u. eine schadhafte Flußwasserleitung, die außer Betrieb gesetzt worden war. Das Wasserwerk hatte nur einen unzureichenden Tiefbrunnen, die primitive Anlage war verwahrlost, der Wasserdruck zu gering u. die Rohrleitungen undicht. Um den Mindestbedarf für die Koch- u. Wassermenge sicher zu stellen, wurde die Zufuhr täglich um viele Stunden gedrosselt.

Während man mindestens 60 l Wasser pro Kopf u. Tag rechnen muß, standen hier anfangs 26 l Wasser zur Verfügung, nach Ausbesserung der Schäden 32 l, Mai 1942 durch die Bevölkerungszunahme nur 23 l, Mitte Sept. 1942 bei mehr als 58.000 Menschen nur 19,5 l. Erst 1943 (die Einwohnerzahl war durch Transporte nach Auschwitz reduziert worden), war die Wasserknappheit auch durch die Inbetriebnahme neuer Tiefbrunnen überwunden.
11/1941 13.400 m³
1. April 1943 29.000 m³
Ende 1943 87.000 m³ (65 l pro Person u. Tag)

Anfang Juli 1942 wurde mit der Bohrung neuer Brunnen begonnen.

Brunnen I wurde in der Nähe des Bauschowitzer Tores auf 75 m gebohrt. Das 40 cm Rohr lieferte 17–22 Liter pro Sekunde.

Brunnen IV in der Nähe des Litomericer Tores konnte erst Aug. 1943 in Betrieb genommen werden, da das Wasser ursprünglich Kolibakterien enthielt. Der Brunnen hatte eine Tiefe von 70 m u. lieferte im Normalbetrieb etwa 12 Liter pro Sekunde.

Brunnen III befand sich rechts neben der Landstraße nach Deutsch-Kopist. Er war 169 m tief u. wurde 1944 beendet. Der Brunnen förderte ebenfalls 12 Liter pro Sekunde.
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