KL Mauthausen

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KL Mauthausen

Beitrag von Dissident am Fr Aug 12, 2016 5:39 pm

Mauthausen ist ein kleiner Ort an der Donau östlich von Linz.
Früher war der Ort eine Mautstation (daher der Name) u. Zwischenstation im Salzhandel. Bekannt wurde Mauthausen im 19. Jahrhundert durch den von der Mauthausner Steinindustrie in die großen Städte der österr.-ungar. Monarchie gelieferten Mauthausner Granit. Viel bekannter als der Mauthausner Granit u. die sonst. Geschichte des kleinen Ortes ist (wohl zum Leidwesen der Anwohner) das für einige Jahre dort befindliche Konzentrationslager.
Mauthausen ist für die DöDR ungefähr dasselbe wie für unseren großen deutschen Bruder der Ort u. das dortige KL Auschwitz. Man hört oft die Worte "identitätsstiftend" u. "Erinnerungskultur" und so...
Deshalb ist es auch für mich unumgänglich, dieses Thema aufzugreifen u. zu hinterfragen, was uns an der dortigen Gedenkstätte selbst u. in Büchern u. Medien darüber berichtet wird. Immerhin werden wir Österreicher seit 1945 mit der Mauthausen-Thematik unter Druck gesetzt. Leider ist es in einigen Detailfragen sehr gefährlich, Aussagen zu machen, weil man jedes Wort mit der Goldwaage prüfen muss, damit einem nicht das DÖW, linksgrüne Denunzianten oder der DöDR-Staatsanwalt selber daraus juristische Stricke knüpfen u. an einer historischen Diskussion teilnehmende Staatsbürger nach Art der Hexenprozesse Gesinnungsstrafen zuführen wollen.

Fangen wir daher damit an, was uns das DöDR-linientreue Wikipedia u. das Mauthausen-Memorial anbietet.
Ich kann Euch aber gleich verraten, daß dort nicht die ganze Geschichte u. alle Fakten vorkommen, die man zu einem vollständigeren Urteil darüber kennen sollte. Das kommt später. Untenstehende Texte sind von mir teilweise gekürzt, das lange Wort "Konzentrationslager" habe ich mit KL oder KZ abgekürzt, KLM bedeutet Stammlager Mauthausen. Die Wikipedianer bauen künstlich extrem lange Artikel mit Füllwörtern... Wer die ganze Version lesen will, kann den link anklicken.

Anmerkung Dissident: Betreffend aller Inhalte, die ich in der Rubrik "Zeitgeschichte und Nachbarländer" einstelle:
Ich habe nicht vor, zu behaupten, daß in KZ´s keine Häftlinge zu Tode gekommen wären oder daß dort nicht auch schlimme Dinge passiert sind.
Unbestritten haben etliche SS-Männer Verbrechen begangen. Daneben passierten viele Verbrechen durch KL-Häftlinge, die sich als Lagerälteste, Blockälteste, Capos, Schreiber usw. an ihren Mithäftlingen vergingen. In jedem Fall wäre zu klären, was genau geschehen ist und ob das auch wahr sein kann (falsche Zeugenaussagen, Scheinzeugen, erfolterte "Geständnisse", usw.) Mit meinen Hobby-Recherchen zu zeitgeschichtlichen Fragen und Standpunkten (eben auch betreffend der KZ) will ich keine Person, Religionsgemeinschaft oder Ethnie beleidigen.

Betreffend Vergasungen ist grundsätzlich immer zu unterscheiden, ob es sich dabei um die Örtlichkeit Mauthausen Stammlager oder Schloss Hartheim handelt.

Nach hier vorliegenden (noch unvollständigen, daher Mindestzahlen) Informationen:
Von Mithäftlingen ermordete Häftlinge: 1052 Häftlinge http://doedr.forumieren.net/t48p100-kl-mauthausen#1474
Todesfälle durch alliierte Bombardierung: 749 KZ-Häftlinge http://doedr.forumieren.net/t48p100-kl-mauthausen#1476
Todesfälle durch "auf der Flucht erschossen": 267 KZ-Häftlinge http://doedr.forumieren.net/t48p100-kl-mauthausen#1471
Entlassene Häftlinge: 46 Häftlinge http://doedr.forumieren.net/t48p100-kl-mauthausen#1473
Erfolgreiche Fluchtversuche: 35 KZ-Häftlinge geflüchtet und nicht wieder gefasst http://doedr.forumieren.net/t48p100-kl-mauthausen#1472
Todesfälle durch Typhus u.a. Seuchen: mind. 20 KZ-Häftlinge http://doedr.forumieren.net/t48p100-kl-mauthausen#1477
Todesfälle durch Selbstmord: 10 KZ-Häftlinge http://doedr.forumieren.net/t48p100-kl-mauthausen#1470
Todesfälle durch Unfälle: mind. 5 Unfalltote http://doedr.forumieren.net/t48p100-kl-mauthausen#1475
Altersbedingte Todesfälle: ?  http://doedr.forumieren.net/t48p100-kl-mauthausen#1769


https://www.mauthausen-memorial.org/de/Wissen/Die-Aussenlager#map||57 .. Bis zur Befreiung des KZ Mauthausen/Gusen wurden mehr als 40 Außenlager errichtet. Anfang März 1945 befanden sich an die 64.000 von insgesamt 83.000 KZ-Häftlingen in einem der Außenlager.
http://www.ooegeschichte.at/epochen/oberoesterreich-in-der-zeit-des-nationalsozialismus/orte-des-terrors/mauthausen-gusen.html .. enormer Anstieg der Einlieferungen 1944/1945. An die 100.000 Häftlinge wurden in diesem Zeitraum nach Mauthausen, Gusen u. in die Außenlager eingewiesen. Fast die Hälfte davon kam ab Herbst 1944 aus anderen KZ, die wg. des Vormarsches der alliierten Truppen evakuiert worden waren ..

https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Mauthausen .. Das KZ Mauthausen bestand vom 8.8.1938 bis zu seiner Auflösung nach der Befreiung durch US-Truppen am 5.5.1945

Gründung der Deutsche Erd- u. Steinwerke GmbH
Die Geschichte des KZ Mauthausen begann mit Gründung einer GmbH durch die SS. Am 29.4.1938 wurde in Berlin die „Deutsche Erd- u. Steinwerke GmbH“ (DEST) gegründet. So konnte die DEST von Anfang an auf billige Arbeitskräfte aus den KL zugreifen. Eine der ersten Handlungen der DEST war u.a. der Erwerb u. die Inbetriebnahme von Steinbrüchen bei Flossenbürg, Gusen u. Mauthausen. Dies war auch ausschlaggebend für die Errichtung von KL nahe diesen Städten. Bei Mauthausen u. Gusen lagen bedeutende Granitsteinbrüche. Granit wurde zu dieser Zeit in großen Mengen für die „Führerbauten“ benötigt, wofür auch große Mengen an Granit gebraucht wurden.

Am 16.5.1938 nahm die SS den Steinbruch Mauthausen mit 30 Zivilarbeitern in Betrieb, u. am 18.8.1938 fand die endgültige Übergabe der Steinbrüche an die DEST statt. Die Steinbruchbetriebe in Gusen wurden parallel dazu ebenfalls bereits am 25.5.1938 durch die DEST durch Kauf u. später durch Enteignung erworben u. bildeten in weiterer Folge das Zentrum der Granitwerke Mauthausen mit Werkgruppenleitung in St. Georgen an der Gusen.

Die ersten Häftlinge in Mauthausen waren 300 österr. u. einzelne deutsche Polizei-Sicherungsverwahrungs-Häftlinge u. kamen am 8.8.1938 aus dem KZ Dachau an. Mit ihnen kamen auch die ersten Bewacher von SS-Totenkopfverbänden. Kommandant des Lagers war zu Beginn Albert Sauer. Am 27.11.1938 traf der erste Zug mit Häftlingen am Bahnhof Mauthausen ein.

Nebenlager
Das KL besaß 52 „Nebenlager“, die größten waren in Gusen, Ebensee u. Melk. Liste: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Au%C3%9Fenlager_des_KZ_Mauthausen

Stammlager Mauthausen – Lagerstufe III
Am 9.2.1939 wurde Franz Ziereis Lagerkommandant. Das KL Mauthausen wurde ab März 1939 zu einem selbständigen Lager erweitert. Etwa 2,5 % der Insassen waren Frauen. Es wurden auch Jugendliche u. Kinder inhaftiert .. Die letzte Häftlingsnummer – 139.317 – wurde am 3.5.1945 ausgegeben. Das KL Mauthausen war aus nicht bekannten Gründen das einzige KL der Kategorie III auf dem Gebiet des Reiches. Insges. waren im KL 197.464 Häftlinge inhaftiert
Auf Befehl Himmlers entstand in Mauthausen Juni 1942 das erste von 10 Häftlingsbordellen .. In der Nacht zum 2.2.1945 unternahmen etwa 500 sowj. Offiziere gemeinsam einen Fluchtversuch aus Todesblock 20; fast alle wurden bei der darauf folgenden 3-wöchigen Verfolgungsaktion ermordet (siehe auch: „Postenpflicht“ der KZ-Wachposten).

April 1945 hatte die SS damit begonnen, alle Akten zu vernichten, die auf ihre Verbrechen im Lager hinwiesen. Darunter fiel auch das Abmontieren der Gaskammer, die 1941 im Keller des Krankenbaus eingerichtet worden war. Die techn. Einrichtungen der Gaskammer wie Gaseinfüllstutzen, Abluftventilator u. Türen wurden demontiert, konnten aber später auf dem Lagergelände sichergestellt werden. Danach flohen die SS-Männer, u. die Häftlinge wurden vom Volkssturm u. der Wiener Feuerwehr bewacht.

Am 5.5.1945 wurde das Lager durch die vorrückenden Truppen der 11. US-Panzerdivision der 3. US-Armee befreit. Wesentlichen Anteil daran hatte Louis Häfliger, der sich als Delegierter des Internat. Komitees v. Roten Kreuz (IKRK) zur Begleitung eines Lebensmitteltransports im Lager aufhielt.

Hauptlager .. Errichtung des Lagers
Die Aufgabe der ersten Häftlinge war es, die ersten 4 Baracken zu bauen u. im Steinbruch zu arbeiten. Einige Monate später hatte das Lager schon 14 Baracken, u. ein Großteil der Häftlinge wurde im Steinbruch eingesetzt. Das Lager wurde später in 3 Teile geteilt: Lager I, II und III:

Als erstes wurde Lager I errichtet. Diese ersten 20 Baracken wurden 1938-1940 erbaut. Lager II bestand aus den Baracken 21-24 u. wurde 1941 gebaut,
Lager III bestand aus 6 Baracken u. wurde im Frühjahr 1944 erbaut.

Außerdem gab es noch das absichtlich irreführend sogen. Krankenlager, das sich südlich des Lagers I befand. Dieses Krankenlager wurde zunächst auch „Russenlager“ genannt, da es im Okt. 1941 eigentlich für sowj. Kriegsgefangene gebaut wurde. Dieser Lagerteil bestand aus 10 Baracken. Am 14.3.1943 wurden 684 Kranke aus dem Sonderrevier ins „Russenlager“ verlegt. Frühjahr 1944 wurden im Hauptlager 9000 Häftlinge gezählt, von denen fast die Hälfte im Sanitätslager unversorgt vegetierten. Ende Jan. 1945 kamen die meisten aus dem KZ Auschwitz u. im Laufe des Februars aus Groß-Rosen u. Sachsenhausen „evakuierten“ Gefangenen ins Sanitätslager. Die Ankunft der evakuierten Häftlinge aus den Wiener Lagern u. der Niederdonau im April verschärfte die Situation noch einmal. Im Keller des Reviers wurde ein 3. Verbrennungsofen in Betrieb genommen.

Neben dem Krankenlager gab es auch noch das Zeltlager, das sich nördlich des Lagers I befand. Es bestand aus 6 großen u. 8 kleinen Militärzelten, wurde im Dez.1944 bezogen u. gehörte bis zum 8.4.1945 zum Hauptlager.

Des Weiteren existierte ein Arrestgebäude, das 1939-1940 erbaut wurde u. 33 Zellen von je 5,4 m² enthielt. Dann gab es noch das sogen. Revier, ein Steingebäude im Lager II, das nicht vollendet wurde, dessen linke Hälfte aber 1944 bezogen werden konnte.

Als letztes gab es noch die Wäscherei- u. Küchenbaracken, die 1938-1941 erbaut wurden. Eine Normal-Baracke im Lager war 52,61 m lang u. 8,22 m breit. Außerdem war sie in 2 Teile eingeteilt: Stube „A“ links u. Stube „B“ rechts. Jede Stube bestand aus 2 Zimmern, Aufenthaltsräumen u. 1 Schlafraum. Die meisten Häftlinge durften sich allerdings nur im Schlafraum aufhalten, da der Aufenthaltsraum den Häftlingsfunktionären auch als Schlafraum vorbehalten war.

Das Hauptlager wurde durch eine 2,5 m hohe Umfassungsmauer mit einer Länge von 1.668 m gesichert. Gekrönt wurde die Mauer durch einen mit 380 Volt elektrisch geladenen Zaun. Die Ausnahme war der nördliche Teil von Lager I, wo an der Rückfront der Baracken 5, 10 u. 15 nur elektrischer Zaun war. Das Krankenlager hatte zur Sicherung einen doppelten Stacheldrahtzaun, der mit Starkstrom geladen war. Die Gesamtfläche der Lager I, II u. III betrug, mit dem Appellplatz zusammen, etwa 25.000 m², das Krankenlager hatte ungefähr eine Größe von 15.000 m² u. das Zeltlager von 16.000 m².

Mauthausener Typhus-Epidemien 1940–1941

Steintreppe, die den Steinbruch „Wiener Graben“ mit dem eigentlichen KL Mauthausen verband. Die Beteiligten des Steinträgerkommandos schleppten mehrmals täglich Granitblöcke über die insges. 186 Stufen der Treppe 31 m nach oben.

Krematorien:
Bis Mai 1940 wurden die Leichen der Mauthausener Häftlinge in den Krematorien von Steyr u. Linz verbrannt. Lagereigene Krematorien wurden ab 1940 in Mauthausen u. Gusen, später auch in den Außenlagern Melk u. Ebensee errichtet. Die Firma J. A. Topf & Söhne errichtete im Hauptlager Mauthausen insges. 3 Ofenanlagen, die sich im Kellerbereich von Arrestgebäude u. Krankenrevier befanden u. zuletzt aus 2 Doppelmuffel-Einäscherungsöfen sowie 1 ölbetriebenen Einzelmuffel-Einäscherungsofen bestanden. In den Ofenanlagen wurden bis zu 8 Leichen gleichzeitig eingeäschert

Arbeitseinsatz: Der Arbeitseinsatz betrug 11 Stunden. Ausgenommen davon waren Steinmetzlehrlinge mit Arbeitseinsatz von 9 Stunden. Geweckt wurden die Häftlinge um 4:45 Uhr im Sommer u. im Winter um 5:15 Uhr. Jeden Morgen spielte sich dann die gleiche Prozedur ab: Die Häftlinge mussten sofort aufstehen u. ihre Betten machen, dann schnell sich anziehen u. für Toiletten u. Bad anstehen (8 WC u. 5 Minuten Zeit für 250-600 Häftlinge), danach schnell den Spind ordnen, danach wieder anstehen – diesmal fürs Essen. Danach erfolgte vor den Baracken die Formierung des Zuges für den Zählappell: In 20er-Reihen barackenweise rechts u. links geordnet, warteten die Häftlinge auf dem Appellplatz auf das Erscheinen der SS-Leute. Nach einem Rapport u. einem „Mützen ab, Mützen auf“ war der Appell beendet u. vom Lagerältesten kam der Ruf: „Arbeitskommando formieren“. Nach kurzer Zeit konnten dann die Kolonnen zu ihren jeweiligen Arbeitsstätten marschieren. Bis Frühjahr 1944 erfolgten täglich 3 Zählappelle, jeweils am Morgen, am Nachmittag u. ein letztes Mal am Abend. Danach gab es dann nur noch 2, morgens u. abends. Die Häftlinge, die in den Werkstätten u. innerhalb des Hauptlagers ihren Arbeitseinsatz verrichteten, mussten auch weiterhin mittags zum Appell antreten, außer dem Bedienungspersonal, das in den SS-Unterkünften u. Revieren arbeitete. Abends, nach Rückkehr der Häftlinge von der Arbeit, je nach Jahreszeit ab 18:00 Uhr oder ab 19:00 Uhr, fand dann der Abendappell statt.

Freizeit: Am Sonntagnachmittag hatten die Häftlinge frei. Selten gab es sonntags auch Auftritte der Häftlingskapelle oder Box- bzw. Fußballturniere. Ab 1943 gab es in Mauthausen dann auch Fußballmannschaften der einzelnen Volksgruppen.

Giftgas im KL Mauthausen:
Morde an Häftlingen mittels giftiger Gase wurden 1941-1944 in Hartheim vorgenommen, 1941-1942 mit einem Gaswagen zwischen Mauthausen u. Gusen u. 1942-1945 in einer Gaskammer auf dem Gelände selbst.

Tarnbezeichnungen: Die im KLM eingerichteten Hinrichtungsstätten (Galgen, Erschießungsstätten, Gaskammer), Krematorien u. Bordelle wurden als Sonderbauten bezeichnet. Im offiziellen Sprachgebrauch wurde die Gaskammer als „Desinfektions-Anstalt“ getarnt, Transporte in die Vergasungsanstalt Hartheim wurden durch die Bezeichnung „Sanatorium Dachau“, „Heil- u. Pflegeanstalt Ybbs an der Donau“, „Erholungsheim“, „Erholungslager“ u. „Sanatorium Bad Ischl“ verschleiert.

Gaskammer: Die Gaskammer wurde, in unmittelbarer Nähe des Krematoriums, Herbst 1941 im Keller des Rohbaues des Krankenreviers errichtet. In einem kleinen Nebenraum befand sich die Einrichtung, mit der das Gas Zyklon B in die Kammer geleitet wurde. Die Vergasungen leitete hauptsächlich der Kommandoführer des Krematoriums, SS-Hauptscharführer Martin Roth, aber auch andere SS-Führer wie der Standortarzt Dr. Eduard Krebsbach leiteten solche Mordaktionen u. bedienten das Gaseinfüllungsgerät. In der Gaskammer wurden jeweils 30-80 Personen ermordet. Über die Fertigstellung u. den Beginn der Vergasungen herrscht in der Forschung keine Einigkeit, jedoch wurde von keinem SS-Führer in den Prozessen nach dem Krieg die Existenz einer Gaskammer geleugnet. Der Lagerkommandant Ziereis gab bei Befragung am 24.5.1945 zur Gaskammer an:   „Im Lager Mauthausen wurde auf Anordnung des SS-Standortarztes Dr. Krebsbach eine Vergasungsanstalt gebaut, die als Baderaum getarnt war. In diesem getarnten Raum wurden Häftlinge mit Zyklon B vergast …“
Als Termine der Fertigstellung u. Inbetriebnahme werden entweder März od. Mai 1942 genannt. Die Gaskammer wurde zunächst fast ausschließlich für offiziell angeordnete Exekutionen verwendet u. erst in der letzten Kriegsphase auch zur Ermordung von Kranken oder zur Arbeit Untauglichen. Genaue Opferzahlen konnten nicht festgestellt werden, doch wird auf Grundlage der vorhandenen Unterlagen u. der Zeugenaussagen eine Mindestzahl von 3.455 genannt, die in der Mauthausener Gaskammer ermordet wurden. Noch April 1945 wurden 1200-1400 Menschen in der Mauthausener Gaskammer ermordet. Die letzte Vergasung in einem NS-KZ fand am 28.4.1945 in der Mauthausener Gaskammer statt.

Die Baulichkeiten der Gaskammer sind weitgehend erhalten geblieben, jedoch findet der heutige Besucher nicht den Originalzustand vor. Vor der Befreiung des Lagers ließ die SS techn. Einrichtungen der Gaskammer wie Türen, Abluftventilator u. Gaseinfüllstutzen demontieren u. auf dem Gelände einlagern. Sie wurden dort von der US Army aufgefunden, im „Taylor-Report“ beschrieben u. abgebildet, gingen jedoch bis auf den Ventilator verloren. Bei der Einrichtung der Gedenkstätte 1948/1949 wurde die Gaskammer mit anderen Türen rekonstruiert u. die Mauer der angrenzenden Gaszelle neu errichtet. Es ging den überlebenden Häftlingen um Veranschaulichung u. eine würdige Gedenkstätte, nicht um eine wissenschaftliche Dokumentation. Diesen Mangel machten sich Revisionisten zunutze, die die frühere Existenz einer Gaskammer leugneten oder von einer „Attrappe“ sprachen. Die im Jahr 2009 ermittelten bauarchäologischen Befunde belegen jedoch die früher gemachten Angaben zur Gaskammer.

Vergasungswagen: In Mauthausen gab es einen Vergasungswagen, der 1941 von der Lagerschlosserei hergestellt wurde. Eingesetzt war er lt. Zeugenaussagen von Herbst 1941 bis Sommer oder Herbst 1942. Der Wagen fuhr die etwa 5 km lange Strecke zum Nebenlager Gusen, während dieser Fahrt wurden arbeitsunfähige oder kranke u. körperschwache Häftlinge ermordet. Nach Zeugenaussagen gab es bis zu 40 Fahrten, was eine Opferzahl von mindest. 900 Häftlingen bedeutet.

Gaskammer in Schloss Hartheim: Nach Ende der Aktion T4 Aug.1941 wurden die bestehenden Anlagen in Schloss Hartheim u. das dazugehörige Personal nahtlos genutzt, um für die April 1941 angelaufene Aktion 14f 13 als arbeitsunfähig eingestufte Häftlinge zu ermorden u. einzuäschern. Bis zum letzten Häftlingstransport am 11.12.1944 wurden schätzungsweise 12.000 Häftlinge aus Mauthausen, Gusen u.a. KL dort umgebracht.

Nebenlager des KZ Mauthausen,  Gusen I, II und III: Der Aufbau von Gusen I begann 1939, damals noch unter Namen KL Mauthausen/Unterkunft Gusen. Gusen lag 4,5 km westlich von Mauthausen. Aufgebaut wurde das Lager am Anfang von 2 Arbeitskommandos, bestehend aus 400 österr. u. deutschen Häftlingen, die jeden Morgen vom KLM nach Gusen marschieren mussten. Der Aufbau dieses Gusener Teiles des KZ-Doppellagersystems Mauthausen/Gusen wurde erforderlich, da die von KZ-Häftlingen in Gusen geleisteten Tagwerke bereits 1939 die von Häftlingen im DEST-Betrieb Wienergraben geleisteten Tagwerke deutlich überstiegen. März 1940 waren die ersten Baracken fertig u. wurden auch gleich von Mitgliedern der beiden Arbeitskommandos belegt. Am 24.5. des gleichen Jahres wurden 200 Häftlinge als „Kranke“ ins KLM rückverlegt. Und so wurden am nächsten Tag die übrig gebliebenen Häftlinge als die ersten Gusener Häftlinge registriert. Allerdings trafen am gleichen Tage noch 1082 Polen aus dem KZ Dachau ein. In Gusen wurde den Häftlingen mitgeteilt, daß sie nun „zu brauchbaren Menschen des Dritten Reiches umgeschult werden“. In den darauffolgenden Monaten kamen weiter 4000 polnische Intellektuelle nach Gusen zur „Umschulung“.

Das KL Gusen I bestand aus 34 Baracken, davon 24 Häftlingsbaracken, 2 Werkstatt- u. Magazinbaracken u. 6 Krankenbaracken, denen im Winter 1943/44 noch 4 weitere folgten. Außerdem gab es noch 2 Steingebäude. Winter 1940/41 wurde dann in Gusen I auch ein ortsfestes Krematorium gebaut, in dem ab dem 29.1.1941 Häftlingsleichen verbrannt wurden. Die Häftlinge des KL Gusen I mussten unter anderem in den Gusener Steinbrüchen, im Stollenbau u. in der Waffenindustrie (Hirtenberger Patronenfabrik) arbeiten, wo sie beispielsweise Teile für Karabiner, Maschinenpistolen oder Daimler-Benz-Flugzeugmotoren für den DEST-Kooperationspartner Steyr-Daimler-Puch AG herstellten. Der Tarnname für diese Fertigung lautete z. B. „Georgenmühle“.

Am 9.3.1944 wurde das Lager Gusen II eröffnet. Es war für bis zu 16.000 Häftlinge gebaut worden, welche im Stollenausbau für das streng geheime Luftwaffen-Projekt „B8 Bergkristall“ zur Fließbandfertigung von Messerschmitt-Me-262-Düsenjägern arbeiten mussten. Weitere Tarnnamen für die streng geheime Fertigung in Gusen II waren auch „Esche II“ oder „Linz 2“.

Ungefähr 10 Monate später, im Dez. 1944, wurde Gusen III für weitere 262 Häftlinge eröffnet. Die Häftlinge von Gusen III mussten beim Bau der Großbäckerei Lungitz u. in einem Ersatzteillager für die Fertigungsbetriebe der Messerschmitt GmbH in St. Georgen u. Gusen arbeiten.

Da die Maxime der KL Gusen I, II u. III „Vernichtung durch Arbeit“ lautete, wurden dort rasch alle Häftlinge, die krank oder schwach waren, ermordet beziehungsweise zu Tode gebracht. In den KL Gusen waren insgesamt 67.677 Häftlinge inhaftiert, von denen 31.535 offiziell getötet wurden. Rechnet man zu dieser Zahl z.B. noch die unzähligen Häftlinge dazu, die in Gusen nicht einmal registriert, in der NS-Tötungsanstalt Hartheim ermordet oder zum Sterben ins „Sanitätslager Mauthausen“ überstellt wurden oder die nach der Befreiung starben, sind den KL von Gusen 44.602 Opfer zuzurechnen. Die Lager Gusen wurden am 5.5.1945 von der US-Armee befreit.

Ein Teil der Steinbruchbetriebe wurde bis in die 1950er Jahre durch das sowjetstaatliche Unternehmen Granitwerke Gusen weitergeführt. 1965 wurde das Memorial Gusen eingeweiht u. 2004 um das Besucherzentrum Gusen ergänzt. Seit 2007 führt auch der Audioweg Gusen durch die Areale der ehem. KL Gusen I und Gusen II.
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Bekannte Häftlinge des KZ Mauthausen u. seiner Nebenlager: siehe http://doedr.forumieren.net/t88-mauthausen-haftlinge-und-nebenlager

Literatur

   Hans Maršálek: Mauthausen mahnt! Kampf hinter Stacheldraht. Tatsachen, Dokumente u. Berichte über das größte Hitler'sche Vernichtungslager in Österreich. Hrsg. vom Mauthausen-Komitee des Bundesverbandes der österr. KZler u. politisch Verfolgten. Wien 1950.
   Hans Maršálek: Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen. Dokumentation. 4. Auflage. 2006, ISBN 3-7035-1235-0.
   Österr. Lagergemeinschaft Mauthausen, Hans Maršálek, Kurt Hacker (Hrsg.): Kurzgeschichte des Konzentrationslager Mauthausen und seiner drei größten Nebenlager Gusen, Ebensee, Melk. Wien 1995.
   Österr. Lagergemeinschaft Mauthausen (Hrsg.): Mauthausen. Wien 1996.
   Bertrand Perz: Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen 1945 bis zur Gegenwart. Studienverlag, Innsbruck 2006, ISBN 3-7065-4025-8.
       Bertrand Perz, Christian Dürr, Ralf Lechner (Hrsg.): Verwaltete Gewalt: Der Tätigkeitsbereich des Verwaltungsführers im Konzentrationslager Mauthausen 1941 bis 1944. (= Mauthausen-Studien, Bundesministerium für Inneres, Wien 2013, ISBN 978-3-9502824-2-9.[45]
   Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. 9 Bände. C. H. Beck, München 2005ff, ISBN 978-3-406-52960-3 (i. Dr.; Inhaltsregister)
       4: Flossenbürg, Mauthausen, Ravensbrück, ISBN 978-3-406-52964-1.
   Siegfried Haider, Gerhard Marckhgott: Oberösterr. Gedenkstätten für KZ-Opfer. OÖ Landesarchiv, Linz 2001, ISBN 3-900313-69-5.
   Wilhelm Raimund Beyer (Hrsg.): Rückkehr unerwünscht. Joseph Drexels „Reise nach Mauthausen“ und der Widerstandskreis Ernst Niekisch. DVA, Stuttgart 1978, ISBN 3-421-01846-4.
   Forschungsprojekt Mauthausenkomitee: Nebenlager des KZ-Mauthausen in der Wahrnehmung der Lokalbevölkerung (PDF), Zeitzeugenberichte. Projekt-Studie. 2002.
   Florian Schwanninger: „Wenn du nicht arbeiten kannst, schicken wir dich zum Vergasen.“ Die „Sonderbehandlung 14f13“ im Schloss Hartheim 1941–1944. In: Brigitte Kepplinger, Gerhart Marckhgott, Hartmut Reese (Hrsg.): Tötungsanstalt Hartheim. Linz 2008, ISBN 978-3-902801-13-5.
   Peter Gstettner: Verkehrte Welt. Kärnten – Erinnerungsarbeit im Land der „NS-Wohltäter“. In: Öffentlichkeit und KZ. Was wusste die Bevölkerung? (= Dachauer Hefte Nr. 17). 2001, DNB 963626124, S. 124–140.
   Florian Freund: Der Mauthausen-Prozeß. Zum amerikanischen Militärgerichtsverfahren in Dachau im Frühjahr 1946. In: Gericht und Gerechtigkeit. (= Dachauer Hefte. Nr. 13). 1997, S. 99–118.
   Stefan Klemp: KZ-Arzt Aribert Heim. Die Geschichte einer Fahndung. Prospero Verlag, Münster/ Berlin 2010, ISBN 978-3-941688-09-4.
   Hans Maršálek, Josef Kohl: Wegweiser durch Mauthausen. Herausgegeben vom Verband österreichischer Widerstandskämpfer und Opfer des Faschismus.
   Nikolaus Wachsmann: KL: Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Siedler Verlag, München 2016, ISBN 9783886808274
   Holger Schaeben, DER SOHN DES TEUFELS – Aus dem Erinnerungsarchiv des Walter Chmielewski, Offizin-Verlag, Zürich 2015, ISBN 978-3-906276-18-2


Hier noch einige Texte aus der Wikipedia-Diskussion zum Hauptartikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:KZ_Mauthausen

Nutzung des Lagers nach 1945? Was geschah nach der Übernahme des Areals durch die Russen?
Ist die Infrastruktur zerstört worden oder hat man die vorhandenen Bauwerke in irgendeiner Weise weiterverwendet?

Das KZ Mauthausen wurde durch die Amerikaner befreit. Wann gab es eine "Übernahme des Areals durch die Russen"?


Zuletzt von Dissident am Mi Jan 03, 2018 5:53 pm bearbeitet; insgesamt 16-mal bearbeitet
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Granitwerke - DEST - USIA

Beitrag von Dissident am Di Aug 16, 2016 2:53 pm

Weiteres Material zur Grundlagensammlung: https://de.wikipedia.org/wiki/Granitwerke_Mauthausen --- „Granitwerke Mauthausen“
--- von der DEST benutzte Bezeichnung für die DEST-Werkgruppe in St. Georgen an der Gusen im Umfeld der KL Gusen I, Gusen II, Gusen III u. Mauthausen

Die Werkgruppenleitung der „Granitwerke Mauthausen“ befand sich 1940-1945 in St. Georgen an der Gusen u. wurde auch „Außendienststelle St. Georgen“ der Amtsgruppe W im SS-Wirtschafts- u. Verwaltungshauptamt (WVHA) genannt. Die Werkgruppe St. Georgen wurde 1938-1945 zum größten Betrieb der DEST ausgebaut.
Betriebe der DEST-Werkgruppe St. Georgen waren:

Betrieb Gusen-Kastenhof (mit den Steinbrüchen Gusen, Kastenhof u. Pierbauer bei den KL Gusen)
Betrieb Wienergraben (Steinbruchbetrieb beim KL Mauthausen)
Betrieb Beneschau (Steinbrüche in der Gegend von Beneschau bei Prag)
Betrieb Grossraming (Werksteinproduktion für die Ostmärkischen Kraftwerke)
Betriebsabteilung I (Fertigung von Infanteriewaffen in Kooperation mit der Steyr-Daimler-Puch AG in Gusen)
Betriebsabteilung II (Serienfertigung von Rümpfen u. Tragflächen für Messerschmitt Bf109-Jagdflugzeuge in Kooperation mit Messerschmitt GmbH Regensburg in Gusen)
Betriebsabteilung III (Serienfertigung von Rümpfen u. Vorflügeln für Me 262 in Kooperation mit Messerschmitt Regensburg im unterirdischen Produktionskomplex B8 Bergkristall in St. Georgen an der Gusen)
Bauabteilung (Zementwarenerzeugung in Gusen)

Leitende Angestellte der Werkgruppe St. Georgen waren:   Otto Walther (Werksdirektor in St. Georgen),   Alfred Grau (Kaufmännischer Leiter in St. Georgen),
   Paul Wolfram (Werkleiter des Betriebes Gusen-Kastenhof),   Johannes Grimm (Werkleiter des Betriebes Wienergraben)

Werksdirektor Walther berichtete direkt ans Amt W I/2 im WVHA (Schneider, SS-Standartenführer Walter Salpeter, Heinz Schwarz oder SS-Hauptsturmführer Assessor Karl Mummenthey). Ab 1942 war auch Ziereis, der Kommandant des KL Mauthausen, im Rang eines Betriebsdirektors der DEST Werkgruppe St. Georgen.


Mai 1945: Gesamtansicht des KZ Gusen nach der Befreiung - Archiv der Stadt Linz

Die Betriebe der Werkgruppe St. Georgen wurden nach Kriegsende von der UdSSR beansprucht u. teilweise unter Bezeichnung „Granitwerke Gusen“ als USIA-Betrieb bis 1955 fortgeführt. Nach 1955 wurde durch die Republik Österreich die „Öffentliche Verwaltung der Deutschen Erd- u. Steinwerke GmbH Berlin, St. Georgen a.d. Gusen“ eingesetzt, welche das Vermögen der DEST-Werkgruppe St. Georgen bis in die 1960er Jahre verwaltete.

KZ Mauthausen, Besuch Heinrich Himmler - Himmler im Gespräch mit August Eigruber im KZ Mauthausen April 1941, dahinter Ernst Kaltenbrunner, Franz Ziereis,
Fotograf unbekannt; Quelle: wikimedia | Bundesarchiv, Bild 192-194 / CC-BY-SA

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Erd-_und_Steinwerke --- Speer gewährte der DEST einen Kredit von 9,5 Mio. Reichsmark. Der Kredit sollte innerhalb von 10 Jahren durch Warenlieferung von Baumaterialien abbezahlt werden --- von der UdSSR beschlagnahmt. Während der Betrieb „Wienergraben“ bald der KZ-Gedenkstätte Mauthausen zugeschlagen wurde, wurden die Steinbruchbetriebe in Gusen unter Bezeichnung „Granitwerke Gusen“ durch die sowj. USIA als UdSSR-Betrieb bis 1955 weiterbetrieben. Einzelne Objekte u. Liegenschaften, die nicht von den Sowjets beansprucht wurden, wurden bereits ab 1948 durch österr. Gerichte „rückgestellt“.

https://de.wikipedia.org/wiki/USIA --- USIA (Abk. von russ.: Verwaltung des sowj. Eigentums in Österreich) war in der sowj. Besatzungszone in Österreich 1946-1955 ein Verbund von mehr als 300 Unternehmen, die von der UdSSR als ehem. Eigentum des Deutschen Reiches beschlagnahmt worden waren. Die USIA wurde von sowj. Stellen geleitet u. hatte sich nach den Vorgaben der sowj. Staatsführung zu richten. Die Gewinne kamen der UdSSR zugute. Grundlage hierfür waren die Potsdamer Beschlüsse, welche es den Besatzungsmächten erlaubten, .. Reparationen einzuheben. Bei USIA-Betrieben waren über 53.000 Menschen beschäftigt.

Die Firmen in der USIA waren dem Einfluss Österreichs entzogen; die sowj. Besatzungsmacht gestattete Außenstehenden keinen Einblick. Die Behandlung der USIA-Betriebe lief im Ergebnis darauf hinaus, möglichst viel Kapital aus ihnen zu erzielen. Die Unternehmensgewinne wurden durch die Sowj. Militärbank einbehalten. Die Steuern wurden (nach österr. Steuersätzen) an die sowj. Verwaltung entrichtet.

Zur USIA gehörten erhebliche Teile der Schlüsselindustrien Ostösterreichs. Unter anderem die folgenden Betriebe:

   Betriebe der Deutschen Erd- u. Steinwerke GmbH Berlin (DEST) im Umfeld der ehem. KL Gusen u. Mauthausen
   die Lokomotivfabrik Floridsdorf
   die Österr. Automobil Fabriks-AG
   die Österr. Brown, Boveri Werke
   die AEG-Union
   die Osram Österr. Glühlampenfabrik Ges.m.b.H.
   die Allgemeine Baugesellschaft – A. Porr AG
   die Raxwerke in der Wiener Neustadt
   die Brunner Glasfabrik in Brunn am Gebirge
   die KBA Mödling in Maria Enzersdorf
   das Wiener Dianabad u. weitere Kleinbetriebe, Gasthäuser u. Handwerkerbetriebe
   die Rosenhügel-Filmstudios – diese wurden als Wien-Film am Rosenhügel weiterbetrieben
   die Glanzstoff Austria in St. Pölten
   die Voith in St. Pölten

Die USIA bezahlte ihre Angestellten gut u. kam Betriebsräten oft weit entgegen. An Standorten der USIA-Betriebe war die KPÖ überdurchschnittlich präsent.

Die USIA-Betriebe waren Zentren des Oktoberstreiks 1950. Es kam dabei aber auch zu Konflikten mit der Betriebsleitung, da sich die Ausstände negativ auf das Betriebs-ergebnis auswirkten. Nach den Oktoberstreiks bekamen hunderte Kommunisten, die in ihren Betrieben entlassen worden waren u. meist nur noch in den USIA-Betrieben Arbeit finden konnten, in diesen eine Anstellung. Ferner waren die USIA-Betriebe beliebte Anlaufpunkte für die österr. Bevölkerung, da die Preise vieler Bedarfsgüter des täglichen Lebens in den USIA-Läden erheblich unter dem Preis lagen, der am freien Markt verlangt wurde.

Nicht wenige der in der USIA-Leitung eingesetzten sowj. Manager sahen sich in einem ständigen Zwiespalt zwischen den finanziellen u. Sachforderungen ihrer Vorgesetzten einerseits u. der drohenden Insolvenz andererseits. Es mangelte an Reinvestitionen in die Betriebe sowie an Rationalisierungen u. Modernisierungen. Zum Zeitpunkt der Rückgabe der USIA-Betriebe an Österreich lagen diese in Folge einer auf Gewinnmaximierung ausgelegten Unternehmenspolitik – teils insolvenzreif – hinter der übrigen österr. Wirtschaft zurück.
Durch die deutlich unter dem Markt liegenden Preise in den USIA-Läden übten diese einen starken Wettbewerbsdruck auf die anderen Einzelhandelsläden der freien Wirtschaft aus. Die niedrigen Preise wurden dadurch ermöglicht, dass die USIA-Läden an österr. Vorschriften wie die Gewerbeordnung oder die Ladenschlusszeitenregelung nicht gebunden waren u. keine Zollabgaben, Umsatzsteuer u. Verbrauchsteuern abzuführen hatten. Zu sehr günstigen Preisen wurden in den USIA-Läden in den 50iger Jahren selbst relative Luxusgüter wie Nylonstrümpfe u. Schweizer Uhren angeboten.

Mit Hilfe von Reimport von im kommunistischen Ausland umdeklarierter Ware konnte die sowj. Verwaltung nochmals einen deutlichen Gewinn erzielen. Auch wurden USIA-Wirtschaftsgüter wie Spirituosen u. Tabakwaren auf illegalem Wege in LKWs mit sowj. Kennzeichen – die zu kontrollieren, österr. Behörden untersagt war – in den Schwarzmarkt überführt.

Die Preispolitik der USIA wurde als freundschaftliche Aktion der Sowjetunion für das österr. Volk dargestellt, das den angeblich überteuerten Preisen des kapitalistischen freien Marktes nun nicht mehr ausgeliefert sei. Ebenso wurde auf die großzügige Lohnpolitik der USIA hingewiesen. Nachteilige Erscheinungen für die freie Wirtschaft u. der organisierte Schmuggel wurden dagegen als Symptome des verrotteten westlichen Systems gekennzeichnet.

Die Frage der Ablöse der USIA-Betriebe gegenüber der UdSSR war lange Zeit ein Hindernis für den Abschluss des Staatsvertrags zwischen der UdSSR u. Österreich. Erst bei den Gesprächen in Moskau vom 12.-15.4.1955, die den entscheidenden Durchbruch zum Staatsvertrag vom 15.5. brachten, wurde eine Einigung erzielt. Die UdSSR übertrugen das in ihrem Besitz befindliche ehem. "Deutsche Eigentum" gegen folgende Ablöseleistungen an Österreich: alle Rechte am Erdölkomplex gegen eine Lieferung von 10 Mio. Tonnen Rohöl (später auf 6 Mio. Tonnen Rohöl herabgesetzt) (Wert: 200 Mio. US-Dollar); den DDSG-Besitz im östl. Österreich gegen 2 Mio. US-Dollar; für das übrige ehem. "Deutsche Eigentum" wurde eine innerhalb von 6 Jahren zu zahlende Ablösesumme von 150 Mio. US-Dollar festgelegt.

Viele der ehem. USIA-Betriebe wurden nach ihrer Rückgabe an Österreich verstaatlicht. Nach dem österr. Staatsvertrag 1955 zählte man bei der USIA etwa 25.000 Arbeiter u. 4.000 Angestellte, was über ein Viertel der niederösterr. Industriearbeitsplätze darstellte. Die wichtigsten Sektoren waren Maschinen-, Stahl- u. Eisenbau, Gießerei, Bergbau, Eisenerzeugende Industrie, Lederverarbeitung, Glas- u. Metallindustrie.

Andere sowj. kontrollierte Betriebe in Österreich:
Ebenfalls unter sowj. Kontrolle – jedoch nicht im Rahmen der USIA – kamen durch den sogen. Befehl Nr. 17 von Generaloberst Kurassow die Sowj. Mineralölverwaltung (heute OMV AG), mit ca. 7.800 Beschäftigten u. die Donaudampfschifffahrtsgesellschaft mit ca. 1.600 Beschäftigten.

Weiters zur USIA:  http://diepresse.com/home/politik/zeitgeschichte/465250/Osterreich-nach-45_Ein-Staat-im-Staate-namens-USIA --- Leo Thalhammer --- am 4.12.1951 vom sowj. Militärtribunal in Baden bei Wien zum Tod durch Erschießen verurteilt – wegen „Spionage“ für den US-Geheimdienst CIC --- Thalhammers Verbrechen: Er hat mit seinem Schwager über die Produktionskapazität der „Raxwerke“ geplaudert --- Das wichtigste Faustpfand war Erdöl. Die Vorkommen bei Zistersdorf bis Aderklaa waren höchst wertvoll, Österreich galt – gleich nach Rumänien – als das zweitgrößte Erdölland in Europa.

Allein die Sowj. Mineralölverwaltung (SVM) beschäftigte mehr als 11.000 österr. Arbeiter. An ihrer Spitze: Ein russ. Generaldirektor, der Befehl aus Moskau hatte, notfalls auch durch Raubbau die Ölförderung zu forcieren. In den 10 Jahren ihres Bestehens förderte die SVM 17,8 Mio. Tonnen des „schwarzen Goldes“ aus den niederösterr. Vorkommen; der Großteil wurde an die KP-Satellitenstaaten Osteuropas abgegeben, der Rest von den Besatzungstruppen im Land verbraucht.

Im Kalten Krieg waren die US-Geheimdienste höchst interessiert an den geheimnisvollen Vorgängen. Sie warben österr. Arbeiter mit lächerlichen Geldbeträgen als Spitzel an. ---  wurden 1950-1953 insges. 104 Österreicher (u. auf österr. Staatsgebiet zum Tod verurteilte Personen, darunter auch russ. Besatzungssoldaten) in Moskau erschossen ---


Zuletzt von Dissident am Mi März 29, 2017 2:49 pm bearbeitet; insgesamt 6-mal bearbeitet
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Steinbruch-Arbeit allgemein

Beitrag von Dissident am Di Aug 16, 2016 5:11 pm

Allgemeines zur Arbeit der Steinhauer: https://de.wikipedia.org/wiki/Steinhauer --- Steinhauer war der Beruf der Gewinnung u. Vorbearbeitung von Naturstein im Bauwesen, Werksteinen, Pflastersteinen u.a. Steinen in Steinbrüchen --- Die Arbeit in Steinbrüchen basierte bis in die 1950er Jahre auf händischer Arbeit, die im Akkordlohn oder Stundenlohn vergütet wurde. Im Steinbruch herrschte ein arbeitsteiliger Prozess, ungelernte Arbeiter verrichteten Hilfsarbeiten --- Als Hilfsarbeiter wurden meist Tagelöhner u. Kleinbauern angeworben, die ihr Einkommen im Frühjahr, Sommer u. Herbst aufbesserten. Sie mussten Geröll, Abraum u. Erde bis auf den anstehenden Stein beiseiteschaffen u. bei Transportarbeiten der Natursteine zu den Steinmetzhütten helfen. Im Winter war ein Arbeiten im Steinbruch wg. Eis, Schnee u. Rutschgefährdung beim Steintransport nicht möglich; ferner froren Steine am Boden u. an anderen fest.

Die Arbeit im Steinbruch war eine extrem anstrengende körperliche Arbeit. Der Transport der rauen Steine u. des Schotters erfolgte in Loren, die von Hand beladen werden mussten; schwere Werksteine wurden mit primitiven Hebewerkzeugen wie Walzen oder mit sogen. Kastenwinden bewegt. Es gab bis in die 1930er Jahre Derrickkrane aus Holz, die einen Transport einzelner größerer Steinblöcke ermöglichten. Der Einsatz von LKW erfolgte in den Steinbrüchen etwa ab 1930. Die körperlichen u. gesundheit-
lichen Belastungen durch Steinstaub waren groß. Das Pflasterherstellen von Hand war monoton u. reine körperliche Arbeit. Erst nach 1900 brachte die patentierte Erfindung der Steinspaltmaschine mittels Friktionsfallhammer durch den Dänen Ferdinand Weiller eine gewisse Erleichterung, die 1901 erstmals für Lausitzer Granit in Deutschland u. später 1904 im Bayr. Wald von der Granit-AG Regensburg im Werk Vilshofen verwendet wurde.

In Steinbrüchen waren auch Frauen beschäftigt. Sie mussten beim Beladen der Loren mit Gesteinsschutt, bei Abräumarbeiten u. beim Sortieren der Pflastersteine helfen. Das langwierige Schleifen u. Polieren von Natursteinen u. auch das Schotterschlagen waren zumeist Frauenarbeit. Als das Schleifen mit elektrisch angetriebenen Maschinen möglich wurde, bedienten in allen Steinbruchgebieten Deutschlands nahezu ausschließlich Frauen die sogen. stationären Gelenkarmschleifmaschinen.

Die tägliche Arbeitszeit der Steinhauer im Steinbruchsgebiet des Bayr. Waldes begann morgens um 6 Uhr u. betrug 10 Stunden. Die Wochenarbeitszeit lag bei 50 Stunden. Es gab eine Pause von 8:00 - 8:30 Uhr, die „Brotzeit“ u. von 11:00 - 12:00 Uhr die Mittagspause. Nach Arbeitsschluss zog man gemeinsam ins Wirtshaus. Durchschnittlich sollen Steinhauer des Bayr. Waldes im Jahre 1910 lediglich 35 Jahre alt geworden sein.

Viele Steinhauer, die quarzhaltige Gesteine (vor allem Granite, Gneise u. Sandsteine) bearbeiteten, erkrankten früh u. starben nach langem Siechtum an der Silikose. Häufig kam es zu schweren u. tödlichen Unfällen durch einstürzende Gesteinswände nach Regen, Sprengungen oder im Frühjahr nach der Eisschmelze. Der Verlust von Gliedmaßen durch abrutschende Steinblöcke oder Werkstücke u. Quetschungen an den Händen oder Beinen kamen häufiger vor.
Im deutschsprachigen Raum wurde dieser Beruf durch die Mechanisierung der Steingewinnung in den 1950er Jahren überflüssig.


Der Steinbruch "Wiener Graben" --- Fotograf unbekannt --- Bundesarchiv, Bild 192-121 / CC-BY-SA --- Datierung: 1941-1942


Zuletzt von Dissident am Mi März 29, 2017 2:20 pm bearbeitet; insgesamt 4-mal bearbeitet
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Gusen I-III und Lagerkommandat Chmielewski (von SS verurteilt und dann selber Lagerhäftling)

Beitrag von Dissident am Di Aug 16, 2016 5:28 pm

Wie mir scheint, ist vom Lagerkomplex Mauthausen eigentlich Gusen die Hauptsache gewesen und das Stammlager Mauthausen hatte neben dem kleinen Steinbruch dort andere Bedeutung.

http://www.ooegeschichte.at/epochen/oberoesterreich-in-der-zeit-des-nationalsozialismus/orte-des-terrors/mauthausen-gusen.html .. Das Lager Gusen .. stellte weniger ein Außenlager als vielmehr eine Art Doppellager von Mauthausen dar. Die neuere Forschung spricht daher vom Doppellagerkomplex Mauthausen-Gusen ..

https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Gusen --- Mit dem Namen KL Gusen werden 3 unterschiedliche Lager zusammengefasst. Diese sind:

   KL Gusen I (Gusen/Langenstein); Gründung 1938/1940  https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Gusen_I  https://de.wikipedia.org/wiki/Langenstein_(Ober%C3%B6sterreich)
   KL Gusen II (St. Georgen/Gusen); Gründung 1944  https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Gusen_II    https://de.wikipedia.org/wiki/St._Georgen_an_der_Gusen
   KL Gusen III (Lungitz); Gründung 1944  https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Gusen_III    https://de.wikipedia.org/wiki/Katsdorf

Doppellagersystem Mauthausen/Gusen mit wirtschaftlicher Schwerpunktsetzung der DEST in Gusen.
DEST-Siedlung um 1942, Gesamtansicht; (Deutsche Erd- u. Steinwerke) St. Georgen/Gusen um 1942. Links im Bild: Küchenbaracke aus Holz, die am 4.11.1944 abbrannte. Original im Fotoarchiv des Heimatvereins St. Georgen/Gusen.

Während im KZ Mauthausen verwaltungs- u. kommandotechnische Entscheidungen der SS für beide Lager getroffen wurden, stand in Gusen die betriebswirtschaftliche Infrastruktur .. Hier stand ein direkter Bahnanschluss, ein projektierter Donauhafen, Infrastruktur für Werksteinverarbeitung u. Infanteriewaffenerzeugung, ein unterirdisches Flugzeugwerk für die Produktion von Me 262-Düsenjagdflugzeugen, ein Bekleidungsmagazin der Waffen-SS, umfangreiche Kartoffelmieten sowie eine Angorazucht.
Fotografie eines Modells der Stollenanlage "Bergkristall" St. Georgen/Gusen, angefertigt von Franz Walzer u.a. 1995, Heimathaus St. Georgen/Gusen; (Ausschnitt) zivile Gebäude sind mit roten Dächern dargestellt, bei den anderen Gebäuden handelt es sich um Baracken u. Unterkünfte für Gefangene u. SS-Wachleute. Das Modell ist im Heimathaus St. Geogen/Gusen zu besichtigen

Nach Abzug der sowj. Besatzungsmacht 1955 wurden große Teile der ehem. Lagerareale durch die Republik privatisiert u. in den ersten Nachkriegsjahrzehnten teilweise stark überbaut. Ein um 1965 errichteter Memorialbau wurde 1997 von Überlebenden in die Verantwortung der Republik übergeben. Diese errichtete 2004 zusammen mit Mitgliedern des Personenkomitee Gusen ein Besucherzentrum.

zeitweiser Lagerleiter in Gusen: https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Chmielewski --- Chmielewski versuchte sich trotz zahlreicher Alkoholexzesse im Zusammenhang mit den in Gusen beim Eisenbahnbau gemachten archäologischen Funden u. der Einrichtung eines kleinen Museums direkt im KZ verdient zu machen. Aufgrund der katastrophalen hygienischen Zustände erkrankte auch Chmielewski Anf.1942 an Neuritis u. Fleckfieber, war in der ersten Hälfte dieses Jahres häufig dienstunfähig u. auf Kur. Chmielewski wurde daraufhin ab Sept. 1942 mit dem Aufbau des KL Herzogenbusch beauftragt, dessen Kommandant er ab dem 5.1.1943 war. Wg. Unterschlagung verhaftete man ihn Okt. 1943 u. verurteilte ihn 1944 vor einem SS-Gericht zu 15 Jahren Zuchthaus. Nach Aufenthalten in der U-Haft in Sachsenhausen u. im SS- u. Polizeistraflager Dachau war er nach eig. Angaben bis April 1945 Lagerältester im Außenlager Allach. Chmielewski konnte sich während des Zusammenbruches von dort absetzen u. nach einem Besuch bei seiner Familie in St. Georgen/Gusen bis Herbst 1946 bei einem Bauern in Mettmach (Oberösterr.) untertauchen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Gruber - Im KL Gusen I war Johann Gruber vorerst als Pfleger im Häftlingsrevier beschäftigt u. organisierte in dieser Funktion heimlich Medikamente für Kranke. 1942-1944 war er als „Museums-Kapo“ des KL Gusen I für die Verwahrung u. Bestimmung archäolog. Funde zuständig, welche beim Bau der Eisenbahn (der „Schleppbahn“) zwischen dem KL Gusen u. Bahnhof St. Georgen/Gusen gefunden wurden. In dieser Zeit organisierte er auch die Betreuung von Kindern u. Jugendlichen im KL Gusen I. Die prominente Funktion ermöglichte es ihm als Häftling Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen. Er benutzte diese Möglichkeit, um mit eingeschleustem Geld im KL Gusen eine geheime Hilfsorganisation für Häftlinge aufzubauen u. im Gegenzug Informationen aus dem Lager nach außen dringen zu lassen. Bald wurde er daher von seinen Kameraden im Lager auch „Papa Gruber“ genannt. Erst März 1944 wurde Grubers Netzwerk im KL Gusen I durch die Unachtsamkeit eines Verbindungsmannes aufgedeckt ..


Zuletzt von Dissident am Mi Jan 03, 2018 4:35 pm bearbeitet; insgesamt 10-mal bearbeitet
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GUSEN I

Beitrag von Dissident am Di Aug 16, 2016 5:57 pm


Steinbruch Gusen, ca. 1945. Die Aufnahme stammt vom ehem. polnischen Häftling, der diese einem Gusener Bürger nach dem Krieg übergeben hatte. Reproaufnahme im Archiv des Heimathauses St. Georgen/Gusen, Inventar Nr.: 924 - Fotograf: Stanislaus Krezekotowski

https://www.mauthausen-memorial.org/de/Wissen/Die-Aussenlager#map||18  Gusen I wird für den Betrieb von Steinbrüchen errichtet --- Später arbeiten die Häftlinge vermehrt in der Rüstungsproduktion --- Ab Ende 1943 müssen sie auch Stollen zur Verlagerung der Produktion bauen ---
In der Nacht vom 2. auf den 3.5.1945 verlässt die SS das Lager u. überträgt die Bewachung der Wiener Feuerschutzpolizei. Am 5.5.1945 treffen erste Einheiten der US-Armee ein u. befreien 21.000 KZ-Gefangene in Gusen I u. den beiden Nebenlagern Gusen II u. Gusen III. In den 1950er Jahren sind bereits große Teile des Lagers verschwunden. Auf dem Gelände des ehem. Lagers entsteht eine Wohnsiedlung. 1961 wird von KZ-Überlebenden rund um den noch erhaltenen Krematoriumsofen das „Memorial de Gusen“ errichtet.

https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Gusen_I  --- Das KL Gusen I (urspr. auch „Mauthausen II“ genannt) war zeitweise doppelt so stark mit Häftlingen belegt wie das „Stammlager“ selbst. Der Aufbau dieses neuen Schutzhaftlagers (auch „Polenlager“ genannt) erfolgte sukzessive ab Anfang 1940 --- tausende poln. Intellektuelle --- Die „Unterkunft Gusen“ war bis 1944 in weiten Bereichen verwaltungsmäßig vom KLM getrennt. So wurden im KL Gusen eigene Häftlingsnummern vergeben u. auch ein eigenes Totenbuch geführt. Auch die postalische wie auch die eisenbahntechnische Anbindung des Lagers erfolgten über den nahe liegenden Marktort St. Georgen.
(Dieser Artikel oder Abschnitt besteht hauptsächlich aus Listen, an deren Stelle besser Fließtext stehen sollte. Bitte hilf Wikipedia, das zu verbessern.)

Das Bild zeigt den Aufbau des Lagers Gusen, Aufnahme 1940 - Fotograf unbekannt Bundesarchiv, Bild 192-294 / CC-BY-SA

   Ausbildungszentrum für Häftlings-Steinmetze (darunter ca. 300 sowj. Häftlinge im Alter zwischen 12 u. 16 Jahren)
   Errichtung unterirdischer Produktionsanlagen (Tarnbezeichnung "Kellerbau")
   Archäologische Sammlung mit Museum (1941–1944)
   Pathologische Abteilung mit Museum (1941–1945)
Lager-Chor u. Häftlingsorchester
Lynchjustiz der Überlebenden nach der Befreiung
Schutzhaftlager (360 × 150 m)
   Lagermauer mit elektrischem Zaun u. 6 Wachtürmen aus Granit (1940–1942)
   Jourhaus (1942); (Jour ist hergeleitet von „Jourdienst“ = Tagesdienst (Jour, frz. = Tag)
   Appellplatz (1940)
   32 Häftlingsblocks (1940) sowie zusätzlich Blocks A, B, C u. D (1944–1945)
   Kriegsgefangenenarbeitslager der Waffen-SS innerhalb des Schutzhaftlagers (1941–1943)
   Häftlings-Küche
   Desinfektion
   Häftlings-Bordell (1942)
   Häftlings-Bad (1941)
   Häftlings-Revier (1940)
   Krematorium mit Doppelmuffelofen (1940–1941)
   Pathologische Abteilung mit Museum
   Archäologisches Museum
   Kläranlage
Einrichtungen der SS-Verwaltungsführung
       Effektenkammer
       Werkstätten für Tischler, Schneider
       Angora-Zucht
       Kartoffelmieten
       Bauernhof Schmidtberger (vulgo "Kastenhofer")
       Baubüro
       Poststelle
   Politische Abteilung (Nebenstelle der Gestapo Linz)
SS-Kaserne (1939–1940)
       Wachblock
       5 Unterkunftsgebäude (1939–1940)
       SS-Küche
       SS-Revier
       SS-Führerheim u. SS-Unterführerheim
       SS-Bad mit Kantine u. Kegelbahn
       SS-Bordell
Betriebseinrichtungen der DEST
       Betriebsbüro
       Steinbruch Gusen (1938)
           Seilkran
           Steinmetzschuppen
           Schmiede
           Schmalspurbahn
       Steinbruch Kastenhofen (Unterbruch u. Oberbruch)
           Seilkran
           Steinbrecher (1942–1943)
           Steinmetzschuppen
           Lehrlingshalle
           Sprengmittelkammer
           Schmalspurbahnen
       Steinbruch Pierbauer (1941)
           Schmalspurbahn
       9.000 m2 Werkshallen für Kooperation mit Steyr Daimler Puch AG (1943)
       9.000 m2 Werkshallen für Kooperation mit Messerschmitt GmbH Regensburg (1944)
       ca. 11.000 m2 unterirdische Produktionsstätte "Kellerbau I-III" für Steyr-Daimler-Puch AG u. Messerschmitt GmbH Regensburg (1944–1945)
       Schleppbahn (Normalspur-Bahnanschluss über Bahnhof St. Georgen/Gusen)(1941–1943)
       Lokomotivschuppen
       Donaubahn (90 cm Spurweite) zum Betrieb Wienergraben u. zur Donaulände bei Mauthausen
       Baracken "Hafenbau" für das begonnene Projekt "Donauhafen" (1942–1943).
Arbeitskommandos der Häftlinge
   für Deutsche Erd- u. Steinwerke GmbH (DEST, SS-Betrieb):
       Kommando Steinbruch Gusen, Kastenhof u. Pierbauer (1940–1945): 2800 Häftlinge
       Kommando Ziegelwerk Lungitz
       Kommando Rüstung Wien (1943): 300 Häftlinge
       Kommando Rüstung Messerschmitt (BA II) (1943–1945): 6000 Häftlinge
       Kommando Rüstung Steyr-Daimler-Puch AG (Georgenmühle) (1942–1945): 6500 Häftlinge
       Kommando Siedlungsbau St. Georgen (1940–1942): ca. 300 Häftlinge
       Kommando Gusenregulierung (1941): ca. 150 Häftlinge
       Kommando Strassenbau
       Kommando Gleisbau
   für die Bauleitung der Waffen-SS u. Deutschen Polizei Gusen bei St. Georgen a.d. Gusen:
       Kommando Bauleitung
       Kommando Entwässerung
       Kommando Holzplatz
       Kommando Bahnbau (1941–1943)
       Kommando Donauhafen (1942–1943)
   für SS-Lagerverwaltungsführung:
       Lager-Kommando (1940–1945): ca. 400 Häftlinge
       Kommando Barackenbau (1940–1944): ca. 100 Häftlinge
       Kommando Kartoffelmiete
       Kommando Scheisshaus
   für sonstige Auftraggeber:
       Kommando Bombensucher bzw. Kommando Blindgänger (1944–1945)

Schlüsselpersonal
   Kommandanturstab (80 bis 100 Mann)
       Schutzhaftlagerführer I:
           SS-Hstuf (R) Karl Chmielewski (1940–1942)
           SS-Hstuf (R) Fritz Seidler (Oktober 1942–1945)
       Schutzhaftlagerführer II:
           SS-Ostuf Michael Redwitz (1941 bis März 1942)
           SS-Ostuf Walter Ernstberger (April 1942 - Okt.1942)
           SS-Ostuf Johann Beck (SS-Mitglied) (1942 - Juni 1944)
       Rapportführer:
           SS-HScha Anton Streitwieser, SS-Oscha Kurt Isenberg (1940)
           SS-OScha Rudolf Brust, SS-Scha Kurt Gangstätter, SS-Oscha Knogl, SS-HScha Kurt Kirchner (1941–1942)
           SS-OScha Franz Priesterberger, SS-UScha Rennlein, SS-UScha Jörgl, SS-UScha Damaschke
           SS-OScha Michael Killermann (1943–1945)
       Arbeitsdienstführer/Arbeitseinsatzführer:
           SS-Scha Kurt Gangstätter, SS-HScha Kurt Kirchner, SS-Oscha Kotzur, SS-UScha Damaschke, SS-OScha Michael Killermann (1940–1941)
           SS-OScha Kluge, SS-OScha Alfons Gross (1941–1942)
           SS-Stscha Ludwig Füssl (1943–1945)
   Wachsturmbann (13 Kompanien zu 3029 Mann)
       SS-Hstuf Markus Habben (bis 1942)
       SS-Stbf Alois Obermeier (1943–1945)
   Funktionshäftlinge
       Lagerälteste:
           Hans Kammerer (1940 - Jänner 1941)
           Helmut Becker (Jänner 1941 - Mai 1941)
           Karl Rohrbacher (Mai 1941 - Dez. 1944)
           Heinz Heil (Dezember 1944 - März 1945)
           Martin Gerken (April 1945 bis Mai 1945)
       Lagerschreiber I (Verwaltung):
           Rudolf Meixner (Mai 1940 - Februar 1942)
           Adolf Jahnke (Februar 1942 - Mai 1945)
       Lagerschreiber II (Arbeitseinsatz):
           Erick Timm (bis März 1945)
           Heinrich Lutterbach (April bis Mai 1945)

https://de.wikipedia.org/wiki/KZ-Baracke
KZ-Außenlager Ebensee – nach der ersten Ausbauphase bestand das Lager aus ca. 15 Wohnbaracken mit 3-stöckigen Bettgestellen. So ausgestattet, wurden jeweils 500 Häftlinge in eine Baracke gepfercht. In der Endphase mussten bis zu ca. 600 Personen in einer Baracke unterkommen.

Im KZ Mauthausen war eine Normal-Baracke 52,61 m lang und 8,22 m breit. Außerdem war sie in 2 Teile eingeteilt: Stube „A“ links und Stube „B“ rechts. Jede Stube bestand aus 2 Zimmern, dem Aufenthaltsraum und einem Schlafraum. Die meisten Häftlinge durften sich allerdings nur im Schlafraum aufhalten, da der Aufenthaltsraum von den Funktionshäftlingen belegt und auch als Schlafraum genutzt wurde.

Offizielle website der Gedenkstätte Gusen:
 http://www.gusen-memorial.at/index-2.html  und  http://www.gusen.org/de
Gedenkstätten Forum  http://www.gedenkstaettenforum.de/nc/gedenkstaetten-rundbrief/rundbrief/news/neugestaltung_der_kz_gedenkstaette_dachau/


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GUSEN II und zu Louis Haefliger, Teil 1

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 3:22 pm

https://www.mauthausen-memorial.org/de/Gusen/Das-Konzentrationslager - Diese Luftaufnahme zeigt das Konzentrationslager Gusen I und II im Jahre 1945 und wurde zur besseren Orientierung durch einer schematische Darstellung der Lagerbauten ergänzt.

1 - Gusen II
2 - SS-Verwaltungsbaracken
3 - Häftlingsblock 6 und 7/8
4 - Häftlingsbordell
5 - Jourhaus
6 - Nordöstlicher Wachturm
7 - Nördlicher Wachturm
8 - Küchenbaracke
9 - SS-Truppenunterkünfte
10 - Lager für sowj. Kriegsgefangene
11 - Häftlingsrevier
12 - Steinbruch Gusen
13 - Steinbruch Kastenhof Oberbruch
14 - Steinbruch Kastenhof Unterbruch
15 - Steinbrecher
16 - Stollenanlagen "Kellerbau"
17 - Rüstungsindustrie


Fotografie eines Modells der KL Gusen 1 (links) und Gusen 2 (rechts), Das Modell ist im Heimathaus St. Georgen/Gusen zu besichtigen.
Modell: Franz Walzer u.a. Foto: Verbund Oö. Museen Datierung: 1995

https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Gusen_II --- Das KL Gusen II wurde ab dem 9.3.1944 verwaltungsmäßig als Arbeitslager der Waffen-SS geführt. Dieses Lager wurde ab Jahresbeginn 1944 wenige 100 m westlich des KL Gusen I im Gemeindegebiet von Langenstein (Oberösterr.) improvisiert errichtet, um bis zu 16.000 Häftlinge für den Bau u. Betrieb des unterirdischen Flugzeugwerkes B8 Bergkristall aufzunehmen.

Die Wachmannschaft setzte sich zu einem großen Teil aus rund 2000 Luftwaffenangehörigen zusammen, die verstärkt ab Sommer 1944 auf höchsten Befehl zwangsweise in die Waffen-SS übernommen wurden. Der Einsatz krimineller Funktionshäftlinge verschärfte die Situation. Die jüd. Gefangenen wurden in einem separaten „Judenlager“ untergebracht. Das Lager wurde als Arbeitslager zur Errichtung von B8 Bergkristall und als „Block E“ des KZ Gusen I verwaltet.

Die Unterbringung der Häftlinge erfolgte in insgesamt 18 Blocks, die nach und nach errichtet wurden u. die von einem elektr. Zaun mit Wachtürmen aus Holz umgeben war. Innerhalb des Häftlingslagers gab es 1 Waschblock für die bis zu 16.000 Häftlinge, sowie 1 Häftlingsküche. Krankenstationen (Reviere) waren ab Ende 1944 in Block 13 u. ab Jänner 1945 in Block 16 untergebracht. Für die Wachmannschaften der SS standen 4 Gebäude zur Verfügung, die Lagerleitung im Kommandogebäude. Für den täglichen Transfer nach St. Georgen existierte ein Bahnanschluss sowie ein Fußweg, der parallel zur sogenannten „Schleppbahn“ verlief.

Für die von der SS gegründete Deutsche Erd- u. Steinwerke GmbH (DEST), einer Kooperation zwischen Reichsluftfahrtministerium, Reichsführer SS u. der Messerschmitt GmbH Regensburg wurden versch. Häftlingsgruppen, die „Kommandos“ eingesetzt. Im Bau der Anlage Bergkristall waren die Kommandos aufgeteilt in Ausbau, Bahnhof, Beton, Elektriker, Geometer, Lagerplatz, Möglegrube, Pötschgrube, Stollenbau u. Kommando Transportkolonne. Für die Fertigung in der Bergkristall-Anlage wurden die Kommandos Behälter-Aufrüstung, Punktschweisserei, Rumpfbau, Schlosserei u. Kommando Wannenbau eingesetzt.

Das Schlüsselpersonal des Lagers umfasste die dem Schutzhaftlagerführer I des KL Gusen I, SS-Hauptsturmführer Fritz Seidler unterstellte Kommandantur, die bis März 1945 von SS-Hauptscharführer Franz Gottfried Schulz u. ab April 1945 SS-Hauptsturmführer Max Pausch geleitet wurde. Ihnen unterstellt waren der Rapportführer SS-Obersturm-
führer Richard Bendel (1944-1945) u. die Funktionshäftlinge. Diese wurden durch den Lagerkapo Hans van Loosen angeführt, der Lagerschreiber I (Verwaltung) war Leitzinger, der Lagerschreiber II (Arbeitseinsatz) war bis Jänner 1945 Franz Gruschka und ab Jänner 1945 Antoni Lisiecki. Der Blockwart des Lagers war Karl Albrecht.

KZ Gusen Memorial Committee:  http://www.gusen.org/gu20101x.htm --- the joint venture of B8 BERGKRISTALL-ESCHE 2 for the final assembly stage of the Me 262 jet-plane within the Mauthausen-Gusen complex. Even some baracks in the Wienergraben Stone-Quarry (just below the Mauthausen Central Camp) were adapted for the production of aircraft parts. With more than 50.000 m2 (some 10 km tunnnel length) one of the biggest german underground installations that reached production status in late 1944. According to Allied intelligence reports, it was "one of the most modern and most complete underground plants in Germany".
Production started in parallel to construction of the tunnel-system in Summer 1944 and reached maximum in April 1945 (some 90 jet-plane fuselages, fully equipped per month). Secrecy was extremely high: The test-pilots didn't know where the planes came from. German civilians being employed at BERGKRISTALL were not allowed to give the name of town where they did work to any third persons.
After the Liberation: Important machinery parts of Bergkristall were removed by the US Forces until the end of July 1945. Then the Soviets took over and dismantled all the other machinery of Bergkristall-Esche 2. Finally they blew up the tunnels in November 1947 because of their strategic importance.
In the vicinity of BERGKRISTALL there still exist the ruins of one further, but smaller underground installation with the code-name KELLERBAU (just 12.000 m2). KELLERBAU was used to house some key production facilities for the production of machine guns for Steyr-Daimler-Puch.

https://de.wikipedia.org/wiki/B8_Bergkristall --- B8 Bergkristall war die Tarnbezeichnung für ein ab Jahresbeginn 1944 in St. Georgen an der Gusen, östlich von Linz, unter strengster Geheimhaltung durch den SS-Führungsstab B8 eingerichtetes unterirdisches Flugzeugwerk für die Großserienproduktion von Me 262.

Das Bild zeigt vermutlich die Stolleneingänge "B8 Bergkristall" in St. Georgen/Gusen -wikimedia | Bundesarchiv, Bild 192-005 / CC-BY-SA, Fotograf unbekannt ca. 1945

Auf einer Fläche von ca. 45.000 m² produzierten bis zu 10.000 Häftlinge des KL Gusen II, koordiniert durch Jägerstab u. Oberbayr. Forschungsanstalt, bis Kriegsende ca. 987 voll ausgestattete Rümpfe für den Turbinenjäger Me 262. In der Endausbaustufe sollten bis 1945 monatlich bis zu 1250 Einheiten dieses Flugzeugs in diesem unterirdischen Produktionskomplex vom Fließband laufen. Um offene Fragen der Serienfertigung direkt vor Ort klären zu können, wurde am 19.3.1945 in St. Georgen/Gusen noch eine „ständige Außenstelle Bergkristall“ der Oberbayr. Forschungsanstalt eingerichtet, die durch den so genannten „Linzer Kurier“ täglich mit Oberammergau in Verbindung stand.

Amerikanische Strategen behielten sich ein Wiederanlaufen der Produktion in diesem Komplex noch bis Juli 1945 vor, mussten den Komplex aber am Ende dieses Monats der UdSSR überlassen. Nachdem der größte Teil der Maschinen u. Vorrichtungen bis Herbst 1947 in den Osten verfrachtet wurde, versuchte eine Strafkompanie der Sowjetarmee die Sprengung des umfangreichen Stollensystems mit Fliegerbomben. Die Tunnelruine befindet sich noch heute in unmittelbarer Nähe des Ortszentrums von St. Georgen u. wird seit 2001 unter Bezeichnung „Luftschutzstollen OÖ 020“ von der BIG in Wien verwaltet. Ende 2013 gab der Eigentümer eine Probebohrung in Auftrag, die Aufschluss über geheime unterirdische Atomversuche während der NS-Zeit geben sollten. Erste Untersuchungen bestätigten die Annahme nicht.

Anfang 2014 wurden die Bohrungen eingestellt. Die Existenz einer 2., tieferliegenden Etage, auf die es nach einer geoelektrischen Untersuchung u. Akten aus dem Jahr 1968 Hinweise gibt, wird überprüft. 2014 wurde ein bislang unbekannter Teil der Anlage entdeckt, weitere Grabungen wurden behördlich gestoppt. Das Bundesdenkmalamt kündigte weitere wissenschaftliche Untersuchungen an.

Schlüsselpersonal
   Betriebsführer: Flieger-Generalstabsingenieur Lucht (Messerschmitt GmbH Regensburg)
       Stellv. Betriebsführer: Alfred Grau (DEST Werkgruppenleitung St. Georgen)
       Beauftragter des Betriebsführers: Friedrich Kessler
   SS-Führungsstab: SS-Obersturmführer Werner Eckermann
   Verantwortliche für den Häftlingseinsatz
       Bergkristall-Bau: Johannes Grimm
       Bergkristall-Fertigung: Paul Wolfram

https://www.mauthausen-memorial.org/de/Wissen/Die-Aussenlager#map||19 --- Das Barackenlager wird wg. akuter Seuchengefahr kurz nach der Befreiung niedergebrannt

https://kurier.at/chronik/oberoesterreich/ehemaliges-kz-gusen-stolleneingang-gefunden/104.412.121 .. Nach Gerüchten um Atomversuche der Nazis in den Stollen des ehem. KZ Gusen (Bezirk Perg) gibt es jetzt erneut Geheimnisvolles: Möglicherweise wurde ein lange unbekannter Stolleneingang bei einer Grabung gefunden. Sie wurde aber vorerst eingestellt .. Betrieben wird die Angelegenheit vom Linzer Filmemacher Andreas Sulzer --- Sulzer sucht nach Beweisen für die Existenz unbekannter Stollen des einst größten unterirdischen NS-Rüstungsprojektes "Bergkristall" --- Ein Großteil der Gänge wurde mittlerweile aus Sicherheitsgründen verfüllt. Im vergangenen Februar hatte der Filmemacher unter Berufung auf Gerüchte, dass in St. Georgen Atomversuche durchgeführt worden seien, Bohrungen vornehmen lassen, die aber erfolglos blieben. Jetzt ließ er Bagger auf dem Gelände des Schützenvereines von St. Georgen auffahren, weil er in den Unterlagen eines ehem. CIA-Geheimagenten einen Hinweis gefunden habe, dass sich dort ein Eingang zu einem umfangreichen Stollensystem befinde. Die Baumaschinen legten ein aus massivem Granit gefertigtes Bauwerk frei. Es handelt sich laut Lokalaugenschein der Zeitung um eine Art Eingangsbereich: Steile Stufen führen unter einer Betondecke nach unten - immer in Richtung Bergmassiv. Wohin genau, lässt sich vorerst noch nicht sagen. Sulzer vermutet einen großen Hohlraum im Berg .. stoppten Vertreter der Bezirkshauptmannschaft Perg die Grabungen. Sulzer u. sein Team erhielten Anzeigen, da "ohne Genehmigung auf historischem Boden Grabungen durchgeführt wurden". Sulzer sieht sich aber im Recht: "Vom Grundbesitzer gibt es ausdrücklich eine Genehmigung." Vonseiten der Bezirkshauptmannschaft war man zu keiner Stellungnahme bereit ..

https://www.profil.at/oesterreich/history/spekulationen-kernwaffenversuche-kz-gusen-370669  .. vergangenen März war in den ab 1943 in die Erde getriebenen Stollen weit überhöhte Strahlung gemessen worden; u. lt. Bürgermeister Wahl gibt es Hinweise auf weitere, bisher unbekannte unterirdische Anlagen. Wahl: Ob die Strahlung aus natürlichen Quellen oder von noch nicht gefundenen Stoffen aus dem NS-Regime stammt, wissen wir nicht. Es könnten Stollen mitsamt ihrem möglicherweise heiklen Inhalt vor der Befreiung 1945 verschüttet worden sein. Als Bürgermeister habe er die Pflicht, diesen Unsicherheiten nachzugehen .. Die unterirdischen Anlagen dehnen sich über 50.000 m² aus, für sie ist die Bundesimmobiliengesellschaft BIG zuständig, darüber stehen heute Wohnhäuser. In den vergangenen Jahren mussten die meisten Stollen wegen Absenkungsgefahr mit Beton verfüllt werden ..
Anlass für die unterirdischen Strahlenmessungen war ein Film zu .. Viktor Schauberger. Filmemacher Andreas Sulzer war mit Geigerzähler in den Stollen unterwegs gewesen u. hatte Alarm geschlagen. Die BIG beauftragte eilends Franz Josef Maringer von der Universität für Bodenkultur mit Messungen, die in den Stollen keinerlei Spur künstlicher nuklearer Spaltprodukte, aber eine um ein Vielfaches erhöhte Radonkonzentration ergaben. Die im Mühlviertel geologisch bedingte höhere Radon-Belastung reicht als Erklärung nicht aus ..
Maringer zur Frage, ob in den Stollen Bombenversuche stattgefunden haben könnten: Es könnte sich zumindest um Vorversuche gehandelt haben, mit technologisch angereichertem Uran, Thorium oder Radium. Der Naturwissenschafter kryptisch: Es sieht so aus, als ob in den Nachkriegswirren der Besatzungszeit hier etwas verdeckt gehalten worden wäre. Der Grazer Historiker Stefan Karner spricht von einer "heißen Geschichte" und plant bereits ein umfangreiches Forschungsprojekt. Karner (Ich kenne mich da sehr präzise aus) hegt seit Langem den Verdacht, dass es im Lager Gusen weit mehr geheime NS-Aktivitäten gab als bekannt. Er vermutet einen ausgelagerten Standort zur Erzeugung von möglichst reinem Uran. Der Historiker hat in seiner Dissertation ein Zentrum in Kärnten beschrieben, in dem das Dritte Reich Uran produzieren ließ ..

http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/499799/KZ-Gusen_Das-vergessene-Lager .. Rabbi Rav Yechezkel Harfenes, der über das KZ Gusen in seinem Buch „Slingshot of Hell“ berichtet, ist einer der Überlebenden dieses Lagers, das .. vor allem unter der Erde zum größten aller NS-Bauwerke Österreichs wucherte ..
Als Häuser in den durchbohrten Grund aus Sandstein einzubrechen drohten, begann Juni 2002 die erste Phase der Beton-Verfüllung ..

http://www.nachrichten.at/oberoesterreich/muehlviertel/Bergkristall-Tunnel-ohne-Licht-am-Ende;art69,1788324 ... Ältere Menschen aus der Umgebung .. können sich erinnern, den sogen. "Z-Stollen" als Luftschutzkeller benützt zu haben. Es gab auch eine eigene Eisenbahnlinie in das Tunnelsystem ..

https://de.wikipedia.org/wiki/Louis_H%C3%A4fliger --- Das IKRK unter der Leitung seines damal. Präsidenten Carl Burckhardt erhielt am 12.3. 1945, wenige Wochen vor Ende des 2.WK, die Zusicherung von SS-General Kaltenbrunner, daß IKRK-Delegierte in die KL gelangen könnten, um Hilfstransporte zu begleiten. Diese Zusage war allerdings mit der Bedingung verbunden, daß die betreffenden Delegierten bis zum Ende des Krieges in den Lagern verbleiben würden. Unter den 10 Delegierten, die sich freiwillig zu einer solchen Mission bereit erklärten, war auch Louis Häfliger.
Am 28.4.1945 kam Häfliger mit einem Transport aus 19 Fahrzeugen im Lager Mauthausen an. Lagerkommandant Ziereis, verweigerte ihm jedoch die Verteilung der Lebensmittel. Häfliger bestand darauf, dass Ziereis sich mit Kaltenbrunner in Verbindung setzen sollte, u. begab sich anschl. in den nahegelegenen Ort St. Georgen.
Häfliger wurde zusammen mit SS-Obersturmführer Guido Reimer, dem Leiter der Spionage- u. Sabotage-Abwehr im Lager, untergebracht.
Am 4.5. strich er, mit Unterstützung Reimers, ein SS-Fahrzeug weiß an u. stattete es mit einer Rotkreuz-Fahne aus. In den frühen Morgenstunden des folgenden Tages fuhren Häfliger u. Reimer mit einem Fahrer in die Umgebung, um nach alliierten Truppen zu suchen. Mit Unterstützung des Vizebürgermeisters von St.Georgen trafen sie auf eine Patrouille von 23 Soldaten der 11. Panzerdivision der 3. US-Armee unter Kommando von Sergeant Albert J. Kosiek. Häfliger überzeugte den Kommandanten davon, das Lager zu befreien, u. veranlasste über Reimer die Deaktivierung der Sprengladungen in St. Georgen u. Gusen. In den Mittagsstunden des 5.5. fuhren 2 US-Panzerspähwagen, geleitet von Louis Häfliger, auf das Gelände des Lagers Mauthausen, das friedlich u. ohne Blutvergießen übernommen werden konnte. Die Angaben zur Zahl der geretteten KZ-Insassen variieren je nach Quelle zwischen 40.000 - 60.000.

Die Darstellungen in der Literatur zur Person und zu den damaligen Vorkommnissen sind kontrovers.

Aus der Dipomarbeit von Johannes Starmühler, Wien 2008:

Der Schweizer aber blieb hartnäckig u. setzte durch, daß er beim Lager bleiben konnte u. am 2.5. sogar Quartier in den SS-Unterkünften gemeinsam mit  SS-Obersturm-
führer Reimer erhielt --- Mit den Gefangenen, so Haefliger, sollte auch die Ortsbevölkerung von St. Georgen an der Gusen als unliebsame Zeugen umgebracht werden. Gleichzeitig sollten die Häftlinge im Stammlager Mauthausen von der SS umgebracht werden. Alles in allem hätte dies zu einem Massaker mit rund 60000 Toten geführt --- Haefligers Darstellung bzw. die seiner Protagonisten sollten aber aus verschiedensten Gründen nicht unwidersprochen bleiben, was zeitweise zu heftigen Konflikten führte, an denen verschiedenste Personen, darunter ehem. Häftlinge, Journalisten, wie Historiker beteiligt waren --- So heftig die Konflikte um die Rolle Haefligers in den Quellen auch zu Tage treten, sie fanden zwischen einem kleinen Kreis von Personen statt u. erreichten nicht den Status einer öffentliche Geschichtsdebatte. In der österr. Gesellschaft, wo sich die Historiker oft mit der Frage konfrontiert sehen, wieso man denn immer noch diesen „alten Geschichten“ nacharbeiten müsse, ist das kaum verwunderlich. Für die Geschichtswissenschaft ist dieser Konflikt dennoch alles andere als unerheblich ---
Als Leidensort u. Ort des Todes haben die Überreste für viele ehem. Häftlinge den Status von Reliquien bekommen, ist der Ort »heilig« geworden.“ ---
Am Ende wird deutlich werden, dass Geschichte verwendet werden kann, um Anerkennung zu erhalten, persönliche Eitelkeiten zur Schau zu stellen oder auch um politische Ansichten zu vermitteln oder aus finanziellem Nutzen ---
Mauthausen wurde als letztes Stammlager im KZ-System befreit. Dem gingen Verhandlungen des IKRK u. der SS-Spitze voraus ---
Waren die Gefangenen nach der eigentlichen Befreiung wirklich frei? Sie mussten ja noch wegen der Repatriierung, Registrierung u. Behandlung bzw. Stärkung zur Heimreise in den Lagern bleiben --- Das 1. befreite Lager war Majdanek, das in der Nacht vom 22.-23.7.1944 von sowj. Truppen befreit wurde. Bis zur Befreiung aller Lager, die mit Mauthausen u. seinen verbliebenen Außenlagern beendet wurde, lag ein Zeitraum von 10 Monaten ---
Speziell wurde bei den deutschen Streitkräften auf den Kampf gegen die Rote Armee Wert gelegt. Es existierte ein Befehl von Großadmiral Dönitz, der besagte, Widerstand sei hier nur so lange fortzusetzen, wie es der Kampf an der Ostfront benötigte u. „bis die Rückführung der deutschen Armeen aus dem Osten hinter die Linien d. Westallierten gelungen sei.“ Die Wachmannschaften des KZ Mauthausen, die dieses am 3.5. verließen, besetzten, offenbar den Befehlen Dönitz u. Eigrubers folgend, das Gebiet östlich der Marktgemeinde Mauthausen. „Die Auffangstellung befand sich auf einem Hügelgebiet u. zog sich etwa entlang des Bahngeleises Mauthausen in Richtung Norden. […] Ein kleiner Teil der SS-Formationen wurde über die Donaubrücke dirigiert, um in den Auen u. entlang des Flusses Enns Stellung zu beziehen.“ ---
Die Verteidigung von Linz wurde von den Militärkommandanten als aussichtslos angesehen, da die zur Verfügung stehenden Truppen nicht ausreichten. Gauleiter Eigruber war am 4.5. bereit zur Einleitung von Verhandlungen hinsichtlich der Übergabe der Stadt Linz --- Am späten Abend desselben Tages marschierten die Amerikaner kampflos in Enns ein u. hatten damit die von Eisenhower ausgegebene Linie erreicht, an der man auf die Rote Armee treffen sollte ---
De facto begann Ziereis mit der Verteidigung Mauthausens bereits im März 1945. Es ging zwar nicht um den Ausbau Mauthausens zu einer Festung oder ähnl. Maßnahmen, aber die „Errichtung von Hindernissen u. Befestigungen, die den sowj. Angriff bis zum Eintreffen der Alliierten Armeen aufhalten hätten können.“ Es existierte sogar ein steinernes Bollwerk, das „Ziereiswall“ genannt wurde u. auf dem Maschinengewehr- u. Flak-Stellungen postiert wurden. Durch das Zusammenziehen versch. Kräfte - SS, Luftwaffe, Matrosen, örtliche Volkssturmeinheiten u. Gefangene der Lager Gusen u. Mauthausen, die der SS einverleibt worden waren - , verfügte Ziereis über eine beträchtliche Zahl an Männern, die für den Kampf in Stellung gebracht werden konnten. Aber de facto hatte der Ziereiswall, genau so wenig wie die Einheiten von Ziereis, keine Bedeutung für die Kämpfe gegen die Allierten ---
Mauthausen wurde als letztes Stammlager befreit. Als solches fing es gemeinsam mit seinen Außenlagern die Todesmärsche aus sämtlichen anderen aufgelösten Lagern auf, sofern sie nicht auf ihrem Weg befreit oder aufgelöst wurden. Tausende Gefangene aus KZ, Arbeitserziehungslagern oder anderen Gefangenenlagern wurden nach Mauthausen geschleust --- Einige wurden wegen Überbelegung im Stammlager ins Außenlager Gunskirchen weitergeleitet. Im Unterschied zu anderen KZ konnte Mauthausen mit den tausenden Gefangenen u. Wachmannschaften nicht evakuiert werden. Innerhalb der Front existierte kein Stammlager mehr u. die Außenlager Mauthausens wie Ebensee, Gunskirchen oder das Lager Gusen waren selbst überfüllt ---
Die Wiener Feuerwehr traf am 13.4.1945 im KLM ein u. musste dort ab 14.4.1945 die Bewachung übernehmen, vermutlich aber nicht ganz auf sich gestellt, denn die SS war bis zum 3.5. in Mauthausen anwesend. Die Feuerwehr wurde vom damal. Kommandanten Johann Stanzig nach Mauthausen gebracht u. dort den Einheiten Skorzenys eingegliedert. Stanzig selbst floh nach Kärnten, sein Nachfolger war Hauptmann Kern. Am 5.5. wurden die Männer der Wiener Feuerwehr von den Amerikanern verhaftet u. nach Gallneukirchen zu einem Sammelpunkt gebracht ---
Der Rapport Haefligers besteht aus 2 Teilen, einem datierten, der den Zeitraum 19.-25.4.1945 erfasst u. am 25.4.1945 in Uffing in Bayern aufgesetzt wurde. Der 2. Teil ist undatiert u. beinhaltet den Zeitraum 25./26.4.1945 bis kurz nach der Auflösung des Lagers ---
28.4.1945, fuhr der Konvoi hinauf zum Stammlager, wo Haefliger u. Hoppeler bei Ziereis vorsprachen. Haefliger verlangte Einlass ins Lager gemäß den Verhandlungen Burckhardts u. Kaltenbrunners im Vorfeld. Ziereis wusste nichts von diesen Anweisungen u. wollte Haefliger so bald wie möglich loswerden. Auch Hoppeler legte Haefliger nahe, wieder in die Schweiz zurückzukehren. Haefliger ließ aber nicht locker u. erreichte zumindest, daß Ziereis ein Schreiben an Kaltenbrunner schickte, um nachzufragen, wie mit Haefliger zu verfahren sei. Haefliger selbst blieb gegen Ziereis’ Willen in der Nähe des Lagers u. fand Unterkunft in einer Rotkreuz-Station in St. Georgen. 3 Tage lang fand sich keine Antwort auf Ziereis’ Funkspruch. Haefliger wurde wider Erwarten ins Lager eingelassen u. erhielt ein Zimmer in den SS-Unterkünften gemeinsam mit dem SS-Mann Reimer ---
... erwachte Haefliger noch vor Tagesanbruch, weckte Reimer u. gab später dem vertrauten Gefangenen den Auftrag, bei Rückkehr Haefligers im weißen Wagen sei die Hakenkreuzfahne des Lagers runterzunehmen u. die weiße Flagge zu hissen. So fuhren Reimer u. Haefliger vom Lager u. machten einen Stopp in St. Georgen, um sich mit den dortigen Behörden abzusprechen. Haefliger forderte vom St. Georgener Bürgermeister, daß sämtliche geschlossene Panzersperren wieder zu öffnen, sowie sämtliche noch nicht aktivierte Panzersperren nicht zu aktivieren seien.
Zusätzlich verlangte er von den Behörden ihr Wort, dass bei der Einfahrt Haefligers mit den Amerikanern kein Schuss fallen dürfe, andernfalls würde er gar nicht in die
amerikanische Zone vordringen. Dieses Ehrenwort wurde ihm gegeben u. so machten sich Haefliger, Reimer u. ein Leutnant der Wiener Feuerschutzpolizei auf den Weg zu den Amerikanern --- Es gelang ihnen tatsächlich eine US-Panzerspitze zu finden, die Haefliger überzeugen konnte, mit ihm zu kommen. Er „…bat sie [die Amerikaner, JS], an ihre Kommandostelle meinen Wunsch zu übermitteln, eine Panzerspitze mir sofort zur Verfügung zu stellen, um unverzüglich die Entwaffnung von noch verbliebenen 400 SS-Leuten vorzunehmen, erbat mir im weitern eine Mannschaft von 500-600 Soldaten, um die Bewachung der Lager Gusen u. Mauthausen sofort zu übernehmen.“ Dies wurde ihm gewährt u. der Tross setzte sich in Bewegung Richtung St. Georgen, wo sie freudig von Bevölkerung u. Behörden begrüßt wurden. Dann fuhr man weiter nach Gusen, wo Haefliger von den Kommandanten des Volkssturmes u. der Feuerschutzpolizei ihr Wort einholte, dass kein Schuss auf die Amerikaner abgegeben werde. Das nächste Ziel waren die Flugzeugwerke Gusen, wo Haefliger kurz anhielt, um den Amerikanern die Sprengvorrichtungen zu zeigen. Wörtlich heißt es im Rapport: „Um keine Zeit zu verlieren, dirigierte ich die Panzerspitze nach Mauthausen u. kaum wurde ich der Kommandantur ansichtig, als auch die weisse Fahne gehisst wurde...“. Sofort wurden die noch verbliebenen 400 SS-Leute von den Amerikanern entwaffnet u. in Reih u. Glied aufgestellt. Ihnen wurden zusätzlich die Feuerschutzpolizisten u. der Volkssturm angegliedert. Unter den Gefangenen entstand eine unvorstellbare Freudenkundgebung, aber Haefliger ließ nach eigenen Worten die Panzerspitze bald wieder Richtung Gusen I u. II abfahren, um auch dort die Entwaffnung durchzuführen. Insgesamt begleitete die Panzerspitze dann über 2000 gefangene SSMänner, Feuerschutzpolizisten u. Angehörige des Volkssturms nach Gallneukirchen zum US-Stützpunkt. Der Rapport schließt mit Schilderungen über Plünderungen der ehem. KZHäftlinge u. der Massen-beerdigung der vielen Toten, zu der die lokale Bevölkerung von den Amerikanern gezwungen wurde ---

Abweichende Darstellungen von Louis Haefliger
Vermutlich aus Anlass der Verleihung der Ehrenmedaille der Republik Österreich 1977 sowie der goldenen Ehrennadel der Österr. Widerstandsbewegung im selben Jahr, verfasste Haefliger einen neuen Bericht über die Ereignisse im Mai 1945. In diesem Bericht beschrieb er unter anderem die Begegnung mit einem unbekannten reichs-deutschen Diplomaten, der Haefliger sogar gewarnt hätte, nach Deutschland zu fahren, da sein Portraitphoto an allen Grenzstationen hängen würde, er als Anti-
Nationalsozialist in Deutschland bekannt u. daher ein sicherer Kandidat für ein KZ wäre. Der Inhalt dieser Aussage ist zu hinterfragen, da dadurch sein Einsatz natürlich bedeutend dramatischer, weil gefährlicher wirkt. Es ist unverständlich, wieso Haefliger diese Aussage erst Jahrzehnte nach dem Krieg tätigte, zumal sie nicht überprüf- u. damit nicht beweisbar ist. Dass er nicht in ein KL gebracht wurde, verdanke er dem Umstand, dass die Pässe der IKRK-Gruppe von den Deutschen aufgrund der heran-
nahenden französ. Armee beim Grenzübertritt nicht mehr kontrolliert wurden. Aus diesem Bericht geht auch der Name des Kommandanten des Flugzeugwerkes in Gusen, Ekkehard, hervor. Laut diesem Bericht war der Haefliger zur US-Army begleitende Mann Kommandant der Wiener Feuerschutzpolizei mit dem Namen Langer. Zu keinem Zeitpunkt gibt es Hinweise in den Briefen u. Berichten Haefligers die eindeutig beweisen, daß es ihm möglich gewesen wäre, ins Lager zu kommen. Es heißt jedoch immer wieder, er wäre im Lager gewesen. Der Begriff „Lager“ ist genauer zu betrachten: die KL waren nämlich grundsätzlich in 5 Einheiten gegliedert: „1. Kommandantur/
Adjutantur, 2. Politische Abteilung, 3. Schutzhaftlager, 4. Verwaltung, 5. Lager- oder Standortarzt sowie Wachtruppe“. Diese 5 Teile werden im allgem. Sprachgebrauch als KZ zusammengefasst. Das Schutzhaftlager war von der Unterbringung der Wachmannschaften räumlich getrennt, u. zwar in Mauthausen durch ein schweres Tor, umzäunt von einer Steinmauer.

Konnte Haefliger einfach über den Appellplatz spazieren u. Kontakt zu beliebigen Gefangenen aufnehmen? Der Appellplatz war nämlich Teil des Schutzhaftlagers. Daß Haefliger mit Gefangenen in Berührung kam, ist möglich. Einem Zeitungsartikel zufolge soll Haefliger das Lager gezeigt worden sein u. er durfte sich darin frei bewegen. Allerdings gibt es genügend andere Ungenauigkeiten in dem Artikel. Vermutlich aber war er außerhalb des Schutzhaftlagers in einem Bereich, wo versch. Gefangene tätig waren, z.B. in der SS-Garage. Die Häftlingsschneiderei u.a. Werkstätten befanden sich nicht im Schutzhaftlagerbereich, also in jenem Bereich in dem die Gefangenen unter-
gebracht waren. Alphons Matt erwähnte in einer Rede in Wien einmal, dass Louis Haefliger nicht innerhalb des KL, also innerhalb des Schutzhaftlagerbereiches war. Vieles, was Haefliger über den 5.5. bzw. über die Tage in Mauthausen berichtete, änderte sich mit der Zeit. Es sind Details, die sich unterscheiden. So behauptete er häufig, bereits vor dem 5.5. von der Anwesenheit amerikan. Gefangener in Mauthausen gewusst zu haben. In einem Brief an den US Military Government Officer vom 20.11.1945 behauptete Haefliger, erst nach der Befreiung einem US-Fallschirmspringer u. ehem. Gefangenen (vermutlich Jack Taylor) von Mauthausen vorgestellt worden zu sein. Jack Taylor war ein OSS70-Agent, dessen „geheime Erkundungsmission“ in Österreich fehlschlug. Er wurde am 1.12.1944 in die Gestapo-Zentrale in Wien u. am 1.4.1945 ins KL Mauthausen überstellt, wo er am 5.5.1945 die Befreiung miterlebte. Mai 1945 verfasste er einen Bericht über Mauthausen, in dem er Louis Haefliger nicht erwähnte. Die Befreiung war diesem Bericht zufolge nur ein Verdienst der US-Armee.

Der Befehl zur Massentötung der Gefangenen der Lager Mauthausen u. Gusen

Laut Haefliger existierte also ein Befehl zum Massenmord an allen Häftlingen dieser Lager, deren Rettung der Schweizer für sich beanspruchte. Die Frage der Existenz dieses Befehls ist ein entscheidendes Moment im Fall Haefliger. Sollte es tatsächlich einen Beweis für die Existenz dieses Befehls geben, so wäre Haefliger der unumstößliche Retter der Gefangenen. In der Archivforschung wurde er niemals gefunden, daher halten die meisten Historiker dies für „nicht nachweisbar“. Gefunden wurde allerdings ein Befehl Himmlers mit den Worten: „Die Übergabe kommt nicht in Frage. Das Lager ist sofort zu evakuieren. Kein Häftling darf lebend in die Hände des Feindes fallen. Die Häftlinge haben sich grauenhaft gegen die Zivilbevölkerung benommen.“


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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 2

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 4:40 pm

Fortsetzung aus der Diplomarbeit von Johannes Starmühler, Wien 2008 (PDF; 1,5 MB)
Dies ist keine vollständige Kopie der Diplomarbeit, zwecks Kürzung wurde von mir oftmals KL statt "Konzentrationslager" verwendet usw.
Fett-Hervorhebungen fallweise von mir; diverse Kopierfehler aus der PDF-Datei können auch vorkommen


Über das Auffinden dieses Befehls existieren mehrere Versionen. Er ist allerdings nicht für Mauthausen gültig, sondern für Dachau oder Dachau u. Flossenbürg, wie Zámeník herausfand. Ein Befehl wie jener für Dachau oder ein alle KZ umfassender Befehl zur Vernichtung aller Gefangenen in der Endphase des Krieges wäre hinsichtlich Himmlers Verhalten irritierend. Bereits ab Herbst 1944 „wurde auf versch. Ebenen zwischen Himmler u. alliierten Stellen im geheimen über das Schicksal von Häftlingen verhandelt.“
Warum waren aber trotz allem Sprengvorrichtungen an den Wänden der für die Rüstungsindustrie errichteten Stollen angebracht? Brousek beantwortet dies mit dem
Verweis auf die Führer-Erlässe vom 19.3.1945, 30.3.1945 u. 4.4.1945. Mit diesem Befehl, auch bekannt unter dem Namen „Nero-Befehl“ oder „Verbrannte-Erde-Befehl“, ordnete Hitler die „Zerstörung aller Versorgungseinrichtungen im Reich, die dem Feind dienen konnten“, an. In der Einleitung zu diesem Befehl formulierte Hitler, daß der Feind selbst „nur eine verbrannte Erde“ zurücklassen würde. Mit Durchführung dieses Befehls wurden die militär. Kommandanten für militär. Anlagen u. die Reichsvertei-
digungskommissare u. Gauleiter für alle Industrie- u. Versorgungsanlagen betraut.

Nach dem Krieg

Nach dem Krieg versuchte Haefliger finanzielle Unterstützung für kriegsgeschädigte Auslandsschweizer zu erhalten, die ihm aber nicht gewährt wurde. Aus dem negativen Bescheid ist auch ersichtlich, aus welchen Gründen Haefliger hoffte, diese Hilfe gewährt zu bekommen: „der Gesuchsteller macht geltend, infolge des Krieges eine pensionsberechtigte Anstellung in der Schweiz verloren zu haben. Ferner macht er Gesundheitsschäden sowie einen geringfügigen Sachverlust geltend. Für letzteren wurde er jedoch vom Roten Kreuz entschädigt. Dauernde Gesundheitsschäden infolge des Krieges sind nicht nachgewiesen.“ Weiters wäre dem nur stattzugeben gewesen, wenn er seine Existenz infolge des Krieges ganz oder teilweise verloren hätte. Er schied freiwillig aus der Firma verabschiedete für eine Stelle bzw. einen Auftrag, von dem er wissen musste, dass dies nicht auf Dauer sein könne, zumindest laut dem Schreiben der „Kommission für die Hilfe an kriegsgeschädigte Auslandsschweizer“. Darauf folgte eine Beschwerde Haefligers, worauf die „Rekurskommission für Hilfe an kriegsgeschädigten Auslandsschweizern“ auf den Plan gerufen wurde. Diese bestätigte das vorherige Urteil u. erwähnte noch einmal, dass Haefliger seine Stelle bei der Bank bzw. deren Immobilien-Gesellschaft aufgegeben hätte, um in die Dienste des IKRK zu treten, welches sich aber im Juni 1945 wieder von ihm trennte. Haefliger suchte damals (Sommer/Herbst 1959) um „Fr. 5,250.- u. österr. Schilling 135,059.40 zur Abtragung von Schulden“ an. Der entscheidende Absatz über die Ablehnung erklärt, wer Anspruch auf diese Hilfe habe: jene Schweizer, die zu Beginn oder während des Krieges im Ausland lebten. Bürger, die zu Beginn des Krieges noch in ihrer Heimat lebten u. auf Basis der freien Entscheidung das Land in Richtung Krieg verließen, egal zu welchem Zweck, hätten keinen Anspruch. Dem Urteil folgend hätte sich also Haefliger freiwillig in Gefahr begeben u. ein Risiko in Kauf genommen, das nicht so schlimm gewesen wäre, hätte er sich lediglich an die Anweisungen des IKRK gehalten. Der Beginn dieser Verhandlungen war ein Ansuchen Haefligers auf einem Formular mit dem Titel „Unterstützung u. Heimnahme unverschuldet notleidender Schweizer im Auslande“.
Auf diesem Formular gab er auch an, dass sämtl. Verwandtschaftsbande in der Schweiz seit seiner Aktion in Mauthausen aufgehoben wären. Weiters erfahren wir in Briefen, daß Haefliger in seiner Heimat als „Abenteurer“ gebrandmarkt wurde. Hintergrund dieser Bittgesuche war die finanzielle Not Haefligers in den ersten Jahren in Österreich. Zu Beginn der 1950er Jahre überlegte Haefliger kurzzeitig, nach Norwegen zu emigrieren, da die Wirtschaftslage in Österreich sehr schlecht gewesen sei. Zu diesem Zwecke sandte er sogar ein Schreiben nach Oslo ans Nobelkomitee des norweg. Parlaments mit Bitte um Hilfe bei der Jobvermittlung. Die finanziellen Probleme Haefligers zeigten sich auch in der Pfändung div. Gegenstände, sowie in den dringenden Forderungen der Schweizer Liga für Menschenrechte bzw. deren Präsident Leonhard Jenni, endlich das ihm gestattete Darlehen zurückzuzahlen. Er hatte dort noch 1961 Schulden in der Höhe von SFR 2500,-, die er monatlich abtragen sollte.
Haefliger wurde im Juni 1945 beim IKRK demissioniert, wobei er dies erwartet hatte, denn dies „musste nach dieser militär. Handlung eines Delegierten erfolgen“ u. ging nach Wien. Dort erhielt er durch Fürsprache von Bürgermeister Körner die Gewerbeberechtigung, sowie Zuwendungen zum Bezug einer Wohnung am Wiener Modenapark, die er jedoch selbst u. von seinem Geld in Stand setzen musste. Außerdem heiratete er 1949 eine Österreicherin, die durch die Heirat die schweizerische Staatsbürgerschaft erlangte, aber, durch Fürsprache des damal. Innenministers Helmer, ihre österr. trotzdem behalten durfte. Seinem Geburtsland, der Schweiz, blieb Haefliger trotz der Emigration u. der österr. Staatsbürgerschaft immer treu verbunden, wie erstens seine Doppelstaatsbürgerschaft u. zweitens div. Schreiben u. Einladungen des „Schweizer Unterstützungsvereins Wien“ beweisen.

In den letzten 15 Jahren seines Lebens ging es Haefliger, von dem auch in lateinamerikanischen u. in US-Radiosendern gesprochen wurde, sehr schlecht. Herzattacken, gebrochener Rückenwirbel, grauer Star u. Knieprobleme bereiteten ihm immer mehr Beschwerden. Die Sterbeurkunde weist Haefliger als „protestantisch“ auf, was auch in einem Brief seines ehem. Lehrers u. Pfarrers, der ihn konfirmierte, bestätigt wird. Gestorben ist Haefliger am 15.2.1993 in Podbrezova in der Slowakei, wo seine Pflegerin u. 3. Frau ein Haus hatte, das sie zeitweise aufsuchten. Die Hochzeit mit seiner 3. Frau fand im April 1992 statt. Zu diesem Zeitpunkt war Haefliger bereits 88 Jahre alt. Einmal schrieb er darüber in einem Brief sogar, dass er seine Pflegerin geheiratet hatte, um nicht mit Ausländervorschriften in Konflikt zu kommen.

Opferfürsorgeausweis für Louis Haefliger

Laut der Österr. Historikerkommission dient das Opferfürsorgegesetz dazu, den Opfern des Ständestaates u. des „NS-Regimes durch Maßnahmen u. Leistungen sozial-
rechtlicher Natur für die von ihnen zwischen dem 6.3.1933 u. 9.5.1945 erlittenen verfolgungsbedingten Schädigungen u. Nachteile“ Entschädigung zukommen zu lassen. Die Kommission analysierte bei der Opferfürsorge eine Dualität hinsichtlich „aktive Opfer-passive Opfer“. Für so genannte „aktive“ Opfer – das sind jene, die aktiv im Kampf um ein freies, demokratisches Österreich mitgewirkt haben – gibt/gab es eine Amtsbescheinigung. Für „passive“ Opfer – „Opfer der politischen Verfolgung“ – ist/war entweder eine Amtsbescheinigung oder ein „Opferfürsorgeausweis vorgesehen.
Haefliger verfasste seinen Weg nach Mauthausen, die Ereignisse u. die Befreiung des öfteren. Zu all diesen Schriften ist zu sagen, dass sie häufig in Details nicht ganz übereinstimmen. Er schrieb einen Antrag für den Opferfürsorgeausweis, dem er als Beleg die Ereignisse um die Befreiung aus seiner Sicht beilegte. Das Wesentliche ist, daß Haefliger von Himmlers Liquidierungsbefehl bereits vor der Abfahrt gewusst haben will. Seinen LKW-Konvoi schickte er wieder zurück um „jegliche Folgen eines Scheitern meines Planes persönlich zu tragen u. das Inter[nationale, JS] Rote Kreuz nicht in eine beabsichtigte militär. Handlung einzubeziehen“, ihm wurde der Termin für die angebliche Liquidierung bekanntgegeben, u. die Gefangenen wären ebenso ansatzweise im Bilde über diesen Plan u. den Zeitpunkt desselben gewesen. Weiters sollte die Bevölkerung von St. Georgen an der Gusen umgebracht werden. „Obwohl von Genf die Order vorlag, keine militär. Aktionen zu leiten u. an keiner solchen mich zu beteiligen, gab es nur eine einzige Möglichkeit das geplante Verbrechen zu unterbinden u. zwar mit Waffengewalt.“ Diese Wortwahl überrascht insofern, als Haefliger im Namen einer neutralen Hilfsorganisation unterwegs war. Er fand eine US-militär. Einheit. Vom Funk dieser 25 Mann starken Patrouille gelang es ihm, den Kommandanten der 3. US-Armee zu erreichen, von dem er die gefundene Panzerspitze „zur Verfügung gestellt“ bekam.
Zusätzlich erhielt er Zusage, daß noch weitere 1000 Soldaten zur Hilfe geschickt würden. Jedoch „ohne dieses Corps abzuwarten, - es ging nur noch um wenige Stunden -, griff ich mit dieser Panzerspitze die Verteidigung der Lager Gusen u. Mauthausen an. 6 schwerstbeladene Panzer u. Tanks, nur ungefähr 25 Mann der US-Panzerspitze standen mir zur Verfügung, aber die Köpenikade musste eingeleitet werden. Es ging um zehntausende von Menschenleben, es ging um ein großes österr. Gebiet, das vernichtet werden sollte, wenn nicht rechtzeitig angegriffen würde.“ Die heroisierende Wortwahl wirkt wie ein Versuch zur Aufwertung der eigenen Person, verbunden mit der Einfügung literarischer Momente („Köpenikade“). Haefliger griff das Lager nie mit Waffengewalt an. Durch diesen Satz wird aber genau dieser Eindruck erweckt; nirgends außer in Haefligers Schriften ist bestätigt, daß es Haefliger bei der Aktion um die Rettung eines großen österr. Gebietes ging. Es liegt hierbei die Vermutung nahe, daß sich Haefliger seine Chancen für die Erlangung eines Opferfürsorgeausweises verbessern wollte. Allerdings ist auch das Gegenteil nirgends belegt. In dem Bericht erwähnte Haefliger nicht, dass die hauptagierenden Wachen um Ziereis u. Bachmayer in Mauthausen schon am 3.5. aus dem Lager geflüchtet waren. Daß die weiteren 1000 Soldaten am 7.5. auf seinen Auftrag nach Mauthausen kamen, ist nicht nachweisbar. Die Behauptung von der Befriedung des Gebiets ist ebenso anzuzweifeln, da es nachweislich zwischen dem 5.5. u. dem 7.5. Gefechte an der Enns zwischen Häftlingseinheiten u. SS-Truppen gab. Diese Kämpfe wurden zwar von kommunistischen Autoren propagan-distisch ausgeschlachtet, bestätigen aber zumindest, daß es Kämpfe in diesem Zeitraum in diesem Gebiet gab. Was Haefliger mit diesen Sätzen vermutlich bezeugen wollte, ist sein Streben, in u. für Österreich zu wirken, sein Verdienst um die Befreiung Österreichs, sowie sein militär. Mitwirken daran. Er legte diesem Antrag noch eine Broschüre von Friedrich von Gagern, das Schreiben der ehem. im Illegalen Lagerkomitee tätig gewesenen Gefangenen, sowie ein Schreiben des Roten Kreuzes als Bestätigung bei. Ein Blick auf das Opferfürsorgegesetz wirft die Vermutung auf, daß Haefliger für die Erlangung des Ausweises die Begebenheiten um den 5.5.1945 aufgebauscht hat:
„§1. (1) Als Opfer d. Kampfes um ein freies, demokrat. Österreich sind Personen anzusehen, die um ein unabhängiges, demokratisches u. seiner geschichtlichen Aufgabe bewusstes Österreich, insbes. gegen Ideen u. Ziele des NS mit der Waffe in der Hand gekämpft oder sich rückhaltlos in Wort oder Tat eingesetzt haben u. hiefür
a) im Kampfe gefallen;
b) hingerichtet wurden;
c) an den Folgen einer im Kampfe erlittenen Verwundung oder erworbenen Krankheit oder an den Folgen einer Haft oder erlittenen Mißhandlung verstorben sind;
d) an schweren Gesundheitsschädigungen infolge einer der unter lit. c angeführten Ursachen leiden oder
e) nachweisbar aus politischen Gründen mind. 1 Jahr, in Ausnahmefällen mind. 6 Monate in Haft waren. Die Ausnahmebestimmung gilt für solche Fälle, in denen Haft mit besonders schweren körperlichen oder seelischen Leiden verbunden war.“


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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 3

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 4:46 pm

Haefliger ist nicht gefallen, er wurde nicht hingerichtet, er wurde nicht misshandelt, war nicht aus politischen Gründen für längere Zeit in Haft u. starb nicht an den Folgen einer Verwundung oder einer Krankheit, die er durch Kampfhandlungen erworben hatte. Haefliger war kein Opfer. Sein Antrag allerdings wirkte, als wäre er für den 1. Absatz zurechtgebogen worden. Haefliger hätte mit Waffengewalt die Befreiung des Lagers Mauthausen sowie die Befriedung eines großen Teils Österreichs erwirkt, womit er einen wesentl. Beitrag im „Kampf um ein freies, demokr. Österreich“ geleistet hätte. Anspruchsberechtigt wären lt. Gesetz nur Personen gewesen, die am 12.3.1938 die österr. Staatsbürgerschaft besessen hatten, zum Zeitpunkt der Inanspruchnahme der Opferfürsorge österr. Staatsbürger waren u. ihren Hauptwohnsitz in Österreich hatten. Für Haefliger traf aber nur der 2. Punkt zu. Handschriftl. Notizen des Schweizers beweisen, daß er sich bei der Beantragung der Amtsbescheinigung auf § 1 Abs. 4 lit c. OFG „an den Folgen einer im Kampfe erlittenen Verwundung oder erworbenen Krankheit“ konzentriert hatte. Seine Bestätigung erhielt er dann im Sinne des § 1 Abs. 4 lit d. OFG mit 2. 11.1961. 11 Jahre später gab es 2 Antworten. Beim ersten Mal (3.5.1961) wurde dem Antrag mit der Begründung der Staatsbürgerschaft u. des Wohnsitzes vor dem 13.3.1938 nicht stattgegeben. Beim zweiten Mal (2.11.1961) war Haefliger letztendlich erfolgreich. Im positiven Bescheid hieß es: „Durch Vorlage entspr. Dokumente konnte der Antragsteller nachweisen, daß er an der Befreiung des KZ-Lagers Mauthausen tätig mithalf u. dadurch dem Kampf um ein freies, demokr. Österreich beitrat. Lt. Stellungnahme des ärztl. Dienstes des Bundesministeriums für soziale Verwaltung hat er durch diesen Einsatz eine Gesundheitsschädigung entsprechend einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von mind. 50% durch mind. 6 Monate erlitten.“
Haefliger konnte also mittels der Schreiben u. des Buches von Friedrich von Gagern u. mittels seiner Ausführungen nachweisen, aktiv im Kampf um die Befreiung Österreichs tätig gewesen zu sein. Beigefügt wurde diesem stattgegebenen Antrag jenes Dankesschreiben der Gefangenen, die im Illegalen Lagerkomitee tätig gewesen waren, ein Brief des ehem. Präsidenten des IKRK, Paul Ruegger, sowie ein Schreiben Haefligers, in welchem er seine Tätigkeit beschreibt. Die Amtsbescheinigung selber bestätigt dann die Gültigkeit derselben mit den Worten: „Es wird hiermit bescheinigt, daß bei Haefliger […] zufolge § 1.Abs. (1), lit. d, bzw. Abs. (4), die Voraussetzungen des § 1 des Gesetzes v. 4.7.1947, BGBl. Nr.183 (Opferfürsorgegesetz), zutreffen, er, somit als Opfer des Kampfes um ein freies, demokr. Österreich im Sinne d. Bundesgesetzes zu behandeln ist.“
Danach stellte er Juli 1962 noch ein Ansuchen, diesmal um Opferrente, begründet wieder mit den Krankheiten, die er dauerhaft hätte, deretwegen er auch in ärztl. Behandlung war u. die jährlich schwerer würden. Diese wurde ihm aber nicht gewährt, da von behördlicher Seite nur eine Erwerbsminderung von 10 % nachgewiesen werden konnte, er aber eine Erwerbsminderung von zumindestens 25 % nachweisen hätte müssen. Dagegen legte Haefliger Rekurs ein u. schilderte noch einmal die Rettung Mauthausens. Demnach wären in Mauthausen u. Gusen zum Zeitpunkt der Befreiung über 96.000 Gefangene gewesen. Gewichtig ist der folgende Absatz: „Ich bin als Opfer des Kampfes um ein freies, demokr. Österreich im Sinne des Bundesgesetzes anzusehen. Ich habe insbes. gegen Ideen u. Ziele des NS mit der Waffe in der Hand gekämpft.“ Mit genau diesen Worten hatte er auch Jahre zuvor die Amtsbescheinigung beantragt. Dieser 1. Absatz aus dem Auszug seines Antrags auf eine Amtsbescheinigung nach dem OFG ist eindeutig auf den Gesetzestext zurechtgeschnitten. Es ist unwahrscheinlich, dass der damals als Rotkreuz-Delegierter auftretende Haefliger ein Waffe in der Hand hatte. Haefligers Ansuchen konnte auch deswegen nicht stattgegeben werden, weil er sich weigerte, sich in stationäre ärztl. Behandlung zu begeben, um seine Aussagen überprüfen zu lassen. Demenstprechend war auch der letzte Bescheid vom 22.12.1964 negativ.
Sein 1. Ansuchen um den Opferfürsorgeausweis stammte vom 24.12.1949. Ein halbes Jahr später verzichtete er auf österr. Rente im Zusammenhang mit der Erteilung der Amtsbescheinigung. Gleichzeitig händigte er ein Schreiben eines Arztes ein, das ihm eine „neurozirkulytorische Dystonie mit absoluter Schlaflosigkeit“ bescheinigt. Diese Krankheiten wären Folgen seines Einsatzes in Mauthausen gewesen.
Die Formulierungen Haefligers in seinen Ausführungen bestätigen deutlich, wie wichtig ihm die Erlangung von Opferfürsorge war. Die zeitweise kämpferische Ausdrucks-
weise stellt eine Singularität im Vergleich zu seinen anderen Schriften dar. In den frühen 60er Jahren gab es einen regen Schriftwechsel zwischen Haefliger u. den Behörden. Er bestand darauf, eine Opferrente zu erhalten, dies wurde ihm aber verwehrt. Haefligers Interesse für den Opferfürsorgeausweis dürfte bereits 1947 bestanden haben. Von diesem Jahr existiert ein Bundesgesetzblatt betreffend der Opferfürsorge in Haefligers Nachlass. Mitte der 1960er Jahre bemühte sich Haefliger um ein Darlehen aus dem Ausgleichstaxfonds des Sozialministeriums, was allerdings nicht bewilligt wurde. Aus diesem Ausgleichstaxfonds kann: „1.) ein zinsenloses Darlehen gewährt werden, zur Schaffung einer Existenz, oder aber zum Erwerb einer Wohnung u. zur Anschaffung von Möbeln u. Hausrat. 2.) kann eine außerordentl. Unterstützung beantragt werden, wenn besondere Verhältnisse vorliegen, z.B.: Krankheit, Anschaffung notwendiger Dinge, wie Nachschaffung von Wäsche, Kleidern, Studium der Kinder, Kuraufenthalte etc.“ Das Geld – öS 23.000,- - benötige Haefliger um in seiner Wohnung eine Nachtspeicherheizung installieren zu können Begründung: durch eine Beförderung bei der National-Registrier-Kassen-Gesellschaft sei er häufig nicht zu Hause u. seiner Frau per ärztl. Attest das Schleppen schwerer Lasten wie Kohlen für den Kohleofen verboten worden.


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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 4

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 4:59 pm

Anerkennung und Wiedergutmachung ---  „Husarenstück“ und „Geniestreich“

Bis zu seinem Tod war Haefliger bemüht, Anerkennung zu finden. Ende der 1940er Jahre versendete er viele Exemplare der Schrift von Gagerns über ihn. Er warb
regelrecht für sich u. biederte sich an. Im Antwortschreiben der niederländ. ehem. politischen Gefangenen der Lager Mauthausen u. Gusen bedauerte man, seiner Anfrage nach einer holländischen Ausgabe der Schrift von Gagerns keine Chance einräumen zu können. An anderer Stelle fragte Haefliger nach, wie das Manuskript bei den Holländern angekommen wäre u. ob die holländische Regierung davon erfahren hätte. Alles in allem war er schon in den 1940er Jahren ein sehr aktiver Mann, der mit flammenden Worten um seine Anerkennung kämpfte. Privat dürfte er aber einige Probleme monetärer Natur gehabt haben. In seinem Nachlass sind Schuldscheine u. Aufforderungen zur Bezahlung div. Spesen zu finden. Wie Haefliger Schulden anhäufte, ist nicht bekannt.
Die Unterzeichnung eines unbekannten Antrags 1949/50 für das Nobelkomittee verstand Haefliger als einen Schritt der Wiedergutmachung. Aber welche Wiedergutmachung meinte er? Aufgrund der zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorhandenen kommunistischen Kritik gegen ihn ist zu vermuten, dass er Wiedergutmachung u. Anerkennung von der Schweiz u. dem IKRK erhoffte. Später, als er in den 1980er Jahren in Interviews zum Stellenwert eines möglichen Friedensnobelpreises für seine Person befragt wurde, verstand er ihn als moralische Wiedergutmachung, drückte aber gleichzeitig den Wunsch nach Anerkennung aus. Für ihn wäre der Friedensnobelpreis der Beweis, daß er es richtig gemacht hätte. Am 30.3.1977 verlieh der Bundespräsident Österreichs, Kirchschläger, Haefliger das „Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs“, das Haefliger dreieinhalb Wochen später auch überreicht wurde. Dem vorausgegangen war ein Antrag der ÖW. Zusätzlich überreichte ihm die ÖW ihre goldene Ehrennadel. Johannes Zopp, ÖW-Mitglied, enger Freund Haefligers u. der vehementeste Verfechter desselben ging sogar so weit, in einem Brief Österreich um Wiedergutmachung der Schuld – die noch nicht erfolgte große u. bekannt gemachte Anerkennung Haefligers – zu erbringen, indem gewisse Dienste geleistet werden. So forderte Zopp die schnelle Erledigung der Verleihung der Staatsbügerschaft an Haefligers 3. Frau. Markant ist der letzte Absatz: „Ich glaube, daß es die Republik Österreich ihrem Bürger Louis Haefliger, der von einem Herrn Marsalek […] straffrei als ‚Lügenbaron’ bezeichnet werden durfte […], daß sie dem ‚Retter von Mauthausen’ noch einiges schuldig geblieben ist. Hier hat sie eine erstklassige Gelegenheit, einen Teil dieser Schuld abzutragen, meine ich.“
Zopp versuchte, Personen der Öffentlichkeit u. der Medien zu überreden, sich mit Haefliger auseinanderzusetzen. In einem Brief Zopps vom 22.4.1989 an Haefliger berichtete Zopp, daß er dem damal. Innenminister Löschnak nahe gelegt habe, Haefliger in seiner Rede am 7.5. desselben Jahres – vermutlich zu den Befreiungsfeierlichkeiten - zu erwähnen. An der Hochschule St. Gallen gibt es die Max Schmidheiny Stiftung, für deren Freiheitspreis Haefliger 1989 von Zopp vorgeschlagen wurde. Zopp schrieb an Persönlichkeiten im In- u. Ausland, um Anerkennung für Haefliger zu erheischen.
Die ÖW trat an Alois Mock heran, mit Bitte um Unterstützung beim Vorschlag Haefligers für den Friedensnobelpreis, sowie um Unterstützung in der Kritik an Unterrichts-
ministerin Hawlicek, die verantwortlich war für den offiziellen Mauthausen-Film, in dem Haefliger nicht erwähnt worden ist. Mock, mit Briefkopf des Vizekanzlers, würdigte Haefliger, der auf keinen Fall in Vergessenheit geraten dürfe u. dem jeder zu Dank verpflichtet sei. Ein anderes Schreiben, datiert mit 12.2.1993, vom damal. Landeshauptmann Oberösterreichs, Ratzenböck, der anläßl. des gemeinsamen Besuches der Präsidenten Italiens u. Österreichs in Mauthausen von Zopp an Haefliger erinnert worden war, erreichte Haefliger kurz vor seinem Tod. Er bedankte sich in diesem Schreiben für Haefligers Tat. Doch nicht nur Zopp u. seine Mitstreiter bei der ÖW, Bruno Czermak u. Albert Massiczek intervenierten für ihn. Auch der Schweizer selbst verteilte kontinuierlich „Beweise“ seiner Heldentat. Daraus resultierte auch die Reaktion einer Ordensschwester in einem Brief an ihn. Woher hatte sie den Stoff? Sie lernte ihn anlässl. des Papstbesuchs 1988 in Mauthausen kennen, woraufhin er ihr bei der Verabschiedung eine Broschüre überreichte, die seine Tat v. 5.5.1945 zum Inhalt hatte. Die ÖW benötigte Unterstützung für den Vorschlag Haefligers für den Friedensnobelpreis, weil sie lt. Statuten des Nobelkomitees gar nicht berechtigt gewesen wäre, einen Kandidaten zu nominieren. Dies ist nur Regierungen, Universitätsprofessoren für Staats- u. Rechtswissenschaften, Geschichte u. Philosophie, Mitgliedern der Nobelkomitees, des Internat. Schiedshofes in Den Haag, der Interparlamentarischen Union, Vorstandsmitglieder des Ständigen Internat. Friedensbüros, Mitgliedern des Instituts für Internat. Recht u. ehem. Preisträger des Friedensnobelpreises vorbehalten
.
Der Film „Louis Haefliger – Der vergessene Retter“, der über ihn gedreht wurde, basiert auf Interviews mit dem Schweizer. Die finanzielle Anerkennung des Fernsehens waren ein Lohn über 4000 Schweizer Franken, die er als „Gesprächspartner“ für 10 Arbeitstage im Zeitraum vom 11.9.-30.11.1988 erhielt. Die Erstausstrahlung erfolgte am Programm des SRG 1988, der ORF folgte Mitte 1989 zu später Stunde. Noch einmal wurde der Film am 3.1.1989 ausgestrahlt, diesmal von 3SAT. Dafür bekam Haefliger ein sogen. Wiederholungshonorar von 1000 Schweizer Franken. Alphons Matt suchte bei der Gemeinde Mauthausen um das Ehrenbürgerrecht für Haefliger an. Johannes Zopp urgierte des öfteren, dass ein öffentl. Raum (Straße, Gasse, Platz) in der Ortschaft nach dem Schweizer benannt werde. Beides wurde bisher nicht erfüllt.
Auf die Ausstrahlung des Films „Der ruhelose Retter“, den Alphons Matt gemeinsam mit Regisseur Walter Kapper produziert hatte, folgte in der Schweiz ein großes Medienecho, sowie einige persönl. Briefe von Sehern an Haefliger bzw. das schweizerische Fernsehen. Zopp war u. ist heute noch der aktivste, aber wahrscheinlich auch einzige Vertreter Haefligers. Hinzuzufügen ist, daß Zopp überall kommunistische Verschwörung sieht, deretwegen Haefliger nie als „Retter von Mauthausen“ anerkannt würde. So behauptete er in einem Brief an den Universitätsprofessor Andreas Maislinger über die späte Programmsetzung des Haefliger-Films im ORF, daß auch hier kommunistische „Kamarilla“ dahinterstecke. In einigen Schreiben an versch. Adressaten kritisierte Zopp, daß es dem ORF weder genehm sei, den Film im Bedenkjahr 1988 zu zeigen, noch zum Zeitpunkt des Mauthausen-Gedenkens am 7.5.1989. Außerdem habe der damal. Innenminister Löschnak Haefliger in seiner Rede zu den Befreiungsfeierlichkeiten mit keinem Wort erwähnt, u. das alles trotz mehrfacher Urgenzen.
Zopp hatte mitunter bereits sehr detaillierte Vorstellungen von der Präsentation in Medien. In einem Post Scriptum eines Briefes im Nov. 1988 an die Redakteurin Ingrid Edelbacher von der Zeitung „ Die Ganze Woche“, der er eine Artikelserie über Haefliger empfohlen u. nahelegt hatte, ist zu lesen: „Ich darf eine Gleichschrift an Hr. Haefliger senden, damit er in der Zwischenzeit schon Material bereitlegen kann u. Sie dann gleich in medias res gehen können. Am supersten wäre ein farbiges Titel-Foto von ihm...“. Der Redaktion einer Jugendsendung des ORF namens „Sapperlot“ schlug er Juli 1989 brieflich vor, doch etwas über Haefliger zu bringen. Am Ende des Briefes verwies er darauf, Haefliger eben diesen in Kopie auch zukommen zu lassen, um ihn auf den Besuch eines ORF-Teams vorzubereiten. „Optimal wäre es, würdet Ihr ihn einfach – mit einem Redaktionsteam u. jungen Leuten – nach Mauthausen bringen u. dort vor Ort erzählen lassen.“ Zopp hatte schon Pläne, die er dem Kamerateam ans Herz legte. Gleichzeitig kritisierte Zopp in diesem Brief die seiner Meinung nach schlechte zeitliche Platzierung des Haefliger-Films im ORF. Auch die 2. Frau des Schweizers, Gabriele Haefliger, urgierte beim ORF eine Neuausstrahlung eines Filmausschnittes für, mit u. über ihren Mann, aus Anlass des 80. Geburtstages. Dies geht aus dem Antwortschreiben des stellv. Chefredakteurs Mayer hervor. Die von Fr. Haefliger beigelegte Broschüre, vermutlich Friedrich von Gagerns Schrift, wäre demnach ins Archiv des ORF verbracht worden u. zusätzlich vermerkte Mayer, dass Haefligers Tat ihm u. seiner Abteilung sehr wohl bekannt wären. Im noch existierenden Brief Gabriele Haefligers geht es um einen Bericht in den Abendnachrichten vom 22.4.1980, den der ORF gestaltete, als Haefliger „über Veranlassung von Herrn Stadtrat Nittel vom Bürgermeister von Jerusalem eingeladen“ wurde. Die Ausstrahlung des Ausschnittes wäre laut Gabriele Haefliger „eine noble Geste“.


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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 5

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 5:04 pm

Bereits Anfang der 1970er Jahre versuchte ein Herr Popp (wahrscheinlich Zopp), den ORF zu einem Beitrag über Haefliger zu überreden – beinahe mit Erfolg. Dies geht aus einem Brief vom ORF an Haefliger hervor. Der ORF nahm das Thema auf u. erkundigte sich bei div. Stellen zwecks Recherche – Felix Hurdes, Simon Wiesenthal, aber eben auch bei Marsálek. Dieser präsentierte dem daran arbeitenden Redakteur seine Version: Haefliger habe die Panzerspitze der US Army nach Mauthausen gebracht u. damit dem Leiden einiger hunderter bis tausender Kranker etwas entgegengesetzt, aber jedoch nicht die Sprengung verhindert, da die SS ja bereits abgezogen war. Der ORF entschloss sich, in Konflikt geraten, keinen Beitrag zu senden. Der bearbeitende Redakteur bot Haefliger eine Würdigung in einer Zeitung an, bei der er ebenfalls arbeitete.
Aus Anlass des Papstbesuches in Mauthausen 1988 wurde einerseits von Johannes Zopp als Vertreter der ÖW, andererseits von Haefliger selbst initiiert, daß er in den näheren Umkreis des Papstes kommen konnte. Haefliger richtete in einem Brief an den Organisator d. Besuchs die Frage, ob denn nicht der Papst, da er sich ja mit ehem. Gefangenen treffe, auch etwas über die Verdienste des IKRK in Mauthausen erwähnen könnte.
Zopps Taktik war immer die gleiche: er verlangte von versch., in der Öffentlichkeit aufscheinenden Persönlichkeiten (Politikern u. Medienverantwortlichen), daß sie Haefliger erwähnten. In manchen Fällen, wie in einem Brief an den Kronen Zeitung- u. Rotkreuz-Zeitschriftsmitarbeiter Robert Jahn bat er um einige Exemplare des Artikels, den er vorgeschlagen hatte u. der noch nicht einmal geschrieben worden war, zur Verteilung an Haefliger u. Bruno Czermak respektive die Österr. Widerstandsbewegung. Zopp schlug der „Hauptabteilung Programmplanung“ des ORF auch vor, einen „Club 2“ mit Haefliger zu machen.
1951 setzte Haefliger einen Brief ans Nobelkomitee im norweg. Parlament auf. Hierin beklagte er, daß er vergessen werde. Er habe 5 Jahre seines Lebens für Mauthausen gegeben, seitens der Schweiz gäbe es keine Wiedergutmachung. Österreich kenne keine moralische Wiedergutmachung mit der Begründung, Mauthausen lag am 5.5. auf deutschem Gebiet. Irgendwie habe er es mit Hilfe seiner Frau geschafft, sich eine Existenz aufzubauen, die aber dennoch immer schwer gefährdet sei. Nun hoffte er, daß ihm aus dem 1948 nicht verteilten Friedensnobelpreis Geld zufließen könnte. Es wäre eine „bescheidene Berechtigung“ für den „Kämpfer von Mauthausen“.
In seinem letzten Absatz sprach er die Bitte deutlich aus: „Ich bitte das Nobelkomittee sämtl. Unterlagen einer nochmaligen Prüfung zu unterziehen, ob ich nicht auf Grund meines Opfers eine materielle Wiedergutmachung anstreben kann, die mir erlaubt, als Mensch unter Menschen zu weilen. Ich glaube, dass es auch im Sinne des Stifters wäre die starre Formel zu lockern u. dort helfend einzutreten, wo durch ein grosses Opfer eine unsagbare Not eingetreten ist.“
1989 wurde ein Film im Auftrage des Unterrichtsministeriums produziert, dessen Zweck die Präsentation Mauthausens als Teil der Vergangenheit Österreichs für Schulen war. Der Film erregte Kritik, da Haefliger darin nicht erwähnt ist. Simon Wiesenthal selbst intervenierte in einem Brief an die damal. Unterrichtsministerin Hawlicek u. urgierte eine Korrektur im Sinne Zopps. Dem Brief Wiesenthals ist im Nachlass Haefligers eine Notiz in Form eines gelben Post-It-Zettelchens beigefügt: „Soferne nicht schon übermittelt: das ist das Wiesenthal-Schriftstück, das unwiderlegbar Haefligers Heldentat beweist.“ Unterschrieben wurde dies von Zopp, dem Proponenten u. Protegé Haefligers. Der Brief selbst geht zwar auf die Aktion Haefligers ein, forciert aber nicht die Darstellung der Rettung von 60000 Gefangenen vor einer angebl. Gesamtliquidierung.


Zuletzt von Dissident am Do März 09, 2017 5:33 pm bearbeitet; insgesamt 4-mal bearbeitet
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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 6

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 5:08 pm

Vor allem in der 2. Hälfte der 1980er Jahre, wahrscheinlich auch schon davor, arbeitete Zopp an der Kampagne für Haefliger. Begleitet wurde dies mit dem vehementen Kampf gegen Marsalek u. die Kommunisten, die nach Meinung der ÖW die Hauptschuldigen der Verschweigung, Verleumdung u. Diffamierung des Schweizers sind u. diesen zur Unperson machten. Unter den Empfängern der Schreiben Zopps waren z.B. der Rotary-Club oder der damal. Landeshauptmann-Stv. von Niederösterr., Pröll. Das Ziel dieser Briefe war, Anerkennungen in Form von Medaillen oder Orden oder ähnlichem zu erbetteln bzw. Bekanntmachung Haefligers mittels an die Zeitungen herangetragener Vorschläge für Artikel zu erreichen. Durch die rege Tätigkeit Zopps u. Matts wurde Haefliger einem kleinen Kreis Interessierter in Österreich bekannt. Die gewünschte Breitenwirkung wurde freilich nicht erzielt. Haefliger erhielt Post aus mehreren Ländern, er gab Interviews für Zeitungen in seiner Heimat Schweiz. Die israel. Zeitungen Ma’ariv u. Jerusalem Post berichteten von u. über ihn. Er wurde sogar nach Israel eingeladen, wo er Gast des Jerusalemer Bürgermeisters Kollek war u. Ehrungen der Städte Tel Aviv u. Herzliya, sowie eine Ehrung der Gedenkstätte Yad Vashem entgegennehmen durfte. Vom 9. bis zum 25.4.1980 besuchte Haefliger Israel. Die israel. Tageszeitung Ma’ariv hatte zuvor einen Artikel über ihn veröffentlicht, der auf einem Bericht in einer Schweizer Zeitung basierte. Daraufhin erfolgten spontane Einladungen von israel. Kibbutzim oder Städten. Einige ehem. Gefangene des KL Mauthausen trieben spontan das Geld auf um die Tickets bezahlen zu können, welches dann aber vom Wiener Stadtrat Nittel übernommen wurde. Das Programm wurde von der Kultur- u. Pressereferentin der österr. Botschaft in Tel Aviv zusammengestellt. Wie beeindruckt er von seiner Israelreise gewesen sein muss, beweisen Briefe an seine Freunde in Israel von der Jahreswende 1991/1992: noch in seinen letzten Lebensjahren spielte er mit dem Gedanken, nach Israel zu emigrieren. Diesbezüglich erhielt er auch Antwort von seinem israel. Freund Jeschajahu Kalfus, der die Kosten für eine Emigration nach Israel 1992 mit 2500-3500 US-Dollar bezifferte.
Diese Gedanken waren auch Teil von Haefligers Gefühlszustand nach dem Tod seiner 2. Frau: er wusste nicht, was er noch in Wien machen sollte. Wegen „politischer
Meinungsverschiedenheit“ hatte er seit dem Tode Nadjas keine Freunde mehr in Wien u. lebte zwar billig, aber trostlos in dieser Stadt. Kurzzeitig überlegte er auch, in ein Altersheim in der Schweiz zu gehen. Es dürfte frühere nicht genau dokumentierte Verbindungen zu jüd. Stellen bzw. den Staat Israel gegeben haben. Von 1949 existiert ein Brief des Vertreters des Staates Israel in Österreich, wonach Haefligers missliche Lage bekannt gewesen sei u. er sich beim Botschafter einfinden möge. Als eine der ersten Angelegenheiten des „Komité für Louis Haefliger“ sollte ein Brief ausgesandt werden, der nach Anerkennungen für Haefliger heischte. Dieser Brief ging oder sollte unter anderem auch an den Zionistischen Weltkongress gehen. Sein Faible für Israel ist aber spätestens nach seiner Israelreise unbestritten.
Einen Friedenspreis der Stadt Wien gibt es nicht. Es „sollte […] kein zweit- oder drittrangiger Preis sein, sondern s c h o n eine Ehrung, die dem Anlaß u. dem
Auszuzeichnenden voll u. ganz gerecht wird. Wie wär’s mit einem – vielleicht neu zu schaffenden – Friedenspreis der Stadt Wien? Nur eine Idee von mir, aber vielleicht machbar...“ Diese Zeilen stammen aus einem Schreiben Zopps 1988 an den damal. Bürgermeister der Stadt Wien, Zilk. Zopp forderte speziell in den Jahren ab 1988 vehementer als davor Anerkennung für Haefliger von staatl. Seite. Dies lag einerseits daran, dass Unterstützung für die Nominierung des Schweizers für den Friedensnobelpreis gesucht wurde, u. andererseits daran, dass Haefliger immer älter wurde, er aber scheinbar immer noch nicht genug geehrt u. anerkannt worden war. Dem voraus gegangen war ein Schreiben Zopps an Zilk, in dem er behauptete, dass durch Haefligers Wirken das Lager von den „Russen“ verschont geblieben wäre. Dadurch hätte der Schweizer außerdem den Wiener Feuerschutzpolizisten das Leben gerettet, die in ihren Uniformen von der Roten Armee vermutlich gleich umgebracht worden wären: „allein die auf die Rettung der Wiener Feuerwehrleute mit-abzielende Rettung von Mauthausen wäre, glaube ich, eines ordentlichen Wiener Ehrenzeichens wert […] noch zu Lebzeiten, wenn’s leicht geht…“ Die Behauptung, Haefliger hätte geplant, die Feuerwehrleute zu retten, ist nicht einmal andeutungsweise an anderer Stelle zu lesen. An dieser Stelle wird die Wiener Feuerschutzpolizei zu einem potentiellen Opfer der Roten Armee gemacht, um den Wiener Bürgermeister mittels Kollektivdenkens à la „jemand hat Menschen gerettet, die aus der gleichen Stadt wie ich sind“ von der Sinnhaftigkeit der Verleihung eines Ordens an Haefliger zu überzeugen.

Die gleiche Wr. Feuerschutzpolizei wird von Haefliger, Matt, Zopp, Czermak u. Massiczek sonst eher verallgemeinernd in die Zahl der SS-Wachen gereiht, wodurch es dann rund 2000 - 2500 gefangen genommene SS-Männer gewesen sein sollen. Zopp dürfte damals sogar eine eigene Infomappe zusammengestellt haben, die er sämtl. Briefen beilegte, zumindest tat er dies bei einem Schreiben an die Marktgemeinde Mauthausen, mit dem er seine Verwunderung über die Unkenntnis der Gemeinde über Haefliger kundtat.
Auffallend bei Haefliger, seinem Freund u. Protegé Zopp u.a. Helfern ist, daß sie sehr oft voneinander abschrieben. In den gebrachten Zitaten verwiesen sie fast ausschließlich auf ihre Mitstreiter. Die Interessensgruppe blieb somit unter sich u. änderte ihre Anschauung nicht. Zu viele ähnliche oder identische Satzformulierungen u. Redewendungen, die man zu oft an versch. Stellen liest, beweisen das. Hochinteressant in Haefligers Nachlass ist ein kleiner Absatz aus der Kronen-Zeitung vom 4.4.1975, den Haefliger ausgeschnitten u. allein auf ein steifes Blatt Papier geklebt hat. In diesem Absatz wird der italien. Regisseur Visconti mit folgenden Worten zitiert: „Ich glaube, das Wichtigste ist, daß man im Leben etwas gemacht hat, auf das man mit Zufriedenheit zurückblicken kann. Und daß man das, was man in sich hat, weitervermitteln kann,. Ich bin glücklich, diese Zufriedenheit zu besitzen, von mir wird etwas übrigbleiben in meinen Filmen...“ Haefliger dürfte sich mit diesen Worten identifiziert haben, strich aber die letzten Worte „in meinen Filmen...“ durch. Er für sich war vollkommen überzeugt von der Richtigkeit seines Handelns u. von der Rettung von 60000 Menschen, aber zeit seines Lebens wartete er auf gerechte Anerkennung. Scheinbar hatten ihm – u. Zopp später schon gar nicht - die Zeitungsartikel, die über ihn verfasst wurden, nicht genügt.
Als Reaktion auf einen Artikel einer Schweizer Zeitung schrieb Haefliger dem Redakteur einmal: „Endlich einmal ein Redakteur, der einmal Abstand vom KZ genommen hat u. sich nur dem Befreier von Mauthausen gewidmet hat. […] Ich bin sehr froh, dass ich Ihnen gewisse Gemeinheiten des CICR nicht erzählt habe, das hätte das ganze Portrait verdorben, so blieb das Bild über Louis Haefliger bestens erhalten.“ Ein Brief einer Schweizer Zeitung an die Journalistin Deutschkron von der israel. Tageszeitung Ma’ariv erwähnt, dass Haefliger nie selber mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen war. Zwar griff er manchmal auch in die Arbeit von Redakteuren ein um ihnen zu sagen, was sie zu schreiben hätten u. was nicht, aber das Motiv dieser Taten ist nicht immer feststellbar. Der Redakteurin eines Artikels schrieb er einmal, sie möge das IKRK weglassen, da er es sich nicht leisten könne, diese Organisation zum Gegner zu haben. Genau so solle sie die Kommunisten weglassen, da es sich ihr Verlag nicht leisten könne, diese zum Gegner zu haben. Die illustrierte Wochenschau schrieb einmal: „Er [Louis Haefliger, JS] ist zeit seines Lebens ein bescheidener Mensch geblieben, der nicht viel Aufhebens von seiner Rettungsaktion in den ersten Tagen des Mai 1945 macht. Das, was er getan u. geleistet hat, sei seiner Meinung nach einfache Menschenpflicht gewesen, über die man nicht viele Worte verlieren braucht u. verlieren sollte.“
Dies steht vollkommen konträr zu den Bemühungen Zopps u. Haefligers.


Zuletzt von Dissident am Do März 09, 2017 5:52 pm bearbeitet; insgesamt 8-mal bearbeitet
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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 7

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 5:12 pm

Alphons Matt skizzierte in einer Schilderung über das Kennenlernen des Schweizers einen Louis Haefliger, wie er scheinbar typisch für die nächsten 4 Jahrzehnte sein sollte: Er trieb seinen Bekanntheitsgrad weiter voran: „Und er [Leopold Figl, JS] hat mich einem Unbekannten vorgestellt, der mir dann sein Foto geschenkt hat, mit einem Autogramm. Und noch eine kleine Schrift von Friedrich von Gagern, der damals bereits gestorben war. Und jener Mann war also Louis Haefliger.“ Erfolgte Anerkennung Haefligers bezeugt auch ein Ordner im Nachlass Haefligers, der nicht der „öffentlichen Anerkennung“, sondern der „privaten“ gewidmet ist. Nach den Nachnamen der Absender sortierte Haefliger hier Fanpost mit Autogrammwünschen, berührende zustimmende, private Briefe Unbekannter u. Geburtstagsglückwünsche von Freunden. Die Briefe bekundeten Dankbarkeit, Bewunderung, Verbundenheit u. vermittelten wegen der großen Zahl u. der intensiven Inhalte, daß hier jemand, nämlich Haefliger, Vorbild für andere war u. ist. Ein von ihm selbst verfasster Brief in demselben Ordner bezeugt auch, dass er diesbezüglich manchmal sogar zu viel hatte.

Als Matts Film über ihn im ORF ausgestrahlt wurde, flüchtete Haefliger in den Urlaub nach Pernitz, um dem Telefon ausweichen zu können. Dass das Telefon dann Tag u. Nacht läutete, wurde ihm von seinem Nachbarn danach bestätigt. Anfang der 1940er Jahre war Haefliger für den Posten des Bezirksanwalts in Oerlikon im Gespräch. Zu diesem Behufe schon sammelte er, ähnl. wie nachher bei den Bemühungen um den Nobelpreis, Fürsprecher für sich. Überhaupt gibt es für vieles, was er machte, Fürsprecher oder Bestätigungen. Für die Stelle des Bezirksanwalts, von den meisten seiner Arbeitgeber vor seinem Weg nach Mauthausen existieren Zeugnisse, er erhielt eine Menge Dankesschreiben von den nationalen Gruppen des Illegalen Lagerkomittees. Auch für die Erhaltung des Friedensnobelpreises suchte u. fand er Bestätigungen über sein Wirken in Mauthausen. Er ließ sich eine Bestätigung geben für das Verschwinden seiner Sachen in den SS-Unterkünften, hervorgerufen durch Plünderungen der Gefangenen nach der Befreiung. Friedrich von Gagerns Schrift sendete er an viele Stellen, u.a. auch an die Gemeinde St. Georgen an der Gusen oder an den IKRK-Präsidenten Ruegger. Sogar der Papst erhielt eine Ausgabe, allerdings ist nicht mehr ganz nachvollziehbar, ob von Gagern oder Haefliger die Schrift in den Vatikan geschickt hatte. Wahrscheinlicher ist, das Haefliger sie geschickt hat. Der Brief ist nämlich mit dem 17.6.1949 datiert, also nach dem Tod von Gagerns.
Zusätzliche finanzielle Anerkennung oder zumindest das Angebot dessen erhielt Haefliger vom Staat: in einem Brief vom damal. Bundesminister f. Arbeit u. Soziales, Dallinger, erklärte dieser, dass 1988 aus Anlass des Gedenkjahres von der Bundesregierung 50 Mio. Schilling bereitgestellt worden wären, die als Ehrengabe an Besitzer der Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs sowie Opfer des Kampfes für ein freies, demokr. Österreich u. der politischen Verfolgung verteilt werden sollten. Demnach sollte Haefliger S 5000.- erhalten. Die Beifügung Dallingers deutet auf das Wirken dieses Personenkreises hin: „Es kann sich bei diesen Ehrengaben nicht um eine Entschädigung für den ohnehin mit Geld nicht aufzuwiegenden Einsatz u. die erlittenen Entbehrungen handeln, sondern um eine kleine, symbolische Anerkennung.“
Haefliger überreichte von Gagerns Buch auch dem Hochkomissar von Frankreich, so der Inhalt eines Briefes Haefligers an Pierre-Serge Choumoff, einen bekannten franz. Vertreter der Mauthausener Gefangenen im Sept. 1948. Haefliger hatte in der Schweiz einen Fürsprecher, die Schweizer Liga zur Verteidigung der Menschen- u. Bürgerrechte, vertreten durch deren Präsidenten Leonhard Jenni. Diese Liga schlug Okt. 1953 mittels Brief Haefliger für den Dr. Karl Renner-Preis der gleichnamigen Stiftung vor. Für den Friedensnobelpreis holte 1948/49 auch der damal. Sekretär der Schweizer Liga für Menschen- u. Bürgerrechte Informationen ein, er wurde sogar von ihm vorgeschlagen. Aus einem Schreiben Jennis an Haefliger geht aber hervor, daß das Nobelkomitee eine negative Antwort retournierte mit dem Hinweis, dass Haefliger nicht von einer vorschlags-berechtigten Institution oder Person vorgeschlagen worden war. Selbst vom Agathon-Verlag, der von Gagerns Schrift herausbrachte wurde Haefliger für den Nobelpreis vorgeschlagen. Immer wieder gab es auch Vorstöße u. neue Unterstützungsschreiben für Haefliger ans Nobelkomitee. Sauczek, ein Wiener Journalist, dem Haefliger gesagt hatte, er würde die Hälfte des Preisgeldes für karitative Zwecke verwenden, schrieb dem Nobelkomitee gar, dass Haefliger damit u. durch das erlittene Leid „nicht nur der würdigste, sondern auch der hilfsbedürftigste der Kandidaten ist.“

Haefligers Anerkennung in größerem Ausmaße in der Schweiz dürfte ab 1977 begonnen haben, als es in der Schweizer Zeitung „Blick“ im April 1977 eine Artikelserie über ihn gab. Von diesem Moment an wurde er auch in der Schweiz in zunehmendem Maße beachtet. Die Anerkennung kulminierte im Treffen Sommaruga-Haefliger im Jänner 1990, in dem er auch seitens des IKRK rehabilitiert wird. In den 1970er Jahren wurde in den Sonntagsschulen von Oerlikon auch vom mutigen Schweizer Haefliger erzählt. Dies belegt ein Brief seines Bruders. Nach Haefligers Empfinden kamen die Anerkennungen seitens Österreichs, Israels, der ÖW zu spät. Er hätte sich gewünscht, dass es schon früher Dank gegeben hätte. Die aufmerksamere Anerkennung von seiner Heimat, der Schweiz, in den 1970er Jahren führte zu einigen Annehmlichkeiten: Er wurde vom Stadtpräsidenten seiner Heimatstadt Zürich empfangen, ein Schlosshotel in Lugano bot ihm Gratisferien an u. ein Schweizer Privatier bezahlte Flugtickets für ihn u. seine Frau. Doch die Beachtung der Schweizer für Haefliger bleibt ein wenig widersprüchlich, wenn sie ihn nach dem Krieg eher fallen gelassen hätte, wie Alphons Matt beschreibt u. an anderen Stellen wieder hochjubelt, wie ein Abdruck einer schweizerischen Zeitung beweist, die von Haefliger als Mann spricht, der „dem Namen unseres Landes im Ausland alle Ehre gemacht hat.“ Unbeantwortet bleibt aber, ob u. wie weit Haefligers Wirken kurz nach Ende des Krieges in der Schweizer Öffentlichkeit rezipiert wurde, oder ob das erst mit den ersten Zeitungsartikeln Jahrzehnte später geschah.

Louis Haefliger im öffentlichen Raum
Johannes Zopp suchte mehrfach erfolglos bei der Marktgemeinde Mauthausen an, um die Benennung einer öffentlichen Fläche nach Louis Haefliger zu erwirken. Was der
Österr. Widerstandsbewegung bisher gelang, ist die Errichtung einer Gedenktafel an Haefligers langjährigem Wohnhaus im 12. Wiener Gemeindebezirk, sowie die Errichtung einer Gedenktafel in der Gedenkstätte Mauthausen an der Klagemauer, wo die Gedenktafeln für die vielen Opfer in einer langen Reihe hängen.
Zopp agierte u. agiert zwar für seinen Schweizer Freund, wusste aber nichts von der Benennung einer „Louis-Häfliger-Straße“ in Wien, ergo war von ihm auch nicht die
Initiative ergriffen worden. . Dem langen Behördenweg einer solchen Straßenbenennung war eine einfache Notiz in der Zeitung vorausgegangen. 2005 brachte die Tageszeitung „Kurier“, wahrscheinlich aus Anlass des sogen. Gedankenjahres 2005 (60 Jahre Befreiung Österreichs, 50 Jahre Staatsvertrag, 10 Jahre EU-Mitgliedschaft), eine Serie mit dem Titel „Zeitgeschichte“. Am 5.5.2005, also genau 60 Jahre nach der Befreiung Mauthausens bzw. Haefligers Aktion, wurde in dieser Serie ein Artikel über Mauthausen u. dessen Befreiung gebracht. Dabei wurde auch auf die Person Haefligers eingegangen. Diese Zeilen wurden von einem Mitglied der Bezirksverwaltung des 21. Bezirkes (Floridsdorf), in dem sich nun die jetzige „Louis Häfliger-Straße“ befindet, gelesen, u. in Folge nach Behördenweg über die zuständige Magistratsabteilung unter Heranziehung anderer zuständiger Abteilungen (Flächenwidmungsplan, Verkehrsflächenverwaltung, Wienbibliothek für eine Biographie Haefligers) eine Straße am 21.2.2006 so benannt.

Die Idee eines Kinderheimes

Anfang der 50er Jahre erregte er die Aufmerksamkeit der Presse mit dem Vorschlag, auf dem Gelände des ehem. KL ein Kinderheim zu errichten, das Teil des Weges zur Versöhnung sein sollte. „Der Wille zur Versöhnung kann nicht besser dokumentiert werden, als durch die Errichtung eines internat. Kinderdorfes,“ so Haefliger in Ausarbeitung der Idee. Er hatte alles genau durchgeplant. Auch in dieser Ausarbeitung beschrieb er seine Aktion vom Mai 1945. Laut seinem Plan sollten alle Waisenkinder, die ihre Eltern durch Krieg verloren hatten, gleich welcher Abstammung, Religion od. politischer Herkunft der Eltern, eine Heimstätte zum Aufwachsen u. Lernen finden.
Das Projekt sollte als Mittel dienen, die Gräben zwischen den Völkern wieder zuzuschütten, „das Kinderdorf Mauthausen soll das schönste Denkmal auf den sicheren Grundlagen internat. Gemeinschaft werden.“ Zugrunde lag dieser Idee außerdem der Gedanke Haefligers, daß die Erhaltung des KL als Denkmal die Nachgenerationen ständig an die Qualen der Insassen erinnern würde. Ein Kinderdorf hätte auch wirtschaftl. Erfolg für die Region. Die Finanzierung sollte die UNO respektive ihre Mitgliedsstaaten übernehmen, außerdem versch. Stiftungen, öffentliche jährliche Sammlungen in devisenstarken Ländern u. schweizerische Institutionen. Das Areal sollte gratis zur Verfügung gestellt werden. Der Plan rief auch publizistisch zumindest in Österreich ein wenig Echo hervor. Die Idee von der Verwendung des Areals für ein Kinderdorf war allerdings nicht neu. Bereits Juni 1947 hatte Leopold eine ähnliche Idee als er einmal ein Kindererholungsheim vorschlug. Diese Idee wurde jedoch vom Obmann des damal. Bundes der politisch Verfolgten, Franz Sobek, unter Hinweis, Mauthausen sei nur als „museale Weihestätte“ zu verwenden, abgelehnt. Diese Diskussion war Teil der unterschiedlichen Vorstellungen über die Nachnutzung des Areals. Perz zufolge wollte beispielsweise eine Firma eine Lokomotiv-Produktionsstätte errichten.

Das Komité für Louis Haefliger

Am 18.5.1948 setzte Haefliger 2 Verträge mit Alfred Egger auf. Der erste der beiden Verträge regelte, dass Egger der Sekretär eines „Komités für Louis Haefliger“ wurde. Egger war es sogar gestattet, sich als Sekretär des Komités eines Pseudonyms zu bedienen, zu welchen Zwecken, geht nicht hervor. Außerdem erhielt er für seine Arbeit mtl. öS 500.- von Haefliger ausbezahlt. Der 2. Vertrag beinhaltete den Auftrag Haefligers an Egger, eine englische Übersetzung des von Gagern-Buches anzufertigen, wofür Egger öS 500.- erhalten sollte.
Am 3.6.1948 verfasste Egger einen „Aufruf zur Gründung eines Komitees für Louis Haefliger“, der im Nachlass Haefligers in englischer, franz. u. deutscher Sprache aufliegt. Die Mitgliedschaft stünde allen Menschen, egal welcher Religion, Rasse u. Nation, offen. Die Mitarbeit sei ehrenamtlich, auch jene des Sekretärs sei „grundsätzlich ehrenamtlich“, Beiträge würden außerdem auch nicht eingehoben. Die Ehrenamtlichkeit des Sekretärs wird lediglich von dem Vertrag zwischen Egger als Sekretär u. Haefliger überschattet. Da der Aufruf öffentlich war, dürfte der Vertrag also nicht öffenlich gewesen sein, sonst wäre der Aufruf ad absurdum geführt. Die handschriftlichen Besprechungslisten beweisen ein ordentliches Engagement für die Sache. So wurden Leute gesucht, das Komitee aufgestellt, Briefpapier musste gedruckt werden, ein Begleitbrief entworfen u. übersetzt werden.
Die Liste der potenziellen u. bereits angeschriebenen Empfänger war lang: ein Brief an den Schweizer Bundesrat in französisch, einer an den Bund verfolgter Antifaschisten in Deutschland, einer an den Staatspräsidenten von Luxemburg in franz. Sprache, ein englischer Brief an die UNO u. dort den Ausschuß für Menschenrechte z.Hd. Eleanor Roosevelt, ein engl. Brief an die Carneggie-Stiftung, ein franz. Schreiben an den Präsidenten des Zionistischen Weltkongresses, Chaim Weizmann, sowie weitere Briefe in englisch an das Joint Distributon Comittee in den USA, Präsident Truman, an den damal. Premier von Großbritannien sowie US-Senator LaGuardia - dessen Neffe unter den Befreiten war -, ein russ. Exemplar an Stalin, weitere franz. an Benes u. Masaryk in Tschechien, dem belgischen Präsidenten, dem holländ. Premier, Tito u. dem polnischen Präsidenten sowie einigen anderen europ. Präsidenten u. Königen, u.a. der span. Exilregierung, div. internat. Stiftungen (z.B. Rockefeller-Stiftung), u. an Papst Pius XII.
In einem Brief an Pierre-Serge Choumoff 1948 beschrieb Haefliger dann Einzelheiten zum „Comité pour Louis Haefliger“. Dabei bediente er sich um eine objektive Sichtweise. Die Aufgaben beschrieb der Schweizer folgendermaßen: „Das »Comité pour Louis Haefliger« hat es sich zur Aufgabe gemacht an sämtl. Regierungen zu gelangen u. wird auch zum gegebenen Zeitpunkte der franz. Regierung ein Memorandum übersenden. […] ich glaube annehmen zu dürfen, dass es eine Angelegenheit meiner franz. Freunde ist, bei der franz. Regierung für mich zu interpellieren.“ Vielleicht wusste er es damals noch nicht, aber er richtete diese Worte an eine Vereinigung, die in einem Naheverhältnis zum ihm (zumindest) später so verhassten Kommunismus lag u. liegt.
Dieses Komitée war eine ganz eigene Facette in der Geschichte Haefligers. In einem offiziellen Statement von Egger vom 29.9.1948 sind Vorgaben u. Ziele genannt: „In Wien wurde in diesen Tagen ein »Komitee für Louis Haefliger« gegründet. Dieses Komitee hat es sich zur Aufgabe gemacht, Tat u. Persönlichkeit des Schweizer Bankbeamten Louis Haefliger, des »Retters von Mauthausen«, wie ihn Gagern in seinem gleichnamigen Buche genannt hat, der Weltöffentlichkeit nahezubringen, seine Schadenersatzansprüche geltend zu machen u. für seine Rehabilitierung vor dem Internat. Roten Kreuz zu sorgen. […] Im Laufe der Kriegshandlungen büsste Haefliger sein gesamtes Privateigentum ein. Vom Roten Kreuz wurde er mit der Begründung, »er habe seine Kompetenzen überschritten«, fristlos entlassen. Das »Komitee für Louis Haefliger« will dieses Unrecht gut machen u. dafür sorgen, daß die Welt den Namen Haefliger nicht vergisst u. ihm in würdiger Form ihre Dankbarkeit erweist.“ Das „Komitee“ konstatierte in versch. Schreiben an versch. Stellen, daß Regierungen, deren Angehörige teilweise unter den von Haefliger Geretteten gewesen waren, einer Dankespflicht unterlagen, der sie nicht nachgekommen seien, da er noch immer keine Auszeichnungen welcher Art auch immer erhalten hatte. „Dies erscheint umso bedauerlicher, als damit eine wahrhaft heldenhafte Tat im Dienste der Menschlichkeit u. Demokratie unverdienter Vergessenheit anheimzufallen droht.“, so ein Schreiben, das in engl. u. deutscher Sprache im Nachlass Haefligers zu finden ist. Ein Schreiben, anscheinend an einen Botschafter oder anderen hohen Vertreter einer Regierung, beinhaltete eine Aufforderung: „The above named Comittee is asking therefore your excellency, to acknowledge his liberating action, described in short in the following, and after that, to take such action, as may seem appropriate.“
Im Nachlass Haefligers ist weiter nicht viel über das „Komité für Louis Haefliger“ zu finden. Es gibt keine Anhaltspunkte, die auf Tätigkeit dieses Komités als Reaktion auf Dispute mit kommunistischen Beteiligten hinweisen. Das Komité als Reaktion auf die Behandlung Haefligers durch das IKRK zu verstehen, ist nicht nachgewiesen.


Zuletzt von Dissident am Fr März 10, 2017 8:54 am bearbeitet; insgesamt 11-mal bearbeitet
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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 8

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 5:21 pm

Haefliger u. das Internat. Komitee vom Roten Kreuz
Das Rote Kreuz hatte während der Zeit des NS einen schwierigen Stand. Sein Verhalten wurde im Nachhinein auch kritisiert. Dem Gründer, Henri Dunant, folgend sollte das oberste Ziel sein, die Leiden „der verwundeten u. kranken Soldaten im Felde“ in einem zwischenstaatl. Konflikt zu lindern. Ergänzt wurde dies 1906 durch die Einbeziehung von Seekrieg u. 1929 durch die Ausweitung auf Schutz für Kriegsgefangene. „Die humanitäre Leistung des IKRK beruht […] auf der strengen Neutralität, die es in dieser Hinsicht [bei zwischenstaatl. Konflikten kennen die Staaten nur die Realität der Nationalität, JS] wahrt.“ Die wichtgste Waffe des IKRK ist seine Glaubwürdigkeit, die es bei den Staaten genießt, gesichert durch seine Neutralität u. Diskretion. Doch mit der Zeit wurden die Kriege umfassender u. der Aktionsradius wurde ebenfalls ausgeweitet, so befasste sich das Rote Kreuz nicht mehr nur mit den Soldaten, sondern auch mit den „Zivilpersonen feindlicher Nationalität, die auf dem Territorium einer kriegsführenden Macht interniert sind oder in besetzten Gebieten gefangengenommen werden“. Hinzu kam noch die Auseinandersetzung des Roten Kreuzes mit Konflikten innerhalb der Grenzen eines Landes. Ein Problem des IKRK war der nicht abgeschlossene Prozess um den Entwurf von Tokio. Demnach sollten auch Zivilisten geschützt werden. 1940 hätte dieser 1934 erarbeitete Entwurf bei einer Konferenz angenommen werden sollen. Aufgrund des 2.Weltkrieges kam aber diese Konferenz nicht zustande. Auch ein Aufruf des IKRK, den Entwurf freiwillig anzunehmen, fruchtete nicht. Erst 1949 entstand ein Abkommen zum „Schutz der Zivilbevölkerung in bewaffneten Konflikten“.
Die Forderungen nach Einlass von Rotkreuz-Delegationen in die KL waren ja schon viel älter als die Verhandlungen IKRK-RSHA vom Frühling 1945 --- Kreuzes, Max Huber, in einem Brief an den deutschen Außenminister Ribbentrop, daß die Situation der Gefangenen deutlich verbessert werden müsse: Kenntnis von Ort u. Zustand der Gefangenen, Kontakt zur Familie, Überbringung von Liebesgaben an die Gefangenen, Genehmigung von Besuchen von neutraler Stelle wie dem IKRK.
Jänner 1945 wurde das IKRK unter dem neuen Präsidenten Burckhardt aufgefordert, energisch in Aktion zu treten, da sich Gerüchte über Massenmorde – sowohl erfolgte als auch geplante – gemehrt hatten. Unter den Fordernden befanden sich die franz. Regierung, die auch wegen eines möglichen Austausches franz. Gefangener gegen deutsche Gefangene an das IKRK herantrat, das US State Department, der Jüdische Weltkongress sowie das War Refugee Board. Am 2.2.1945 erhielt Burckhardt einen Brief von Himmler, der ihn zu einem Treffen einlud. 2 Wochen später sagte er zu, zeitgleich etwa dürfte auch Folke Bernadotte, Neffe des damal. schwed. Königs Gustav V. Adolf u. Vizepräsident des Schwed. Roten Kreuzes, in Kontakt zu Himmler gestanden haben, da sich die beiden am 19. u. am 26.2. zu Besprechungen trafen.
Himmler hatte für das Treffen mit dem IKRK-Präsidenten dann doch keine Zeit, wurde aber vom Chef des RSHA, Kaltenbrunner vertreten. Also trafen am 12.3. Burckhardt, in Begleitung seines Mitarbeiters Bachmann, u. Kaltenbrunner in einem Gasthof auf der Straße zwischen Bludenz u. Feldkirch zusammen. Besprochen wurden vor allem Repatriierungen westlicher Gefangener aus deutschen KZ über die Schweiz. In 2 weiteren Treffen am 13. u. 15.3. wurde, allerdings ergebnislos, auch die Frage der überlebenden Juden besprochen. Es war geplant, dass diese gesammelt u. in die Schweiz überführt werden sollten, was allerdings nicht geschah. Zusätzlich sollten Sanitätsmannschaften in die Lager eingelassen werden, die bis zu Kriegsende dort verbleiben sollten. Ein diesbezügliches, bei der Zusammenkunft versprochenes Schreiben von Kaltenbrunner erfolgte nie. Von der ständigen Anwesenheit IKRK-Delegierter in den Lagern bis zum Ende des Krieges war in Kaltenbrunners Antwortbrief vom 29.3. keine Rede mehr. „Offenbar hatte entweder Kaltenbrunner selbst diese Idee aufgegeben, oder sie ist von Himmler abgelehnt worden.“
Im Zuge des Treffens Himmler-Bernadotte wurde eine Vereinbarung bezüglich der Repatriierung skandinav. Gefangener getroffen. Bernadotte war zuvor von der schwed. Regierung beauftragt worden, diese Maßnahmen zu ergreifen. Zwischen 15. u. 30.3. unternahm das Rote Kreuz nun Fahrten zu div. KL, um die Skandinavier zu sammeln u. nach Neuengamme zu bringen, von wo aus sie dann repatriiert wurden. Die skandinav. Gefangenen, die in Mauthausen u. seinen Außenlagern gewesen waren, wurden im Stammlager gesammelt u. von dort am 21.3.1945 nach Neuengamme überführt. Ab Mitte April war Mauthausen neben den anderen im Reich noch existierenden Großanlagen Zentrum der Handlungen des IKRK. Auf die wenigen Zugeständnissen der SS aufbauend sollte sich nun alles auf diese KL konzentrieren. Doch der Zutritt zu den Lagern schien verwehrt zu bleiben. Zwar kamen 2 LKW-Kolonnen in Mauthausen an, diese wurden aber nicht eingelassen. Dies gelang erst Haefliger, wobei diesbezüglich die oben erwähnte Definition des Begriffes „Lager“ berücksichtigt werden muss.
„Ich habe schon seit langem den Drang in mir gefühlt, Militärdienst in konzentrierter Form zu leisten, um auf diesem Weg meinen Beitrag an die Wehrpflicht abzustatten. Aus diesen Beweggründen habe ich mich auch um die Aufnahme in das Internat. Rote Kreuz beworben u. mich für eine Mission zur Verfügung gestellt, die Mut erfordert.“ So wurde Haefliger in einem Abdruck eines Zeitungsartikel der Schweizer Wochenzeitung zitiert. Offiziell stand Haefliger vom 22.4.1945 bis 26.6. desselben Jahres in Diensten des IKRK. Ursprünglich hatte er geplant, als Chauffeur einer Ärztemission nach Warschau fahren, um so „sein Entgelt“ leisten, nachdem ihn die schweizerische Armee Mitte der 1920er Jahre aus dem aktiven Dienst entlassen hatte. Doch stattdessen wurde er mittels Referenzen – ehem. Beziehungs- u. Kontaktleute in der Schweiz sprachen für ihn beim IKRK vor – als Delegierter fürs KZ Mauthausen vorgesehen. Durch die Vereinbarungen zwischen Kaltenbrunner u. Burckhardt musste das IKRK „also seine Delegiertenteams durch neue Mitabeiter verstärken, um gewährleisten zu können, daß Überlebende der KL keinen Vernichtungsmassnahmen der SS ausgesetzt würden. Als die deutsche Niederlage immer näher rückte, zählte Haefliger zu einer Delegiertengruppe, die ins Lager Mauthausen gesandt wurde. Angesichts der Schwierigkeiten, die der Lagerleiter (ZIEREIS) bereitete, zog sich der Delegationsleiter nach Linz zurück, um sich an höhere Stellen zu wenden u. so die Situation zu entschärfen. Haefliger wurde zurückgelassen, um im Notfall eingreifen zu können.“ Dieser Brief vom IKRK in Person des Forschungsbeauftragten Paul Reynard an das DÖW (Ludwig Steiner) negiert implizit eine wesentl. Aussage aus Haefligers Rapport: Haefliger verblieb im Auftrag des IKRK in Mauthausen u. nicht, weil er darauf bestand. Weiters sei es Haefliger gelungen, die Amerikaner ohne Waffengewalt ins Lager einzuschleusen, „wo die Garnison überwältigt wurde, bevor sie Zehntausende von Menschen vernichten konnte. Dies geschah am 5.5.1945.“

Die Arbeit der Delegierten wurde folgendermaßen entlohnt, wie ein Brief des IKRK an Haefliger vom 11.4.1945 wohl am besten beschreibt: „Für[…] Delegierten sind folgende Bedingungen aufgestellt worden: Während des Aufenthalts in Genf erhalten sie eine tägl. Entschädigung von Fr. 20.- Vom Augenblick ihrer Tätigkeit in Deutschland beträgt ihr Gehalt Fr 1,000.-. Alle Lebenskosten in Deutschland werden vom I.K.R.K. bestritten. Das I.K.R.K. versichert seine Delegierten für Fr 40,000.- bei Todesfall u. Fr. 60,000.- bei totaler Invalidität; bei Unfall werden Fr. 30.- pro Tag ausgerichtet.“ Favez bewertete die Leistungen der IKRK-Delegierten im allgemeinen folgendermaßen: „In den letzten Tagen des Dritten Reiches war es so den Delegierten des Internat. Komitees nicht nur gelungen, Zutritt zu einigen Lagern zu erhalten, sie haben sich auch um die Repatriierung der Häftlinge bemüht, besonders jener aus Westeuropa. Insgesamt ermöglichten sie, André Durand zufolge, vor u. nach der deutschen Kapitulation die Heimkehr von rund 10.750 Gefangenen […]“
Das IKRK hatte später Probleme im Umgang mit Haefliger, oder umgekehrt - seine Tat wurde unmittelbar nach dem Krieg nicht anerkannt. Der Jerusalem Post folgend hatte Haefliger nicht nur einen Schritt über die Genfer Konvention gemacht, sondern auch einen über die Schweizer Neutralität hinaus. Haefliger wäre sogar insofern Opfer, als das Rote Kreuz ihm seine Schäden nicht zurückerstattete: Haefligers Zimmer in Mauthausen wurde in den Stunden nach der Befreiung geplündert u. die Wertgegenstände mitgenommen. So verlor er u.a. einen Fotoapparat u. Kleidung.


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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 9

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 5:25 pm

Diese ersetzt zu bekommen, brauchte er Beweise, u. trotz Unterschriften vom Deutschen Komitee der Gefangenen wurde dies nicht anerkannt. Nach Matt spielten 2 Elemente im Umgang des IKRK mit Haefliger entscheidende Rollen: „einerseits sicher die Misshelligkeiten zwischen einem eigenwilligen Delegierten u. seinen Funktionären, andererseits aber auch das nicht eingestandene Unbehagen der Zentrale über eine im wahrsten Sinne des Wortes unkonventionelle Tat, über die man Gras wachsen lassen wollte.“
Die für Matt schwerwiegendere Handlung des IKRK war die folgende: vom IKRK wäre eine Version gekommen, die dann sogar in die Genfer Konvention gepasst hätte u. vor allem gemäß der Neutralitätsklausel funktionieren könnte, nämlich, daß Haefliger sich nicht an die Amerikaner gewandt hätte, um sie zu Hilfe zu holen. Damit hätte er sich ja an eine der Konfliktparteien gewandt u. wäre aus dem Rahmen der Genfer Konvention getreten. Vielmehr wären die Amerikaner ja ohnehin bereits auf dem Weg nach Mauthausen gewesen u. Haefliger habe sich nur dafür eingesetzt, daß die Amerikaner „auf ihrem Siegesmarsch nicht blindwütig auf Unschuldige schießen.“
Zwar hätte die US-Army tatsächlich auch ohne Haefliger Mauthausen – zufällig oder nicht – gefunden, aber daß Haefliger sich aktiv an die US-Armee gewandt hatte ist unbestritten. Anfang 1989 erhielt der ehem. wissenschaftl. Leiter des DÖW, Herbert Steiner, einen Brief vom IKRK, in dem das Verhältnis Haefligers zum IKRK aus der Sicht der Organisation beschrieben wurde. Der Brief behandelte hierbei die Tatsachen seiner Einstellung beim IKRK, die Gerüchte um den angebl. Misskredit Haefligers beim IKRK, sowie die Gründe seiner Entlassung. Diesem Brief nach wurde Haefliger eingestellt, weil die Delegiertenteams des IKRK verstärkt werden mussten, da aufgrund der Vereinbarungen des damal. IKRK-Präsidenten Burckhardt mit RSHA-Chef Kaltenbrunner Delegierten d. Roten Kreuzes Stationierung in div. KL gewährt werden sollte. Im Fall von Haefliger u. Mauthausen gestaltete sich dies nicht einfach, weil Ziereis Schwierigkeiten machte. Deswegen blieb Haefliger in Mauthausen u. erfuhr von der SS von der bevorstehenden Vernichtung der Gefangenen der Lager Mauthausen, Gusen I u. II. Haefliger meinte in einer seiner Darstellungen, er habe davon bereits von Genf her bei seiner Einstellung beim IKRK gewusst. Das Haefliger vom IKRK getadelt wurde, weil er sich an eine Kriegspartei gewandt hätte, ist dem Inhalt des Briefes zufolge „unbegründet“.
Weiters heißt es hier: „Das mutige Verhalten des Delegierten stand nicht nur mit seinem Auftrag in Einklang, sondern ging weit über das hinaus, was man von ihm erwartet hatte.“ Haefliger habe außerdem „völlig im Einklang mit dem Genfer Geist gehandelt.“ Die Entlassung Haefligers ist auf die Masse an Delegierten zurückzuführen, die zwar während des Krieges gebraucht wurden, aber deren Unterhalt sich das IKRK nach Kriegsende nicht mehr leisten konnte. Dieser Brief fällt zeitlich u. inhaltlich in jene Periode, in der Haefliger von Seiten des IKRK wieder Wertschätzung entgegengebracht wird, in der auch über den Vorschlag für den Friedensnobelpreis für ihn nachgedacht wird.
Haefliger, dessen Demissionierung vom Direktor der Delegiertenmissionen des IKRK, Fauconnet, abgewickelt wurde, schrieb Dez. 1948 einen Brief an Ruegger, den damal. Präsidenten des IKRK um um seine Rehabilitation zu bitten. Dabei erwähnte er folgende Vorwürfe gegen das Handeln des IKRK bei seiner Demissionierung:
- Das IKRK habe seine Aktion nicht gebilligt.
- Das IKRK habe nicht akzeptiert, dass er sich nach der Befreiung bei der Repatriierung der Gefangenen für jene aus Oststaaten gleichermaßen eingesetzt hatte wie für jene aus Weststaaten.
- Haefliger sei ein Sprechverbot gegenüber Radiosendern in der Schweiz ausgesprochen worden. Er habe auch keine Vorträge halten dürfen.
- Das IKRK habe ihn als Söldner der amerikanischen Armee hingestellt.
Begleitet wird dies mit Aussagen wie „Ich hatte einmal das Erbe Henri Dunants angetreten.“ Oder „Mit Mauthausen habe ich den Beweis erbracht, dass ich jederzeit bereit war, das Rote Kreuz zu einem Symbol des Friedens u. der Menschlichkeit durchzusetzen, auch unter den schwierigsten Bedingungen.“ Ein weiterer, in einem anderen Brief erhobener Vorwurf gegen das IKRK war, daß das Rote Kreuz die Befreiung von Mauthausen totschweigen wollte. In der Schweiz hatte Haefliger versch. Kontakte, so z.B. zum Präsidenten des Schweizer Bankpersonalverbandes, Steinmann, von dem er ebenfalls eine Reaktion auf von Gagerns Schrift u. damit auf seine Person urgierte. Im Zuge des Ansuchens für Hilfe für kriegsgeschädigte Auslandsschweizer beschuldigte er das IKRK, ihn u. seine Sachen nicht genügend versichert zu haben. Das IKRK entschädigte ihn dafür auch nicht ausreichend. Als Gründe seiner ihm nahegelegten Demissionierung nannte das IKRK lt. Haefliger, er habe die Genfer Konvention verletzt u. sei im Sold der Amerikaner gestanden. 1987 warf Haefliger dem IKRK in einem Schreiben an Matt vor, den schweizerischen Zeitungen kurz nach dem Krieg einen Maulkorb bezüglich seiner Person auferlegt zu haben. Das Rote Kreuz wäre wegen seiner Bettelei bei der Schweizer Bevölkerung ohnehin nicht in gutem Ruf gestanden. Also musste es verhindern, daß an die Öffentlichkeit drang, daß es Haefliger war, der als einziger Delegierter das Kunststück vollbrachte, in ein Lager eingelassen zu werden.
Laut Haefliger habe das IKRK ihm keinen vollen Schadenersatz hinsichtlich seiner im Lager Mauthausen geplünderten Sachen gewährt mit der Begründung, er hätte selbst darauf aufpassen müssen u. sich nicht in kriegerische Handlungen einmischen dürfen. In einem Brief Haefligers ist das eine noch viel schwerere Beschuldigung des IKRK: „Die Ablehnung der totalen Entschädigung wurde so formuliert, dass ich 1. nicht versichert gewesen sei u. 2. ich besser getan hätte auf meine Sachen aufzupassen, als mich um die Befreiung der Häftlinge v. Mauthausen zu kümmern.“ Die Gegenstände Haefligers, die verlustig gegangen waren: Kleider, Wäsche, Koffer, 1 Radioapparat, 1 Fotokamera, Lebensmittel, Rauchwaren u. Bargeld, hatten einen Wert von 4540 Schweizer Franken. Entschädigt wurde Haefliger aber nur mit 1250 Schweizer Franken, weil er vor seinem Einsatz keine Effektenliste eingesandt hatte, wovon er aber keine Kenntnis gehabt hätte.
Jänner 1990 besuchte IKRK-Präsident Sommaruga Wien u. traf sich wegen einer späten Rehabilitation mit Haefliger. Außerdem schrieb er einen Kommentar in Alphons Matts Buch „Einer aus dem Dunkeln“. Sommaruga selbst verfasste auch einen Brief an Czermak, nachdem dieser ihn davor gebeten hatte, den Vorschlag für den Friedensnobelpreis zu unterstützen. In diesem Brief beteuerte Sommaruga ebenfalls, dass Haefliger nie gegen die Anweisungen des IKRK gehandelt hätte, sondern darüber hinausgegangen wäre. Die Unterstützung für den Friedensnobelpreis konnte Sommaruga aber nicht gewähren, weil es sich das IKRK zur Aufgabe gemacht hat, niemals einen aus ihren Reihen für einen Preis vorzuschlagen bzw. seine Nominierung zu unterstützen. Trotz allem freute sich Sommaruga aber über den Schritt der ÖW.
Der Kommentar Sommarugas in Matts Buch ist hinsichtlich der Einbettung interessant. Hier steht nun eine Diskrepanz im Vordergrund: Matt beklagte im Verlauf des Buches das Verhalten der Hilfsorganisation gegenüber Haefliger, u. fast scheint es so, als ob Sommaruga genau darauf reagiert: er bewunderte die unglaubliche Leistung Haefligers u. wurde nicht müde zu betonen, dass Haefliger nicht gegen die Anweisungen des IKRK gehandelt habe. Im Gegenteil, es wäre sogar vorgesehen gewesen, in den Lagern „Delegierte zu stationieren, die in der Lage wären, die Häftlinge zu schützen, wenn die SS versuchen sollte, einen letzten wahnwitzigen Versuch totaler Vernichtung zu unternehmen.“ Der Kommentar zielte deutlich darauf ab, zu sagen: Wir sind auf Haefligers Seite. Es ist fast wie eine spontane Reaktion Sommarugas auf die Vorwürfe Matts.
Ein Brief, datiert mit 4.12.1987, von Sommaruga an Haefliger, beinhaltet zwar keine Entschuldigung für das Verhalten der Organisation kurz nach dem Krieg dem Schweizer gegenüber, aber immerhin wurde er durch das freundliche Schreiben vom tief beeindruckten Sommaruga rehabilitiert. Die Sekretärin des Präsidenten organisierte das Treffen zwischen Sommaruga u. Haefliger im Wiener Hotel Sacher am 17.1.1990. Vorausgegangen waren dem die Recherchen von Favez zu seinem Buch über die Rolle des IKRK im 2.Weltkrieg, die das Rote Kreuz wieder aufmerksam auf Haefliger machten. Die Motive hinter dem angesprochenen Verhalten des IKRK gegenüber dem Schweizer sind nicht erklärbar. Sie führten zu einem unfreundlichen Ende der Beziehungen IKRK-Haefliger 1945. „Genauere Belege für die Gründe der Jahrzehnte dauernden Abwehrhaltung Genfs gegenüber Haefliger, die im dossier personnel zu finden wären, bleiben aufgrund d. Archivzugangsreglements [des IKRK, JS] von 1996 bis 2045 unter Verschluss.“ Dieses Verhältnis hinderte Haefliger aber nie daran, die Ideale u. die Organisation des Roten Kreuzes sein Leben lang zu achten, respektieren u. zu ehren. Haefliger kritisierte das Rote Kreuz nie als Institution, sondern lediglich die damals handelnden Personen, die er nie genauer nannte. Er nahm das IKRK vielmehr in Schutz. Implizit vermittelte er immer wieder, dass es so handeln musste, da er ja eine solch außerplanmäßige Akion gesetzt hatte. Angeblich hätte sich das IKRK bei der Demissionierung Haefligers einen Wagen einverleibt, der Haefliger am 15.5.1945 von Linzer Behörden zur Erleichterung seiner Arbeit in Mauthausen (Repatriierung) ausgefolgt wurde. Begründet wurde dies mit dem Hinweis darauf, dass Haefliger nicht das Recht hätte, Geschenke anzunehmen. Dieser Vorwurf dürfte scheinbar mit der Affäre um den ehem. KL-Häftling Imre Balassa entstanden sein. Für diesen organisierte Haefliger Einreisepapiere für die Schweiz, wofür er zumindest mit 1000 Schweizer Franken von ebenjenem belohnt wurde. Dies geht aus dem Gedächtnisprotokoll hervor, das Haefliger für den damal. Präsidenten des IKRK, Rüegger verfasste. Es ging auch immer weiter noch um Geld. Hätte sich das IKRK nämlich ordnungsgemäß um Haefligers Entschädigung gekümmert, so wäre er nicht gezwungen gewesen, ein angebliches Geschenk anzunehmen. Zusätzlich wurde er von der Bank Leu & Co, seinem vormal. Arbeitgeber, mit einer Abfindung von 4000 Schweizer Franken ausgestattet, die er größtenteils für Vorbereitungen u. Reise nach Mauthausen verwendet hätte. Aus diesem Grunde wäre Haefligers Familie damals in eine finanziell missliche – prekäre – Lage gekommen, die Haefliger auch als einen Vorwand des IKRK sieht, ihn zur Demissionierung zu zwingen. Das Gedächtnisprotokoll schließt mit dem Verweis Haefligers auf den Brief des Justizministers Tschadek an das Nobelkomitee, den er als Beweis für sein Handeln „im Sinne des CICR und im Sinne der Menschenrechte“ angibt, sowie als weiteren Beweis für seine Taten in Mauthausen die Schrift Friedrich von Gagerns.


Zuletzt von Dissident am Fr März 10, 2017 9:32 am bearbeitet; insgesamt 6-mal bearbeitet
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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 10

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 5:29 pm

In der Zeit von 1945 bis zu Beginn der 1950er Jahre war es Haefliger nicht möglich, einer Arbeit nachzugehen, da er in der Schweiz nicht benötigt wurde u. er auch schon in Österreich lebte. Dies wäre Schuld des IKRK, das ihn so unfreundlich aus dem Dienst entlassen u. ihm Entschädigung für den Verlust seiner Sachen in Mauthausen verwehrt hätte. Durch Vorsprache seiner Frau beim IKRK versuchte er Anfang der 1950er Jahre Entschädigung zu erhalten, vor allem auch hinsichtlich seines Mercedes, der ihm vom IKRK abgenommen worden war. Er hoffte auf einen weiteren Job beim IKRK oder bei der UNO, möglicherweise in Korea, das sich zu diesem Zeitpunkt im (Korea-)Krieg befand. Zusätzlich versuchte er sogar selbst energisch, das Nobelkomitee für sich zu nützen, da er sich durch eine Anerkennung von dieser Seite ein Sprungbrett für ein besseres Leben erhoffte. Dieses Sprungbrett sollte auch Geld sein, das er sich durch nachträgliche Entschädigung durch das IKRK erhoffte: „Dass ich leben u. arbeiten will steht fest, aber seit 5 Jahren ohne gesichertes Einkommen zu sein, ist keine leichte Sache gewesen. Aber der Kampf ums Leben, um die Existenz muss geführt werden, ich brauche aber ein Sprungbrett, springen kann ich selbst u. dieses Sprungbrett ist eine Entschädigung für mein Opfer.“ Weiters ließe sich Haefliger nicht unterkriegen, als letztes „von den Herren vom CICR.“ Haefligers Trennung bzw. die Art und Weise derselben vom IKRK bedrückte ihn einigermaßen, denn er bat beispielsweise den belgischen Mauthausen-Opferverband um Unterstützung, um endlich an sein Recht zu kommen.
Den Konflikten mit dem IKRK dürften aber schon im vorhinein unklare Abmachungen vorausgegangen sein. Haefliger hatte sich angeblich vor seinem Einsatz telefonisch
dahingehend informiert, dass er sich für 3 Jahre (laut Haefliger glaubte man damals doch noch ein wenig an die deutschen Wunderwaffen u. die Alpenfestung) mit Gewand u. einer Menge Rauchwaren eindecken sollte, da er mit einer längeren Internierung rechnen müsse. Aus diesem Grund sah er sich veranlasst, seinen ganzen Etat mitzunehmen. Haefliger wurde seiner Ansicht nach also telefonisch aufgeboten u. beschuldigte das IKRK, aus diesem Grund, verabsäumt zu haben, dass er in die Gehalts- u. Versicherungsliste aufgenommen wurde. Dies bewies dann auch die Verwunderung zweier IKRK-Delegationen, die nach der Befreiung nach Mauthausen kamen u. nicht mit der Anwesenheit eines anderen Delegierten des IKRK gerechnet hatten. Haefligers Position nach Ende des Krieges dem Roten Kreuz gegenüber war zwiespältig, zumindest am Anfang war es sehr getrübt u. gekennzeichnet von Enttäuschung u. wahrscheinlich auch einigem Ärger, vor allem bezüglich der finanziellen Verluste, die er hinnehmen musste. Jedoch äußerte er sich niemals agressiv, manchmal vielleicht ein wenig spöttisch, aber sonst immer nur als das enttäuschte Opfer. Sein Denken änderte sich aber im Laufe der Jahre, jedenfalls lobte er das Wirken u. die Ideen der Menschlichkeit des Roten Kreuzes immer wieder.
Gleichzeitig aber sammelte er Zeitungsartikel über das Rote Kreuz, in denen er Passagen wie „Der erste Grundsatz des Roten Kreuzes ist der Grundsatz der Menschlichkeit. Das Rote Kreuz ist bestrebt, menschliches Leiden zu lindern oder zu verhüten.“ rot unterstrich. Diese Zeilen stammen aus einem Artikel der Neuen Zürcher Zeitung vom 6.5.1961, betitelt mit „Die Grundsätze des Roten Kreuzes“ u. befinden sich in Haefligers Nachlass mit vielen ähnlichen Berichten über das IKRK. Nicht nachzuweisen ist jedenfalls die Behauptung Marsaleks, wonach Haefliger nicht wegen Neutralitätsverletzung oder Überschreitung seines Mandats aus den Diensten das IKRK entlassen wurde. Laut einem Brief des IKRK wäre dies absurd:    Haefliger wäre vielmehr aus dem IKRK geflogen, weil er „ein wenig ordentliches Leben führte, sein Mandat nicht mit der erforderlichen Zurückhaltung ausübte u. seinen Titel als Delegierter des IKRK zu ausgesprochen persönlichen Zwecken ausnutzte, weshalb unter »ärgerlichen Umständen« auf seine weitere Mitwirkung verzichtet werden mußte.“ Diese Informationen will Marsalek aus vertraulichen Informationen des Bundesministeriums für Inneres haben bzw. aus einem Schreiben des IKRK, dessen Empfänger nicht wirklich auszumachen, vermutlich aber Marsálek selber ist.

Louis Haefliger und der Prozess um Anton Streitwieser
Eine Auffälligkeit im Verhalten Haefligers nach geht aus einem Briefwechsel zwischen ihm u. einem österr. Freund namens Lois Stockinger hervor. Haefliger ordnete seine Version der Befreiung Mauthauens aktuellen Erfordernissen unter und veränderte subjektive Wahrheit, um Geld zu erhalten. Dies ist mit der Verwendung des Stoffes bis auf den monetären Aspekt durch die Kommunisten vergleichbar, die die Befreiung des Lagers ihren propagandistischen Bedürfnissen anpassten. Der Inhalt dieses Briefwechsels ist der Prozess gegen Anton Streitwieser, einen ehem., im Mauthausener KZ-System ranghohen SS-Offizier.
Streitwieser wurde am 3.7.1916 in Surheim/Oberbayern geboren, besuchte in Laufen die Volksschule u. begann danach eine Mechanikerlehre. Diese beendete er 1933 ohne Abschlussprüfung. Er wandte sich der Führerlaufbahn in der Hitlerjugend zu, u. trat 1934 der Waffen-SS bei. Bis 1936 war er zum Wachdienst in den Lagern Dachau, Sachsenburg, Esterwegen sowie in der Ordensburg Vogelsang kommandiert, bis er am 1.12.1936 zum Kommandanturstab des KL Sachsenhausen versetzt wurde. Dort wurde er auch am 30.1.1937 zum SS-Unterscharführer befördert. In der 2. Jahreshälfte 1938 erfolgte dann seine Versetzung zum Kommandanturstab des KL Mauthausen. Schnell schaffte er den Sprung auf der Karriereleiter u. wurde zum SS-Hauptscharführer befördert. Zwischen April 1939 u. dem Ende desselben Jahres war er Arbeitsdienstführer. In dieser Funktion musste er Arbeitskommandos zusammenstellen u. für deren Vollzähligkeit sorgen. Bis Ende März 1940 war er einer der Arbeitskommandoführer beim Aufbau des Lagers Gusen.
Hierbei musste er ein bereits zusammengestelltes Arbeitskommando übernehmen, zum Ort der Arbeit führen, für die Bewachung der Gefangenen sorgen u. die Gruppe am Ende des Arbeitstages wieder zum Lager zurückbringen. Er musste sich um den reibungslosen Ablauf der Arbeit kümmern u. bei Arbeiten mit Zivilisten Kontakt derselben mit den Gefangenen verhindern. Ab Frühjahr 1940 wurde Streitwieser als Rapportführer in Gusen eingesetzt. Das Aufgabengebiet eines Rapportführers umfasste die Erfassung u. Organisation der Gefangenen im Lager u. hatte nichts mit dem Arbeitseinsatz wie zuvor beschrieben gemein. Er war Vorgesetzter sämtlicher Blockführer u. nahm bei Zählappellen die Stärkemeldungen sämtlicher Blocks entgegen. Neuangekommene Gefangenentransporte wurden vom Rapportführer erfasst u. auf die div. Blocks aufgeteilt. Zu seinen Aufgaben gehörten auch die Erfassung abgehender Transporte, Überwachung der Häftlingskarteien, Vorbereitung von Strafvollstreckungen sowie Erstellung der wöchentl. Strafvollzugsrapporte.
Mitte 1941 meldete sich Streitwieser an die Front, wo er verwundet wurde u. hoch dekoriert unter anderem mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse zurückkehrte. Ab Okt. 1942 versah er wieder Dienst in Mauthausen als 3. Schutzhaftlagerführer, womit er nach Einschätzung des Gerichtes eine Art Ordonnanzoffizier des 1.Schutzhaftlagerführers war. Nach Streitwiesers eigenen Angaben war er hauptsächlich mit der Erstellung von Führungsberichten beschäftigt. 1943 absolvierte er die SS-Junkerschule in Braunschweig, wo er zum SS-Untersturmführer ernannt wurde. Ende Jänner 1944 trat er wieder seinen Dienst in Mauthausen an u. war von März 1944 bis 8.5.1945 Lagerführer in den Außenlagern Melk, Wien-Schwechat, Wien-Floridsdorf, Wien-Mödling (Hinterbrühl). In dieser Funktion war er zwar für die ihm untergeordneten SS-Truppen u. die Gefangenen in den div. Lagern zuständig, aber dem Schutzhaftlagerführer von Mauthausen, Bachmayer, unterstellt u. an dessen Weisungen gebunden. Eine Einschätzung seines Charakterbilds durch das Gericht ergab einen Schläger, der auch seinen scharfen Hund mehrfach auf die Gefangenen gehetzt haben soll.
Es wurden im Prozess gegen Streitwieser Wege gesucht, um Freispruch für ihn zu erlangen. Haefliger sollte demnach als Zeuge auftreten u. ihn entlasten, denn neben Reimer hätte anscheinend auch Streitwieser geheime Befehle an Haefliger ausgeplaudert. Haefliger schlug vor, auch Reimer als Entlastungszeugen für Streitwieser heranzuziehen. Streitwiesers Frau wusste auch um Haefligers Existenz u. erhoffte sich sehr viel von ihm. Haefliger war sich außerdem nicht zu schade, seine Person als Friedensnobelpreis-Kandidat ins Spiel zu bringen, der ja etwas zu sagen habe u. der eine glaubwürdige Person darstelle. Stockinger riet Haefliger sogar, bei einem eventuellen Kölnbesuch Frau Streitwieser nicht zu besuchen, da es sonst den Anschein haben könnte, Haefliger stecke unter einer Decke mit den Streitwiesers. In einem der Briefe ist auch eine Anklage Stockinger an Haefliger persönlich zu finden: „Sei es nun wie es immer gewesen sei, ich glaube weder das noch das, den (sic!) es zeigt mir, dass Du da ein unschönes Spiel treibst u. sehr unaufrichtig bist u. auf diese Art wirst Du Dir in Zukunft schwerlich Freunde schaffen u. Ruhm gewinnen. Das wollte ich Dir […] sagen u. es wundert mich heute garnicht (sic!) mehr, dass unter diesen Umständen deine Pläne immer gescheitert sind, den (sic!) so wie ich enttäuscht bin, werden es wahrscheinlich früher andere ebenso gewesen sein.“
Wie gleich zu sehen ist, traf sich Haefliger mit Streitwiesers Frau. Haefliger schrieb immer gegen die SS-Schergen u. nahm nur Reimer davon aus. Sein Anspruch u. der der ÖW waren, die Wahrheit über die Befreiung Mauthausens zu verbreiten, die sich mit einer Kritik an der Darstellung der Kommunisten verband. Die Affäre um seine Falsch-ausage wurde aber weder von Haefliger selbst noch von seinen Befürwortern erwähnt : Haefliger war als Zeuge beim Prozess gegen Karl Schulze u. Anton Streitwieser geladen, die beide der Lager-SS in Mauthausen angehört hatten. Er musste im Laufe der Verhandlungen zugeben, Falschaussagen zugunsten der Angeklagten gemacht, sowie davor Geld von einer der Ehefrauen angenommen zu haben. Die Falschaussagen betrafen die Liquidierung aller Gefangenen von Mauthausen. Mittels Haefligers Aussage wollte Streitwieser den Eindruck erwecken, er hätte durch Vermittlung Haefligers dieses Massaker verhindert. Haefliger habe sich laut dem niedergeschriebenen Urteil vom Prozess gegen Streitwieser am 2.2.1959 mit der Frau des Angeklagten getroffen, mit ihr den Strafprozess besprochen u. Geld angenommen. Bei einer neuerlichen Anhörung durch einen österr. Richter am 1.9.1967 konnte Haefliger seine bisherige Version nicht mehr aufrecht erhalten. Er rückte daher von seinen früheren Angaben, die er im Zuge des Prozesses für Streitwieser getätigt hatte ab, u. erklärte, die Informationen – wie auch „in dem von ihm [Haefliger, JS] inspirierten“ Buch von Gagern geschrieben – bezüglich einer Gesamtliquidierung von Reimer erhalten zu haben.
1945 kam Haefliger nach Mauthausen, wo es ihm gelang, sich auf dieselbe Augnhöhe mit der SS zu begeben. Er schlief in ihren Unterkünften u. verhandelte mit ihnen. Bei dem Prozess gegen Streitwieser agiert er ebenfalls als Verhandlungspartner. Dabei ändert er Geschichte aus finanziellem Nutzen. Diese Handlungsweise u. die damit einhergehende Bereitschaft aus Kalkül eine Falschaussage zu machen, wirft ein schiefes Licht auf Haefligers Äußerungen u. vor allem auf seinen Rapport.


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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 11

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 5:34 pm

Die literarische u. textliche Verarbeitung der Befreiung des KZ Mauthausen

Die Befreiung des KL Mauthausen ist ein Thema, das viel diskutiert wurde u. wird. Die beiden größten Gruppen, die sich dem Thema widmen, sind wie bei allen ehem. Lagern die Forscher u. die Zeitzeugen. Viele Berichte stammen aus den Federn überlebender Häftlinge. Die in dieser Gruppe aktivste Seite ist jene der politischen Gefangenen, deren zahlenmäßig größte Vertreter die kommunistischen u. sozialdemokratischen Gefangenen waren. In ihrer Erzählweise vermitteln sie ihr politisches Bild. „In den kommunistischen Staaten Osteuropas kam dazu, daß Publikationsmöglichkeiten politisch determiniert waren u. meist nur bestimmte Sichtweisen auf das KL zugelassen waren.“ Ein DDR-Autorenkollektiv beispielsweise verarbeitete die Thematik „Mauthausen“ auf seine eigene prokommunistisch-propagandistische Art, deren Schlagseite bei der Interpretation zu beachten ist. Unter den Erzählern finden wir jedoch auch einige unpolitische Gefangene bzw. solche, die lediglich ihre Geschichte loswerden wollten u. das erzählten, was sie erlebt haben. Es geht vielmehr um die Gefühle, die der einzelne bei der Befreiung hatte u. wie er wieder von Mauthausen wegkam.
Als Zeitzeugen gelten auch jene US-Soldaten, die das Lager als Befreier betraten, sowie Einzelpersonen wie Haefliger. Von Haefliger existieren Berichte, gleichwohl auch von Al Kosiek, dem Kommandanten der US-Army, dessen Einheit das Lager befreite. Theoretisch wären auch die SS-Leute u. Anrainer Zeitzeugen. Jedoch gibt es von den Wachmännern kaum Berichte zu diesem Thema u. jene wenigen von Anrainern sind für diese Studie nicht von Wichtigkeit, weil ihr Interesse nicht Haefliger galt. Unter denjenigen, die aus Außensicht Beiträge zum Thema verfassten, sind Forscher, die die Thematik von der wissenschaftl. Seite her betrachteten u. betrachten. Hinzu kamen Hobbyhistoriker, Dichter, Journalisten oder Politiker. Opferverbände widmen sich der Thematik sowohl als Zeitzeugen als auch als nachgeborene Interessensgemein-schaften. Zur 2. Gruppe sind auch jene zu zählen, die zwar Zeitzeugen waren, sich aber nicht in Mauthausen befanden bzw. etwas mit dem Lager zu tun hatten – also keine „Ortzeugen“ sind - , aber ebenfalls über die damal. Ereignisse schreiben wie zum Beispiel Bruno Czermak u. Johannes Zopp von der Österr. Widerstandsbewegung.
Interessant ist die Betrachtung der Textarten. Ist die Befreiung in eine Gesamtgeschichte des Lagers eingebettet? Das wäre hinsichtlich der Regelhaftigkeiten logisch: über jedes Stammlager gibt es zumindest ein Standardwerk, das versucht, das Lager chronologisch von Beginn bis zum Ende mehr oder weniger objektiv zu erfassen u. zu beschreiben – bezüglich Mauthausen sind dies die Beiträge von Marsalek, Evelyne Le Chêne u. Michel Fabréguet. In solchen Arbeiten fehlt eine Abhandlung über die Befreiung nicht.. Diese Teile einer Gesamtarbeit werden hinsichtlich Kontextualisierung, Wissensvermittlung u. Gebrauchsgegenstand Geschichte hinterfragt. Will der Autor etwas vermitteln? Da jeder Text perspektivengeleitet ist, ist davon auszugehen. Hierbei gibt es große Unterschiede. Viele dieser Arbeiten werden durch andere ergänzt, die sich mehr der Bearbeitung eines Teilaspekts widmen, z.B. das Werk Andreas Baumgartners.
In seiner Arbeit über die weibl. Gefangenen des KL Mauthausen kritisierte er im Vorwort die unzulängliche Erforschung des Lagers scharf. Einer dieser Mängel, die er aber nicht nur auf die unbefriedigende Ergründung Mauthausens zurückführte, ist jener vergessene Teilaspekt der weibl. Häftlinge: „Mauthausen war als KL für Männer konzipiert, nahezu 200.000 Häftlinge gingen durch diese Lager, mehr als die Hälfte wurde ermordet. Da mag es nicht weiter verwundern, wenn die ungefähr 8.500 weibl. Häftlinge bisher so gut wie nicht beachtet wurden u. schon fast vergessen waren. Es ist dies aber keine Frage der Quantität der Häftlinge, sondern ein Symptom für den Umgang mit der »weiblichen Geschichte«.“ Baumgartners Kritik galt auch dem stiefmütterlichen Umgang mit weibl. Geschichte, nicht nur auf Mauthausen bezogen, seine Arbeit fügte sich sehr gut in den eben angesprochenen Punkt der - vom Autor gewollt oder nicht gewollt - „ergänzenden“ Arbeiten ein.
Arbeiten, deren Interesse nur der Befreiung galt, eröffnen neue Fragen: Warum gibt es ausschließlich der Befreiung gewidmete Aufsätze, Bücher u. Artikel? Sie dürfte den Verfassern solcher Texte offensichtlich als nicht ausreichend bearbeitetes Thema erschienen sein. Mehrere befassten sich mit der „einzig richtigen“ historischen Darstellung der Befreiung Mauthausens, um einem subjektiven Bedürfnis nach Wahrheit nachzukommen.

Der Arbeitskreis für Heimat-, Denkmal u. Geschichtspflege u. Martha Gammer
In St. Georgen ist ein Arbeitskreis tätig, der sich mit der Geschichte der Lager Gusen I,II u. III beschäftigt. Dieser „Arbeitskreis für Heimat-, Denkmal- u. Geschichtspflege“ betreibt gemeinsam mit der „Local-International Platform St.Georgen/Gusen, Austria“ unter dem übergeordneten Namen „KZ Gusen Memorial Committee“ die Website http://www.gusen.org zur Aufarbeitung der Geschichte der 3 Gusener Lager. Hier ist ein Bericht zu finden, der von Al Kosiek, dem Kommandanten der US-Einheit, die Gusen u. Mauthausen befreite, verfasst wurde. Dieser Bericht ist auch das einzige Dokument auf der Website, das vom Arbeitskreis zur Aufarbeitung der Befreiung verwendet wird.
Interessant, aber zum Teil irreführend sind die v. Arbeitskreis in den Text Kosieks eingefügten erklärenden Hinweise. Vor Kosieks Bericht wird der Leser darauf hingewiesen, daß vom Arbeitskreis Kommentare in Klammern „...for more easy understanding“ eingefügt wurden. Nun können Kommentare nicht nur erklärend sein, nämlich dahingehend, daß eine den Sinn nicht erweiternde Erklärung hinzugefügt wird, die dem besseren Verständnis dient. Kommentare können aber auch hinzugefügt werden, um etwas Neues auszusagen, etwas, das den ursprünglichen Text gar nicht betrifft, u. das auch gar nicht unbedingt benötigt wird. Zu ersterem zählt das folgende Beispiel: „It looked like a series of factories in the distance (the baracks).“ Die Rede ist hier vom KL Mauthausen. Mit den ersten 10 Worten drückte Al Kosiek seine Beobachtung aus. Sie sind daher Originalbestandteil des Textes. Die beiden Worte in der Klammer wurden von den Betreibern der Website als Kommentar hinzugefügt u. erklären, was Kosiek meint. An anderer Stelle lautet es folgendermaßen: „Suddenly one of our men stumbled onto some people who seemed to be in some large cages (the KZ Gusen III camp with some 300 inmates).“ Manche dieser Kommentare sind aber nicht nur eine Verständnisstütze, sondern wurden auch hinzugefügt, um ein Mehr an Information einzubinden. Haefliger wurde im Bericht Kosieks nie namentlich erwähnt, sondern lediglich als „civilian“ oder als „Red Cross affiliate“ genannt. Dementsprechend dürfte Haefliger im Erinnerungsbericht Kosieks von 1955 nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben, nämlich als Informationsbringer über die Existenz eines KZ. Sein Name wird aber trotzdem erwähnt, u. zwar in jenen Kommentaren, die der Arbeitskreis eingefügt hat. Bei der Schilderung der Begegnung der US-Einheit mit dem Rotkreuzauto wurde ein Kommentar hinzugefügt, der den Namen des „civilian“ in fett formatierten Buchstaben nennt, nämlich Haefliger. Haefliger wurde nur eingebunden um ihn zu erwähnen: „Through ignorance of what was going on I received orders by radio to give up the quest and return to the troop (in fact it was not a target of the leading commanders to liberate this camps; Kosiek (and Haefliger!) did it on their own risk!!!).“ Der Kommentar in der Klammer soll dem Leser noch einmal in Erinnerung rufen, daß ja eigentlich etwas Anderes die Mission der Einheit war u. Kosiek mehr oder weniger selbstbestimmt handelte. Viel wesentlicher ist aber die Klammer mit Haefliger. Die Erwähnung Haefligers, mit oder ohne Name, müsste hier gar nicht sein. Im Gegenteil, sie ist sogar eher irritierend. Denn der Kommentar zielt darauf hinab, Haefliger als mutigen Mann darzustellen. Ohne Vorbildung, daß Haefliger seit ein paar Tagen in Mauthausen ist, Kontakt zum Kommandanten hatte u. daß es seine Entscheidung war, die US-Armee zu suchen, um sie zum Lager zu lotsen, sind diese Zeilen für Laien nicht verständlich. Haefliger wird noch einmal genannt. Daher musste es dem Arbeitskreis ein Anliegen gewesen sein, ihn zu erwähnen. Der Arbeitskreis erachtete Haefliger als wichtig u. unerlässlich in diesem Teil der Erzählung.
Die Rubrik „Outstanding Personalities“ auf der Website führt jene Personen an, die den Website-Betreibern zufolge in enger Beziehung zu den Lagern gestanden seien.


Zuletzt von Dissident am Fr März 10, 2017 10:13 am bearbeitet; insgesamt 6-mal bearbeitet
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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 11 A

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 5:38 pm

Darunter ist neben der Erwähnung dreier anderer Männer (2 Geistlichen u. 1 Mitarbeiter einer christl. Jugendorganisation, von denen 2 in Gusen u. 1 einige Wochen nach der Befreiung starben) auch ein Eintrag über Haefliger u. Al Kosiek. Im Gegensatz zu den 3 anderen Personen wurden Haefliger u. Kosiek in einem Eintrag zusammengefasst. Jede dieser 4 Subsites beinhaltet eine Kurzbiographie mit Hauptaugenmerk auf die Taten des Betreffenden im Lager Gusen; so auch bei Kosiek u. Haefliger. Jene Subsite, die die beiden behandelt, ist demnach fast ausschließlich der Befreiung gewidmet. Die Zusammenfassung der beiden Männer in eine Subsite erweckt den Eindruck, daß diese beiden die zentralen Figuren der Befreiung gewesen wären. Für den Arbeitskreis ist Haefliger der klare Held. Um diese These zu stützen, wird am Ende der Subsite auch folgende „Information credit“ angegeben: Alphons Matts „Einer aus dem Dunkel“, ein Buch, das Haefliger ebenso aus dieser Perspektive betrachtet, u. der Tätigkeitsbericht des IKRK, das bezüglich der Befreiung einen Text Haefligers abdruckte.
1996 erschien ein Bericht von Martha Gammer, in dem sie sich mit der Befreiung des Lagers befasst. Ihrem Artikel zufolge, der auf Haefligers Rapport basiert, hätten die Machthaber geplant, die Gefangenen u. die Ortsbewohner in die Stollen zu treiben, um sie dort mittels Sprengung umzubringen. Die Ortsbewohner hätten als Zeugen von Folterungen u. Mord durch die Wachmannschaften liquidiert werden sollen. Die Autorin führte dies auf die Lage Gusens zurück. Durch die Märsche der Gefangenen zu den Arbeitstätten wurden Anrainer Augen- u. Ohrenzeugen von Gräueltaten. Jedoch hätte Haefliger durch den SS-Offizier Reimer von den Plänen u. von dem Befehl erfahren, hätte sich hartnäckig gegen Ziereis durchgesetzt u. am 5.5. die Amerikaner nach Gusen u. Mauthausen geholt.
In einem kleinen Absatz bemängelte Gammer die Wissenschaft ob deren Behandlung des Themas: „Dieser Wahnsinnsbefehl wird von der Wissenschaft bis heute nicht ernst genommen mit dem Argument, er sei in anderen Lagern auch nicht durchgeführt worden.“ Viel interessanter ist, dass für Gammer die einzig wahre Geschichte jene Haefligers wäre. Auf die Behandlung seiner Person durch Kommunisten einerseits bzw. durch seine Befürworter andererseits ging die Autorin nicht ein. Die Empfehlung Haefligers für den Friedensnobelpreis wurde genau so wenig erwähnt wie die Gegensprecher. Der Fokus lag auf dem Liquidierungsbefehl.
Mittels der eigenen Suchfunktion auf der Website http://www.gusen.org ist es nicht schwierig, sämtl. Unterseiten, die Haefliger betreffen, zu betrachten. Wo auch immer Haefliger vorkommt, er ist immer indirekt mit dem Attribut des strahlenden Helden versehen, sodass das Gesamtbild der Website Haefliger als Retter von Tausenden Gefangenen darstellt.
Durch ihre schriftlichen Arbeiten ist bewiesen, dass Martha Gammer u. im Hintergrund der Arbeitskreis Kenntnis von dem Konflikt um Haefliger hat. Ihr Artikel u. die Inhalte auf der Website des Arbeitskreises folgen, auch aufgrund des Berichts Haefligers als Basis, klar der Linie des Schweizers. Durch die einseitige Darstellung der Ereignisse – die Kritik an Haefliger u. seinen Befürwortern bzw. der Konflikt selbst werden überhaupt nicht erwähnt – entstand für sie ein Anspruch auf Vollständigkeit u. Wahrheit der Angaben. Dieses Bild lässt sich dem Laien gut vermitteln, denn durch die Quellenangaben wirkt der Arbeitskreis seriös. Die Arbeit scheint also wissenschaftlich fundiert. Trotzdem resultiert daraus für einen im Metier versierten, als ob es darum ginge, Haefliger endlich Gerechtigkeit u. Anerkennung zukommen zu lassen. Hierfür spricht die vehemente Unterstützung seiner Person, sowie die einschlägige Literatur zu dem Thema – es werden bei den Subsites sowie im eben besprochenen Zeitungsartikel nur Quellen angeben, die Haefliger ihrerseits als Helden sehen oder zumindest nicht in schlechtem Licht dastehen lassen.

Friedrich von Gagern – Eine literarische Annäherung
Friedrich von Gagern entstammte einer alten Adelsfamilie. Er wurde 1882 auf Schloss Mokritz in Slowenien geboren u. starb 1947 in Geigenberg bei St. Leonhard am Forst in Niederösterreich, wo er die letzten 20 Jahre seines Lebens verbracht hat. Von Gagern war „der große österr. Jägerdichter“. Ihm wird auch die Eigenschaft „wortgewaltig“ beigegeben. Diese Wortgewaltigkeit bewies er auch in seiner Verarbeitung der Befreiung Mauthausens, die Haefliger gewidmet ist. Gagern zeichnete hier ein romantisch-verklärtes Bild vom „Helden“ Haefliger. Die Besonderheit hierbei war, dass er eine romantisch-naturalistische Sprache verwendete, die ansonsten an aus dem 19. Jahrhundert erinnert oder wie sie in Heimatdichtung zu finden ist. Als Merkmale dessen gebrauchte er viele Metaphern. Haefligers Entscheidung wäre ein „innerer Auftrag“ gewesen, der ihn als „Mann auf der Mittsommerhöhe des Lebens“ erreicht hätte. In dieser Erzählung bearbeitete von Gagern die Befreiung Mauthausens mit einer unglaublichen Stilisierung Haefligers zum strahlenden Retter, Helden u. Befreier des KL Mauthausens. Im wesentlichen enthält die Arbeit Gagerns nicht viel Neues. Haefliger kam nach Mauthausen, holte die Amerikaner u. rettete 60000 Menschen das Leben. Durch die literarische Verarbeitung ist dalles sehr ausgeschmückt. Das Fehlen eines Zitierapparates zeugt von nicht vorhandener Wissenschaftlichkeit, wobei das vermutlich gar nicht die Intention von Gagerns war. Neu ist die Wortwahl, sowie das Geschichtsverständnis von Gagerns kurz nach Kriegsende, da für ihn 1938 das Vergewaltigungsjahr darstellte. Die Amerikaner fügten seiner Meinung nach der österr. Bevölkerung, nämlich jener aus den Mauthausen umliegenden Orten Unrecht zu, indem sie diese zwang, die Leichen der Gefangenen nach der Befreiung des Lagers zu bestatten. Dies wäre aber unfair gewesen, da Österreich als ganzes Opfer Hitlers war.
Wie es in österr. Heimatdichtung häufig vorkommt, ist auch hier der kath. Glaube mt eingebunden. Zusätzlich sprach von Gagern der Wissenschaft beinahe die Fähigkeit ab, mit dem Stoff umgehen zu können: „Nur der seelenkundige Dichter, der Darsteller wird das überzeugend u. erschütternd glaubhaft machen können; der Historiker aber wird hier einen […] Nervenarzt, den Spezialkenner des parapsychologischen Feldes zu Hilfe u. zu Rate ziehen oder ohnmächtig verzichten müssen. Nur aus den Tiefen der Parapsychologie her läßt sich der ganze Hergang um u. mit Haefliger nacherleben u. überhaupt begreifen. Andere Deutungen versagen.“
Nach von Gagern wäre der Auftrag Haefligers eine göttliche Fügung, ein Befehl „von oben“ gewesen. Ein Beispiel für die romantische Sprache sei hier kurz angeführt: „Von Stunde an war der Mensch Haefliger nicht mehr der Frühere, sondern ein im tiefsten Erweckter, Gesteigerter, Diener u. Abgesandter des Geistes, erfüllt u. getragen von unerhörten, mit jeder Gefahr, fast mit jedem seiner Schritte wachsenden, geradezu berauschenden traumhaft übernatürlichen Kräften.“ Diese Einschätzung u. Sprache erinnern beinahe an literarische Fassungen der Jeanne d’Arc. Noch bezeichnender ist die Gleichsetzung Haefligers mit dem Prinzen von Homburg, gekreuzt mit „dem Mädchen von Orleans“ sowie mit Telemachos, der sich im Amphitheater in den Kampf gegen die Gladiatoren hineingeworfen hatte um „dem heidnischen Schaugemetzel im Namen Gottes Einhalt zu gebieten.“
Briefe Haefligers erklären, wie von Gagern zu diesem Stoff gekommen war: Demnach erhielt er Haefligers Tagebuchaufzeichnungen. Außerdem geht aus einem Brief Haefligers an den schweizeischen Bundespräsident hervor, dass von Gagern kurz vor seinem Tod Vizepräsident der Österr. Liga für Menschenrechte war, in deren Auftrag die Arbeit auch geschrieben wurde. Friedrich von Gagern war kein aktiver Teil von Nachkriegsdiskussionen. Das ist insofern logisch, als er 1947 starb u. somit seine Arbeit zwischen 1945 u. 1947 verfasst haben muss, also zu einem Zeitpunk, zu dem die Aufarbeitung des Themas bzw. die später daraus resultierenden Diskussionen noch nicht eingesetzt haben. In von Gagerns Erzählung ist keine vordergründige politische Programmatik zu erkennen. Er erwähnte zwar Dürmayer u. Kohl, 2 bekannte Kommunisten, aber unvoreingenommen u. ohne sie als Teil der Gesamtverschwörung gegen Haefliger zu verstehen. Diese Unvoreingenommenheit resultiert aus dem Zeitpunkt: die Konflikte Haefligers mit den Kommunisten gab es noch nicht.


Zuletzt von Dissident am Fr März 10, 2017 10:24 am bearbeitet; insgesamt 8-mal bearbeitet
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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 12

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 5:40 pm

Es existiert eine Rezension zu von Gagerns Arbeit. In der Rubrik „Kunst u. Kultur“ in der Arbeiterzeitung vom 26.8.1948 hieß es: „Das Buch will kein Kunstwerk sein.
Es ist ein aufregendes »Lied vom braven Mann«, vom Menschen in der Ära der Entmenschlichung. Es ist ein Verdienst dieses schmalen Büchleins, den Namen Haefliger dem Vergessen zu entreißen.“ Beinahe als moderne Fortsetzung ist Karoline Ledls Broschüre „Miteinander-Füreinander“ zu verstehen. Aber der Sinn war ein ganz anderer, denn die Autorin adressierte mit ihrem Werk junge Leute. Mithilfe Haefligers als Vorbild versuchte sie, ihnen Nächstenliebe als persönliches Gut zu vermitteln.

Alphons Matt – der Verfasser der Haefliger-Biographie
Der vehementeste Verteidiger Haefligers war sein Landsmann Alphons Matt, Publizist u. ausgebildeter Historiker, der Haefliger ein ganzes Buch widmete. Schon der Titel vermittelt das Bild von einem biederen Mann, der alleine ein ganzes KZ befreit hätte. Matt selbst unterstützte diese These aus folgendem Ansporn heraus: „Ob er den Nobelpreis erhält oder nicht: Verdient hätte er ihn. Und das darzulegen ist die Absicht dieses Buches.“ Außerdem wuchs bei „jedem neuen Kontakt u. bei jeder zusätzlichen Recherche über die Begebenheiten…der Wunsch, einen kleinen Beitrag dafür zu leisten, dass dem verkannten Helden Gerechtigkeit erwachse.“ Also sammelte Matt Zegenaussagen, Interviews u.a. Materialien zur Entstehung dieses Buches.
Die Befreiungsgeschichte, wie Matt sie erzählt, beinhaltet auch den am 21.4.1945 von Himmler ausgegebenen, oben genannten Befehl, sämtliche KL müssten bei Herannahen des Feindes gesprengt werden. Davon hätte das IKRK in Genf Kenntnis besessen, u. damit auch Haefliger. Nach Matts Schilderung wäre es schon vor der Abfahrt Haefligers Plan gewesen, diesen Befehl zu durchkreuzen. Laut einem Brief des IKRK an den ehem. Leiter des DÖW, Herbert Steiner, hätte Haefliger aber erst in Mauthausen von den Plänen erfahren, u. zwar von der SS. Die Befreiung Mauthausens beginnt bei dem Publizisten Alphons Matt mit den Verhandlungen von deutscher Seite mit dem IKRK bzw. mit der Ausgabe von Himmlers Befehl. Die Geschehnisse um die Befreiung arbeitet Matt auf, indem er Haefligers Rapport folgte.
Den Missionen des IKRK zu den div. KL vorausgegangen waren rege diplomatische Kontakte zwischen Kaltenbrunner u. Himmler auf der einen Seite u. Burckhardt u. Folke Bernadotte auf der anderen. Das Dritte Reich war gerade im Begriff unterzugehen u. Leute wie Kaltenbrunner u. Himmler arbeiteten an einer Besserstellung ihrer Person nach Kriegsende. Von den detaillierten Ergebnissen wusste Haefliger aber nichts.
Nun zeichnete sich Haefliger in Mauthausen gegenüber Ziereis durch mutige Hartnäckigkeit aus. Trotz dessen Weigerung zur Kooperation gelang es Haefliger, Ziereis zur Versendung eines Telegramms an Kaltenbrunner nach Berlin zu überreden, um Instruktionen zur Behandlung des IKRK-Delegierten zu erhalten. Der Konvoi selbst nahm franz., belgische u. holländische Häftlinge auf u. kehrte Richtung Schweiz zurück. Haefliger blieb in St. Georgen u. forderte jeden Tag, ins Lager eingelassen zu werden, was ihm Ziereis bis zum 30.4. verwehrte. An diesem Tag bekam er ein Bett in Reimers Zimmer zugewiesen.
Für Haefliger selbst sei es gleich Gewissheit gewesen, dass „seine Aktion mit der Genfer Konvention nur schwer zu vereinbaren war. Was er noch nicht wissen konnte: daß er sogar auf internat. Ebene ein Präjudiz geschaffen hatte, das noch Folgen haben sollte.“ Im Kapitel „Mitwissen-Mitschuld?“ fragt Matt, warum denn das IKRK nicht früher schon etwas gemacht hätte, zumal ja Burckhardt als IKRK-Vertreter bereits Okt. 1935 die Lager Lichtermoor, Esterwegen u. Dachau besucht habe u. dabei Fürchterliches gesehen hätte. Kurz nach Kriegsausbruch, so Matt, musste Burckhardt, damals Hochkomissar des Völkerbundes in Danzig, ebendiese Stadt auf Druck Hitlers verlassen.
Laut Matts Erzählung wusste Haefliger also bereits vor der Abreise von dem Plan der SS-Führung, sämtliche Lager bei Herannahen des Feindes in die Luft zu sprengen.
Einzelheiten erfuhr er aber von Reimer, mit dem er sich das Zimmer teilte. Diese Details eröffnete Reimer, der selbst einmal Bankbeamter gewesen war, dem Schweizer
ohne dessen Zutun. Bei einer Aussprache am 3.5.1945 mit Ziereis u. dem Kommandanten der Flugzeugfabrik brachte Haefliger Ziereis dazu, ihm den Sprengungsbefehl auszuhändigen. Da sich der Lagerkommandant weigerte, einen Befehl von oben zu annullieren, schrieb Haefliger darunter: „Annulliert gemäß Lagerkommandant Standartenführer Ziereis, 3. Mai, Louis Haefliger, Delegierter des Internationalen Roten Kreuzes.“ Nun sind vielleicht diese Handlungen gut möglich, denn Ziereis u. der Großteil der Stamm-SS könnten ja auch erst nach der Unterredung mit Haefliger geflohen sein. Aber auch diese Aussage fußt auf Haefligers Rapport, ist also übernommen, aber nicht erwiesen.
Am Samstag, den 5.5. frühmorgens machte sich Haefliger gemeinsam mit Reimer u. 1 Mann der Wiener Feuerschutzpolizei, einem Langer, der ebenfalls eingeweiht war, auf den Weg. Die Zeit drängte, denn laut Plan sollten der fingierte Fliegeralarm u. die Sprengung der Stollen in der Nacht vom 5. auf den 6.5. erfolgen. Zumindest war Haefliger davon überzeugt, obwohl er selbst den Befehl annulliert hatte u. die SS nicht mehr im Bereich des Lagers war. In St. Georgen unterrichtete Haefliger noch den Vizebürgermeister Aschenbrenner, der kooperierte u. versprach, die Panzersperren im Ort nicht aufbauen zu lassen. Diese Panzersperren hätten noch eine Verzögerung von Haefligers Vorhaben, der Befreiung des KL Mauthausen, zur Folge gehabt.
Haefliger war u. ist für Matt der strahlende Held, der „zwar eine harte Schale, aber ein empfindsames Herz hat.“ Außerdem war er für den Autor nach dem Krieg auf allen Ebenen ein Opfer: das IKRK wandte sich von ihm ab, seine Bank annullierte den Urlaub rückwirkend u. löste das Arbeitsverhältnis auf, seine Frau ließ sich mit der Begründung, „einen Bankbeamten, nicht einen Abenteurer geheiratet zu haben“, scheiden. Haefliger war also in der Schweiz nicht mehr erwünscht. Deswegen emigrierte er nach Österreich u. ließ sich in Wien nieder. Die Kommentare von externen Personen in Matts Buch stießen in dasselbe Horn: der stellv. US-Hauptankläger im Nürnberger Prozess Robert Kempner sieht in Haefligers Tat eine Heldentat insofern, als der gesetzliche Rahmen für die vorgeschriebene Kontrollen der KZ-Lager durch das IKRK fehlte. Somit wird die Aktion Haefligers von Kempner „übergesetzlicher Notstand“ genannt. Für Matt war Haefliger der Retter Mauthausens u. in jedem Fall mit dem Friedensnobelpreis auszuzeichnen. Matts Arbeit wirkt eher literarisch. Es fehlt der wissenschaftliche Zitierapparat u. der journalistische Stil mit zum Teil aufbauschendem Inhalt („SS-Mann Reimer ließ [auf der Fahrt den Amerikanern entgegen, JS] vor seinen geschlossenen Augen die Vergangenheit Revue passieren u. hoffte auf eine bessere Zukunft.“) ist eher ein Beispiel für meinungsmachenden Journalismus.
Es sollte darauf hingewiesen werden, dass die Aktionen Haefligers nur auf das Stammlager Mauthausen u. die Lager Gusen I u. II Einfluss hatten. Das Lager Gusen III-Lungitz wurde bereits mehr oder weniger von den Amerikanern entdeckt bzw. löste sich selbst auf. Jedenfalls war es nicht Haefligers Verdienst, obwohl in Matts Buch der Eindruck erweckt wird, dass andere Außenlager wie Ebensee von dem Schweizer befreit worden wären. Haefliger war bei Matt eine Lichtgestalt, ein Retter, ein Mann von Edelmut u. idealer Selbstlosigkeit. Er war vielleicht nicht immer ganz umgänglich, aber sein Wirken u. Handeln war immer beseelt vom Geist des Guten u. der Rettung der 60000 Menschen, die er in einer mutigen u. wahnwitzigen Aktion durchführen konnte.
Matts Arbeitsweise ist relativ gut nachvollziehbar, da es Briefe von 1988 gibt, in denen der Journalist bei Haefliger um Informationen ansuchte. Zwischen den beiden wurde sogar ein Vertrag aufgesetzt, in dem sich Haefliger verpflichtete, bis zur Fertigstellung von Matts Buch u. einem darauf basierenden Film, sich keinem Autor oder Filmemacher zur Verfügung zu stellen. Weiters hatte Matt in einem Vertrag mit dem zuständigen Verlag ausgehandelt, daß Haefliger von Matts Buch bis zu 20000 Werkexemplaren pro Stück 1 Schweizer Franken vergütet bekam. Der Film Matts, „Der Retter von Mauthausen“, galt bei seiner Ausstrahlung im SRG in der christl. österr. „bildpost“ als Filmtipp. Gleichzeitig wurde der ORF gerügt, dass er es nicht schaffe, im Gedenkjahr 1988 den ORF-SRG-Film auszustrahlen, da es keinen freien Sendeplatz gäbe – aber für allen möglichen „Filmschmarrn“ hätte der ORF sogar im Hauptabendprogramm Platz.

Louis Haefliger in der Zeitung

Zeitungen sind öffentl. Organe, u. vor allem Tageszeitungen haben große Auflagen. Diskussionen u. Streitigkeiten, Konflikte u. Übereinstimmungen in der wissenschaftlichen Szene bleiben einem gewissen Kreis vorbehalten. Kaum jemand liest wissenschaftl. Zeitschriften, aber viele lesen z.B. den „Kurier“ in Österreich. Zeitungen sind nicht nur informativ, sondern in gewissem Maße auch meinungsbildend. Zeitgeschichtl. Themen wie das dieser Arbeit in Zeitungen bzw. in Internetforen rufen immer noch zwiege-spaltene Meinungen in Österreich hervor, zumeist à la „endlich aufhören mit der Nestbeschmutzerei“. Auch Haefliger u. die Befreiung Mauthausens waren zeitweise Inhalt der Medien, vor allem beim Vorschlag des Schweizers für den Friedensnobelpreis 1988. Zeitungen recherchieren u. arbeiten mit Informationen, wobei es zu Manipulationen kommen kann bzw. kommt. Informationen werden aufgeputscht, zurückgehalten, sinnverändert oder in anderem Zusammenhang wiedergegeben – oder es wird ungenau gearbeitet. Auch bei der Berichterstattung rund um Haefligers Person gab es einige solcher Beispiele. In einem Artikel der schweizerischen Zeitschrift „24 heures“ vom 22.12.1986 beispielsweise hätte Haefliger dem Lagerkommandanten Ziereis das Versprechen abgerungen, die Sprengung des Flugzeugwerkes sowie die damit verbundene Liquidierung von 60000 Gefangenen nicht durchzuführen. Dieses Versprechen hätte dieser aber gebrochen, denn der dafür vorgesehene Sprengstoff wäre angebracht worden. Dabei hätte Haefliger bzw. in weiterem Falle die Zeitung übersehen, dass der Sprengstoff schon Wochen vorher installiert worden war, um bei Annäherung des Feindes nützliche Infrastruktur u. industrielle Anlagen zu zerstören. Jedoch ergibt sich durch den Zeitungsartikel ein anderes Bild. Genauso wird in diesem Artikel erwähnt, Haefliger hätte bei seinem Zusammentreffen mit der amerikanischen militär. Einheit am 5.5.1945 die Namen zweier amerikan. Inhaftierter genannt um auch wirklich die Panzerspitze zur Verfügung gestellt zu bekommen. In einem anderen Bericht lernte Haefliger die beiden aber erst nach der Befreiung kennen.
Den Zeitungsartikeln lagen mehr oder weniger detaillierte Recherchen zugrunde. Manchmal wurden sie von Zeitzeugen verfasst, manchmal von Journalisten, die erst nach 1945 geboren worden waren. Diejenigen, die gegen Haefliger schrieben, waren aus politisch eher links angesiedeten Kreisen. Die anderen bewegten sich im Dunstkreis bürgerlicher Seite. Nicht unbedingt aber waren sie polemisch gegen die jeweils andere Seite. Die meisten Artikel waren lediglich Versuche, das Medium, in dem der Artikel erschien, interessant zu machen. Der Artikel von Luise Höcher in der „Wiener Zeitung“ ist so ein Fall: Sie interviewte Haefliger u. brachte seine Geschichte mit dem Passus des nicht anerkannten Helden. Höcher wich leicht von den Begebenheiten ab, als sie schrieb, daß das Lager auf seine Befreiung durch die Rote Armee wartete u. daher angeordnet wurde, die Häftlinge zu liquidieren. Einige Zeilen später beschrieb sie auch noch kurz die Folgen von Haefligers Tat, ergo Kündigung beim IKRK (da der Auftrag nicht so erfüllt wurde, wie es gewünscht worden war) u. bei der ehem. Arbeitsstätte. Einerseits brachte Höcher dem Leser einen Mann näher, der eine heldenhafte Tat begangen hatte u. dessen Handeln in Vergessenheit geriet, andererseits war es eine Art vorsichtiger Aufdeckungsjournalismus, soweit dies in den Rahmen eines renommierten Blattes wie die „Wiener Zeitung“ passt. Denn als „reisserisch“ kann dieser Artikel nicht bezeichnet werden, aber doch schwingt darin eine Nuance von Aufdeckung im Sinne eines wiederentdeckten Helden mit..


Zuletzt von Dissident am Fr März 10, 2017 10:38 am bearbeitet; insgesamt 7-mal bearbeitet
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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 13

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 5:45 pm

Von Helga Goggenberger stammt ein Artikel mit dem Titel „Ein stiller Held“. Nicht nur die Überschrift, sondern der ganze Artikel unterstreicht Haefligers Bescheidenheit
als alter, einsamer Held ohne Anerkennung. Haefliger war ein mutiger Mann, der sich in Lebensgefahr auf sein Gewissen verließ u. nicht Konventionen folgte. Die Anzahl der Gefangenen in den Haefligers Aktion betreffenden Lagern wurde in diesem Artikel fälschlicherweise mit 60000 beziffert. Vergessen wurde auch, dass die Stamm-SS am 5.5.1945 bereits geflohen war. Allerdings ging Goggenberger mehr auf das Verhältnis Haefligers zum IKRK ein, da sie beschrieb, warum das IKRK ablehnend auf Haefligers Handeln reagiert hatte: er hätte sich mit Kampfgruppen verbündet u. damit gegen die Charta gehandelt. Die Bank hätte keinen „Abenteurer“ mehr in ihren Reihen akzeptieren wollen u. die Frau hätte ihn verlassen. Haefligers größter Ärger nach dem Krieg wäre aber gewesen, dass das braune Gedankengut in Österreich nicht zu vertreiben sei. Goggenbergers Artikel war eine Spur dramatischer, wurde im Gegensatz zu Höchers Artikel in seinem Medium auch prominenter platziert (als Reportage auf der Seite 6; Höcher: Beilage in der Wiener Zeitung, Abteilung Senioren), brachte aber nichts Neues.

Bei Betrachtung der Berichterstattung einige Jahrzehnte davor ergibt sich z.B. in der Wochenschrift „Welt am Montag“ im März 1949 ein abweichendes Bild gegenüber jenem der 1980er Jahre. Demnach wäre Haefliger vom IKRK nach Mauthausen geschickt worden, wohin er es auch durch die Fronten schaffte. Dort wären ihm am 3.5.1945 „2 Geheimbefehle“ in die Hände gefallen, wonach die Lager Mauthausen u. Gusen vollständig vernichtet werden sollten, indem man in St. Georgen die 40000 Gefangenen der Lager Gusen I u. II gemeinsam mit den Einwohneren des Ortes mittels fingierten Fliegeralarms in die Stollen locken wollte u. dann den ganzen Berg in die Luft sprengen wollte, um alle darunter lebendig zu begraben. Zum selben Zeitpunkt sollten die Gefangenen von Mauthausen von der dortigen SS niedergemacht werden. So weit schien der Artikel besser recherchiert, doch es folgt eine Ungereimtheit: „In der Nacht stahl er einen Ordonnanzwagen des Lagerleiters Ziereis u. fuhr dem heranrollenden Trommelfeuer entgegen.“ Aber Haefliger stahl den Wagen nicht, zumindest nicht von Ziereis, da dieser nicht mehr im Lager gewesen war.
Der Schweizer fuhr auch nicht alleine zu den Amerikanern. Seiner Tat wäre mittels vieler Dankschreiben gedacht worden, nur in Genf beim Roten Kreuz wäre er aber nicht mehr willkommen gewesen, eher kühl empfangen u. seine Aktion als militärisch u. damit nicht mit der Charta vereinbar gesehen, weswegen er seine Demission hätte geben müssen. Der wesentliche Punkt des Artikels ist aber jener, dass die Zeitung einfach bekannt machen wollte, dass ein in Österreich lebender Held von der „Schweizer Liga für Menschen- u. Bürgerrechte“ für den Nobelpreis vorgeschlagen wurde.

Die „bildpost“ – lt. Eigendefinition die große christl. Wochenzeitung – brachte Dez. 1987 einen Artikel über Haefliger mit der Überschrift „Haeflingers Husarenstück – Kein Dank für den >Retter von Mauthausen<?“ Nach einer kurzen Einleitung, in der festgestellt wird, dass sich die Gefangenen in Todesgefahr befunden hätten, wurde der Schweizer Haefliger (immer in der falschen Schreibweise „Haeflinger“) sowie seine Aktion bereits reisserisch vorgestellt u. dann weiter beschrieben. „Diesem mutigen Haeflinger gelingt das Unmögliche: die Russen geben die Zustimmung, daß US-Panzer [Mauthausen lag in der für die Sowjets vorgesehenen Zone, JS] unter Haeflingers Führung u. Einweisung nach Mauthausen vorstoßen u. die dort Inhaftierten vor der sicheren Liquidierung in dreizehnter Stunde retten.“ Nirgends sonst ist nachzulesen, daß Haefliger aufgrund dessen Kontakt zur Roten Armee gehabt hätte. Der Artikel erweckt außerdem den Eindruck, Haefliger wäre militärisch vorgestoßen. Die Liquidierung der Gefangenen wurde angedeutet u. wirft wiederum Fragen auf, die in dem Artikel nicht behandelt werden können: warum sollten die Gefangenen wann von wem liquidiert werden? Der Artikel enthielt viel Problematik.
Inhaltlich verwies er auf Friedrich von Gagerns Bearbeitung des Stoffes, mit dem Haefliger literarisch „ein Denkmal“ gesetzt worden war, d.h. auch hier wurde eine Schrift als Ausgangspunkt genommen, die hinsichtlich Wissenschaftlichkeit höchst problematisch ist. Allerdings wurde Friedrich von Gagerns Schrift hier nicht aus diesem Zweck erwähnt, sondern lediglich um zu zeigen, dass sich sogar ein berühmter Schriftsteller des Themas angenommen hat. Nahtlos fügt sich der Artikel allerdings in den Disput zwischen der Österr. Widerstandsbewegung u. den Kommunisten ein, indem die Conclusio des Artikels aussagte, daß Haefliger totgeschwiegen würde, weil er nicht gewillt gewesen wäre der KPÖ beizutreten. Beendet wird der Beitrag mit den Worten „aufgefordert, der Kommunistischen Partei beizutreten…“. Diese 3 Punkte am Ende des Satzes suggerierten gemeinsam mit dem Kontext des Artikels folgendes Bild: es wäre kein Wunder, dass Haefliger von kommunistischen Personen geschnitten wird. Er hätte sich ja geweigert, der KP beizutreten. Die christliche Wochenzeitung verurteilte die Kommunisten, die Wurzel allen Übels zu sein. Der Artikel lässt einige Fragen offen, ist aber in jedem Fall meinungsmachend. Im Aufschrei, eine Ungerechtigkeit entdeckt zu haben, vergaß die „bildpost“ allerdings qualitativen Journalismus, sondern bezog deutlich Stellung für Haefliger u. gegen angebliche kommunistische Umtriebe.

Viel interessanter war aber wahrscheinlich die Verwendung dieses Artikels: er wurde als Teil eines Briefes 1991 an Zilk, damals Bürgermeister von Wien, bzw. an dessen Präsidialbüro mit dem dort tätigen Kurt Scholz, später Stadtschulrat von Wien, vom gegenwärtigen Verfechter u. Verteidiger Haefligers, nämlich Johannes Zopp geschickt. Der Brief mit dem Artikel erging damals an den Bürgermeister von Wien mit Bitte um Unterstützung für die Verleihung des Friedensnobelpreises an Haefliger, zu dem die ÖW Haefliger 1991 noch einmal vorschlug. Zopp hatte zudem in einem Schreiben 3 Jahre zuvor zum selben Thema auf das Gedenkjahr 1988 (50 Jahre Eingliederung Österreichs ins Deutsche Reich) verwiesen, in dem es „nicht länger zu verantworten oder zu ertragen" wäre, bliebe Haefliger immer noch totgeschwiegen.

In anderen Zeitungsartikeln erfahren wir private Dinge über Haefliger, die für seine Entscheidung, sich beim IKRK zu melden, aussschlaggebend gewesen sein sollen. War er in den 1940er Jahren in der Schweiz ignoriert worden, so erhielt er vor allem in den 1980er Jahren auch in seiner Heimat publizistische Aufmerksamkeit, wobei manchmal ein verwirrender Eindruck entsteht. Eine Zeitung behauptete sogar, eine Ehekrise wäre Haefligers Antrieb gewesen, sich für eine Mission beim IKRK zu melden: „Damals, 1945, stand es in Haefligers erster Ehe nicht zum besten. Was dieser Mann brauchte, war eine neue Aufgabe u. ein bisschen Distanz zum Zürcher Alltag.“ Außerdem wäre Reimer betrunken gewesen, als er Haefliger von den Details der Liquidierungspläne erzählte.

Die „Israel Nachrichten“ vom 14.4.1980 betitelten Haefliger als Retter der Juden u. boten außerdem die interessanteste Form seines Namens: Haftlinger. Die Arbeiterzeitung druckte einmal einen recht kämpferischen Artikel zu den Begebenheiten ab, der auch einen Schwerpunkt auf die überraschende Wirkung auf die SS, die Haefligers Aktion hatte, legt. Hier ist sogar die Rede von der Deckung, die das Terrain dem Troß (Haefliger u. die Amerikaner, JS) gegeben hätte, als er auf dem Weg nach Mauthausen war. Auch israel. Zeitungen verlangen Rehabilitation für Haefliger u. ein „Danke“ an ihn. „Welche Rolle spielte L. Haeflinger wirklich?“ Mit dieser Frage betitelte Christian Hoffmann 1988 einen Artikel über Haefliger. Was zu Beginn wie der Versuch, die Wahrheit zu finden klingt, entpuppt sich bald als Eyecatcher, denn in der Realität beschäftigte sich Hoffmann vielmehr mit der „sonderbare[n, JS] Facette des österr. Nachdenkens über die Nazi-Vergangenheit.“ Hoffmann spart gleich gar nicht aus, dass Haefliger ihn zu Beginn des Gesprächs konfrontiert habe, ob er kommunistisch beschlagen sei, da die Kommunisten ihn seit mehr als 40 Jahren bekämpfen würden, weil er ihrer Partei nicht beitreten wollte. Sogar Ministerin Hawlicek wäre kommunistisch angehaucht, ließ Haefliger Hoffmann damals wissen. Danach folgen die bekannten Schilderungen von Haefligers Tat u. den Reaktionen: in der Schweiz als „Abenteurer“ verschrieen, vom IKRK im Stich gelassen (interessante neue Ansicht Haefligers: „Wahrscheinlich haben sie Angst gehabt, daß ich nach oben rutsche.“), die Bank – sein früherer Arbeitgeber – wollte ihn nicht mehr u. seine Frau ließ sich auch scheiden. Es folgen die ebenfalls bekannten Vorwürfe u. Aktionen seitens der ÖW: Haefliger sei bis heute nicht anerkannt worden, er soll gefälligst von der Bundesregierung für den Nobelpreis anerkannt werden u. die Aussparung Haefligers beim offiziellen Mauthausen-Film wäre eine „politische Intrige“.
Der Artikel Hoffmanns erregte wahrscheinlich in der ganzen ÖW, speziell aber bei Johannes Zopp, helle Aufregung u. Empörung. Es folgte ein Leserbrief Zopps, eine
zugleich abgedruckte Reaktion Hoffmanns u. ein Brief des umtriebigen Haefliger-Freundes an den Chefredakteur der AZ, in dem Zopp ihm fast schon nahelegte, sich von Hoffmann zu trennen. Weiters eine Beschreibung der Ansichten Marsaleks, auf seiner Dokumentation basierend, der von der ÖW stets angegriffene Satz Marsaleks von der „Fabelwelt eines Baron Münchhausen“, sowie Brigitte Bailer-Galandas nicht minder oft aufgegriffenes .d kritisiertes Urteil von einer „über weite Strecken“ nicht verifizierbaren Rolle des Schweizers, u. zwischendurch werden kurz die Erfolge der ÖW beschrieben, z.B. Matts von ORF u. SRG gemeinsam produzierter Haefliger-Film. Ein Beschwerdebrief Czermaks an Papst Johannes Paul II. wurde auch zitiert u. fast als kindische Lächerlichkeit dargestellt. Das Resumée Hoffmanns blieb allerdings eher bescheiden. Er konstatierte lediglich, dass die „Schlacht um den ehem. Schweizer Rot-Kreuz-Beamten Haeflinger“ weitergehen werde. Das Urteilen darüber überließ er den Lesern. Es blieb lediglich der Hinweis vom Beginn des Artikels, wonach diese Causa eine eigenartige Seite der österr. Vergangenheitsverarbeitung wäre.

Ein sozialistisches Organ, „Welt der Arbeit“ ging anders mit Haefliger um. In Zeiten der Nennung Haefligers für den Friedensnobelpreis 1988 berichtete diese Zeitung mit denselben Inhalten über ihn, d.h. Haefliger kam nach Mauthausen, setzte sich gegen Ziereis durch, holte die Amerikaner u. verhinderte die Liquidierung von 60000 Menschen, nach dem Krieg arbeitete kommunistische Propaganda gegen ihn, doch dann erfolgt die Nennung durch die Bundesregierung für den Nobelpreis. Ein Zeitungsartikel berichtete ungenau von Haefligers Kontakt mit Ziereis, wonach Haefliger problemlos in das Lager eingelassen worden wäre. An anderer Stelle war zu lesen, dass Haefliger vor 1951 bereits 2x für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden war. Diesbezüglich gab es Hinweise, dass die Schweizer Liga für Menschenrechte Haefliger bereits 1949 für den Nobelpreis vorgeschlagen hatte. Weniger wegen seiner Aktion in Mauthausen, sondern mehr wegen seiner Idee, ein Kinderdorf an der Stelle des ehem. KL zu errichten, war ebenfalls über ihn zu lesen. Begleitender Inhalt war die positive Beschreibung der Heldentat.
Haefliger erregte sein Leben lang publizistische Aufmerksamkeit. Die Höhepunkte lagen in den ersten Nachkriegsjahren u. ab dem Zeitpunkt, seit sich die ÖW so intensiv mit ihm zu beschäftigen begann, also ca. ab der Mitte der 1970er Jahre. Neben der in gedruckter Form starken publizistischen Performance gab es auch einige Interviews mit ihm oder Reportagen über ihn, deren Niederschriften zum Teil in seinem Nachlass zu finden sind. Wie oben bereits erwähnt, erhielt Haefliger auch außerhalb Österreichs publizistische Aufmerksamkeit, wie z.B. im „Aargauer Tagblatt“. Häufig wurde die Geschichte Haefligers im Sog einer Verleihung wie jener der Medaille für Verdienste um die Befreiung Österreichs 1970 oder eines Jahrestages wie den 5.5. gebracht. Der eben angeschnittene Artikel des Aargauer Tagblattes weist als regionales Organ eine eigene Komponente auf: Haefliger bzw. dessen Vater als Aargauer. Diese Taktik ist eine allseits bekannte Strategie für die Identifikation mit einer Gruppe oder Region. In Österreich ist dieses Phänomen alljährlich im Winter bei der Sportberichterstattung über die österr. Schirennläufer zu beobachten. In Frankreich stellte Drago Arsenijevic „Otages Volontaires“ in der bekannten Zeitschrift „Paris Match“ selbst vor. Inhalt dieses Buches ist zum Teil auch Louis Haefliger.


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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 14

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 5:52 pm

Ein anderer Grund für Aufmerksamkeit war Haefligers Israelbesuch, der auch das Organ der jüd. Gemeinde in der Schweiz zu einem Bericht über Haefligers Wirken im Mai 1945 veranlasste. Der Artikel hielt sich bis auf ein paar Ungenauigkeiten im Detail an das altbekannte Schema von Haefligers Mauthausen-Rettung. Die Beschäftigung der ÖW mit Haefliger brachte einige Zeitungen dazu, über ihn zu schreiben. Sie verwiesen auf div. ÖW Publikationen, wie jene aus 1977 – „Einer aus dem Dunkeln“. Dabei folgten sie der Linie der ÖW-Publikationen, z.B. lobte die Zeitung „Welt der Arbeit“ Haefliger als einen Mann, „der 1945 aus dem Dunkel der Anonymität hervortrat.“
Haefligers rege schriftliche Tätigkeit trieb mitunter überraschende Blüten. Sein Ärger über die Kommunisten u. Marsalek hinsichtlich der Geschichtsschreibung über die
Befreiung Mauthausens scheint überwunden, als er einmal in einem Brief mit Bitte um Richtigstellung an die Redaktion des „Kurier“ auf einen Artikel reagiert. Dieser Artikel mit dem Titel „Der Mann, der Mauthausen befreit hat“ weist als ebenjenen Retter von Mauthausen den Colonel der US-Army „Richard Seibel“ aus. Seibel wäre laut dem Autor Nussbaumer bereits am 5.5.1945 nach Mauthausen gekommen, u. zwar nur durch puren Zufall. Darauf reagierte Haefliger mit einem Schreiben, in dem er Marsalek zitierte u. 1.) richtigstellte, wann Seibel nach Mauthausen gekommen war, sowie 2.) seine Person wiederum ins Spiel brachte. (Denselben Kritikpunkt führte er auch bei einem Interview an, bei dem er nach Seibel als den angeblichen Retter von Mauthausen befragt wurde.) Die Antwort, die Haefliger vom Kurier erhielt, war ein Schreiben vom Journalisten Nussbaumer selbst, der sich zwar entschuldigte, aus Nichtwissen nicht über Haefliger berichtet zu haben, aber u.a. feststellte: „Ich habe es angesichts der positiven Reaktionen, die wir mit dem Mauthausen-Bericht ausgelöst haben, für richtig befunden, die in der Leserschaft entstandenen Erschütterungen über das Geschehen von damals nicht durch weitere Berichte über den Streit der Befreier u. ihre historische Rolle [zu, JS] zerstören.“ Der Brief trägt das Datum 3.9.1980, was insofern interessant ist, als dieses Datum gemeinsam mit inhaltlichen Verweisen des Briefes darauf hindeutet, dass der Konflikt bereits 1980 bestand. Nussbaumer schrieb in diesem Brief außerdem, daß er gar nicht wüsste, daß er sich mit dieser Story in einen „latenten Konflikt“ hineinmanövriert hätte.

Unabhängig von Haefliger reagierte auch Heinrich Dürmayer auf diesen Artikel, u. zwar in einem Rundschreiben an sämtliche „dem Internat. Mauthausenkomitee ange-
schlossenen Organisationen u. an alle Mitglieder der Exekutiv-Komission.“ Die Adressierung sämtl. Organisationen ist ein deutliches Zeichen der Priorität. Dürmayer machte das Thema zur Chefsache mit Relevanz für alle. Nach einigen Zitaten fasste er den Artikel empört mit den folgenden Worten zusammen: „Also bei uns […] hat »totale Anarchie« geherrscht, wir haben geplündert u. gestohlen, lebende Hühner gefressen, seine Leute (u. nicht wie in Wahrheit bewaffnete) Häftlinge haben Ziereis gefangen genommen u. ihnen, den Amerikanern (u. nicht dem HR Marsalek) hat Ziereis seine Lebensbeichte abgelegt, wir mußten erst eingefangen u. mit Gewalt davon überzeugt werden, daß die Amerikaner uns gerettet haben, wir wollten es tagelang nicht glauben etc.“ Was Dürmayer mit diesen Worten kritisierte, waren Aussagen Seibels, der sich ja lt. diesem Artikel schon am 5.5. in Mauthausen befunden hätte. Dürmayer sah in Seibels Aussagen indirekt eine Diskriminierung der Kommunisten, Sozialisten u. Antifaschisten u. nannte Seibel einen „John Wayne aus der Schuhbranche mit der Mentalität eines Ku-Klux-Klan-Mannes.“ Natürlich erwähnte Dürmayer Haefliger nicht einmal in kritischem Sinne, sondern gar nicht. Die Behauptungen, Seibel wäre der Befreier Mauthausens gewesen, entbehrten jeder Grundlage, wurden aber auch von anderer Seite mit teilweise unkorrekten Aussagen aufgegriffen: „On May 5, 1945, Col. Seibel led the American troops that entered and occupied Mauthausen concentration camp. They remained in the Camp for 35 days.“ Hier wurde wohl vergessen oder aus Unwissen nicht beachtet, dass die US-Truppen das Lager am 5.5. wieder verließen, um 2 Tage später wieder zu kommen. Seibel erreichte Mauthausen erst am 7.5.1945.
Im Großen u. Ganzen trug die Arbeit der Österr. Widerstandsbewegung u. Haefligers Früchte. Der größte Teil der Artikel über Haefliger lobt u. bewundert ihn. Dabei wird häufig übersehen, daß sich die von den Verfassern dieser Artikel herangezogenen Quellen nur auf Haefligers Rapport bezogen. Von Gagern, Matt oder Arsenijevic kommen hierbei in Betracht. Zwar waren in jedem Artikel Ungenauigkeiten u. Abweichungen in Details zu beobachten, diese waren aber nicht aussschlaggebend, denn die Grundlinie in den meisten Medien war dieselbe: Haefligers historische Wahrheit.

Wissenschaftliche Arbeiten
„Wissenschaft ist die Tätigkeit des Erwerbs von Wissen durch Forschung, seine Weitergabe durch Lehre, der gesellschaftliche, historische u. institutionelle Rahmen, in dem dies organisiert betrieben wird, sowie die Gesamtheit des so erworbenen menschlichen Wissens.“
Jemand, der innerhalb dieses Rahmens agiert, ist ein Wissenschafter. Wissenschafter produzieren wissenschaftl. Texte, wie sie in diesem Kapitel thematisiert werden. Ausnahmen sind für dieses Kapitel Arbeiten, die nicht von einem „professionellen“ Wissenschafter verfasst wurden. Ehem. Gefangene wie Marsálek oder Stanislaw Dobosiewicz beispielsweise erarbeiteten die Geschichte von Mauthausen (Marsalek) u. Gusen (Dobosiewicz) auf wissenschaftl. Weise, sind aber dennoch nicht als Wissenschafter zu bezeichnen, da sie nie für eine Universität oder andere wissenschaftl. Institution tätig waren. Ihre u.a. Arbeiten, die wissenschaftl. Merkmale aufweisen, wurden hier inkludiert. In sämtl. Arbeiten der Wissenschaft über Mauthausen oder Gusen, ob deren Inhalt ein Teilaspekt oder die Geschichte des Lagers ist, wird auch die Befreiung betrachtet.
Hier gibt es unterschiedliche Perspektiven der Beschreibung der Befreiung.. Bei Andreas Baumgartner, der sich mit dem Thema „Die vergessenen Frauen von Mauthausen“ auseinandersetzt, merkt man deutlich, dass er von der Problematik um die „Vernichtung oder Befreiung“ der Häftlinge in Mauthausen Kenntnis hat. Dementsprechend vorsichtig geht er damit um. Er legt sich nicht fest u. vertritt die eine oder andere Meinung. Er zählt einige Lager auf, für die es angeblich Befehle u. Anordnungen gegeben habe, wie mit den Gefangenen zu verfahren sei, doch dabei lässt er Mauthausen u. Gusen aus. Er bestätigt allerdings, dass der Befehl Himmlers, keinen Gefangenen in Feindeshand fallen zu lassen, zu den Insassen durchgedrungen sei u. daß es eine gewisse Angst gegeben habe, weil man nicht wusste, was mit den Häftlingen geschehen sollte. Am größten war die Verunsicherung unter den Gefangenen zwischen dem 5. u. 7.5., die nicht einschätzen hätten können, ob die SS wieder zurückkommen würde.


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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 15

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 5:58 pm

Stanislaw Dobosiewicz
2007 erschien eine Übersetzung einer umfassenden Arbeit über die Geschichte des Lagers Gusen. Sie wurde vom ehem. Häftling Stanislaw Dobosiewicz geschrieben u. beschäftigt sich auch mit der Befreiung des Lagers. Die Befreiungssgeschichte beginnt bei Dobosiewicz einige Wochen vor der tatsächlichen Befreiung. Häftlinge begannen, sich Gedanken hinsichtlich der Auflösung des Lagers zu machen „Von der örtl. Bevölkerung war keine Hilfe zu erwarten. Die Menschen waren entweder von der sich abzeichnenden Niederlage u. der Perspektive einer Okkupation entsetzt, oder immer noch in der nationalsozialistischen Überlegenheit verhaftet.“ Auch in Gusen waren Demoralisierungserscheinungen innerhalb der SS zu bemerken. Die Tage waren geprägt von ständig neu ankommenden Gefangenentransporten aus evakuierten Lagern, anfangs aus den großen Lagern im Osten, dann bereits aus den Mauthausener Außenlagern in u. um Wien, sowie Niederösterreich. Die Errichtung des Ziereiswalls“ sowie die Rekrutierung von Häftlingen – Österreichern u. Deutschen – wurde von den Gefangenen als Bedrohung verstanden. Man fürchtete, dass die übrigen Gefangenen umgebracht werden sollten.
Für die Gefangenen wirkten die Repatriierungen skandinav. Häftlinge – ähnl. wie im Hauptlager Mauthausen – wie ein Vorzeichen zum bevorstehenden Ende im Sinne der Befreiung. Doch trotz der Evakuierungen einiger Gefangener durch das IKRK fanden noch Massenvergasungen u. Übergriffe statt, wodurch einige Verwirrung unter den Gefangenen entstanden sei. Je näher die Kriegsfront kam u. das Dritte Reich seinem Ende zuging, desto weniger funktionierten die Verbindungen zwischen den Lager-kommandanten u. ihren vorgesetzten Stellen. „Ihnen allein verblieb die Entscheidung über das Schicksal der Häftlinge.“ Dobosiewicz eröffnet in seiner Arbeit aber ein anderes Bild hinsichtlich der Liquidierung des Lagers: Ziereis selbst hätte Gefangenen angeordnet, dass 3 Eingänge zum Kellerbau zugemauert werden sollten, sodass nur 1 Türe offenblieb. Zusätzlich wurde Sprengstoff angebracht.
Warum Ziereis den Befehl nicht ausführte bzw. ausführen ließ, ist nicht bekannt. Eine Vermutung Dobosiewiczs zielt auf eine Beeinflussung durch die Frau des Lager-kommandanten ab, die andere auf eine Beeinflussung durch Haefliger. Von Seiten der Gefangenen hätte es sogar die Version gegeben, dass ein Gefangener der Elektriker-gruppe die Elektroleitungen zu den Sprengsätzen gekappt hätte. Dobosiewicz ließ sich nicht auf viele Spekulationen ein: „Welche Version auch immer wahr sein mag, es steht außer Zweifel, dass die Vernichtung der Häftlinge vorbereitet gewesen war u. daß dieser Plan im letzten Moment entweder fallen gelassen oder vereitelt wurde. 22000 Häftlinge verdanken diesem Umstand ihr Leben.“ Wie in Mauthausen verließ auch die Gusener SS das Lager, allerdings erst am Vormittag des 4.5.1945. Am Tag davor sei aber die Wiener Feuerschutzpolizei als Wache eingesetzt worden. Nachdem die SS das Lager verlassen hatte, beendeten auch in Gusen sämtl. Arbeitskommandos die Arbeit. Nur die Küche, die Überwachung des Lagers sowie Wasser- u. Kanalversorgung funktionierten noch. In Gusen existierte auch die Angst vor einer möglichen Rückkehr der SS, vor allem weil sich in Oberösterreich die letzten SS-Einheiten konzentriert hatten u. das Lager Gusen mit seiner Rüstungsproduktion einen großen Wert darstellte. Im Grunde genommen wartete das Lager dann nur noch auf seine Befreiung, die mit dem 5.5. durch die Amerikaner – herbeigeführt durch Haefliger - erfolgte.

Evelyn Le Chêne
Als Standardwerk zur Geschichte Mauthausens gilt auch Evelyn Le Chênes Arbeit. In ihre Geschichte der Befreiung Mauthausens inkludiert die Autorin die militärhistorische Seite, u. zwar insofern, als sie zwar kurz, aber detailliert, den Weg der Amerikaner, speziell der 3. US-Armee nach Österreich beschreibt. Himmler war Hitlers Niederlage u. jener des dritten Reiches bereits im Juli 1944 bewusst. Haefligers Bericht erscheint ebenfalls bei Le Chêne, nur mit dem deutlichen Unterschied, dass sie von seinem Namen nichts wusste. Sie zitiert nämlich aus seinem Rapport, der im offiziellen Bericht des IKRK zu finden ist. Dort werden Haefligers Ausführungen ohne Nennung seines Namens angeführt. Le Chêne nimmt Haefligers Geschichte bezügl. der Massenliquidierung zwar auf, fügt aber danach kritische Anmerkungen an: „It will be always open to conjecture whether the blowing-up of the tunnels was or was not his idea, was or was not intended, or was or was not ordered or countermanded.“ Der SS traut sie auf jeden Fall zu, selbst in den letzten Tagen kurz vor dem Ende, solch eine Wahnsinnstat zu verüben. Warum die SS davon Abstand genommen habe, werde laut Le Chêne niemals herausgefunden werden.
Auch bei Le Chêne gibt es hinsichtlich der Daten kleine Unstimmigkeiten. So hätte Ziereis die Bewachung bereits gegen Ende April an Kern u. die „civilian police“ übergeben. Die SS-Mannschaften selbst wären in die Berge geflüchtet oder hätten sich in den Städten unter den Häftlingen u. als Zivilisten versteckt. Die militär. Einheiten der Gefangenen, die Le Chêne zufolge nach dem Abmarsch der Kosiek-Einheit operierten, verbindet die Autorin gar nicht mit dem Illegalen Lagerkomitee, das als solches nicht existiert habe sondern von Le Chêne lediglich unter dem Begriff „active resistance groups“ subsumiert wird. Diejenigen, die die Umgebung nach der SS abgesucht haben, seien lediglich kräftigere Gefangene gewesen, die zu den „resistance groups“ gehörten. Le Chêne notiert über die „resistance groups“ implizit, sie wären „kommunistisch“ gewesen u. hätten nur wenig bis gar nicht mit den US-Befreiern kooperiert. Nirgends sonst wird dem Illegalen Lagerkomitee vorgeworfen, nicht mit den Amerikanern kooperiert haben zu wollen.

Michel Fabréguet
Das Kapitel über die Befreiung der Gefangenen des Stammlagers Mauthausen beginnt bei Michel Fabréguets Arbeit mit den Repatriierungen durch das IKRK in den Tagen vom 21.-28.4.1945 bzw. den vorangegangenen diesbezügl. Verhandlungen des IKRK mit den Verantwortlichen auf deutscher Seite wie Himmler u. Kaltenbrunner. Demnach erschien Haefliger am 27.4.1945 mit dem 3. LKW-Konvoi in Mauthausen, begehrte Einlass ins Lager u. verblieb unter dem Vorwand, Kaltenbrunners Antwort auf Ziereis’ Telegramm abzuwarten in St.Georgen an der Gusen, während der IKRK-Konvoi Mauthausen wieder verließ. Fabréguet greift in einem einleitenden Absatz direkt die Problematik um das Befreiungsnarrativ auf: „L’histoire des derniers jours du KL de Mauthausen a donné lieu, tout comme l’histoire de la libération du camp proprement dite, à de nombreuses controverses. La principale concerne l’évaluation du rôle joué par le délégué du CICR, le Suisse alémanique Louis Haefliger.“ In einigen erklärenden, konjunktivisch gehaltenen Sätzen beschreibt er, wie der Schweizer die Befreiung schilderte. Als Gegenpositionen legt Fabréguet die Ansichten Marsaleks dar, wonach Haefliger ein ausschweifendes Leben geführt hätte u. seine Mission nicht mit der nötigen Zurückhaltung geführt haben soll. Diese Art, die Befreiung Mauthausens zu präsentieren, ist neu. Dem Leser teilt Fabréguet dadurch mit, dass die Befreiung des Lagers im nachhinein mit größten Schwierigkeiten in der Darstellung derselben verbunden ist. Hernach folgt er den Tatsachen, die nachweisbar oder bezügl. der Befreiungsschilderung weniger heikel sind. Haefliger verließ am 5.5. in der Früh das Lager Richtung Linz zur US-Army, ohne das Internat. Lagerkomitee davon informiert zu haben. Als selbstgefällig erachtet Fabréguet allerdings auch die Art u. Weise der Kommunisten, die Befreiung darzustellen: „Leurs récits décrivaient alors complaisamment, parfois sur le mode épique, les combats de la liberation.“ Das Aufzählen einiger schwieriger Punkte in der Nachkriegsdarstellung nimmt Fabréguet zum Anlass, die Ereignisse des 5. u. 6.5.1945 zu rekonstruieren: Es folgt in nüchternem Stil - abgesehen von den Vorereignissen im Kriegsverlauf - das Aufeinandertreffen Haefligers u. der Einheit der US-Army, geführt von Al Kosiek, sowie die Reaktion der Gefangenen im Lager, die von ihren Gefühlen überwältigt wurden. Nach dem Verlassen des Lagers der Kosiek-Einheit tauchte im Lager sofort das Gerücht auf, wonach die SS unter Bachmayers Kommando zurückkehren würde, um alle Häftlinge zu massakrieren. Aufgrund dieses Gerüchts, so Fabréguet, hätten sich bewaffnete Gefangeneneinheiten formiert, die das Lager verließen, um für dessen Sicherheit zu sorgen. Bei der Donaubrücke in Mauthausen hätte es dann Schusswechsel mit der SS um Bachmayer gegeben. Diesen Schilderungen erteilt Fabréguet allerdings insofern eine Abfuhr, als er die Anwesenheit einer organisierten SS-Einheit im Gebiet des Zusammenflusses Enns-Donau negiert u. flüchtende Wehrmachtssoldaten oder „éléments incontrôlés“ für die Schüsse auf die Gefangeneneinheiten verantwortlich macht. Der Zweck dieser Zeilen Fabréguets scheint die Entmystifizierung kommunistischer Propaganda zu sein. Kommunistischen Proponenten in der Nachkriegsdarstellung der Geschichte Mauthausens waren diese Kämpfe besonders wichtig, weswegen sie – wie später zu sehen sein wird - von ihnen auch so heroisiert wurden. Fabréguet stellt ihnen wissenschaftl. Erkenntnisse gegenüber. Neu ist Fabréguets Feststellung von der kurzzeitigen Verhaftung Haefligers durch die Gefangeneneinheiten, womit er die Verwirrung u. das unglaubliche Chaos in den ersten Tagen nach der Befreiung exemplarisch darstellt. Die äußere Bedrohung des Stammlagers zwischen 5. u. 7.5.1945 schätzt Fabréguet als zweifellos mehr imaginär denn real („sans doute plus imaginaire que réelle“) ein. Haefliger wird nur noch 1x erwähnt, als Fabréguet den Beschluss des Internat. Lagerkomitees, Haefliger zu danken, anführt. Hierbei stellt er fest, daß dieser Dank Haefliger für dessen Arbeit als Rotkreuzdelegierter hinsichtlich der Repatriierungen von Gefangenen galt. Die Aktion Haefligers oder die Rettung der Gefangenen vor einer angeblichen geplanten Massentötung wird in Fabréguets Studie nicht angesprochen. Hinsichtlich des Befehls zu einer Massenvernichtung gibt es nach Fabréguets Meinung nichts, was diese Hypothese stützen würde, ganz zurückweisen lässt sie sich aber dadurch nicht.


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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 16

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 6:05 pm

Karl Brousek vom Bundesministerium für Untericht, Kunst u. Kultur verfasste 1989 einen Artikel in der Zeitschrift „Zeitgeschichte“, der anscheinend, dem Titel folgend, mit den Diskussionen um die Befreiung Mauthausens „aufräumen“ möchte. Die Angst unter den Gefangenen vor einer Liquidierung bestätigt auch Brousek. Die Situation in Mauthausen in den letzten Wochen vor der Befreiung war sehr widersprüchlich: einerseits verübten die SS-Leute noch Gräueltaten unter den Gefangenen, andererseits kamen viele auf die Gefangenen zu, um sich ihnen anzubiedern. Einschüchterungen wie die Drohung, die Gefangenen würden das Lager nur durch den Schornstein verlassen, förderten ein Gefühl des Nichtwissens.
Aufgrund der Weisung Hitlers, wonach sämtl. Versorgungs-, Verkehrs-, Industrie u. Nachrichtenanlagen zu zerstören seien, wurden auch in Oberösterreich an wichtigen Brücken u. in den Rüstungsanlagen Sprengungen vorbereitet, darunter auch in den Lagern Gusen I u. II. Brousek sieht bereits in der Art u. Weise der Todesmärsche bzw. in der Ankunft des 1. Rotkreuztransports in Mauthausen deutliche Zeichen gegen eine Gesamtliquidierung: „Bei keinem dieser Transporte [Evakuierungsmärsche, JS] wird auch nur der Versuch einer generellen Ermordung aller Häftlinge gemacht. Aus […] den hektisch vorangetriebenen Todesmärschen wird deutlich, daß man die Gefangenen nicht den sowj. Truppen überlassen, sondern diese aus politischen Erwägungen den Westalliierten übergeben will. Diese Entscheidung ist mit Sicherheit von der Spitze der SS-Hierarchie gekommen u. steht im Einklang mit den Verhandlungen Himmlers u. seiner Vorstellung, daraus politischen Nutzen zu ziehen.“ Zusätzlich schätzt er die Entstehung des Illegalen Lagerkomittees u. die damit verbundene Überwindung nationaler Gegensätze (Stichwort Internat. Solidarität), die davor von der SS gefördert worden waren u. die Rekrutierung einiger Gefangener in die Reihen der SS als weitere Gründe ein, die gegen diese Liquidierung gesprochen haben. In seiner Conclusio geht Brousek kurz auf die historische oder anderwertige Verarbeitung der Befreiung vieler KL ein u. berichtet hierbei von der Sichtweise in kommunistischen Ländern nach der Befreiung, sowie der Tat Haefligers: „In Osteuropa hat man lange Zeit den Westalliierten die Befreiung vieler KZ nicht zuschreiben wollen, u. in Österreich fand man einen Mann namens Louis Haefliger. Sein mutiges Auftreten in den letzten Tagen Mauthausens ist unumstritten, aber nicht singulär. Zur Rettung von Zigtausenden Häftlingen konnte er in dieser Phase nichts mehr beitragen.“ Seiner Meinung nach hätte sich diese Frage bereits bei der Ankunft des 1. Rotkreuztransports am 19.4. entschieden, u. er nimmt sogar an, dass eine Gesamtliquidierung „bereits vor diesem Datum nicht mehr möglich war.“ Als dieser Aufsatz veröffentlicht wurde, war die Debatte um Haefliger speziell zwischen der ÖW u. dem DÖW voll im Gange. Die ÖW urgierte damals auch beim Bundesministerium, das den „offiziellen“ Schulungs-Film von Karl Brousek über Mauthausen produziert hatte, dass Haefliger darin nicht vorkomme.

Die beiden Wiener Historiker Bertrand Perz u. Florian Freund bemerken in ihrem Aufsatz über Mauthausen, daß den Gefangenen das Ende des Dritten Reiches schon lange vor der Befreiung bewusst gewesen sei. Allerdings: „Völlig ungewiss war, wie die SS auf die Entwicklung reagieren würde.“ Diese Information inkludierte weiters nach Meinung der beiden Autoren die Bildung militärischer Gruppen für den „Falle einer Bedrohung“. Den kursierenden Gerüchten von einer Tötung aller Gefangenen stellen Perz u. Freund gegenüber, daß die schwere Durchführbarkeit dieses angeblichen Plans unter den Gefangenen bekannt war. Die Evakuierung des Lagers schien unwahrscheinlich, weil bereits von allen Seiten die Alliierten näherkamen. Perz u. Freund zufolge war es den Gefangenen in den letzten Wochen klar, dass die Geheimnisträger umgebracht werden sollten, aber keine Gesamtliquidierung mehr zu befürchten gewesen sei. Die Anzeichen dafür waren die Kenntnis der Häftlinge über den Frontverlauf, das Verhalten der SS, sowie der hoffnungsbringene 1. Konvoi des IKRK.
Haefliger erschien in dieser Arbeit erst am 30.4. in Mauthausen, durfte das Schutzhaftlager nicht betreten, erhielt aber Quartier in einer SS-Baracke. Dieses angesichts vorher genannter Daten irreführende Datum ist insofern zu bewerten, als Perz u. Freund vermutlich die Quartierbeziehung u. damit die fixe Anwesenheit Haefligers als erstes Erscheinen des Schweizers nennen. Seine Ankunft in Mauthausen mit dem Konvoi, sowie seine ersten Verhandlungen mit Ziereis werden ausgespart. Haefliger besorgte sich den Wagen, ließ ihn weiß anstreichen u. suchte am 5.5. die Amerikaner. Zum gleichen Zeitpunkt, am Vormittag des 5.5., marschierte bereits eine Panzerkolonne der 11. Division der 3. US-Army in Mauthausen ein u. verhaftet einen Großteil der SS-Mannschaften. Die ersten Amerikaner im Lager waren aber die Soldaten von Kosieks Einheit, die Haefliger nach Mauthausen brachte. Auf die unterschiedlichen Betrachtungen hinsichtlich der geplanten oder nicht geplanten Gesamtliquidierung des Stammlagers wird nicht eingegangen. Die Möglichkeit einer solchen wird nur kurz angerissen, aber schnell wieder „wegargumentiert“. Und da diese Möglichkeit nicht in Betracht gezogen wird, wird auch Haefliger nur kurz erwähnt, nüchtern beobachtet u. schon gar nicht aufgebauscht. Die Arbeit von Freund u. Perz hat ein großes Hauptkapitel über das Stammlager Mauthausen, gefolgt von jeweils einem Kapitel über die Außenlager, wobei Gusen I u. II in einem Unterkapitel zusammengefasst sind. In diesem Unterkapitel wird Haefliger genau so wenig erwähnt wie die angeblich geplante Stollensprengung. Als Zeitpunkt der Befreiung gilt hier der 5.5.1945, an welchem die US-Truppen ins Lager kamen. Gusen III wird in dieser Studie ebenfalls als von den Amerikanern am 5.5.1945 befreites Lager verstanden.

Der deutsche Dichter, Schriftsteller u. Redakteur Hans Magnus Enzensbergers gab 2001 eine Zusammenstellung von Essays u. Reportagen über das Rote Kreuz heraus, zu deren Inhalt auch ein Aufsatz über Haefliger von Andreas Doepfner zählt. Dieser konstatiert, Haefliger habe Anerkennung in Österreich u. Israel erhalten, allerdings nicht in seiner Heimat, der Schweiz. Von dieser würde er vor allem geschmäht u. verfemt. Über Haefligers Herkunftsland notiert Doepfner sogar, daß es sich „schwertut mit Helden der Menschlichkeit.“ Für den Autor ist der Rapport Haefligers nicht nur der umfassendste Bericht über diese Mission, sondern zugleich ein Rechtfertigungsveruch Haefligers u. ein „bedeutendes Zeugnis über die Zustände in einem KZ bei Kriegsende.“ Die Aufgabe, die den Delegierten gestellt wurde, fußte auf den Abmachungen des IKRK mit dem RSHA. Davon hätten aber die SS-Offiziere in Mauthausen nichts gewusst, weswegen die beiden Delegierten, die vor Haefliger versucht hätten, ins Lager zu kommen, barsch abgewiesen worden wären u. „nur“ Gefangene repatriiert worden wären. Der Aufsatz basiert hauptsächlich auf Haefligers Rapport, befasst sich aber gegen Ende mit dem Umgang der Schweiz mit ihm. Daß er als „Abenteurer“ abgestempelt wurde, ist bekannt. Auch der Vorwurf, er sei am Schwarzmarkt tätig gewesen, ist bereits bei Matt dokumentiert. „Eine hohe IKRK-Stelle hat noch 1955 mit streng vertraulichem Schreiben Rufmord an Haefliger gegenüber einer Behörde in Bundesbern begangen, bei der Haefliger sich um eine Stelle bewarb. Es wurde ihm in der Folge auch von Schweizer Amtsstellen gegenüber UN-Organen irreguläres Verhalten vorgeworfen, was seine Verwendung trotz Erfahrung mit Repatriierungen in den Programmen der Vereinten Nationen nicht tunlich erschien.“
So weit zu den Schwierigkeiten, die Haefliger laut Doepfner nach Kriegsende hatte. Dann geht Doepfner auf die Erzählweise mit kommunistischem u. sozialistischem
Hintergrund ein. Demnach werteten kommunistische u. sozialistische Organisationen ihre eigenen Leistungen wesentlich auf. Ein Beschreibung der Art u. Weise Haefligers, der Doepfner viel Bedeutung zumisst. Er wendet dabei die spannende Methode an, Berichte anderer Rotkreuz-Delegierter mit jenem Haefligers zu vergleichen um festzustellen, dass Haefliger ein bürokratischer Ton völlig fehle. Daher attestiert er Haefligers Verhalten, daß es „nachhaltiger u. beruhigender“ war für die Lage in Mauthausen. Kritisch geht Doepfner auch mit dem Heldenbegriff für Haefliger um, speziell bei Matts Arbeit. Er hätte bei Matt etwas Wagnersches mit einem „nicht goutierbar[en, JS] hohl klingenden Anklang.“ Aber die Heldenhaftigkeit Haefligers streitet auch Doepfner nicht ab: „Und doch: Er handelt wie ein klassischer Held, impulsiv u. zielstrebig, setzt sich willentlich unbekannten Mächten aus u. besteht in offener Auseinandersetzung harte Prüfungen. Er lebt wahre Menschlichkeit – u. erleidet selbst Schiffbruch.“ Weiters hätte Haefliger wahrscheinlich seit seiner Kindheit im Innersten einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Doepfner sieht in ihm außerdem jemanden, der beweisen wollte, zu welchen Taten er fähig gewesen wäre. Er sei ein Mann mit Herz, Mut u. Zivilcourage gewesen. Ende der 1988er Jahre wurde er vom IKRK rehabilitiert. In Genf existiert noch ein „dossier personnel“, das nach den Statuten (Archivzugangsreglement 1996) des IKRK erst 2045 angesehen werden darf.
Sommaruga persönlich habe Doepfner sogar gebeten, nicht mehr weiter nach dem Dossier zu fragen, weil es sowohl Haefliger persönlich als auch das IKRK beflecken könnte. Als Resumée zieht Doepfner die Erkenntnis, daß Institutionen wie das Rote Kreuz gegenüber totalitären Regimen „weitgehend hilflos sind.“


Zuletzt von Dissident am Fr März 10, 2017 11:32 am bearbeitet; insgesamt 6-mal bearbeitet
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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 17

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 6:11 pm

Weitere wissenschaftliche Arbeiten
Zwar von einer anderen Seite, aber doch über Haefliger berichtet auch Favez in seiner Aufarbeitung der Geschichte des IKRK im 2.Weltkrieg, die sich mit der Frage der Kenntnis seitens des IKRK von den Gräueltaten in KZ beschäftigt bzw. warum dieses Wissen nicht an die Weltöffentlichkeit gegeben wurde. Favez hinterfragt im für diese Untersuchung entscheidenden Satz Haefligers Aktion gar nicht:
„[…] versuchte Haefliger […] ihn [Ziereis, JS] von der Zerstörung des Flugzeugwerks mit den angeschlossenen Lagern Gusen I u. II samt deren Insassen abzubringen.“
Favez’ Fragestellungen beleuchten die Erfolge der Delegierten hinsichtlich Einlass derselben in die Lager. Aus diesem Grund ist dieses einfache Übernehmen von Narrativen hier zwar bemerkenswert, aber eben nicht zentrales Thema. Anlässlich des so genannten „Gedanken-Jahres 2005“ wurden in ganz Österreich viele Ausstellungen gestaltet. Eine der größten, wenn nicht die Ausstellung zu dem Thema war jene auf der Schallaburg in Niederösterreich unter dem Titel „Österreich ist frei. Der Österr. Staatsvertrag 1955“. Die begleitende Publikation mit dem selben Titel beinhaltet auch einen kurzen Artikel zur Befreiung Mauthausens. Der Artikel ist im allgemeinen eine kurze chronologische Zusammenfassung mit dem Schwerpunkt auf die Befreiung. Die Angst der Gefangenen, umgebracht zu werden, erwähnt auch Knoll. Der beeindruckende Punkt für ihn ist, dass noch am 2. u. 3.5. die Geheimnisträger umgebracht wurden. Nüchtern betrachtet er allerdings dann den Wachenwechsel: „Am 3.5. fand in Mauthausen der letzte Morgenappell statt. Danach verließen die Angehörigen des SS-Kommandos u. die SS-Wachmannschaften das Lager. Die Bewachung übernahm eine Formation der Wiener Feuerschutzpolizei.“ Die Panzerpatroulle, die nach Mauthausen kam, war „in Begleitung eines Delegierten des Internat. Roten Kreuzes“. Das ist alles, was auf Haefliger hindeutet. Davor u. danach beschreibt Knoll die Häftlingsorganisation als sich für die mögliche Massenliquidierung vorbereitende Widerstandsorganisation bzw. als die zwischen 5.5. u. 7.5. das Lager sichernden Häftlingseinheiten.

Gisela Rabitsch verfasste 1967 die erste wissenschaftl. Überblicksarbeit über das Lagersystem des Stammlagers Mauthausen. Sie befasst sich auch mit der Problematik der Befreiung u. des Sprengungsbefehls u. erwähnt, daß es sehr wohl Indizien für einen solchen Befehl gegeben habe. Genau so existierten gegenteilige Hinweise, wie der von ihr angeführte Kaltenbrunner-Befehl zur restlosen Übergabe Mauthausens an die Alliierten. „In Mauthausen erlangten Abgeordnete des Mauthausen-Komitees u. der Delegierte des Roten Kreuzes die Annullierung des Vernichtungsbefehles für das Lager Gusen.“ Rabitsch geht demnach davon aus, daß die Häftlinge u. Haefliger zusammen-gearbeitet hätten. Diese Aussage ist singulär u. nicht nachweisbar. Rabitschs Arbeit wäre aus heutiger Sicht so nicht mehr zu schreiben, weil sich in den 40 Jahren seit ihrer Entstehung neue Erkenntnisse ergeben haben. Interessant ist allerdings ihre Sichtweise der militärischen Häftlingseinheiten, die ihrer Meinung nach nicht überbewertet werden sollten, da sie allein schon wegen ihrer geringen Stärke keine militärische Formation gewesen sein konnten. Sie hätte lediglich als militärischer Vorposten gedient, der mit dem militärischen Stab im KL Mauthausen in ständigem Kontakt stand. Rabitsch kommt durch die Unvoreingenommenheit hinsichtlich des Konfliktes um Haefliger, den es Mitte der 1960er Jahre nicht gab, zu anderen Ergebnissen, wie z.B. die Bewertung der militärischen Häftlingseinheiten.

Kurt Tweraser inkludiert die Befreiung Mauthausens ebenfalls in seiner Arbeit über die US-Militärregierung in Oberösterreich. Bereits am 4.5. wäre von der US-Army
beschlossen worden, starke Patrouillen von Gallneukirchen Richtung Osten auszusenden, um Kontakt mit den Sowjets zu knüpfen. Bei einer dieser Patrouillen am 5.5. wäre eine Einheit auf Haefliger getroffen, der die Einheit zu den KL Mauthausen u. Gusen brachte. Mehr wird hier nicht über Haefliger geschrieben. Tweraser schildert lediglich noch, wie sehr die Amerikaner überrascht gewesen wären, solche Zustände in Mauthausen vorzufinden, daß sich die Feuerschutzpolizei heilfroh entwaffnen lassen u. in Gefangenschaft begeben hätte, sowie über die weiteren Vorgänge u. Maßnahmen der Amerikaner, um die Gefangenen zu versorgen u. Repatriierungen vorzubereiten. Die angebliche Sprengung wird mit keinem Wort erwähnt.

Die Erzählweise der ehem. kommunistischen Häftlinge

Viele der Arbeiten über Mauthausen wurden von ehem. politischen Gefangenen verfasst. Die Geschichtswissenschaft hat das Thema lange Zeit nicht als ein Forschungsfeld gesehen. Eine der größten Gruppen waren die Kommunisten, die nach der Befreiung Mauthausens diesbezüglich auch außerordentlich aktiv waren. Ihre geschichtlichen Darstellungen sind unter dem Aspekt des Einflusses des Kalten Krieges u. als Sichtweise politischer Häftlinge zu betrachten. Die meisten Arbeiten kommunistischer Proponenten sind Arbeiten über die Gesamtgeschichte des Lagers, die Gruppe der kommunistischen Gefangenen, sowie deren Widerstandstätigkeit.
„Vor uns liegt eine Schrift, die Geschichte dokumentiert, mit unwiderlegbaren Tatsachen. Erinnerungen von Menschen, die alle nur denkbaren Erniedrigungen u. Schmerzen erdulden mussten. Sie hielten es aus, blieben standhaft, erwiesen sich auch angesichts des Todes stärker als ihre Feinde, weil sie etwas besaßen, was niemand ausrotten kann – Menschenwürde, hohe Moral, Wissen um den Sieg der Mutigen u. Kühnen in dieser Welt.“ Diese Zeilen sind einem Buch eines Redaktionskomitees in der DDR über Mauthausen entnommen. Der kämpferische Stil hebt sich deutlich von anderen Arbeiten ab. Wissenschafter schreiben nicht mit so einem Pathos, ehem. Gefangenen ist dieser Stil zuzutrauen, allerdings nicht allen ehem. Häftlingen u. schon gar nicht allen in dieser verstärkten Form. Die vermittelte Emotionalität wirkt teilweise wie eine Rede . erzeugt das Bild eines Ideals vom freien Menschen, der kräftig u. im Geiste frei u. unverdorben gegen das Böse, den Faschismus in all seinen Facetten, kämpfte, denn „Faschismus war u. ist die Staatsform der brutalsten Kreise des Finanzkapitals, das immerzu nach Weltherrschaft strebt.“ Damit kommen wir schon dem erwünschten Ideal, das zu vermitteln versucht wird, näher, nämlich dem „…Kommunisten, der für viele Vorbild war, der den Verzweifelten aufrichtete, dem Mutlosen neuen Mut einflößte, der sein letztes Stück Brot hergab, um anderen zu helfen.“
Wie umfangreich u. intensiv mit Geschichte im allgemeinen u. Mauthausen im speziellen kommunistische Propaganda betrieben wurde, zeigt der Beginn des Nachwortes in Valentin Sacharows „Aufstand in Mauthausen“, wobei allein schon der Titel des Buches eine Frage aufwirft: Welcher Aufstand? Immerhin suggeriert er, daß es in Mauthausen etwas Vergleichbares wie den bekannten Aufstand im Warschauer Ghetto gegeben hätte. Das von Hans Seigewasser verfasste Nachwort beginnt mit kommunistischer Propaganda in Wortwahl u. Inhalt: „Valentin Sacharow hat dieses Buch mit dem Herzen geschrieben. Er hat das in Mauthausen Erlebte in schlichten Worten zu einem literarischen Bericht geformt, dessen Helden eine große brüderliche Gemeinschaft ist: das antifaschistische Kollektiv von Menschen fast aller Völker Europas. Mit welcher Liebe zeichnet Sacharow diese Gemeinschaft! Er tut es mit dem Stolz des Sowjetbürgers, dem der sozialistische Humanismus Lebensinhalt ist,…“. Wir finden hier die für Kommunisten typischen Phrasen vom „Kollektiv“. In so einem Bild hätte ein einzelner Held aus einem gutbürgerlichen Finanzmilieu wie Haefliger gar keinen Platz. Neben dem Kampf gegen das faschistische System kommt auch der Klassenkampf nicht zu kurz. Unter den Gefangenen wurden die bürgerlichen Nationalisten sehr wohl auch als Feinde verstanden. Gegenseitig warfen sich die Häftlinge ihre Ansichten über die Amerikaner oder die Sowjets an den Kopf. Vorrangig ging es hierbei darum, „den anderen“ zu sagen, wie ihre Heimat Sowjetunion wirklich sei, u. dabei war „die siegreich vorrückende Sowjetarmee“ der mächtige Verbündete außerhalb des Stacheldrahtes. Innerhalb eines Deivierteljahres gelang es Sacharow nach eigener Darstellung, eine Illegale Organisation aufzubauen, der bereits Hunderte bis Tausende Gefangene folgten, wenn es nötig wäre. Seit Beginn 1944 war im Lager ein militärischer Aufstand geplant. Dieser Aufstand umschloss Kommunisten aus versch. Ländern. Unter den Planern des Aufstandes war neben Sacharow auch der Deutsche Franz Dahlem, der später in der DDR große politische Karriere machen sollte. Die engmaschigen Verbindungen der Kommunisten im Lager kommen in dieser Arbeit zum Vorschein. Sacharow erwähnt den Namen des Gefangenen Bruno Baum, der einen Teil seiner Gefangenschaft im Lazarett verbrachte. Eben jener Bruno Baum schrieb ebenfalls ein kommunistisches Propagandawerk über die Geschichte Mauthausens. Vom Aufbau der Arbeit Sacharows her erwartet man sich gegen Ende einen massiven Aufstand. Die illegale kommunistische Organisation wurde immer größer u. schaffte es, mehr u. mehr Zeichen der Solidarität zu setzen, Lebensmittel u. Kleidung zu organisieren, Gefangene „besseren“ Arbeitskommandos zuzuteilen. Die Angst vor einer Massenvernichtung erwähnt auch Sacharow. Es war vor allem eine Angst vor dem Ungewissen. Was macht die SS in den letzten Tagen?
Vorbereitungen gegen eine solche Tat wurden getroffen, indem sich die Gefangenen Waffen organisierten u. alles genau beobachteten. Außerdem wurden die Mitglieder des Illegalen Komitees in der Handhabe der Waffen geschult. Das genaue Planen, welche Kampfgruppe zwischen welchen Blocks durchzubrechen habe, wie der mit Hochspannung geladene Stacheldrahtzaun zu überwinden sei u. wie die Wachen auf diesem oder jenem Turm überrumpelt werden sollten, all das baut im Leser eine Stimmung auf. Man wartet darauf, dass die Kampfgruppen des sowj. Illegalen Komitees losschlagen u. das Lager von den SS-Schergen befreien würden.
Über einen Obersturmbannführer erfuhr das Illegale Komitee, dass die Massenvernichtung, also Himmlers Befehl, nicht durchgeführt werde. In der SS gab es Zersetzungs-erscheinungen u. manche SS-Männer biederten sich den Gefangenen an. Schließlich wurde Ziereis – bei Sacharow am 2.5. – durch den Feuerwehrhauptmann Kern ersetzt. Sacharow verschweigt aber, dass sich mit Ziereis u. Bachmaier die SS aus dem Lager entfernt hatte u. durch die Wiener Feuerschutzpolizei ersetzt wurde.
Dadurch u. in Zusammenhang mit den folgenden Worten klingt es nach einer besonders großen Rebellion: „Wir fürchten die Wachen nicht mehr, im Gegenteil, sie fürchten uns.“ Die Kapos u. Blockältesten wurden bewacht, u. am 5.5. entdeckten Gefangene einen Panzer, der scheinbar zur Aufklärung nach Mauthausen gekommen war. In diesem Moment schlug der Aufstand los, es ertönten Schüsse, der Stacheldraht wurde niedergerissen u. die meisten Wachposten erschlagen oder sie flohen. Am Fahnenmast vor der Kommandantur wehte die rote Fahne. Die Amerikaner verschwanden nach 1 Stunde auf Befehl u. überließen die Gefangenen ihrem eigenen Schicksal. Haefliger wird nicht erwähnt. Hingegen wird erwähnt, dass die militärischen Häftlingseinheiten hernach nicht einfach nur Stellungen bezogen hätten, um das Lager zu schützen, sondern sogar Mauthausen befreit hätten. Sacharows Schilderung der weiteren Vorgänge um die Verteidigung des Lagers ist ebenfalls geprägt vom Kalten Krieg: „Die Amerikaner lassen sich nicht mehr blicken. Wir kämpfen nun schon 2 Tage lang, völlig auf uns gestellt.“ In seinem vorletzten Absatz behauptet Sacharow noch, dass die westlichen Imperialisten, 13 Jahre nach der Befreiung, als er das Buch verfasste, das gleiche beabsichtigten wie die Nationalsozialisten davor: Die Welt noch einmal in ein Blutbad stürzen, diesmal mit Wasserstoff- u. Atombomben. Viele Angaben Sacharows sind singulär. Manche wiederum auch an anderen Stellen zu finden, wie z.B. die Anbiederungen einiger SSMänner. Die Illegale Widerstandstätigkeit wurde durch die heroisierende Charakterdarstellung aufgebauscht.

Der österr. Kommunist Hans Marsalek verfasste in den frühen 1950er Jahren eine Propagandaarbeit, die nach ähnlichem Muster wie Sacharows Schrift erstellt ist. Denn „inmitten dieses Grauens, umgeben von bestialischem Mord u. von bis zur höchsten Potenz gesteigerten Rassen- u. Nationalitätenhass[…], lebte trotz allem, vor den SS-Schergen verborgen, die internationale Solidarität.“ Vor dem März 1945 wurde beschlossen, dass es von jeder im Lager in Form von Gefangenen anwesenden Nation ein eigenes Komitee geben solle u. ab März 1945 hieß die Leitung aller dieser Komitees „Internationales Komitee“. Nach Marsaleks Darstellung erfuhren die Gefangenen oder zumindest jene in besseren Positionen, dass sie bei der Niederlage der Wehrmacht durch 3 Arten getötet werden sollten:
1. „Wo immer möglich, sollten die Häftlinge in die nahen Gusener Stollen getrieben u. dort nach der mittels Sprengung verursachten Verschüttung der Eingänge durch Zyklon-B-Gas getötet werden.
2. Die zahlreichen Außenlager des KZ Mauthausen sollten mit schwerer Artillerie beschossen u. aus Flugzeugen mit Bomben belegt werden.
3. In das Essen der Häftlinge solllte Zyankali oder sonstiges zur Verfügung stehendes Gift gemengt werden.“
All diese Pläne veranlassten das Illegale Komitee zu entschlossenerem Handeln wie das Intensivieren der Propaganda um den Widerstandswillen der Gefangenen zu stärken.


Zuletzt von Dissident am Fr März 10, 2017 11:44 am bearbeitet; insgesamt 5-mal bearbeitet
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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 18

Beitrag von Dissident am Do Aug 18, 2016 6:18 pm

Diese Propaganda wurde dann auch insofern auf die SS-Wachen ausgeweitet, als diese eingeschüchtert wurden, indem man ihnen unterbreitete, daß sich die Gefangenen wehren würden. Durch die Arbeit der Illegalen Organisation gelang es – so Marsalek - , 30000 Menschen für den Widerstand zu mobilisieren. „Ihre Geschlossenheit gab ihnen Riesenkraft. Einzig u. allein aus Angst vor dieser Kraft hat die nunmehr um ihr Leben zitternde SS, nachdem ihr die Stimmung unmissverständlich zum Ausdruck gebracht worden war, schließlich von ihrem bestialischen Vorhaben doch noch Abstand genommen.“ In dieser Arbeit bedauert Marsalek beinahe, von den Amerikanern befreit worden zu sein. Die Ankunft der Einheit der US-Army wird auch nur in 2 Absätzen abgehandelt. Die Rote Armee wäre, u. das wusste laut Marsalek jeder Häftling, die ausschlag-
gebende Kraft an der Niederringung des deutschen Reiches waren. Die Westmächte wären ja erst wirklich aktiv geworden, als die Rote Armee „bereits im Begriffe war, mit eigenen Kräften ganz Europa zu befreien.“ Außerdem hatten sowohl die Politiker der Westmächte als auch die Deutschen den Plan, die sowj. Armee soweit wie möglich im Osten zum Stehen zu bringen, weswegen die deutschen militärischen Einheiten alle Truppen an die Ostfront warfen u. so dafür sorgten, dass der Roten Armee der Vormarsch erschwert wurde u. die Westfront faktisch nicht mehr existierte.
Kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner wurden diese bedrängt, im Lager zu bleiben um die Sicherheit der Gefangenen zu gewährleisten. Diese hielten per Funk auch
Rücksprache mit ihren Vorgesetzten, die allerdings nur „lakonisch“ anordneten, dieser Bitte nicht zu entsprechen u. die Aufklärungsaktion weiter zu führen (fast so, als ob die Amerikaner nur auf einer „Aufklärungsmission“ gewesen wären u. das Lager nur durch Zufall entdeckt hätten, was zwar bei genauerer Betrachtung stimmt, da ja Haefliger die Amerikaner zum Lager brachte. Ihre Aufgabe war nicht die Auffindung des KL Mauthausen gewesen. Dieser Punkt ist hier aber irrelevant, weil Haefliger in der Arbeit Marsaleks ohnehin nicht erwähnt wird). In Marsaleks Erzählweise klingt das dann folgendermaßen: „Schon nach einer Stunde fuhr der amerikanische Panzerwagen ab; die Häftlinge, deren Befreiung soeben stolz verkündet worden war, blieben, von mehreren SS-Panzereinheiten bedroht, 2 Tage lang einzig auf ihre eigenen Kräfte angewiesen.“ Und immer noch schwebte die Angst über den Gefangenen, ob die SS nicht doch zurückkommen werde um alle Gefangenen umzubringen. Nun handelten die militärischen Einheiten der Komitees u. die Entwaffnung der noch verbliebenen SS-Einheiten sei ihr Verdienst gewesen. Diese Behauptung ist nicht haltbar, da das Gegenteil bereits erwiesen ist: die Amerikaner hatten die Wachmannschaften bereits mitgenommen. Zusätzlich behauptet Marsalek daß die militärischen Häftlingseinheiten in den beiden Tagen, vor der Rückkehr amerikanischer Einheiten, die SS-Einheiten mit dem hinzugestoßenen ehem. 1.Schutzhaftlagerführer Bachmayer an der Enns sowie die SS-Division von Sepp Dietrich nördlich des Lagers bekämpften. Die SS war „waffenstrotzend“ u. die Gefangenen „blaugestreifte Gestalten der Mauthausener Antifaschisten, primitiv bewaffnet, aber mit dem unbezwingbaren Mut der der für eine gerechte Sache Kämpfenden.“ Im Lager wurden alle Wehrfähigen erfasst u. deren militärische Ausbildung begonnen. Bezeichnend ist aber, dass er die Ankunft der Amerikaner 2 Tage nach deren ersten Erscheinen im Haupttext nicht erwähnt. Lediglich durch eine Bildunterschrift wird erklärt, daß US-Soldaten das Lager am 7.5. wieder betreten haben. Ginge es nur nach dem Text, so entsteht der Eindruck, die Gefangenen wären erst mit dem 8.5., also der Kapitulation des Dritten Reiches, befreit worden. Alles, was danach geschah, die Repatriierungen, die Aufrechterhaltung der Stabilität im Lager, der Kampf gegen Krankheiten, all das war dann einzig u. allein das Verdienst des Internationalen Komitees. Die Amerikaner werden hier mit keinem Wort erwähnt. Bezeichnend ist auch der Schlussabsatz von Marsalek, in dem es heißt: „Die Tätigkeit der Widerstandsbewegung im KZ Mauthausen war abgeschlossen. Aus namenlosen Lagernummern wurden wieder Menschen; freie Bürger freier Staaten, geeint in dem einen heißen Wunsch: Möge das Band der Lagereinheit u. der internationalen Solidarität weiter fortbestehen u. alle aufrechten Menschen verbinden!“ Marsaleks Schrift beabsichtigt deutlich, den Kommunismus zu preisen u. das imperialistische Streben u. Tun des finanzkapitalistischen Westen zu diskreditieren.
Das mag nun zu Zeiten des Kalten Krieges nicht überraschend sein, die Art u. Weise bleibt allerdings fragwürdig. Geschichte wird zurecht gebogen, ausgeschmückt u. missbraucht, um die eigene Wahrheit zu präsentieren. Für die Betrachtung des Kommunisten Marsalek ist diese Schrift insofern beachtlich, das sich Marsalek  ja noch zu Zeiten aktiver kommunistischer Mauthausen-Propaganda gegen die heroisierende Verarbeitung des Widerstandes wendet. Über den illegalen Kampf der Häftlinge in Mauthausen schreibt auch das oben genannte DDR-Autorenkollektiv um Herbert Glöckner: „In enger Zusammenarbeit mit allen antifaschistischen Kräften im KZ Mauthausen organisierten u. führten Kommunisten aus fast allen europ. Ländern einen mutigen Widerstandskampf, der vom gemeinsamen Hass gegen den Faschismus getragen war. Über nationale, rassische u. politische Vorurteile hinweg reichten sie sich die Hände. Hungernd teilten sie das letzte Stückchen Brot, sterbend […] sprachen sie den anderen Mut zu. Sie hielten fest zusammen u. übten auch unter den schwierigsten Bedingungen Solidarität. Der aufopferungsvolle Kampf der deutschen Antifaschisten gegen das Terror- u. Mordregime der Hitlerdiktatur auch im KZ Mauthausen ist ein unvergängliches Ruhmesblatt in der Geschichte der deutschen u. internat. Arbeiterbewegung.“
Ein deutlicher Hinweis auf die Verallgemeinerung ist der „Schwur von Mauthausen“, der so präsentiert wird, als ob die kommunistischen Schlachtrufe gegen den Feind
„Imperialismus“ von allen, sei es proletarische Seite, sei es bürgerliche Seite, so verstanden würde. Die Grundbehauptung der Kommunisten lautet demnach, dass sie es geschafft hätten, sämtliche Strömungen unter ihrer Führung unter einen Hut zu bringen. Interessant hierbei ist aber: Haefliger wird – wie bei Marsaleks „Mauthausen mahnt!“ - nicht einmal ansatzweise erwähnt, auch nicht „ein Schweizer Rotkreuz-Delegierter“ oder ähnlich. Er wird verschwiegen, wohingegen die Angst vor der Vernichtung der Häftlinge, wenn auch abgeschwächt, aber doch bis zumindest zum 3.5.1945, als die Stamm-SS das Lager verlässt, sehr wohl existent war. Oft wurde von der Demoralisierung der SS geschrieben. Sie äußert sich hier beispielsweise durch widersprüchliche Befehle: Juden waren im Lager „Freiwild“ u. lebten meistens nur 3 Tage. Gegen Ende des Lagers sollten sie bevorzugt behandelt werden u. selbst Ziereis zeigte sich öfters einmal in Gesellschaft eines jüdischen 10-jährigen, dem er ein Modellflugzeug zum Geschenk gemacht hatte. „Die Weisung, ausgerechnet die jüdischen Häftlinge menschlich zu behandeln u. am Leben zu erhalten […] brachte die SS völlig durcheinander. Sie flüchtete in den Alkohol, u. immer mehr versuchten, aus dem Lager fortzukommen.“ In den letzten Tagen vor der Befreiung lag die Kommandogewalt in den Blocks bereits in den Händen des Illegalen Mauthausenkomitees. Die SS wäre in diesen Tagen fast gar nicht mehr innerhalb des Lager zu sehen gewesen. Am 4.5. ging eine Delegation des Internationalen Mauthausen Komitees zum Kommandanten der Feuerschutzpolizei um folgendes von ihm zu fordern:
1. Die SS darf das Lager nicht mehr betreten. (Hier ist hinzuzufügen, dass die Bewachung zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in den Händen der SS, sondern in jenen der als harmlos geltenden Feuerschutzpolizei, lag. Daher ist die Forderung aufgebauscht.)
2. Die innere Verwaltung geht in das Mauthausenkomitee über. Dies gelang auch u. so übernahm die illegale Häftlingsorganisation die Verwaltung im Hauptlager u. im Krankenlager, wobei der wichtigste Punkt, die Aufrechterhaltung der Ordnung, respektive das Verhindern von Lynchjustiz durch Gefangene, war.
Vieles, was im Lager während der Ankunft der Amerikaner u. danach im Lager geschah, wird kritisiert: Nachdem die Amerikaner das Lager verließen, brach völliges Chaos aus, kriminelle u. asoziale Gefangene stürmten nach Mauthausen u.a. umliegende Dörfer u. plünderten dort. Die Lagerküche musste von den dort arbeitenden Gefangenen mit Waffengewalt gegen anderer Lagerinsassen verteidigt werden (Lt. Bericht des Kommandanten der 1. US-Einheit im Lager sei dieser durch ein Fenster eingestiegen u. habe die Gefangenen mit Waffengewalt aus der Küche vertrieben). Groß war außerdem die Enttäuschung, dass es sich bei den Befreiern nicht um eine Vorhut größerer militärischer Verbände handelte u. die Amerikaner das Lager so schnell wieder verließen u. damit die Gefangenen auf sich selbst gestellt waren. Hernach kämpften die Gefangeneneinheiten um Mauthausen u. säuberten die Dörfer ringsum von der SS. Um die Kritik an den Amerikanern zu unterstreichen, wird noch eine Polemik hinzugefügt: „2 Tage u. 2 Nächte (gemeint sind der 5.-7.5.), JS] kämpfen die Häftlingseinheiten […] völlig auf sich gestellt […]. Die Amerikaner aber lassen sich nicht blicken.“ Zwar ist das Buch vorrangig dem Stammlager gewidmet, doch wird am Ende auch kurz auf die Befreiung div. Außenlager eingegangen. Dies dient aber lediglich noch einmal dazu, die Arbeit des Illegalen Komitees, respektive des kommunistischen, sozialistischen Widerstands zu preisen. Das Komitee wurde bei der 2. Ankunft der Amerikaner von ebendiesen aufgelöst, u. zwar lt. dem Autorenkollektiv unter fadenscheinigen Gründen: in Wirklichkeit ging es bei der Auflösung darum, dass das Komitee aus Kommunisten u. Sozialisten bestand, „den konsequentesten Antifaschisten“.
Angeblich existierte auch die Weisung, die Rückführung der Gefangenen in jene Länder, die von der Roten Armee besetzt waren, besonders zu erschweren. Diese Arbeit ist ein deutliches Beispiel propagandistischer Ausschlachtung geschichtlicher Inhalte. Dem Lob für Kommunismus, Sozialismus u. die Rote Armee wird sehr viel Platz eingeräumt. An manchen Stellen wird heftige Kritik am US-Imperialismus geübt. Auf dieser Grundformel basierend, werden die Ereignisse in Mauthausen dafür verwendet, die eigene Seite besonders hervorzuheben u. die andere Seite zu diffamieren. Sehr häufig ist der Ausbruch der sowj. Gefangenen aus dem Isolierblock 20, auf den die sogen. „Mühlviertler Hasenjagd“ folgte, bei kommunistischen Schriften zu finden. Dieser Ausbruch wird in seiner Form als Widerstand in diesen Schriften als Ansporn u. moralischer Beweis verstanden. Die Kraft für die Widerstandstätigkeit im Lager konnte aber genauso aus der „Liebe zu ihrer Heimat, zu ihrem Volk, zur Kommunistischen Partei“ entspringen. Bei genauerem Hinschauen lassen sich kleine Unterschiede zwischen den einzelnen Publikationen der Kommunisten finden. Sie alle arbeiteten gemeinsam im Lager gegen den gemeinsamen Feind. Sind bei Marsalek die österr. Kommunisten die treibende Kraft (explizit: „In der 1. Reihe des Widerstandes gegen die SS-Peiniger im KZ Mauthausen standen die österr. Kommunisten.“), so sind es bei Sacharow die sowj. Genossen, die das Ruder in die Hand nahmen. Die führenden Persölichkeiten bei Marsalek, nämlich er selbst, Josef Kohl u. Leo Gabler beschlossen, dass es eine illegale organisatorische Erfassung aller nationalen Gruppen in Form eines Zellensystems geben sollte, diese Gruppen sollten dann von einem Komitee geleitet werden. Zusätzlich sollten in jeder Gruppe militärische Einheiten gebildet werden u. antifaschistische theoretische Schulung betrieben werden. Desgleichen sollten in den Außenlagern illegale Gruppen entstehen, außerdem sollte Kontakt zur örtlichen Bevölkerung hergestellt, Fluchthilfe für besonders gefährdete Häftlinge gewährleistet u. die Meldungen alliierter Sender verbreitet werden.
Natürlich gibt es auch Gemeinsamkeiten unter div. Berichten, wie in mehreren Werken genannte Persönlichkeiten. Immer wieder sind die Namen Josef Kohl, Franz Dahlem, Bruno Baum, Józef Cyrankiewicz (später Ministerpräsident Polens), Josef Boulanger zu finden. Allen Arbeiten ist ein Hang zur Propaganda gemein. Der Krieg war imperialistisch. Der bürgerliche Nationalismus u. Sympathie für die Amerikaner sind der internat. Solidarität u. Klassengleichheit feindlich gesinnt. Das kapitalistische Amerika wird bewusst in seiner Rolle ignoriert od. zumindest nur nebensächlich erwähnt bzw. zum Teil sogar als zufällig die ersten im Lager betrachtet. Es gibt also viel Gemeinsames, das wenig neue Erkenntnisse bringt. Ein Novum allerdings ist ein Gerücht, das Valentin Sacharow hinsichtlich des Verbleibes des Lagers schildert: „Genosse [Franz, JS] Dahlem teilt uns mit, dass die sowj. Truppen am 13.4. Wien genommen haben. Wehrmacht u. SS seien demoralisiert. Die Lagerleitung tröste sich jedoch mit dem Gedanken, das Lager in die Tiroler Berge zu evakuieren.“ Als Hintergrund dessen sieht er eine durch die Evakuierung mögliche Massentötung der politischen Gefangenen.


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Starmühler zur Rolle von Louis Haefliger, Teil 19

Beitrag von Dissident am Fr Aug 19, 2016 7:11 am

Der ehem. Mauthausenhäftling Heinrich Dürmayer verfasste ein Nachwort zu Marsaleks Propagandawerk, in dem er, gemäß dem kommunistisch-prosowj. Ton den Kapitalismus als die Wurzel von Krieg u. Faschismus bezeichnet. Er beschuldigt auch die ehem. Politiker Leopold Figl (ÖVP-Bundeskanzler), Alfred Migsch (SPÖ-Minister in der Regierung Figl) u. Felix Hurdes (ÖVP-Minister in der Regierung Figl), sich als ehem. Mauthausener dem imperialistischen System der USA ergeben zu haben, als Österreich Teil des Marshallplanes wurde. Österreichs Bundesregierung hätte sich damit in den „westlichen Aggressionsblock“ eingegliedert. 5 Jahre zuvor hatte Dürmayer einen Artikel für die Zeitung „Neues Österreich“ verfasst. Dieser Artikel beschäftigt sich im großen u. ganzen auf ähnlich prokommunistische Weise mit den Geschehnissen um das Ende des KL Mauthausen. Der Unterschied zu den Arbeiten von Sacharow u. Marsalek besteht darin, daß diese Zeilen nicht so massiv mit propagandistischen Parolen durchsetzt sind. Dürmayer macht aber keinen Hehl aus seiner antiamerikanischen Gesinnung: „Es war wohl einer der erschütterndsten Augenblicke meines Lebens, als der Ruf erscholl: »Amerikanische Panzer!« In Wirklichkeit handelte es sich um das »Panzerspitzchen« einer Panzerspitze…“, das sich nach einigen Stunden zurückzog u. die Gefangenen zwischen den Linien hinterließ. Nur durch den aufopfernden Kampf der militärischen Häftlingseinheiten um das Lager Mauthausen konnte die von Ziereis u. Bachmaier geplante Gesamtliquidierung verhindert werden. Dürmayer zufolge ist der Kampf gegen den Faschismus bedingungslos zu führen. Es sollte als Gemeinschaft gekämpft werden, da nur so das Beste für den Einzelnen u. die Gemeinschaft erreicht werden könne.

Bruno Baums Arbeit fügt sich nahtlos in die Reihe der kommunistischen Propagandawerke ein. Baum wurde Anfang 1945 bei der Auflösung des Lagers Auschwitz nach Mauthausen überstellt. Er kam in Mauthausen an u. es wurde gleich von der Partei u. der Widerstandsbewegung Kontakt zu ihm aufgenommen. Von Anfang an war ihm klar, daß er seine Erfahrungen der Widerstandstätigkeit aus Auschwitz in Mauthausen einbringen würde. Er wurde, aufgrund seines schlechten gesundheitl. Zustandes ins Sanitätslager verbracht, wo er auf Cyrankiewicz u. Rusinek traf, die beide Mitglieder der sozialistischen Partei u. maßgeblich im Widerstand in Mauthausen tätig waren. Nach längerer Krankheitsphase, die er mit Hilfe des Illeg. Lagerkomitees überstanden hatte, übernahm Baum die Leitung, Koordination u. Organisation des Widerstandes im Sanitätslager. Zu seiner Tarnung wurde Baum Stubendienst in Stube 2 im Block 7 zugewiesen. Auch der positiven Bewertung der Roten Armee wird in dieser Arbeit Raum gegeben. Der Vorstoß der Roten Armee war nach Meinung Baums ausschlaggebend für die Wende im Kieg, denn „auch an der Westfront waren die Engländer u. die Amerikaner ein bisschen lebendiger geworden u. kämpften ebenfalls auf deutschem Gebiet im Raum von Köln.“ Die Hauptaufgabe der organisierten Widerstandstätigkeit sah Baum in 2 Punkten: 1.) Verstärkung der Solidaritätsmaßnahmen um besser gegen das Massensterben agieren zu können u. 2.) die Errichtung eines Alarmsystems für den Fall, daß die Gefangenen liquidiert werden sollten, denn durch die Widerstandskämpfer im Hauptlager wussten jene im Sanitätslager über die Entwicklungen Bescheid: was auch im Zuge der Auflösung des Lagers Mauthausen geschehen möge, das Sanitätslager musste auf alle Fälle aufgelöst – de facto die Gefangenen umgebracht – werden, da dieses niemand sehen dürfe. Sollten in einer Nacht tatsächlich Maßnahmen zur Liquidierung des Sanitätslagers getroffen werden, so sollte dieses mittels Lichtsignalen vom Hauptlager gewarnt werden. Diese Lichtsignale würde dann ein Nachtwächter – ebenfalls ein Kommunist – im Sanitätslager bemerken u. sofort den illegalen Widerstand warnen. Für einen etwaigen bewaffneten Aufstand wurden ebenfalls Vorkehrungen getroffen, zu Beginn aber wurden sämtlichen im Internationalen Komitee zusammengeschlossenen Gruppen nur angewiesen, Waffen aller Art zu besorgen, da noch kein fester Aufstandsplan vorhanden war. Allen war aber bereits klar, dass im Falle einer Liquidierung ein Ausbruch versucht werden sollte, u. zwar nach dem Vorbild der sowj. Gefangenen, die im Febr. 1945 aus dem Block 20 des Hauptlagers geflohen waren. Ungewöhnlich im Vergleich zu den übrigen Arbeiten kommunistischer Autoren, weil dort nicht erwähnt, ist eine Schilderung über die Repatriierung westlicher, vor allem franz. u. belgischer Gefangener durchs Rote Kreuz. Denn diese Aktion „förderte natürlich unter den Häftlingen das Aufkommen einer gewissen Sorglosigkeit. Viele glaubten, daß nicht nur die letzte Phase des Lagers begonnen habe, sondern daß damit Gastod u.a. Massenvernichtung beseitigt seien.“ In diesen Tagen musste das Illegale Lagerkomittee die Gefangenen wieder vom Gegenteil überzeugen, denn laut Baum handelte „es sich bei all diesen Maßnahmen der SS-Mörder nur um taktische Manöver“. Mittels Sabotage u. offenen Widerstand konnte im April 1945 die vollständige Liquidierung des Sanitätslagers verhindert werden, allerdings blieb aufgrund dessen erhöhte Alarmbereitschaft bei den Gefangenen, oder zumindest bei den Mitgliedern des Illegalen Lagerkomittees. Es wurde dann zu einem bewaffneten Aufstand gerüstet oder zumindest setzten konkretere Planungen dafür ein. Es wurde überlegt, wie u. welche Waffen (meist Schaufeln, Hämmer u.a. Werkzeuge) angeschafft werden konnten, welche Gruppen sich im Falle des Aufstandes wohin bewegen sollten etc..
Wiederholt erwähnt Baum das heillose Chaos in den letzten Tagen des Lagers. Jedoch verschwand Ziereis mit der Stammformation der Lager-SS, um militärische Stellung zu beziehen, u. die Gefangenen hörten bereits von den Frontneuigkeiten, wonach bereits auf österr. Gebiet gekämpft wurde. Das Illegale Lagerkomittee beschloss in dieser Situation, den ursprünglichen Plan, einen Massenausbruch zu versuchen, zu verwerfen u. stattdessen auf die Besitznahme des Lagers hinzuarbeiten. Gespannt warteten die Gefangenen, u. zwar aus einem Grund, der sich wie ein roter Faden durch die Arbeiten kommunistischer Autoren zieht: die Angst vor der Rückkehr der SS. Als erstes wurde dann die Küche im Sanitätslager übernommen, ohne dass das jemand gemerkt hätte bis auf die in der Küche arbeitenden Häftlinge u. das Illegale Lagerkomittee. Ständig waren die Eingeweihten in Alarmbereitschaft, Baum selbst trug bereits eine Pistole mit sich, das gab ihm Selbstvertrauen. Über den Zeitpunkt der Befreiung selbst ist dann der für die US-Army vernichtende Absatz zu lesen: „Da tauchten in der Ferne 3 Panzerspähwagen der Amerikaner auf, die sich rasch dem Lager näherten. Doch sie schienen nur zufällig hierher gekommen zu sein, vielleicht nur, um aufzuklären. Wir gaben das vereinbarte Signal zum Losschlagen, um die moralische Wirkung der US-Panzer auszunutzen. Das mußte schnell gehen, denn nach einer knappen Stunde waren die Panzer wieder verschwunden. Von der amerikanischen Seite würden wir also keine Hilfe erhalten. So mußten wir selbst handeln.“ Diese Zeilen sind aus mehrereren Perspektiven zu betrachten:
1.) Die Amerikaner werden einmal mehr negativ beurteilt 2.) Haefliger oder ein weißer Kleinwagen oder ähnliches wird nicht einmal erwähnt. Die Gefangenen strömten, „voran die organisierten Gruppen der einzelnen Nationen“, aus den Baracken, öffneten widerstandslos das Tor zum Sanitätslager u. nahmen die Wachttürme in Besitz. Daraufhin ging eine bewaffnete Formation zum Hauptlager um dort ebenfalls das Tor zu öffnen, aber dieses wurde bereits von innen geöffnet, denn der Illegale Widerstand im Hauptlager hatte ebenfalls losgeschlagen. Die SS-Leute wurden gefangen genommen u. im Lager 3 versammelt. Nach den Kämpfen in den Tagen vom 5.-7.5.1945 kam die nächste Enttäuschung durch die Amerikaner, da diese lt. Baum die Häftlingseinheiten entwaffneten, was sie sich auch gefallen ließen, denn es „war der militärische Schutz des Lagers nach der Ankunft nicht mehr so notwendig wie vordem.“ Hernach gab es ein paar Konflikte mit den Amerikanern, da diese die Illegale Lagerleitung – Dürmayer im Hauptlager u. Baum im Sanitätslager – absetzen wollten, aber auf scharfen Widerstand der Gefangenen. Hier drückt sich Baum nun explizit aus: „Unser Selbstbewußtsein ihnen [den Amerikanern, JS] gegenüber wird den Amerikanern bestimmt nicht gefallen haben, schließlich hatten wir aber auch ihre Befreiung nicht abgewartet, sondern unseren Aufstand völllig auf uns allein gestellt erfolgreich durchgeführt.“ Die detaillierte Schilderung Baums von den Plänen zu einem Aufstand sowie der kämpferische Stil täuschen den Leser. Erwartet wird ein massiver Aufstand mit Gegenwehr. Die Realität beschreibt aber Baum selbst, z.B. bei der widerstandslosen Übernahme des Lagers. Dass die Gefangenen den Aufstand völlig auf sich allein gestellt durchgeführt u. damit die Befreiung herbeigeführt hätten, ist hinlänglich widerlegt.

Heinrich Dürmayer verfasste Mai 1966 eine Geschichte des KZ Mauthausen. Demnach kam er Ende Jänner 1945 mit einem Evakuierungstransport im Zug von Auschwitz nach Mauthausen. Sowie er das KL erreichte, konnte er zu den dortigen politischen Gefangenen Kontakt aufnehmen, als erstes zu Rotspaniern, u. gleich darauf zu Josef Kohl. Nach Dürmayers Dafürhalten existierte zu diesem Zeitpunkt nicht einmal annähernd eine zentral u. straff geleitete politische Widerstandsgruppe wie in Auschwitz, sondern lediglich Solidaritätsaktionen in weiter gefasstem Rahmen. Dies zu organsieren nahm Dürmayer nun in die Hand. Es wurde zu Beginn „Internationales Parteikomitee“ genannt. Diesem Internat. Parteikomitee gehörte immer jeweils ein Genosse der nationalen Komitees an, der zumindest sozialistisch war. Die ersten Beschlüsse des Komitees betrafen die 4 Hauptaufgaben desselben: „1.) Die Konstituierung von nationalen Parteikomitees u. nationalen Parteigruppen. 2.) Aufbau einer militärischen Organisation. 3.) Verbindung nach außen. 4.) Ausbau einer Solidaritärsaktion. (sic!)“ Beraten wurde auch über die Art u. den Zeitpunkt eines militärischen Losschlagens der Gefangenen, sowie, was nach der Befreiung zu erwarten sein werde, speziell hinsichtlich der Befreier: mit den Amerikanern als Befreier erwartete sich das Parteikomitee, das sich als „vertretungsbefugte u. leitende Instanz der Häftlinge“ sah, größte Schwierigkeiten. Aus diesem Grund wurden Nationalkomitees unter den jeweiligen nationalen Gruppen gebildet, die sich aus Vertretern mehrerer Richtungen u. Schichten zusammensetzten. Diese Nationalkomitees wiederum bildeten mit jeweils einem Delegierten pro Land das Internat. Lagerkomitee, das überparteilich arbeitete. Demnach existierte also eine starke kommunistische Gruppe u. daneben noch das Illegale Lagerkomitee. Bei beiden internat. Dachverbänden wurde Dürmayer zum Vorsitzenden gewählt. Die Schilderungen Dürmayers von 2 illegalen Organisationen werden in keiner anderen Arbeit bestätigt. Die militärische Organisation wurde vor allem von sowj. u. franz. Offizieren bestimmt, wobei den franz. trotz ihrer bürgerlichen Herkunft Verlässlichkeit im Kampf gegen Hitlerdeutschland u. damit gegen den Faschismus zugestanden wurde. Kommandant u. Hauptorganisator war der sowj. Offizier Major Andrej Pirogow, da sowj. Gefangene die größte nationale Gruppe der Gefangenen darstellte.
Für Dürmayer bemerkenswert ist die Ankunft des 3. Rotkreuz-Konvois. Die beiden anderen davor erwähnt er nicht u. erweckt den Eindruck, es hätte nur diesen einen gegeben. Dem Illegalen Lagerkomitee gelang, diesem Konvoi einige wenige Angehörige ihrer Gruppe zur Repatriierung mitzugeben. Deren Aufgabe war, in Freiheit Kontaktaufnahme zu anderen Widerstandsgruppen zu finden um auf irgendeine Art u. Weise Hilfe zu finden. Diese Hilfe wurde wegen der geplanten Liquidierung des Lagers benötigt. Also geht auch Dürmayer in seiner Arbeit von einer geplanten Liquidierung des Lagers aus. Das Verhalten der Amerikaner am 5.5. zweifelt Dürmayer an.
Andeutungsweise sieht er nämlich dahinter antikommunistische Umtriebe. Trotz allem war die Erleichterung groß, als die Amerikaner dann am 7.5. endgültig ins Lager kamen. Dürmayer beziffert die Kampfstärke der Gefangenen mit ca. 2000 Mann. Der Rest besaß entweder keine Kenntnis, war kampfwillig, aber nicht kampffähig oder umgekehrt. Anfang Mai war dem Illegalen Lagerkomitee zwar bekannt, dass die Amerikaner im Raum Linz operierten u. sowj.Truppen sich im Raum St.Pölten befanden. Gleichzeitig war aber auch die Präsenz von SS- u. Wehrmachtseinheiten bekannt, die sich in verstärkter Form im Raum Mauthausen befanden, da sie hier durch die beiden Frontverläufe zusammengedrängt worden waren. Der 4.5. stand im Zeichen Dürmayers u. Marsaleks, da es ihnen an diesem Tag gelang, den Kommandanten der Feuerschutzpolizei zu folgenden Zugeständnissen zu überreden:
nur das Internationale Lagerkomitee dürfe über die Gefangenen verfügen u. die Wachmannschaften dürfen nur mehr außerhalb des Lagers für Ordnung sorgen. Am 5.5. drangen 2 US-Panzerspähwagen – Haefliger wird nicht erwähnt – zum Lager vor, woraufhin Alarm geschlagen wurde u. die Gefangenen in Aktion traten. Nach einem Plan der militärischen Organisation wurden die Wachen entwaffnet, die Türme genommen, die Waffenkammer besetzt u. Waffen ausgeteilt. Die Amerikaner wurden um Hilfe gebeten, da sich die Gefangenen alleine nicht gegen deutsche Einheiten, die noch um Mauthausen standen, wehren konnten. Die Amerikaner lehnten aber ab, u. so standen die Gefangeneneinheiten rund ums Lager u. hatten Dürmayer folgend lediglich das Glück, daß die deutschen Truppen orientierungslos waren u. weder wussten wo ihre eigenen, noch wo feindliche Verbände u. Feind operierten. Hin u. wieder kam es zu Vorstößen kleinerer deutscher Einheiten Richtung Mauthausen, die allerdings von den Gefangenen abgewehrt werden konnten, wobei Verluste zu erleiden waren.


Zuletzt von Dissident am Fr März 10, 2017 12:49 pm bearbeitet; insgesamt 8-mal bearbeitet
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